Kultur

Deutscher Schauspiel-Star Alexander Scheer

König der Poser

Alexander Scheer ist einer der wenigen Angstfreien unter den deutschen Theater- und Kinodarstellern - und hat eine große Klappe. Nun bekam er den Deutschen Filmpreis für seine Hauptrolle in "Gundermann".

Gregor Fischer/ DPA
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Samstag, 04.05.2019   15:12 Uhr

Sehr früh in der Karriere des Schauspielers Alexander Scheer hat der Regisseur, der ihn entdeckt hat, eine Warnung formuliert: "Bei ihm sollte man die Kameras immer ein Stück weiter weg stellen", sagte Leander Haußmann vor zwei Jahrzehnten, als er dem damals 23-jährigen Scheer die Hauptrolle in seinem Film "Sonnenallee" gab und ihn ins Bochumer Schauspielhausensemble holte. "Wenn er in Fahrt ist, schont er nichts und niemanden. Auch nicht sich selbst."

Am Freitagabend stakste Alexander Scheer nun vor 1900 Saalgästen und einer Menge Fernsehzuschauern auf die Bühne des deutschen Filmpreises, die Arme ruderten, die Anzughose saß hauteng auf seinen Storchenbeinen, die schwarze Fliege um seinen Hals schien den Mann fast zu erwürgen. Scheer wollte sich bedanken. Heike Makatsch, die Scheer eben noch zum Sieger im Dreikampf um die beste Schauspielerleistung ausgerufen hatte, stob zur Seite, als wolle sie sich schnellstmöglich in Sicherheit bringen.

Kaum hatte es Scheer ans Mikrofon geschafft, stürzte er nach vorn, suchte in den ersten Reihen nach der Kulturstaatsministerin, fand sie nicht, machte ein paar Ausfallschritte zur Bühnenrückwand, als wolle er das Podest wieder verlassen. Dann verkündete er breitbeinig, am ganzen Leib zappelnd und also körpersprachlich maximal unergriffen, wie ergriffen er sei, dass er diese tolle Auszeichnung zuerkannt bekommen hat.

Berühmt und noch mehr berüchtigt als Verausgabungskünstler

Es ist ein schöner Witz, dass Scheer ausgerechnet für seine Hauptrolle in Andreas Dresens Film "Gundermann" den Filmpreis erhält. Denn so in sich gekehrt, depressiv verknautscht und poetisch verdreht, wie er den singenden Baggerfahrer und Stasi-Zuträger Gundermann in diesem späten Versöhnungsmärchen mit der jüngeren deutschen Vergangenheit spielt, ist Alexander Scheer in den vergangenen 20 Jahren nur selten aufgetreten.

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Schauspielstar Alexander Scheer: Bowie, Baggerfahrer, Berliner

Scheer, 42, ist ein bisschen berühmt und noch mehr berüchtigt als Verausgabungskünstler. Als Mann, der laut und wild und unerschrocken seine Arbeit auf der Bühne und vor der Kamera verrichtet und in Interviews zuverlässig eine dicke Lippe riskiert. Als Gerhard Gundermann ist er in Dresens Film aber ein wortkarger, stiller Malocher und schüchterner Liedermacher. Ein gebeutelter Kerl, der nach der Aufdeckung seiner Stasi-Verstrickung mehr und mehr in Einsamkeit versinkt; ein murkeliger, herzerweichender, zärtlicher Verlierertyp.

Der Filmpreis für Scheers wirklich umwerfenden "Gundermann"-Auftritt ist besonders gerecht, weil man diesen Schauspieler leicht unterschätzt - wegen des Lärms, den er oft um sich veranstaltet. Scheer redet angstfrei, wie es sonst vor ihm nur wenige deutsche Schauspielkünstler vom Schlage Klaus Kinskis oder Helmut Bergers vermochten, über eine Jugend in Berlin-Friedrichshain, Größenwahnfantasien und vergleichsweise private Erfahrungen mit Drogen und Partyexzessen. Er macht keinen Hehl draus, dass er sich für einen modisch, musikalisch und schauspielerisch außerordentlich begabten Typen hält. Und er schimpft über Politiker und lahme Künstlerkollegen, dass einem beim Lesen und Zuhören oft das Herz aufgeht.

