Kultur

Darstellung von Rechten im Dokumentarfilm

Ausgespielt

Wann wird ein Dokumentarfilm über Rechte zur Plattform für Rechte? Auch in diesem Jahr kriegte das Dokumentarfilmfestival Dok.Leipzig die Diskussion nicht in den Griff.

DOK Leipzig

Szene aus "Lord of the Toys" mit Max Herzberg im Vordergrund

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Montag, 04.11.2019   16:52 Uhr

Ein Festival an seinen Grenzen: So zeigte sich Dok.Leipzig, das größte deutschsprachige Festival für Dokumentar- und Animationsfilm, in diesem Jahr. Angefasst von Kritik an seiner Filmauswahl, überfordert von der selbst gestellten Aufgabe, Ärger in konstruktive Diskussionen zu überführen, ist Dok.Leipzig zu einem Lehrstück geworden, was alles im Umgang mit politisch heiklen Filmen misslingen kann.

Den Anfang nahm die Diskussion 2017, als das Festival "Montags in Dresden", einen Film über die Dresdener Pegida-Demos, zeigte. Haltungslosigkeit wurde Filmemacherin Sabine Michel vom Publikum vorgeworfen, es kam zu Diskussionen nach jedem Screening. Schließlich sah sich das Festival genötigt, eine Stellungnahme zu veröffentlichen, in der man die "offene Herangehensweise" von Michel verteidigte und gleichzeitig versicherte, keinerlei Aktionen von Pegida zu unterstützen.

2018 spitzte sich die Auseinandersetzung dann zu, als "Lord of the Toys" ins Programm genommen wurde - ein kalkuliert unkritisches Porträt der YouTuber rund um den erfolgreichen Dresdner Influencer Max "Adlersson" Herzberg. Ohne die Selbstinszenierung der Social-Media-Profis nennenswert zu brechen, zeigt der Film die jungen Männer beim Kampftrinken und gegenseitigem Fertigmachen, aber auch beim Reißen rechter Witze und Parolen - und am Ende sogar bei einer rassistisch motivierten Schlägerei auf dem Oktoberfest.

Im Video: Der Trailer zu "Lord of the Toys"

"Das Fäustchen des Ostens riskiert dafür (fürs krass sein, Anm.d.R.) auch mal die Nazilippe und Cybermobbing, das im Realen eskaliert", spielte der Festivalkatalog das Gezeigte witzelnd runter. "Keinerlei politische Überzeugungen" wollten auch die Filmemacher Pablo Ben Yakov und André Krummel bei ihren Protagonisten ausgemacht haben. Alles an Hetze sei schlicht durch die Aufmerksamkeitsökonomie der sozialen Medien forciert, die extremes Verhalten geldwert mache.

Die Verharmlosungsstrategien der Filmemacher, zu denen es im Film zum Beispiel gehört, bei dem Übergriff auf dem Oktoberfest nach kurzer Zeit die Kamera auszuschalten oder bei Gesprächen über NPD-Kontakte auszublenden, wurden scharf kritisiert - genauso wie der Umgang des Festivals mit dem Film selbst. Die Leipziger Cinématèque, als offizielle Festivalspielstätte zur Aufführung von "Lord of the Toys" vertraglich verpflichtet, distanzierte sich vom Gezeigten ("Unsere Bühne und unser Saal gehören keinen Nazis!") und rief auf zu "einer kritischen Auseinandersetzung, die dem Film im Rahmen des DOK Leipzig bisher nicht zuteil wurde".

Viel zu wenig Zeit

Der Abend endete in einer nach Augenzeugenberichten emotional extrem aufgeladenen Diskussion. Die Filmemacher stießen auf ein aufgebrachtes Publikum, das noch unter den Eindrücken rechter Gewalt stand: 2016 war es zu einem Überfall von Neonazis auf den benachbarten Stadtteil Connewitz gekommen.

Nach dem Abend in der Cinématèque berichteten Ben Yakov und Krummel, sie hätten sich "noch nie so diskriminiert gefühlt". Am Ende gab es trotz allem den Hauptpreis: Die Jury für den deutschen Wettbewerb, bestehend aus dem Vorsitzenden der DEFA-Stiftung Ralf Schenk, der Filmwissenschaftlerin Brigitte Mayr und der Schriftstellerin Helene Hegemann, zeichnete "Lord of the Toys" mit der Goldenen Taube aus.

