Kultur

Filmperle "Bait" über Gentrifizierung

Mit den Neuen klarkommen

Kunst kommt von Ködern: Mittels zugespitztem Formalismus findet Mark Jenkin in "Bait" einen aufregend neuen Weg, um über Gentrifizierung zu erzählen. Selbst Humor kommt dabei nicht zu kurz.

Foto: Arsena - Institut für Film und Videokunst
Von
Freitag, 25.10.2019   18:20 Uhr

Misstrauisch beäugt Fischer Martin (Edward Rowe) die kleinen Bojen, die als Deko in seinem ehemaligen Elternhaus hängen. "Sehen verdammt nach meinen eigenen aus." "Nein", antwortet die neue Besitzerin Sandra (Mary Woodvine), die gerade mit ihrer Familie für ein paar Tage Urlaub von London aus an die Küste von Cornwall gereist ist. "Die habe ich aus dem Internet."

Ausführlicher werden die Dialoge in Mark Jenkins "Bait" (englisch für: Köder) nicht. Aber wozu sollten sie auch. Der Konflikt, von dem der Film erzählt, ist schließlich bekannt. Wohlhabende Städter entdecken auf dem Land das Ursprüngliche und richten mit ihrem Geld ebenso viel Gutes wie Schlechtes an, bewahren das Eine und verdrängen das Andere.

Und manchmal passiert das alles zur selben Zeit. Etwa, wenn Martins Bruder Steven (Giles War) das Fischerboot des Vaters wegen der neuen Touristenströme halten kann, dafür aber grölende Junggesellenabschiede mit Männern in Peniskostümen herumschippern muss.

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"Bait": Ein Problemseebär geht um

Wie sich Verdrängung in seiner Heimat Cornwall vollzieht, darüber hat Jenkin schon einige Kurzfilme gedreht. "Bait" ist nun sein erster Langspielfilm. Mit ihm sorgte er zunächst auf der diesjährigen Berlinale für Aufsehen, in der Zwischenzeit hat er Lobeshymnen eingefahren: "einen der maßgeblichen britischen Filme des Jahrzehnts" nannte ihn etwa der "Guardian" . Wovon Jenkin erzählt, mag nämlich nicht neu sein, wie er es erzählt, aber schon.

Mit einer Bolex-Kamera in 16 Millimetern auf Schwarzweiß hat Jenkin gedreht und anschließend das Material eigenhändig entwickelt. Das verleiht den Bildern von "Bait" eine Grobheit, die das Sehen maßgeblich entspannter macht - einen größeren Kontrast zu der Bildinformationsflut von HFR- und 3D-Filmen wie "Gemini Man" könnte man sich nicht vorstellen. Gleichzeitig fokussiert dies das Sehen aber auch - auf die emotionalen Komponenten der Bilder, die Wut und das Unverständnis, die sich in den Begegnungen zwischen Dorfbewohnern und Besuchern so schnell aufbauen.

Ähnlich verfährt Jenkin auf der Tonspur, die er nachträglich hinzufügen musste, da die Bolex keinen Ton aufnimmt. Auch hier konzentriert er maximal und hat nur Geräusche und Gespräche nachvertont, die für die Geschichte relevant sind. Die Folge: eine Intensität der Bilder und Töne, die an sinnliche Überwältigung grenzt.


"Bait"
UK 2019
Buch, Regie, Kamera und Musik:
Mark Jenkin
Darsteller: Edward Rowe, Giles King, Mary Woodvine, Simon Shepherd, Georgie Ellery, Jowan Jacobs, Isaac Woodvine
Produktion: Early Day Films
Verleih: Arsenal
Länge: 88 Minuten
Start: 24. Oktober 2019


Mit dieser eskalierten Künstlichkeit umgeht Jenkin gleichzeitig das Risiko, das Authentische und Althergebrachte zu romantisieren und damit die Fronten zu verhärten. So archaisch der Grundkonflikt in "Bait" nämlich auch ist, so ausdifferenziert sind dessen Akteure.

Mancher Dorfbewohner, wie etwa Martins Bruder, arrangiert sich schnell mit den Neuen, manch anderer wirft mit Billardkugeln nach ihnen. Manch Zugereister setzt den Einheimischen mit Parkkrallen zu, manch anderer legt sich zu ihnen ins Bett. Ein bisschen Soap und verschmitztes kitchen sink drama gönnt sich "Bait" so. Und wenn der örtliche Comedian Edward Rowe als Martin sein bärtiges Kinn und seinen grimmigen Blick so übertrieben seebärig ins Bild schiebt, dann kommt auch Humor mit ins Spiel.

Wollte man etwas Hoffnungsvolles in einer Geschichte von Verdrängung finden, dann ist es wohl das: Zumindest in dem filmischen Rahmen, den "Bait" setzt, ist das Nebenher und Durcheinander von Alt und Neu eine enorme Freude.

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