Kultur

Filmfestival in Venedig

Der widerspenstige Löwe

Genauso viele Frauen im Hauptprogramm wie Regisseure, denen Vergewaltigung vorgeworfen wurde: Das 76. Filmfestival in Venedig tut sich schwer mit dem #MeToo-Zeitgeist. Spannend werden dürfte es trotzdem.

Filmfest Venedig
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Dienstag, 27.08.2019   09:46 Uhr

Auch das noch: Wenige Tage vor Beginn des 76. Filmfestivals in Venedig sagte die australische Regisseurin Jennifer Kent ihre Teilnahme in der Wettbewerbsjury des ältesten Filmfests der Welt ab. Nicht aus Protest gegen die nachhaltig trotzige Haltung des Festivals gegenüber dem Zeitgeist, sondern aus privaten Gründen, wie das Branchenblatt "Indiewire" meldete.

Im vergangenen Jahr war Kent mit ihrem Rachedrama "The Nightingale" die einzige Frau im Venedig-Wettbewerb gewesen - und musste sich in der Pressevorführung von einem erzürnten Besucher als "Hure" beschimpfen lassen. Ihren Juryplatz nimmt nun die US-Filmemacherin Mary Harron ein, die ihren sehr guten Manson-Family-Film "Charlie Says" letztes Jahr nur in der Nebensektion "Orizzonti" zeigen durfte.

Immerhin: Den Vorsitz der Jury hat ebenfalls eine Frau inne: die weltweit renommierte Filmemacherin Lucrecia Martel ("Zama"). Und im Wettbewerb sind diesmal sogar zwei Frauen vertreten: Die saudi-arabische Regisseurin Haifaa Al Mansour mit "The Perfect Candidate" und die australische Regiedebütantin Shannon Murphy mit "Babyteeth".

Mehr, aber nicht genug. Erst im letzten Jahr hatte sich Festivalchef Alberto Barbera, 69, widerwillig zur Unterzeichnung der Petition "50/50 by 2020" durchgerungen, die eine Genderparität in den Programmen der großen Filmfestivals anstrebt. Venedig war nach Locarno, Berlin und Cannes nicht nur das letzte der A-Festivals, das sich der Petition verpflichtete, es hinkt nun, ein Jahr später, immer noch hinterher.

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Filmfestival in Venedig: Zum Auftakt die Wahrheit

Selbst der französische Festivalmacho Cannes hatte in seiner diesjährigen Ausgabe vier Filme von Frauen im Wettbewerb, im wichtigsten nordamerikanischen Festival in Toronto, das am 5. September gleich auf Venedig folgt, sind diesmal sogar 36 Prozent des gesamten Programms Arbeiten von Frauen. In Toronto laufen unter anderem Filme von anerkannten Autorenfilmerinnen wie Marjane Satrapi, Malgorzata Szumowska und Marielle Heller. Die Ausrede, es hätte womöglich nicht genügend taugliche Filme für den Wettbewerb um den Goldenen Löwen von Venedig gegeben, zieht also nicht. In der "Orizzonti"-Sektion hingegen sind Regisseurinnen diesmal häufiger als früher vertreten, unter anderem zeigt die deutsche Regisseurin Katrin Gebbe ("Tore tanzt") dort ihren neuen Film "Pelikanblut".

Es bleibt dennoch schwierig mit den Frauen und der Quote am Lido di Venezia. Fast wirkt es, als wolle Barbera, der 2020 sein letztes Jahr als Mostra-Leiter beginnt, sich noch einmal besonders widerspenstig geben. So wirkt es wie eine bittere Pointe, dass in diesem Jahr genauso viele Frauen im Hauptprogramm des Festivals vertreten sein werden wie Regisseure, denen Vergewaltigung vorgeworfen wird. Für Aufsehen sorgte zunächst die Einladung Roman Polanskis in den Wettbewerb. Der französisch-polnische Oscarpreisträger ("Der Pianist") ist in den USA immer noch Ziel einer Strafverfolgung und kann daher wegen eines Auslieferungsabkommens mit Italien nicht nach Venedig reisen, um seinen neuen Film "J'accuse" persönlich vorzustellen.

