Kultur

Trauerdrama "Die untergegangene Familie"

Vielleicht helfen Geister

In ihrem Regiedebüt zeichnet María Alché das Porträt einer Frau, die nicht über den Tod ihrer Schwester hinwegkommt. Verliert sie den Halt im Leben? Ein fantastisch-subtiler Film über Verlust.

Cine Global
Von Sven von Reden
Donnerstag, 12.09.2019   20:53 Uhr

"Wie ist die Lage so?", fragt Marcela einen Bekannten in einer Szene von "Die untergegangene Familie". "Unberechenbar und mysteriös", antwortet der nur. Mit diesen beiden Adjektiven ließe sich auch María Alchés Film gut beschreiben. Die argentinische Schauspielerin versteht es, in ihrem Regiedebüt eine eigentlich simple Geschichte in unerwartete Richtungen zu entwickeln und dabei die Grenze zwischen Realität und Phantasma zu verwischen.

Hauptfigur Marcela streift in den ersten Einstellungen durch eine Wohnung. Die Gardinen sind zugezogen und tauchen die Räume in ein diffuses Sommerlicht - Gardinen werden in der Folge eine wichtige Rolle spielen als eine Art Membran zwischen Dies- und Jenseits. Es klingelt an der Tür, Marcela öffnet einer Nachbarin. Aus dem folgenden Gespräch wird klar, dass sie sich in der Wohnung ihrer kürzlich überraschend verstorbenen Schwester befindet. Während die Nachbarin ihrer Trauer mit niedergeschlagenen Augen und brüchiger Stimme Ausdruck verleiht ("Sie war einzigartig, magisch"), lässt sich der Gesichtsausdruck der schweigsamen Marcela nicht so leicht lesen.

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"Die untergegangene Familie": Kleine Fluchten aus dem Alltag

Mit der Zeit wird deutlich, dass die Mittfünfzigerin das Ereignis einfach noch nicht richtig realisiert hat. Für Innehalten und Trauer bleiben Marcela auch nicht viel Zeit - ihr Alltag als Mutter dreier pubertierender Kinder ist aufreibend genug. In einer Szene beginnt sie unvermittelt zu weinen, als sie ihrem Sohn bei den Hausarbeiten hilft, aber ansonsten behält sie die Contenance.

Die wunderbare argentinische Schauspielerin Mercedes Morán, in Deutschland zuletzt in Pablo Larraíns "Neruda" zu sehen, spielt Marcela zurückgenommen. Doch in ihrem Blick sieht man, dass sich hinter der Fassade der betriebsamen Mutter eine tiefe Unsicherheit breitmacht.

Als ihr Mann sich auf eine Dienstreise verabschiedet, begibt sie sich auf kleinere Fluchten aus ihrem bislang so durchgetakteten Alltag: Sie trifft sich öfter mit Nacho, einem deutlich jüngeren Bekannten ihrer Tochter, der ebenfalls seinen Halt verloren hat. Er lebt in einem Hotel und stromert ziellos, fast wie ein Geist, durch Buenos Aires.


"Die untergegangene Familie"
Originaltitel: "Familia sumergida"
Argentinien, Brasilien, Deutschland, Norwegen 2018
Buch und Regie: María Alché
Darsteller: Mercedes Morán, Marcelo Subiotto, Esteban Bigliardi, Diego Velázquez, Laila Maltz
Verleih: Cine Global
Länge: 91 Minuten
FSK: frei ab 0 Jahren
Start: 12. September 2019


Aber auch mit "echten" Geistern kommuniziert Marcela. In einer Szene sitzen plötzlich zwei grell geschminkte ältere Frauen auf ihrem Sofa. Sie sind offenbar zwei Kokons entschlüpft, die sie aus Marcelas Gardinen gedreht haben. Die Frauen entpuppen sich als ihre verstorbenen Tanten, die beim Kaffee über die Familiengeschichte plaudern. Immer häufiger hat Marcela solche Besucher aus der Vergangenheit.

Übergangslos wechselt der Film zwischen der Realität und Marcelas Phantasmen. Oder genauer: Von Anfang an suggerieren die Bilder, Marcela erlebe die Trauerphase wie eine Art Tagtraum. Kamerafrau Hélène Louvart, die schon für Wim Wenders und Agnès Varda gearbeitet hat, taucht die Szenerie immer wieder in ein diesiges Gegenlicht, das durch Vorhänge und Gardinen gebrochen wird. Totalen gibt es wenige, sodass es schwerfällt, in den zugestellten Innenräumen den Überblick zu behalten. Dieser subtil desorientierende Stil erinnert ein wenig an die Filme von Lucrecia Martel, Alchés Landsfrau, für die sie in "La niña santa" vor der Kamera stand und die im Abspann von "Die untergegangene Familie" als "kreative Beraterin" gelistet ist.

Das Fantastische bleibt beiläufig und letztlich unerklärt in einer ansonsten realitätsnah gezeichneten Welt: Damit knüpft "Die untergegangene Familie" an die literarisch-künstlerische Tradition des Magischen Realismus an, die der argentinischen Literatur zu Weltruf verholfen hat. Das Set-Design erinnert passenderweise an die magisch-realistischen Stillleben des deutschen Malers Alexander Kanoldt.

Im Video: Der Trailer zu "Die untergegangene Familie"

Foto: Cine Global

Auch dadurch gelingt es Alché, die Gedankenwelt ihrer Hauptfigur filmisch zu vermitteln, ohne auf erklärende Dialoge oder aufgesetzte Dramatik angewiesen zu sein. In "Die untergegangene Familie" braucht es keine tränenreichen Reden am Grab, keine familiären Zerwürfnisse und keine großen Enthüllungen, um erfahrbar zu machen, was der Tod eines nahen Menschen bedeutet.

insgesamt 1 Beitrag
Hudson, Jane 13.09.2019
1. Augmented Reality
Das - und nichts anderes - ist die eigentliche AG. Das Verlorene. Das Untergegangene. Das gebrochene Licht. Submergenz eben!
Das - und nichts anderes - ist die eigentliche AG. Das Verlorene. Das Untergegangene. Das gebrochene Licht. Submergenz eben!
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