Kultur

Schauspieler Alexander Fehling

Versuchen Sie gern, diesen Mann zu knacken

Tarantino, "Homeland" und Bully Herbig: So vielseitig wie Alexander Fehling ist kaum ein deutscher Schauspieler. Nun spielt er die Hauptrolle im Liebesfilm "Gut gegen Nordwind". Begegnung mit einem Rätselhaften.

Foto: Marla Respondek
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Samstag, 14.09.2019   18:47 Uhr

Am Anfang unseres Gesprächs in einem von der PR-Agentur angemieteten Hotelzimmer ist Alexander Fehling voll Tatendrang: Er schiebt zwei Polsterstühle in die Mitte des Zimmers, zieht einen kleinen Tisch an sie heran, betrachtet das Ergebnis und beginnt, die einzelnen Möbelstücke noch einmal um ein paar Zentimeter zu verrücken. Schließlich sagt er mit einem Lachen, als würde ihn die Einsicht von einer unangenehmen Last befreien: Er wisse auch nicht so recht, was er da tue.

In Alexander Fehling treffen zwei Gegensätze aufeinander: der Drang zur Kontrolle und das Bewusstsein, dass Kontrolle immer eine Illusion ist. Mit diesem Widerspruch setzt sich der 38-jährige Schauspieler auch in seiner Arbeit ständig auseinander, denn der lebendige Kern jeder Figur liegt, wie er sagt, in dem "Aufwand, den sie betreibt, um das Eigentliche zu verstecken". Nicht das Versteckte selbst ist also das Faszinierende, sondern der Akt des Versteckens - und die darin zum Ausdruck kommende Angst, einer Umwelt hilflos ausgeliefert zu sein.

Die Suche nach der Szene

Um diesen Momenten des Kontrollverlusts nachzuspüren, muss man auch als Schauspieler bereit sein, sich auf unbeherrschbare Situationen einzulassen. Zwei Regisseure, sagt Fehling, waren hier für ihn prägend: Zum einen Jan Zabeil, mit dem er den fiebertraumartigen "Der Fluss war einst ein Mensch" (2011) gedreht hat, zum anderen Terrence Malick, in dessen neuestem Film "Ein verborgenes Leben" (Kinostart: Januar 2020) Fehling eine kleine, prägnante Rolle hat. Die Arbeit mit diesen Regisseuren hat ihm, wie er es formuliert, "das Geschenk des Prozesshaften" vor Augen geführt: "Das Suchen nach dem, was es ist, das ist es dann auch. Die Suche nach der Szene ist die Szene."

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Alexander Fehling: Äußerst vielseitig, äußerst vielbeschäftigt

Eine so offene Suchbewegung führt fast zwangsläufig dazu, dass den Figuren, die Fehling spielt, selbst etwas Fragmentarisches anhaftet: Sie werden nicht als stabile Charaktere präsentiert, sondern aus Momenten der Intensität und Lebendigkeit zusammengesetzt - aus Momenten, in denen man ganz unmittelbar spürt, dass die Figur, wie Fehling es formuliert, "auch außerhalb dieser Geschichte existieren könnte". Dafür müsse man sich als Schauspieler aktiv losmachen von den Strukturen der Filmhandlung, denn, so Fehling: "Der Plot spielt sich ohnehin selbst. Der Schauspieler ist für die unsichtbaren Schichten und Ebenen da."

Um diese unsichtbaren Schichten dreht sich auch Fehlings neuer Film, die Verfilmung von Daniel Glattauers Bestseller "Gut gegen Nordwind". Ausgelöst durch einen Tippfehler entspinnt sich zwischen dem Sprachwissenschaftler Leo Leike und der ihm unbekannten Emma Rothner ein intensiver Mailverkehr, in dessen Verlauf die beiden darum ringen, so etwas wie Intimität entstehen zu lassen.

Zurück in die Einsamkeit

"Gut gegen Nordwind" ist zwar sicherlich ein Film über die Liebe, aber wie die meisten guten Liebesfilme ist er vor allem auch ein Film über die Einsamkeit. Aus dieser Einsamkeit versuchen Leo und Emma auszubrechen, und in sie fallen sie wieder und wieder zurück. Das zentrale Drama des Films besteht folglich nicht aus der Abfolge eindeutiger Handlungsmomente, sondern aus der immer neuen Beleuchtung eines inneren Erlebens.

