Kultur

Krimi über Trickbetrügerin

Trauen Sie bloß nicht Ihrer Enkelin!

Wie entkommt man dem Elend eines Callcenters? Im preisgekrönten Schweizer Debütfilm "Dene wos guet geit" entdeckt eine junge Frau ihr kriminelles Talent - dank Zugriff auf Daten und Emotionen ihrer Mitmenschen.

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Donnerstag, 18.07.2019   20:22 Uhr

"Sie fühlen sich vielleicht unwohl wegen dem Modem im Raum?", könnte Alice auch Sie schon einmal gefragt haben. Wenn Sie zufälligerweise in Zürich wohnen. Denn Alice (Sarah Stauffer) arbeitet in einem Callcenter, das allerhand tolles Zeug an die Menschen zu bringen versucht. Die neue Krankenkasse ("Die günstigste im Raum Zürich"), den neuen Handytarif von Everywhere Schweiz. Solche Sachen.

Alice und ihre Kollegen fragen für diese Zwecke gern allerhand Daten ab. Unter anderem auch Kontostände. Beträchtliche Summen treten da zum Vorschein. In "Dene wos guet geit" ist die Schweiz in der Mehrheit wirklich das, als was man sie kennt: reich. Nur Alice ist es nicht. An die zwanzig Franken stündlich sind im Callcenter zu verdienen. Sie besitzt aber eigentlich viel mehr: das Wissen um Daten. Und dass die wiederum bares Geld wert sind, ist längst kein Geheimnis mehr. Man muss sie nur zu nutzen wissen.

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"Dene wos guet geit": Hier sind Ihre Daten unsicher

Autor und Regisseur Cyril Schäublin schenkt den zahllosen Zahlen- und Buchstabenketten in seinem Film endlich den Platz, den sie auch in unseren Leben längst besitzen: einen in den ganz vorderen Reihen. Kaum ein Tag, an dem man keine PIN einzugeben aufgefordert wird, keine IBAN, keine Personalausweisnummer, kein Passwort, keinen Tür- und Gutscheincode. Selbst die Schweizer Nationalflagge kommt in "Dene wos guet geit" ohne digitalen Schlüssel nicht nach oben. Er lautet: Q773.

Schäublin, geboren und aufgewachsen in der Schweiz, hat an der Berliner Film- und Fernsehakademie dffb studiert. Dass er sich für eine bestimmte Perspektive auf digitale Zeiterscheinungen interessiert, das ist bereits zehn Jahre vor "Dene wos guet geit" zu merken.

In seinem Kurzfilm "Lenny", der 2009 im Rahmen seines Studiums entstanden ist, und in dem unter anderem eine sehr junge Lilith Stangenberg in eine Webcam spricht, verlässt man immer wieder die Zimmer mit den Computern und Bildschirmen darin und findet sich an Berliner Nichtorten wieder, zwischen Anzeichen moderner Architektur und leeren Plätzen, Betonfassaden und grauem Grund. Aber selbst hier, und das ist das Spannende, wirkt die Technik nie fern: Nahezu jedes Bild erweckt den Anschein, als könnte es auch von einer Überwachungskamera aufgenommen worden sein. Von den heimlichen, immer wachen Kameraleuten.


"Dene wos guet geit"
Schweiz 2017

Buch und Regie: Cyril Schäublin
Darsteller: Sarah Stauffer, Nikolai Bosshardt, Fidel Morf, Belgouidoum Chihanez, Toni Majdaladi
Produktion: Seeland Filmproduktion, Amon Films
Verleih: déjà vu Filmverleih
Länge: 71 Minuten
Start: 18. Juli 2019


Es ist ein distanzierter und gleichsam distanzloser Blick, der sich so offenbart. Er ist sachlich und lässt, vielleicht gerade deswegen, sehr viel Raum für Interpretation. Auch "Dene wos guet geit" formt sich retrospektiv aus solcher Art Bildmaterial, das mal unheimlich, dann banal, aber häufig auch komisch im Sinne von lustig wirkt. Zu sehen dann: Alice. Eine junge Frau, wie man sie in allen möglichen Städten mit Weltklang antreffen kann. Mittellange, leicht aufgehellte Haare. Schlicht, dabei schick und cool. Den Pony zurückgeworfen, die Augenbrauen mit einem Stift verdickt, einen Rucksack umgehängt. Alice ist unauffällig. Aber bei Schäublin ist sie das Element, das alle zunächst disparat anmutenden Teile der Geschichte zu einem Ganzen verbindet.