In seinen Bühnenauftritten, von denen die tollsten bei Haußmann ("Viel Lärm um Nichts" in Bochum 1999), bei Stefan Pucher ("Othello" in Hamburg 2004) und bei Frank Castorf (zum Beispiel in "Der Spieler" 2011 und in "Faust" 2017, beide in Berlin) stattfanden, ist Scheer fast immer ein fiebriger, rasender, verzweifelter Irrwisch, zum Staunen und zum Fürchten. In seinen Film- und Fernsehrollen hat er sich schamlos in viele wenig aussichtsreiche Katastrophenrollen gestürzt - und mittelmäßige Filme zwar nicht gerettet, aber wenigstens kurzzeitig zum Leuchten gebracht: Er hat den Rolling Stone Keith Richards gespielt in "Das wilde Leben" von Achim Bornhak 2007, den " Einstürzende Neubauten"-Sänger Blixa Bargeld in "Tod den Hippies, es lebe der Punk!" von Oskar Roehler 2014 und den Gangster Dieter Degowski im TV-Film "Gladbeck" von Kilian Riedhof 2018.

Wenn er erstmal da ist, ist Alexander Scheer zuverlässig ein Ereignis

Alexander Scheer hat nur wenige wirklich tolle Filme gemacht, darunter die "Sonnenallee" (1999) und "Carlos - der Schakal" (2010) von Olivier Assayas. Seine Aura als glitzernder Solitär ist durch Misserfolge und Mittelmaß nicht beschädigt worden. Das Asoziale, Rücksichtslose, Nervensägende, das nach alter (und zweifelhafter) Überlieferung jeden großen Künstler auszeichnet, kultiviert Scheer unter anderem durch eine notorische Zuspätkommerei.

Als Scheer sich 2003 für ein Interview mit einer SPIEGEL-Journalistin unbedingt im Restaurant des Berliner Fernsehturms treffen wollte, wartete sie mehr als eine Stunde lang, bis er hechelnd eintraf und behauptete, er sei leider in eine S-Bahn-Kontrolle geraten und habe vor den Kontrolleuren flüchten müssen. Als Scheer 2008 in Hamburg eine prächtige, ordentlich dotierte Auszeichnung für junge Schauspieler, den Ulrich-Wildgruber-Preis, verliehen bekam, saßen die Gäste im gut gefüllten St. Pauli Theater fast eine Dreiviertelstunde vor einer leeren Bühne, weil der Preisträger leider in einem Bus voller Musiker irgendwo zwischen Berlin und Hamburg im Stau steckte.

Wenn er erstmal da ist, ist Alexander Scheer zuverlässig ein Ereignis. Im Hamburger Schauspielhaus verkörpert er zum Beispiel gerade David Bowie in "Lazarus", als strahlender, leidender, unwiderstehlicher König der Poser. Wirklich berührend aber ist Scheer eher in den Rollen und den Momenten, in denen er mal nichts beweisen muss. In der Berliner Volksbühne ist er nur ein paar Minuten zu sehen am Ende von Leander Haußmanns "Staatssicherheitstheater". Scheer trägt Stöckelschuhe, ein hinreißendes hautenges schwarzes Spitzenkleid und Pfauenfedern auf dem Kopf und ist nichts weiter als eine Rätselfigur.

Über den Film "Gundermann" hat Alexander Scheer gesagt, er erzähle eine komplizierte Geschichte, die man nicht mit ein paar Worten, und seien sie noch so groß, erklären könne. Der Schauspieler Scheer ist dann am besten, wenn er sich nicht erklären will und nicht erklärt werden muss.

