Kultur

Feministische Komödie

In Pink und Türkis fängt im deutschen Kino etwas Neues an

Mit "Das melancholische Mädchen" mischt Susanne Heinrich das Kino auf: So belesen und lustig war ein Debütfilm selten. So scharf in seiner Analyse von Kapitalismus und weiblichem Unglück aber auch nicht.

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Mittwoch, 26.06.2019   18:05 Uhr

Feminismus und Film sind in Deutschland in den vergangenen Jahren vor allem durch Zahlen in Beziehung gesetzt worden: Der Frauenanteil an den Filmhochschulen beträgt 40 Prozent, nur rund 20 Prozent aller Spielfilme entstehen unter der Regie einer Frau, das Ziel von Pro Quote ist 50:50 in allen Bereichen.

Feminismus im Film selbst zu verhandeln, ist derweil die absolute Ausnahme. Vielleicht hat Susanne Heinrichs Film "Das melancholische Mädchen" auch deshalb so reingehauen, erst bei seiner Premiere beim Max-Ophüls-Preis, wo Heinrich den Hauptpreis gewann, dann bei der Berlinale, der Woche der Kritik, in Basel, Brüssel, Rotterdam, zuletzt beim Edinburgh Film Festival.

Schon lange hat kein Film, zumal ein deutscher, Feminismus so sehr in sein Zentrum gestellt. Bildaufbau, Blickregime, Dialoge, selbst der Musikeinsatz sind im "Melancholischen Mädchen" feministisch durchdrungen. "Eine junge Frau wird zur Symptomträgerin einer Gesellschaft, die ihre Glücksversprechen nicht einlöst", hat die Ophüls-Jury gelobt.

Der Langfilm, der ein Kurzfilm war

"Ich finde den Film vor allem schreiend komisch", sagt Susanne Heinrich beim Mittagessen Mitte Juni in ihrer Wahlheimat Leipzig. Am Wochenende zuvor hat die 33-Jährige ihr Diplom an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) erhalten, obwohl "Das melancholische Mädchen" streng genommen nicht als Heinrichs Abschlussfilm angelegt ist. Da sie im Verlauf des Studiums nur Kurzfilme gedreht hatte, hätte sie nach eigenen Angaben keinen Langfilm genehmigt bekommen. "Wir haben das Drehbuch schließlich so gekürzt, dass es aussah, als wäre es für einen 30-Minüter, und haben dann einfach doppelte Dispo gemacht und in den offiziellen Drehpausen weitergedreht."

Entgegen der klandestinen Dreharbeiten und im Gegensatz zum im deutschen Nachwuchskino vorherrschenden Mumblecore à la Axel Ranisch oder Jakob Lass ist bei "Das melancholische Mädchen" aber nichts improvisiert. Fünf Jahre hat Heinrich an dem Stoff gearbeitet, entsprechend exakt und detailreich sind die 15 Tableaus des Films geschrieben, gestaltet und gefilmt.

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"Das melancholische Mädchen": Mein Unglück ist dein Glück

"Feminismus zu verkaufen", "Die Sehnsucht nach Religion an entzauberten Orten" oder "Die Überreste der Psychologie" heißen einzelne Episoden. Gemeinsam haben sie das Farbschema, das von den Baby-Primärfarben Pink und Türkis bestimmt ist, und die Hauptfigur, das titelgebende, gleichzeitig namenlos bleibende melancholische Mädchen (gespielt von Marie Rathscheck).

Mädchen ohne Zuhause

Melancholisch ist dieses Mädchen aber nur im veralteten Wortsinne: Tatsächlich leidet es unter Depressionen. "Ich bin unglücklich, damit Leute wie du glücklich sein können", sagt das Mädchen an mehreren Stellen den Männern, denen sie begegnet. Von den meisten lässt sie sich trotzdem mit nach Hause nehmen, manchmal für Sex, manchmal für Pasta mit nichts, immer aber für einen Unterschlupf, denn das melancholische Mädchen hat zurzeit kein Zuhause.

Ihr Unglück ist also stets in Beziehung zu Männern und zu ihren materiellen Umständen gesetzt. Eine "strukturelle Depression" diagnostiziert sich das Mädchen auch selbst. Heinrich folgt damit Autoren wie Mark Fisher, die psychische Erkrankungen nicht psychologisiert, sondern politisiert wissen wollen: "Depression ist die Schattenseite von Unternehmerkultur, sie ist das, was passiert, wenn magischer Voluntarismus auf eingeschränkte Möglichkeiten trifft", hat Fisher geschrieben.

