Kultur

Business-Thriller "A Most Violent Year"

Bleib sauber, Godfather

Kann man ehrlich bleiben, wenn ohne Korruption und Verbrechen eigentlich nichts geht? In J. C. Chandors "A Most Violent Year" stellt sich einem aufstrebenden New Yorker Heizölhändler genau diese Frage. Ein bemerkenswerter Anti-Gangster-Film.

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Donnerstag, 19.03.2015   09:17 Uhr

"Escape from New York" hieß 1981 ein Film von John Carpenter (deutsch: "Die Klapperschlange"), in dem die zum Sündenpfuhl gewordene City sich selbst überlassen wird, ein von East River und Hudson natürlich begrenzter Knast für Gesetzlose und Verbrecher. Science-Fiction, klar, aber allein der Titel des Films dürfte damals vielen ausgeraubten und überfallenen New Yorkern aus der Seele gesprochen haben.

1981 erreichte die Verbrechensrate in der Stadt mit 1,2 Millionen Straftaten ihren vorläufigen Höhepunkt. Justiz und Polizei gaben sich hilflos oder mischten kräftig mit im Sumpf aus Korruption und Betrug, es war ein "most violent year", ein Jahr der äußersten Gewalt.

J. C. Chandors Film gleichen Namens spielt in dieser mörderischen Zeit, die Gewalt aber bleibt zumeist mehr subtiles Leitmotiv als plakative Action; es geht um Stimmungen, um Atmosphäre, nicht um Schock und Splatter. Oft ragen Wolkenkratzer Manhattans im Hintergrund empor, aber sie sind Kulisse: Der Großteil der in den gelbstichigen Farben des Siebzigerjahre-Kinos gefilmten Handlung spielt in den rotten Industrieanlagen von Greenpoint, Brooklyn. In diesem Vorhof der Hölle, die New York City geworden ist, entfaltet sich ein Drama über die Bedingungen, die an die Erfüllung des amerikanischen Traums geknüpft sind.

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"A Most Violent Year": Bei der Mafia von Manhattan
In seinem Debütfilm "Der große Crash" (2007) zeigte der US-Regisseur, wie die Führungskräfte einer Finanzfirma in einer einzigen Krisennacht von Alphamännern zu Mega-Losern werden; im Ein-Mann-Drama "All is Lost" (2013) schickte er Robert Redford mit einem Segelboot auf eine Erkundung männlicher Hybris. Als hätte er damit genügend Anlauf genommen, widmet er sich nun einer der Kanon-Erzählungen amerikanischer Geschichte: dem Aufstieg des Entrepreneurs vom mittellosen Immigranten zum mächtigen Boss.

Es ist das Terrain von Coppola, DePalma, Scorsese und Lumet, das Chandor hier mutig betritt. Der Unterschied: Sein "Pate", er heißt Abel Morales, will maximalen Erfolg, aber er will dabei nicht zum Gangster werden müssen.

Good Guy oder Gauner?

Morales ist ein Wiedergänger von Al Pacinos Michael Corleone, der junge "Godfather", der das Gangstergeschäft seiner Familie in die Moderne - und in die zumindest scheinbare Ehrbarkeit - lenken muss. Es gibt in "A Most Violent Year" eine Szene, in der Morales mit dem Finger am Abzug einer Pistole um die Entscheidung ringt, in eine Spirale der Gewalt einzusteigen: ein Lackmustest, der an die berühmte Restaurantszene im "Paten" erinnern soll, als Michael Corleone den Rivalen Sollozo und den korrupten Cop McCluskey erschießen soll. Wie es ausgeht, soll hier nicht verraten werden.

Wie Corleone ist Morales ein Einwandererkind, das dreimal härter als jeder Normalamerikaner um Anerkennung und Erfolg kämpft. Demonstrativ schmückt er sich mit Statussymbolen: Seine Frisur sitzt so perfekt wie der Dreiteiler und der helle Kamelhaarmantel, gefahren wird das allerneueste Mercedes-Modell.

