Kultur

Bilanz Cannes 2019

Totgesagte begeistern länger

Altmeister wie Jim Jarmusch und seine Zombies bestimmten den Wettbewerb von Cannes. Die Jury schaffte es aber, mit klug verteilten Preisen die Vielfalt des Festivals zu betonen.

Studiocanal

Antonio Banderas und Nora Navas in "Leid und Herrlichkeit"

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Sonntag, 26.05.2019   18:39 Uhr

Untote können eine belebende Wirkung haben, zumindest auf das Kino. Als Erster schickte Jim Jarmusch in diesem Cannes-Jahr Zombies über den roten Teppich, dann folgten in immer kürzeren Abständen Wiedergänger, Besessene und Geister.

Sie kamen allerdings nicht mit leeren Händen, sondern brachten Geschichten von Kolonialismus (Bertrand Bonellos "Zombi Child"), Migration (Mati Diops "Atlantique") und Rechtspopulismus (Kleber Mendonca Filhos und Juliano Dornelles' "Bacurau") mit. Spuk, der ganz von dieser Welt war, herrschte plötzlich an der Croisette.

Jarmuschs "The Dead Don't Die" war allein von der Schlagwortvorgabe deshalb der perfekte Eröffnungsfilm, auch wenn die Zombiekomödie insgesamt zu den schwächsten Beiträgen im Wettbewerb gehörte.

Das Festival an sich hatte zuvor als überlebt gegolten. Vor allem aus den USA hatten sich in den vergangenen Jahren die Stimmen gehäuft, die in Cannes' Disput mit Netflix eine längst verlorene Schlacht erkennen wollten.

Doch wieder hat sich das Festival als wichtigste Plattform für ein Kino jenseits global optimierter Erzählformeln behauptet. Es fand Platz für queere Leidenschaften ("Matthias & Maxime", "Portrait de la jeune fille en feu"), soziale Kämpfe ("Les Misérables", "Bacurau") und hochintelligente Genrevariationen ("La Gomera", "Little Joe"). Für vieles davon gab es sogar Preise.

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Verleihung der Goldenen Palme: Große Stars auf dem Roten Teppich

Dass es die oft verfemten alten weißen Männer waren, die einige der bezwingendsten Filme lieferten, unterlief ein weiteres Festivalklischee. Ken Loach, Pedro Almodóvar und Terrence Malick mögen erwartbare Namen für die Meisterklasse des Kinos sein. Ihre Filme - so unterschiedlich sie in Dringlichkeit, Humor und Stilistik auch waren - rechtfertigten alle Aufmerksamkeit, die eine Einladung nach Cannes mit sich bringt.

Gleichwohl gerechtfertigt war es, dass die Jury um Präsident Alejandro G. Iñárritu mit ihren Auszeichnungen die Bandbreite des Wettbewerbs akzentuierte und junge Talente wie die Französin Mati Diop oder nicht-westliche Meister wie Bong Joon-ho mit den wichtigsten Preisen bedachte. Céline Sciammas "Portrait" mag dabei der Film gewesen sein, der in diesem Jahr für die größte Verzückung sorgte. Er wird aber dank seiner einzigartigen Liebesgeschichte auch ohne Goldene Palme, nur mit einem Preis für das beste Drehbuch versehen, seinen Weg in die Herzen der Zuschauerinnen und Zuschauer finden.

Gleiches lässt sich schwerlich von Bong Joon-hos Gewinnerfilm "Parasite" sagen. Der Südkoreaner, der in seinem exaltierten Genrekino waghalsige Plots mit soziopolitischen Konflikten kurzschließt, kommt seit Jahren nicht über den Geheimtippstatus hinaus. Mit seinem vorherigen Film "Okja" versuchte er, das qua Netflix-Kooperation zu ändern und scheiterte. Bongs verschrobener Humor plus internationale Stars (Jake Gyllenhaal, Tilda Swinton) plus gefällige Thematik (Tierschutz) - das schien für einen noch nicht existierenden Algorithmus optimiert zu sein.