Gegen die Psychologisierung stemmt sich Heinrichs Film im Einzelnen und im Ganzen, weder führt der Parcours durch die Männerbetten das melancholische Mädchen aus seiner Depression heraus, noch hängen die Episoden miteinander zusammen. Zum verbreiteten Wunsch nach einer konventionellen Handlung sagt Heinrich: "Story erscheint mir immer mehr wie die Währung im Kapitalismus, mit der man sich sein nächstes Projekt, eigentlich überhaupt seine Daseinsberechtigung erkauft."

Eine Haltung, die den Film in Form eines Metawitzes einläutet: "Wenn das hier zum Beispiel ein Film wäre", lässt Heinrich das melancholische Mädchen lapidar gleich zu Anfang sagen, "würden wir jetzt schon alle verlieren, die sich mit der Hauptfigur identifizieren wollen. Im Film muss immer etwas passieren."

So wahr das melancholische Mädchen in diesem Moment spricht, ist es gleichwohl auch Trägerin von Ambivalenz, eine Ausformung des Prinzips des Junge-Mädchens (la Jeune-Fille), wie es die Autorengruppe Tiqqun in ihrem Pamphlet "Grundbausteine einer Theorie des Jungen-Mädchens" skizziert hat. Ewig jung, ewig weiblich, ewig in Bewegung, ewig Ware: "Das Junge-Mädchen ist eine Lüge, deren Glanzpunkt das Gesicht ist", heißt es in dem 2009 auf Deutsch erschienenen Band.

Weder Wut noch Traurigkeit

Im Film wird aus dem Buch vorgelesen, mehr noch aber inszeniert Heinrich den zitierten Satz buchstäblich. Immer wieder ist das Gesicht von Hauptdarstellerin Rathscheck samt hellblauer Augen und zart-weißer Haut in Nahaufnahme zu sehen. Dazu erklingt ihre Stimme, der keine Emotion, weder Wut noch Traurigkeit, zu entnehmen ist.

Brechts V-Effekt vermengt sich hier mit dem anti-naturalistischen Schauspiel des neuen deutschen Films. Die Folge: oft verblüfftes Lachen, wie sich in einer so künstlichen Konstellation so viel Welthaltigkeit entfalten kann. "Ich wollte etwas machen, wofür es nicht so richtig Vorbilder gibt", umreißt Heinrich ihren filmischen Ansatz und nennt doch Granden wie Harun Farocki oder Ula Stöckl als wichtige Bezugspunkte.

Ganz allein ist Heinrich mit ihrem Kino aber auch heute nicht. Die dffb-Absolventen Max Linz und Julian Radlmaier haben schon ähnlich diskursversierte Komödien vorgelegt. Vor allem der Nachhall von Linz' Kulturbetriebsfarce "Ich will mich nicht künstlich aufregen" von 2014, in dem theorieüberhitzte Kreative beim Brecht-Yoga entspannen, ist im "Melancholischen Mädchen" deutlich zu vernehmen.

"Ich imitier' mich selbst"

Der Vergleich mit Radlmaiers "Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes", dem Debüt-Kritikerhit von 2018, ist gleichwohl instruktiv. Denn wo sich Radlmaier in der Tradition eines Woody Allen als Hauptdarsteller in den eigenen Film hineinschlawinern kann und sowohl den bürgerlichen Hund als auch den selbstironischen Regisseur geben kann, steht das melancholische Mädchen ikonografisch allein da. Sie muss sich selbst erfinden, zieht Teddy-Mantel und Doc Martens für den Wiedererkennungseffekt an, macht sich selbst zur Marke und weiß auch noch um die Widersprüche, in die sie sich damit verstrickt. "Ich imitier' mich selbst", singt sie in Episode 7, einem Musikclip in der Mitte des Films.

Im Video: Susanne Heinrich erklärt eine Szene aus "Das melancholische Mädchen"

Foto: SPIEGEL ONLINE

Alternativen zu oder zumindest Fluchtperspektiven aus diesen Verstrickungen zeigt der Film nicht auf. Am Ende isst das melancholische Mädchen minutenlang ein Eis, einfach weil Frauen im Film so selten beim genussvollen Essen gezeigt werden.

Das Ende vom Kapitalismus sieht sicherlich anders aus, der Anfang von etwas Neuem im deutschen Kino aber schon eher.

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