Ein harter Kontrast zur schäbigen Umgebung, in der der aufstrebende Heizöllieferant seine Geschäfte machen muss. Die Anzahlung für ein Verladegelände im Hafen, das ihm einen entscheidenden Logistikvorteil verleihen soll, zwei Koffer mit Bargeld, übergibt er den Besitzern vor Ort, in einem schmierigen, schummrigen Bauwagen an einem dreckigen Campingtisch. Einen Monat hat er Zeit, den Rest des Geldes zu besorgen, 1,5 Millionen Dollar.

Auch die Konkurrenz im umkämpften Heizölbusiness ist schmutzig: Abels Lastwagen werden von bewaffneten Männern gekapert, Außendienstler zusammengeschlagen, selbst sein festungsartiges Anwesen wird bedroht. Abels Ehefrau und Buchhalterin Anna (Jessica Chastain) fordert hartes Durchgreifen: Von ihrem Mafioso-Vater übernahmen die beiden einst die Ölfirma, schon aus Familientradition sitzt der Mob-Prinzessin die Knarre locker. Abels Anspruch, möglichst redlich nach oben zu kommen, stört immer wieder diese Power-Ehe.

Als die Bank schließlich eine bereits zugesagte Finanzierung zurückzieht und gleichzeitig ein ehrgeiziger Staatsanwalt (David Oyelowo) ein Verfahren gegen Abels Firma wegen Veruntreuung und Steuerhinterziehung vorbereitet, droht der Traum vom Heizölimperium zu zerbrechen. Die Frage ist: Wie ruchlos kann Abel im rohen Spiel der Marktmächte seine Interessen durchsetzen, ohne kriminell zu werden? Wie viel Gewalt kann er anwenden, ohne Blut fließen zu lassen?

"A Most Violent Year" ist Chandors bisher vielschichtigste Arbeit, aber ihr fehlt eine zupackende Thriller-Komposition. Wie schon in "Der große Crash" verweigert sich Chandor jeglicher Epik: Seine Figuren sind keine Sympathieträger, man will sich nicht mit ihnen gemeinmachen. Derart distanziert wohnt man eher einer Aneinanderreihung sorgfältig entworfener Szenen und Studien bei, statt sich von einem Erzählfluss mitreißen zu lassen.

So bleibt es Hauptdarsteller Oscar Isaac, seit seinem Auftritt als verkrachter Folkie im Coen-Film "Inside Llewyn Davis" Spezialist fürs Zwiespältige, den Zuschauer immer wieder in den Film hineinzuziehen. Es gelingt ihm grandios: Bis zuletzt lässt er den Zuschauer im Unklaren, ob Morales nun ein good guy oder doch ein besonders ausgebuffter Gauner ist. Und das ist wahrscheinlich genau das Unbehagen über die Gewalten und das Gebaren in der Geschäftswelt, mit dem Chandor seine Zuschauer aus dem Kino entlassen will.

A Most Violent Year

USA 2015

Regie/Buch: J. C. Chandor

Schauspieler: Oscar Isaac, Jessica Chastain, Albert Brooks, Alessandro Nivola, Elyes Gabel, David Oyelowo

Produktion: Before The Door Pictures

Verleih: Square One/Universum

Länge: 125 Minuten

FSK: ab 12

Start: 19. März 2015

insgesamt 2 Beiträge
obruni.ningo 19.03.2015
1. Afrika
Wer wie ich vor 8 Jahren als Geschäftsmann nach Afrika kam weiß genau, wie es ist, wenn nichts ohne "Umschlag" geht. Wer sich weigert wird gnadenlos bekämpft und belächelt.
Wer wie ich vor 8 Jahren als Geschäftsmann nach Afrika kam weiß genau, wie es ist, wenn nichts ohne "Umschlag" geht. Wer sich weigert wird gnadenlos bekämpft und belächelt.
GustavLecter 20.03.2015
2. Leider die Zeit nicht wert....
In welcher Welt muss man leben um sowas für wichtig zu halten. Ein äusserst langweiler Film über Vorgänge und gute Menschen die es in Realität schon längst nicht mehr gibt... 2 Stunden, die ich gerne zurück hätte.
In welcher Welt muss man leben um sowas für wichtig zu halten. Ein äusserst langweiler Film über Vorgänge und gute Menschen die es in Realität schon längst nicht mehr gibt... 2 Stunden, die ich gerne zurück hätte.
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