Sony Pictures

Fehling in "Gut gegen Nordwind" individuelle Momente der Intensität

Insofern setzt "Gut gegen Nordwind" ein Muster fort, das bis zu Fehlings erster Hauptrolle in "Am Ende kommen Touristen" (2007) zurückreicht. Da spielt er einen Zivildienstleistenden, der während des Einsatzes in einer Bildungsherberge in Auschwitz sowohl seinen Platz im Leben, als auch sein Verhältnis zu den Schrecken der Vergangenheit finden muss.

Auch der idealistische Staatsanwalt in "Im Labyrinth des Schweigens" (2014) und der von diffusen Männlichkeitsidealen geplagte Ersatzvater in "Drei Zinnen" (2017) müssen nicht so sehr äußere Hindernisse überwinden, als vor allem eine innere Reifung durchlaufen. Fehlings stoischer Blick wird dabei zum Schnittpunkt von persönlichen Wünschen, gesellschaftlichen Konventionen und historischen Zwängen.

Dieser spannungsreiche Gesichtsausdruck kehrt auch in unserem Gespräch immer wieder. Man hat in diesen Momenten des stillen Nachdenkens dann das Gefühl, Fehling folge nicht nur einer spontanen Eingebung, sondern vor allem auch einer inneren Pflicht - der Pflicht, etwas Brauchbares zu liefern, den Anforderungen der Interviewsituation zu entsprechen. Das hat etwas Zuvorkommendes und sympathisch Uneitles. Gleichzeitig bedeutet es aber auch, dass man ihn wohl nie wirklich aus der Reserve wird locken können.

Was die anderen sehen

Der innere Kampf zwischen dem Individuellen und dem Exemplarischen unterscheidet Fehling von anderen Schauspielern seiner Generation. Im Gegensatz zu der fragilen Energie von August Diehl, der körperlichen Überpräsenz von Ronald Zehrfeld oder der proletarischen Rauheit von Frederick Lau gibt es bei Fehling nichts Äußerliches, was ihn in eine Außenseiterposition drängen würde. Seine Figuren scheinen in den gesellschaftlichen Zusammenhängen, in die sie eingebettet sind, erst einmal nahtlos aufzugehen - und müssen sich deshalb ihre kritische Distanz, ihr existenzielles Zweifeln schmerzhaft erarbeiten.

So zerrissen seine Figuren sind, so geradlinig erscheint der Verlauf von Fehlings eigener Karriere. Nach seiner in Berlin verbrachten Kindheit folgte direkt nach dem Abitur das Studium an der renommierten Schauspielschule "Ernst Busch". Mit einem exponierten Auftritt in Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds" (2009) erfuhr seine Laufbahn als Filmschauspieler dann gleich zu Anfang einen ersten Höhepunkt.

Darauf folgten Komödien wie "Buddy" von Michael Herbig, Geschichtsdramen wie "Wer wenn nicht wir" von Andres Veiel, Serien (unter anderem "Homeland" mit Claire Danes) und zuletzt der Politthriller "Das Ende der Wahrheit" (für den Fehling im Mai den Deutschen Filmpreis als Bester Nebendarsteller gewann). Wenn man ihn fragt, ob sich hinter dieser Vielfalt ein bewusster Plan verbirgt, verneint Fehling: "Karriere ist nur das, was die anderen sehen."

Im Video: Der Trailer zu "Gut gegen Nordwind"

Foto: Sony Pictures

Vielleicht überschneiden sich Systematik und Spontaneität ja in den allgemeinen Erfahrungen, zu denen Fehling immer wieder zurückkehrt. So ist jede Rolle für ihn immer auch die Erkundung eines bestimmten Körpers und seines Verhältnisses zur Welt. "Denn wir haben ja immer so ein Gefühl, wie wir in der Welt stehen, und dieses Gefühl verändert sich die ganze Zeit."

Es sind diese Intensitäten, die Alexander Fehling in all seinen Rollen anzutreiben scheinen - Intensitäten, die den Kern des Mensch-Seins betreffen und mit denen man deshalb nie abschließend fertig wird.


"Gut gegen Nordwind" startet am 12. September in den deutschen Kinos

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