insgesamt 6 Beiträge
axelsius 04.05.2019
1. Großartiger Schauspieler...
ein wahrer Meister seines Faches und geradezu wunderbar glaubhaft in seinen Rollen. Nur eine Lola kann ihn da wohl doch noch ein wenig aus der eigenen Rolle fallen lassen.
ein wahrer Meister seines Faches und geradezu wunderbar glaubhaft in seinen Rollen. Nur eine Lola kann ihn da wohl doch noch ein wenig aus der eigenen Rolle fallen lassen.
flo_bargfeld 04.05.2019
2. Naja
Die Headline "König der Poser" trifft es m. E. schon ganz richtig. Scheer spielt den Gundermann selbst in dessen größten Verzweiflungssituationen wie ein Graf Koks. Der reale Gundermann war ganz anders, mit viel mehr [...]
Die Headline "König der Poser" trifft es m. E. schon ganz richtig. Scheer spielt den Gundermann selbst in dessen größten Verzweiflungssituationen wie ein Graf Koks. Der reale Gundermann war ganz anders, mit viel mehr Selbstzweifeln aufgeladen. Mich nerven solche Schauspieler, die in erster Linie immer wieder nur sich selber spielen.
GillyXX 04.05.2019
3. Lazarus
Scheer verkörpert in Bowies Musical Lazarus nicht David Bowie selbst, sondern Thomas Jerome Newton, eine Rolle, die Bowie in dem Film Der Mann der vom Himmel fiel spielte.
Scheer verkörpert in Bowies Musical Lazarus nicht David Bowie selbst, sondern Thomas Jerome Newton, eine Rolle, die Bowie in dem Film Der Mann der vom Himmel fiel spielte.
palimpalom 04.05.2019
4. Leider
ein großes Problem der meisten deutschen Schauspieler/innen: Ihr Glas ist zumeist schon halb voll von sich selbst. Da paßt dann immer nur noch eine halbe Rolle hinein. Hingabe wird mit Exzentrik und Authentizität mit [...]
ein großes Problem der meisten deutschen Schauspieler/innen: Ihr Glas ist zumeist schon halb voll von sich selbst. Da paßt dann immer nur noch eine halbe Rolle hinein. Hingabe wird mit Exzentrik und Authentizität mit Gefühlsausbrüchen verwechselt etc.. Und dann feiert sich das Mittelmaß auf den bekannten Preisverleihungen wieder selbst. Übrig bleibt stets das schäbige Prädikat "für einen deutschen Film ganz gut ..." Wer könnte das ändern ? Gute Regisseure.. aber auch da gilt: ...siehe oben... wer bucht die ? Die mittlerweile zu mächtigen Redakteure und Produzenten.. aber...siehe oben.... armes Film und Fernseh Deutschland...
susanne-holst 04.05.2019
5. Unverständnis über diesen Artikel
Sehr geehrter Höbel, ich bin etwas erschrocken über Ihren Artikel. Jemanden wie Alexander Scheer einen "Poser" und einen "notorischen Zuspätkommer" zu nennen – um nur zwei ihrer 'unpassenden' [...]
Sehr geehrter Höbel, ich bin etwas erschrocken über Ihren Artikel. Jemanden wie Alexander Scheer einen "Poser" und einen "notorischen Zuspätkommer" zu nennen – um nur zwei ihrer 'unpassenden' Beschreibungen aufzugreifen – und unter den angeblich mittelmäßigen Filmen, in denen er mitspielte, Titel wie "Gladbeck" aufzulisten, irritiert mich sehr. Nein, es irritiert mich nicht nur, es macht mich richtiggehend sauer. Alexander Scheer hat in den letzten 20 Jahren sehr hart und fleißig gearbeitet – und das nicht nur in den oft zitierten medial bekannt gewordenen Filmen und Theaterinszenierungen, sondern auch in kleineren Projekten der Avantgarde, die es nicht mal in die Lokalpresse schafften. Er ist eben nicht der von "Größenwahnfantasien" (wie Sie in Ihrem Artikel schreiben) getriebene Schauspieler, sondern jemand, der sich über tolle Kinoprojekte ebenso freut wie über Off-Projekte, von denen er zu 150% überzeugt ist. Dass sich seine Filmografie sowie die Theaterinszenierungen, in denen er mitwirkte, jetzt wie eine Bilderbuchkarriere lesen, ist ihm nicht zugefallen und mitnichten durch "Poserei" oder "notorisches Zuspätkommen" entstanden. Ich frage mich echt, woher Sie Ihre Charakterisierung dieses warmherzigen Menschen nehmen? Ist es tatsächlich nur das einmalige Zuspätkommen bei einem Interview-Termin mit dem SPIEGEL? Gönnen Sie ihm doch einfach den Preis, ohne Wenn & Aber und ohne Verunglimpfung. Er hat ihn verdient – nicht nur für Gundermann.

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