Kultur

Südamerikanisches Drogendrama

Reichtum bringt den Untergang

In "Birds of Passage" steigt ein indigener Stamm in den Drogenhandel ein - und läutet damit sein eigenes Totenglöckchen. Ein Krimi-Drama zwischen Realität und Mythos, zwischen Scorsese und Ethno-Kino.

MFA
Von Ekkehard Knörer
Donnerstag, 04.04.2019   15:16 Uhr

Zaida tanzt. Die junge Frau im flatternden roten Kleid verfolgt mit ausgebreiteten Armen einen rückwärts laufenden Jungen, bis dieser stürzt. Dieser Tanz ist der öffentliche Abschluss eines Übergangsritus', bei dem das Kind eine Zeit der Abwesenheit aushalten muss. Bei der Rückkehr bemalt die Mutter, Úrsula (Carmiña Martínez), in einem Zelt das Gesicht ihrer Tochter (Natalia Reyes), sie treten hinaus in die wartende Menge. Zaida ist nun aufgenommen in die Gemeinschaft der Erwachsenen, bereit auch für einen Mann.

Es ist ein Ritus ganz wie aus dem Lehrbuch des Ethnologen Arnold von Gennep, mit dem Cristina Gallego und Ciro Guerra "Birds of Passage" beginnen - zunächst ganz aus der Perspektive der Wayuu, eines indigenen Volks, das in Kolumbien und Venezuela lebt. Die Geschichte, die Gallego und Guerra erzählen, beginnt 1968 und endet in den frühen achtziger Jahren. Der Film scheint dabei das Genre zu wechseln: vom ethnografischen Film, der die Riten der Wayuu kenntnisreich schildert, zum Kriminaldrama, in dem eine Spirale der Rache alle Beteiligten ins Unglück stürzt.

Den Anfang nimmt das Unglück mit einem Mann namens Rapayet (José Acosta). Er fackelt nicht lang, nötigt Zaida den Tanz mit ihm auf. Er stürzt nicht, er will sie haben. Erwünscht ist er nicht. Es fehlt soziales Ansehen, er hat nicht genug Geld. Also setzt Úrsula den Preis für die Braut exorbitant hoch. Rapayet ist aber einer, der sich nicht entmutigen lässt. Er und sein Kumpel Moisés kommen zufällig mit Amerikanern vom Friedenskorps in Kontakt, die nicht nur den Kommunismus bekämpfen wollen, sondern sich auch auf der Suche nach Marihuana befinden.

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"Birds of Passage": Traumbilder und Verbrechen

Eins kommt zum andern, bald sind Rapayet und Moisés dick im Drogengeschäft. Mit dem Geld erwirbt Rapayet die Braut. Ein Verwandter von Zaida baut das Cannabis an, man zieht die Deals professionell auf, schnell ist auch Zaidas Familie tief verstrickt, bald sind Kurierflugzeuge zwischen Kolumbien und den USA unterwegs.

Zurück an den Anfang des Films: Ein alter Mann der Wayuu sitzt auf einer Anhöhe in der Landschaft und singt. Sein Gesang handelt von Rapayet. Er will von ihm singen, singt er, damit die Geschichte von Rapayet nicht in Vergessenheit gerät. Mit diesem Gesang, mit dem der Film dann auch endet, setzen Gallego und Guerra die Erzählung in einen nicht realistischen Modus: Von hier aus spielt die Geschichte in einer Zeit, die weniger Gegenwart ist als die Vorzeit des Mythos. So treten Traumbilder, die wahr sprechen, neben die Realität. Schrifteinblendungen unterteilen den Film nicht in Kapitel, sondern Gesänge. Die allerdings sind jeweils mit Jahreszahlen datiert. Die mythische und die historische Zeitrechnung stehen so nebeneinander.


"Birds of Passage - Das grüne Gold der Wayuu"
Kolumbien, Dänemark, Mexiko 2018
Regie: Ciro Guerra, Cristina Gallego
Darsteller: Carmiña Martínez, Natalia Reyes, José Acosta, Jhon Narváez
Produktion: Ciudad Lunar Bogota

Verleih: MFA
Länge: 125 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 4. April 2019


Tatsächlich entwickelt der Film die Wucht, die man von einer Geschichte, die zur Warnung niemand vergessen soll, auch erwartet. Ein erster Mord setzt einen Kreislauf der Strafe und Rache in Gang. In die durch Riten und strenge Regeln geordnete Wayuu-Gesellschaft bringen die Deals und der Reichtum Verheerung. Es ist nicht unbedingt so, dass "Birds of Passage" das als Geschichte vom Verlust der Unschuld erzählt. Eher als Drama einer Gesellschaft, deren auf mündlicher Tradition beruhendes Rechtssystem die Herausforderung durch Mord und Verbrechen nicht übersteht.

Das Unternehmen von Gallego und Guerra ist dabei heikel in vielfacher Hinsicht. Die Entstehung der kolumbianischen Drogenkartelle ist sehr real, so dass die Verschiebung ins Mythische sie zu verharmlosen droht. Die Ansiedlung des Dramas in der Gesellschaft der Wayuu - zu der die Filmemacher*innen selbst nicht gehören - bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen Würdigung einer indigenen Gemeinschaft und Exotisierung einer Geschichte, die ähnlich etwa in den Gangster-Epen von Martin Scorsese schon oft erzählt worden ist.

Mit einem entscheidenden Unterschied allerdings: Gallego und Guerra zeigen die Gewaltakte nicht - so gut wie stets nur die Folgen, was sie aber ins seltsam Irreale verschiebt. Man kann das wie den ganzen Film inkonsequent finden, der mit einem Bein in der Genre- und Mythenwelt, mit einem anderen in der datierbaren Wirklichkeit steht. Man kann aber die Beharrlichkeit auch respektieren, mit der er versucht, zwei Perspektiven zugleich einzunehmen.

insgesamt 1 Beitrag
kasimir0 08.04.2019
1. Rache statt Aushandeln von Interessen
Der Film hat mich eher an ein griechisches Drama erinnert. Die Fäden der Geschichte der Wayuu (in denen ihre Gedankenwelt transportiert wurde soweit das in einem Spielfilm geht, die starke Bedeutung der Rituale) verbunden mit den [...]
Der Film hat mich eher an ein griechisches Drama erinnert. Die Fäden der Geschichte der Wayuu (in denen ihre Gedankenwelt transportiert wurde soweit das in einem Spielfilm geht, die starke Bedeutung der Rituale) verbunden mit den Vorstellung von sozialem Status waren so mit einander verwoben, dass die Tragödie ihren Lauf nehmen musste. Die Gewalt ist aber nicht einfach eskaliert, sondern war Folge von Grenzüberschreitungen, die, weil sich die Regelsysteme durch den Drogenhandel veränderten, nicht mehr auf die bisher praktizierte Art geklärt werden konnten. Z.B. wurde der bis dahin von allen Seiten respektierte Unterhändler getötet, was eine nicht mehr zu stoppende Gewaltspirale auslöste, die nur noch auf Rache aus war. Es wurde aber auch deutlich, was sollche Clansysteme, die einerseits den einzelnen schützen sollen, bewirken, wenn die Balance verloren geht.
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