Kultur

"Avengers: Endgame"

Die Rächerriege tritt ab

In einer dreistündigen Ehrenrunde namens "Endgame" verabschieden sich die Helden der Avengers-Filmreihe um Iron Man und Captain America. Das nervt manchmal - und beglückt doch zum Schluss.

Zade Rosentha/ Marvel Studios
Von
Mittwoch, 24.04.2019   00:04 Uhr

Am Ende von "Endgame" werden nicht nur die Namen der Darsteller der sechs ursprünglichen Avengers eingeblendet, von Iron Man (Robert Downey Jr.), Black Widow (Scarlett Johansson), Hulk (Mark Ruffalo), Hawkeye (Jeremy Renner), Captain America (Chris Evans) und Thor (Chris Hemsworth) - sondern auch die Unterschriften der Darsteller. Es ist ein buchstäbliches Sign-off aus der erfolgreichsten Filmreihe aller Zeiten, eine offizielle Abmeldung aus den Rollen, die die Stars zu noch viel größeren Stars gemacht haben.

Ihre Figuren werden sich auch verabschieden, manche in neue Abenteuer, manche in alte Leben, eine wird tatsächlich zu Grabe getragen. Wie und warum es jeweils dazu kommt, sollen Rezensionen ja bloß nicht spoilern. Im Fall von "Endgame" ist das glücklicherweise keine Frage von gutem Willen oder Können, sondern schlechterdings nicht möglich: In den drei (!) Stunden Laufzeit passiert derartig viel, dass keine Kritik jede Wendung und Auflösung erfassen könnte.

Spoilerfrei! So steht es um die Avengers vor "Endgame"

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Deshalb nur so viel: Ja, es wird, wie vorab von vielen Fans bereits vermutet, mit Reisen durch die Zeit gearbeitet, um die Folgen von Thanos' Fingerschnippen, mit dem er die Hälfte aller Lebewesen ausgelöscht hat, rückgängig zu machen. Die Avengers werden dabei zukünftigen Ichs und vergangenen Ichs begegnen, sie werden auf Eltern treffen, die ihre Kinder noch nicht kennen, und auf Partner, die schon lange um sie trauern.

Ein ums andere Mal wird so die Möglichkeit geschaffen, Figuren aus früheren Filmen wieder zu treffen und alte Schlüsselszenen erneut zu durchleben. Wie sehr einen das berührt, hängt maßgeblich von den persönlichen Verbindungen zu einer Figur ab - diese Rezensentin etwa hat sich sehr über ein lässig dahin gesagtes "Könnt' den ganzen Tag so weitergehen" sowie ein wohl platziertes "Heil Hydra" von Captain America gefreut.

Da man aber kaum allen Figuren gleichermaßen zugetan sein kann, zieht sich das "Endgame" über weite Strecken doch ganz schön hin - oder lag Ihnen am Herzen, was aus Pepper Potts wird? War der Vorgängerfilm "Infinity War" noch vornehmlich Exposition, ist "Endgame" Auflösung und Abschied am Band.

Gekämpft wird dabei für einen Avengers-Film erstaunlich wenig, was einerseits eine angenehme Abwechslung ist - der "Infinity War" hatte sich mitunter ja wie eine kämpferische Ewigkeit angefühlt. Andererseits kommen so nicht nur die Schwächen des aktuellen Drehbuchs zum Tragen - sondern auch die der anderen Filme aus dem Marvel Cinematic Universe (MCU), die auf dieses vorläufige Finale hinführen.


"Avengers: Endgame"
USA 2019

Regie: Anthony Russo, Joe Russo
Buch: Christopher Markus, Stephen McFeey
Darsteller: Robert Downey Jr., Scarlett Johansson, Mark Ruffalo, Jeremy Renner, Chris Evans, Chris Hemsworth, Brie Larson, Paul Rudd, Josh Brolin
Produktion: Marvel Studios
Verleih: Disney
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 181 Minuten
Start: 24. April 2019


Zum einen ist Thanos kein besonders interessanter Endgegner. Er ist stark, weil er schon immer stark war, und wird noch stärker dank der sechs Infinity-Steine, mit denen sich alle Dimensionen des Universums beherrschen lassen. Immerhin: Seine Idee, diese Macht zu nutzen, um die Hälfte aller Lebewesen auszulöschen und so der anderen Hälfte genug Ressourcen zum dauerhaften Überleben zu sichern, ist in Zeiten von Warnungen vor einer Klimakatastrophe nicht ohne philosophische Schärfe.

Doch aufs Nachdenken und Ausdiskutieren lassen sich die Avengers erst gar nicht ein. Gehirnmasse wird bei ihnen vor allem eingesetzt, wenn es um den Bau von Zeitreisemaschinen geht. Den Rest muss nicht Reflexion, sondern unbedingte Liebe zur (Wahl-)Familie als Motiv und Muskelkraft als Mittel erledigen.

Die Suche nach den Infinity-Steinen, die im Vorläuferfilm vorwärts und nun gewissermaßen rückwärts getätigt wird, fällt deshalb auch denkbar schnöde aus. Kein Rätsel muss gelöst werden, um an ein Versteck zu gelangen. Ein ausgeplapperter oder herausgefolterter Planetenname reicht, schon findet dort ein kurzer, brutaler Kampf um den jeweiligen Stein statt. Von der Raffinesse, mit der etwa J.K. Rowling in der "Harry Potter"-Reihe die Schnitzeljagd nach der Macht ihres Schurken Voldemort gestaltete, ist das zwei Galaxien entfernt.

Umso schöner und kathartischer, wenn es zum Schluss doch zum epischen Gemetzel zwischen Thanos' Truppen und der Avengers-Allianz kommt. Diese Schlacht hat Tempo und Drama, arbeitet die Qualitäten der jeweiligen Kämpferin hervor und bündelt sie mit maximalem Effekt.

So spiegelt "Endgame" letztlich die Stärken und Schwächen aller 21 Filme aus dem MCU, die ihm vorangegangen sind. Nicht jeder Witz zündet, nicht jede Neuerfindung überzeugt. Überhaupt: Nicht jede Episode hätte es gebraucht. Aber wenn die Rächer den Schulterschluss üben, wird es trotzdem meistens ziemlich toll. Avengers, assemble indeed.

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