Wie in "Lenny", wo eine junge Frau ihre Wünsche (Freunde auf der ganzen Welt, Geld) via Technik einer potenziellen Internetgemeinschaft anvertraute, verbergen sich auch hinter den erst einmal blanken, abstrakten Zahlenketten und Codes ganz menschliche Sehnsüchte. Oder wie die Polizei im Film weiß: "Man muss sich einfach absichern, auf allen Ebenen." Und ja: Man kann Gebäude absichern, indem man sie ausschließlich mit Fingerabdrücken passierbar macht, Konten mit diversen Sicherheitsabfragen versieht und so weiter.

Alice aber, und das ist das Kluge, Perfide und Amüsante dieses Films, unterläuft all dies, indem sie eine noch viel größere Sehnsucht als die nach Sicherheit für sich nutzbar macht und bald missbraucht: die nach menschlicher Wärme und Zusammenhalt.

Im Video: Der Trailer zu "Dene wos guet geit"

Bezeichnenderweise findet sie die am stärksten Empfänglichen nicht in ihrer Altersgruppe (die tauscht sich lieber über das zu erwartende Erbe aus), sondern bei den Senioren. Was es bei denen zu holen gibt, hat Alice freilich längst abgefragt. Viele Hunderttausende Franken, die sogleich abschmelzen, wenn ein paar heiße Tränen, geweint von der Enkelin in Not, auf sie tropfen. "Dene wos guet geit" ist ein stiller Krimi über Trickbetrug. Aber eben auch viel mehr.

insgesamt 4 Beiträge
odenkirchener 19.07.2019
1. Sprache
Dann hoffe ich mal die Schweizer TATORT Macher beenden dieses Synchronisations Debakel. Können die Österreicher doch auch. Und bleiben trotzdem durch ihre Sprachfärbung als solche erkennbar. Und hoffentlich haben sie den [...]
Dann hoffe ich mal die Schweizer TATORT Macher beenden dieses Synchronisations Debakel. Können die Österreicher doch auch. Und bleiben trotzdem durch ihre Sprachfärbung als solche erkennbar. Und hoffentlich haben sie den Hauptdarstellerinnen nicht eine Rolle bis zur Rente versprochen. Und die spielen dann entsprechend verschnarcht. . .
Andreasjilg 19.07.2019
2. Die Frau ist eine Verbrecherin
und eine ziemlich gemeine dazu. Kapitalismuskritik, wenn überhaupt sinnvoll, geht anders. Die Arglosigkeit und Einsamkeit alter Menschen, denen es meist durch harte Arbeit "gut geht", auszunutzen, ist niederträchtig. [...]
und eine ziemlich gemeine dazu. Kapitalismuskritik, wenn überhaupt sinnvoll, geht anders. Die Arglosigkeit und Einsamkeit alter Menschen, denen es meist durch harte Arbeit "gut geht", auszunutzen, ist niederträchtig. Neben den materiellen Verlusten leiden die Opfer oft lebenslang an der Scham auf einen billigen Trick hereingefallen zu sein. Solche Leute gehören vor Gericht und nicht vor eine Filmkamera, die wegen der hohen Lebenshaltungskosten in Zürich Verständnis für die Täterin mitschwingen lässt.
stefank 19.07.2019
3. Irrtum
" Solche Leute gehören vor Gericht und nicht vor eine Filmkamera, die wegen der hohen Lebenshaltungskosten in Zürich Verständnis für die Täterin mitschwingen lässt." - Falls Sie demnächst eine andere [...]
" Solche Leute gehören vor Gericht und nicht vor eine Filmkamera, die wegen der hohen Lebenshaltungskosten in Zürich Verständnis für die Täterin mitschwingen lässt." - Falls Sie demnächst eine andere "Doku", z.B. "Stagecoach" sehen: Die Indianer und Cowboys sind gar nicht tot und stehen nach den Dreharbeiten wieder auf. Und Schauspieler gehören vor eine Kamera, nicht vor Gericht.
Andreasjilg 19.07.2019
4. Natürlich ist es ein Film
und Frau Stauffer spielt Alice auch wirklich gut. Doch der Film hat eben auch einen Subtext und in diesem sympathisiert man sehr stark mit der Täterin. Mir zu viel.
und Frau Stauffer spielt Alice auch wirklich gut. Doch der Film hat eben auch einen Subtext und in diesem sympathisiert man sehr stark mit der Täterin. Mir zu viel.
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