Kritik provozierte auch die Einladung des afroamerikanischen Filmemachers Nate Parker ("The Birth of a Nation"), dem vorgeworfen wurde, als junger Mann am College eine Mitstudentin vergewaltigt zu haben. Parker wurde zwar freigesprochen, gilt aber in Hollywood als Persona non grata. Venedig gibt ihm eine zweite Chance: Am Lido zeigt Parker außer Konkurrenz sein Selbstjustizdrama "American Skin". Spike Lee wird den Film vorstellen, nach der Galapremiere soll es auch eine Fragerunde geben. Dennoch zeigten sich besonders US-Medien erbost über diese Programmierung, im Branchenblatt "Hollywood Reporter" erschien am Wochenende eine geharnischte Vorab-Abrechnung mit dem Festival: "How Venice Became the F-You Film Festival".

Festivalchef Barbera: "In Europa sehen wir das anders"

Barbera gibt sich gelassen gegenüber solchen Aggressionen. Er nehme wahr, dass vor allem in den USA der Blick auf die Kunst sehr rigide geworden sei, sagte er in einem Interview mit "Blickpunkt: Film": "Es wird keine Unterscheidung zwischen dem Menschen, der die Kunst macht, und der Kunst selbst getroffen. In Europa sehen wir die Dinge ein wenig anders." Den verfemten Polanski rückt er in die Nähe von alten Meistern: "Sollen wir alle Caravaggios verbrennen, weil wir wissen, dass der Mann ein Mörder war, der sich seiner Bestrafung entzog?"

Für reichlich Diskussionsstoff ist also gesorgt, wenn am Mittwoch das Festival mit "La verité" eröffnet wird, dem ersten französischsprachigen Film des japanischen Auteurs Hirokazu Koreeda, der im vergangenen Jahr mit seinem Patchworkfamiliendrama "Shoplifters" die Goldene Palme von Cannes gewann - und nun Venedig erobern möchte. Die Hauptrollen spielen Catherine Deneuve, Juliette Binoche und Ethan Hawke.

Zum ersten Mal seit 2012 wird das Festival also nicht mit einer US-Produktion gestartet, was Kritiker bereits unken ließ, Venedig verliere allmählich seinen in den vergangenen Jahren aufgebauten Status als Oscar-Rampe der Hollywoodstudios. Tatsächlich ist Venedigs Lauf beeindruckend: Von "Gravity" und "Birdman" über "La La Land", "The Shape Of Water" und "Roma" bis zu "A Star Is Born" liefen so gut wie alle späteren Oscaranwärter der jüngsten Zeit zuerst am Lido.

Besonders schmerzt Barbera daher, dass ausgerechnet eines der garantierten Glanzstücke der Saison nicht rechtzeitig fertigwurde: Martin Scorseses von Netflix finanziertes Gangsterepos "The Irishman" musste nach New York ausweichen. Dafür wird mit Todd Phillips' "Joker" erstmals ein Quasi-Superheldenfilm im Wettbewerb zu sehen sein: Joaquin Phoenix spielt darin Batmans irren Erzgegner. Und mit Noah Baumbachs "A Marriage Story" (mit Scarlett Johansson und Adam Driver), ebenfalls eine Netflix-Produktion, hat Venedig einen sicheren Hit für die beginnende Awards-Season im Portfolio. Kontrovers, interessant und im besten Falle aufregend wird das 76. Filmfestival von Venedig daher allemal.

Hier sind zehn der zu erwartenden Film-Highlights des Festivals:

insgesamt 6 Beiträge
whitewisent 27.08.2019
1.
Die Überschrift kann man als Realismus wie als Kritik verstehen. Entgegen anderslautender Gerüchte werden Filme immer noch produziert, um Geld zu verdienen. Erwägungen wie weibliche Vertreter ihres Fachs einzusetzen sind, [...]
Die Überschrift kann man als Realismus wie als Kritik verstehen. Entgegen anderslautender Gerüchte werden Filme immer noch produziert, um Geld zu verdienen. Erwägungen wie weibliche Vertreter ihres Fachs einzusetzen sind, obliegt der Produktion. Mancher tut so, als ob nur Filme mit Regisseurinnen und Drehbuchautorinnen "weiblich" genug seien, um eine Quote zu erfüllen. Auf die Qualität und das Potential hinsichtlich der Kunst, wird weniger geachtet. Was vieleicht auch an der Themenauswahl dieser Filme liegt, niemand will unbedingt den xten Aufguss der Selbstfindung einer unterdrückten Frau im sozialen Umfeld XYZ sehen, auch Zuschauerinnen nicht. Der Gegenpol wird hier schon fast wie selbstverständlich in Regisseuren definiert, denen Vergewaltigung vorgeworfen wird. Früher hätte es zumindest eine Anklage oder eine Verurteilung bedurft, um Menschen so zu diskreditieren. Heute versucht man auf Verantwortliche schon per medienwirksamer Beschuldigung Druck auszuüben. "Freiheit der Kunst" .- wirklich so unverständlich, wenn sich etliche Verantwortliche diesem Trend wiedersetzen, und ihre Werte für zumindest genauso wesentlich halten? Es geht um Macht und Promotion, denn die Präsentation der Filme in Venedig hat nicht wirklich etwas mit dem Abstimmverhalten der Academy zu tun. Eher könnte es Zeichen sein, das ein Filmstart im 3. Quartal die Chancen wesentlich erhöht, um im 1.Quartal des Folgejahres ausgewählt zu werden. Schonmal daran gedacht? Berlins Februartermin ist da nicht so wirklich ideal.
burnheart7 27.08.2019
2. Quote rechtfertigt nicht alles
Ich sehe im Kino nicht die Masse und auch nicht die Qualität bei Regisseurinnen, die diese Quoten annähernd rechtfertigen würden. Zu Metoo: gegen welche Regisseure explizit laufen den Verfahrungen?? Im Artikel klingt das ja [...]
Ich sehe im Kino nicht die Masse und auch nicht die Qualität bei Regisseurinnen, die diese Quoten annähernd rechtfertigen würden. Zu Metoo: gegen welche Regisseure explizit laufen den Verfahrungen?? Im Artikel klingt das ja wie wenn sehr viele Regisseure aktuell angeklagt seien.
Schattenriss 27.08.2019
3. Polanski
Barbera hat recht, man kann Polanski tatsächlich aus mehreren Gründen in die Nähe von alten Meistern wie Caravaggio rücken, sein Oeuvre hat mehr für die Welt getan als irgendeiner der Ankläger und Richter, die sich nach [...]
Barbera hat recht, man kann Polanski tatsächlich aus mehreren Gründen in die Nähe von alten Meistern wie Caravaggio rücken, sein Oeuvre hat mehr für die Welt getan als irgendeiner der Ankläger und Richter, die sich nach Aussage des damaligen Opfers Samantha Geimer aus rein persönlichen Gründen auf ihrem und Polanskis Rücken profilieren. Es mag manchen schmerzen, aber Geimer hat 2011 in einem Interview gesagt, die jahrzehntelange Verfolgung Polanskis und die damit für sie (und ihre Familie) verbundenen Folgen haben ihr mehr Schaden zugefügt als alles, was Polanski selbst ihr je angetan habe ("has caused way more damage to me and my family than anything Roman Polanski has ever done".) Für solche Feinheiten ist in der ständigen Verfemung Polanskis aber natürlich kein Platz.
kundk 27.08.2019
4. Polanski
ist ein überführter Vergewaltiger und Kinderschänder. Das ist Tatsache, auch wenn sein Opfer ihm (angeblich) verziehen hat. Dass dieser Verbrecher von einigen immer noch hofiert wird, zeigt das ganze Dilemma einer Gesellschaft, [...]
ist ein überführter Vergewaltiger und Kinderschänder. Das ist Tatsache, auch wenn sein Opfer ihm (angeblich) verziehen hat. Dass dieser Verbrecher von einigen immer noch hofiert wird, zeigt das ganze Dilemma einer Gesellschaft, in der beim Thema Schuld mit zweierlei Maß gemessen wird. Man kann halt gut wegsehen, wenn einem ein Film mal gut gefallen hat.
fatmaB 27.08.2019
5. Und ich habe kurz gedacht,
dass es bei einem Filmfestival um Filme geht und nicht um Frauenquoten. Wie naiv.
dass es bei einem Filmfestival um Filme geht und nicht um Frauenquoten. Wie naiv.

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