Hier knallt es wirklich

Mit "Parasite" kehrt der 49-Jährige in seine Heimat zurück und arbeitet mit räumlicher Verdichtung so virtuos wie zuletzt in "Snowpiercer", seinem dystopischen Thriller von 2013, der ausschließlich an Bord eines Zuges spielte. In seinem Palmengewinner spielt Bong die Verdrängungsmechanismen des Kapitalismus in einem einzigen Haushalt nach. "Upstairs" gegen "Downstairs" wird nicht nur metaphorisch gegeneinander in Stellung gebracht: Hier knallt es wirklich.

Wann das auch in deutschen Kinos zu sehen sein wird, ist allerdings fraglich. Bei "Burning" von Bongs Landsmann Lee Chang-dong dauerte es mehr als ein Jahr, bis er es aus Cannes nach Deutschland schaffte. Erst am 6. Juni startet der genialische Psychothriller, der im Wettbewerb 2018 die besten Kritikernoten aller Zeiten einfuhr, hierzulande. Einen Fingerzeig per Goldener Palme kann das koreanische Kino also bestens gebrauchen.

Allein der Regiepreis für die Dardenne-Brüder, die mit ihrer Islamismus-Studie "Jeune Ahmed" die Konkurrenz aus dem Ü60-Feld ausstachen, sorgte für eine irritierende Fußnote in der Gewinnerliste. Ihr Film war von einer Zurückhaltung gegenüber Thema und Protagonist geprägt, die sich eher wie Überforderung denn Vorsicht ausnahm.

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Cannes 2019: Vor den Kameras, hinter den Kulissen

Wie wunderbar gelassen dagegen Pedro Almodóvars "Leid und Herrlichkeit" (Kinostart: 25. Juli)! Das verschmitzte Selbstporträt, für das Antonio Banderas als bester Hauptdarsteller gewann, stand exemplarisch für einen anderen Trend, der neben den Untoten das Festival bestimmte: die Autofiktion. Immer wieder bedienten sich Filmemacher autobiografischer Versatzstücke und Alter Egos, um sich Geschichte(n) aus anderer Perspektive zu nähern und althergebrachte Narrative auch bezogen auf ihr eigenes Werk zu hinterfragen.

Allein Quentin Tarantino versteigerte sich mit "Once Upon A Time …in Hollywood" in den megalomanen Glauben, seine Filmfantasie könne Menschen retten. Anderswo gingen die Filmschaffenden skrupulöser vor, ließen sich selbst - wie Elia Suleiman in "It Must Be Heaven" - als Narren des Weltkinos durchs Leben stolpern oder thematisierten wie Isabelle Huppert in "Frankie" und eben Almodóvar in "Leid und Herrlichkeit" schonungslos ihre körperliche Gebrechlichkeit. Hier feierte sich das Kino nicht als kontrafaktische Illusionsmaschine, sondern legte die Verletzlichkeit offen, die hinter dem Wunsch steckt, sein Leben wieder besichtigen und umdeuten zu können.

Den - fast schon unheimlich gut passenden - Schlusspunkt hinter diesen Wettbewerb setzte da Justine Triet mit "Sibyl". In der brillanten Tragikomödie nimmt die Psychotherapeutin Sibyl (Virginie Efira) ihre alte Leidenschaft des Romaneschreibens wieder auf. Für den Stoff bedient sie sich beim dramatischen Leben einer ihrer Patientinnen, der Schauspielerin Madeleine (Adèle Exarchopoulos). Bald entgleiten Sibyl jedoch sowohl ihr Roman als auch ihr Leben insgesamt. Sie findet sich auf einem Filmset wieder, auf dem sie so lange manipuliert wird, bis sie alle Bedürfnisse außer ihren eigenen bedient.

Panisch beruhigt sich Sibyl mit den Worten, sie allein sei die Autorin ihrer Lebensgeschichte. Doch Triets Film legt stellvertretend für die vielen klugen Selbstreflexionen in diesem Cannes-Jahrgang offen: Die größte Autofiktion ist es, zu glauben, man hätte jemals Kontrolle über die eigene Geschichte. Ausgerechnet über Selbstzweifel findet das Kino so zu echter Stärke.

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