Wie das alles passieren konnte, sollte 2019 nun anhand eines Symposiums aufgearbeitet werden. Titel: "Wem gehört die Wahrheit?" Die Diskussion um den Stein des Anstoßes, eben "Lord of the Toys", war jedoch als letzter Punkt des insgesamt zweitätigen Programms für den Freitagabend angesetzt. Viel zu wenig Zeit, um die Debatte in Ruhe zu führen - zumal auch noch Dok.Leipzig-Programmchef Ralph Eue, verantwortlich für die Einladung von "Lord of the Toys" ins Festival und die Planung des Symposiums, einen von zwei noch möglichen Wortbeiträgen aus dem Publikum bestritt.

"Doors gegen Dostojewski"

"Lord of the Toys" wurde während des Symposiums nicht noch einmal gezeigt, sondern als bekannt vorausgesetzt - was bei einem Film, der nach sehr kleinem Kinostart weder auf Streamingportalen noch als DVD verfügbar ist, eine schwierige Annahme ist. Stattdessen lief "Stau" von Thomas Heise, ein Dokumentarfilm von 1992 über eine Gruppe junger Nazis in Halle. Der Vergleich mit "Lord of the Toys" war damit ebenso naheliegend wie unproduktiv, da es keine direkte Gegenüberstellung geben konnte.

Jana Mila Lippitz/ DOK Leipzig

Die Filmemacher André Krummel (links) und Pablo Ben Yakov auf dem Podium

Das Podium, bestehend aus den Filmemachern Thomas Heise, Pablo Ben Yakov und André Krummel sowie Helene Hegemann und Matthias Dell (der auch für den SPIEGEL als freier Autor schreibt) und moderiert von der Filmwissenschaftlerin Stefanie Diekmann, versuchte es in Ansätzen trotzdem. Dieses Bestreben wurde dann aber von Programmer Eue mit einer Susan-Sontag-Paraphrase in Abrede gestellt: Hier würde einem der Vergleich zwischen Dostojewski und den Doors aufgezwungen, man müsse sich doch gar nicht zwischen den Filmen entscheiden.

Das wurde wiederum von Teilen des Publikums und des Podiums verärgert abgetan, schließlich war die Kanonisierung von "Lord of the Toys" durchs Festival ja gerade das, worüber gestritten werden sollte.

Trotzdem war das Statement aufschlussreich, denn es belegt, wie zwiespältig das Verhältnis des Festivals zu wirklich offenen Diskussionen ist. Bereits im März hatte das Festival der Cinématèque die Zusammenarbeit "bis auf Weiteres" gekündigt - wegen "Geschehnissen rund um den Film 'Lord of the Toys'", zu denen sich das Festival auf SPIEGEL-Nachfrage aber nicht genauer äußern wollte. Für das kommunale Kino wäre die Absage nach eigenen Angaben existenzbedrohend gewesen, hätte es nicht für 2019 eine neue Finanzierung erschlossen gehabt.

Nur halb willkommen geht nicht

Dennoch hält man sich auch bei der Cinématèque die erneute Zusammenarbeit mit Dok.Leipzig offen: Weil man selbst unglücklich mit der chaotischen Diskussion 2018 war - und weil 2020 eine neue Festivalleitung im Amt sein wird. Christoph Terhechte, langjähriger Leiter der Sektion Forum der Berlinale, übernimmt von Leena Pasanen, die nach fünf Jahren abtritt.

DOK Leipzig

Filmstill aus "Zustand und Gelände", dem deutschen Gewinnerfilm 2019

Was Terhechte in Bezug auf Filme wie "Lord of the Toys" besser machen kann, ist aber schwer zu beziffern. Festivals sind immer auch Gastgeber für Filmschaffende und ihre Werke, nur halb willkommen können diese nicht sein, eine grundlegende Distanzierung kann letztlich nur durch Nicht-Einladung erfolgen. Die entscheidenden Diskussionen müssen deshalb in den Auswahlkommissionen stattfinden. Hier muss geprüft werden, ob einem Film die Distanzierung zu seinem Gegenstand gelingt. Mit welchen Mitteln das erreicht werden kann, hätte das Symposium mit einer genauen, öffentlichen und kollektiven Analyse von Filmen wie "Stau" oder "Lord of the Toys" erbringen können. Doch diese Chance wurde vertan.

Für ein wenig Ehrenrettung sorgte immerhin die neue Jury des deutschen Wettbewerbs, indem sie "Zustand und Gelände" von Ute Adamczewski auszeichnete. In einer extrem präzisen Montage von aktuellem Bildmaterial und archivierten Schriftstücken aus Sachsen zeigt die Filmemacherin, wie schon in den ersten Monaten der Naziherrschaft das Instrument der sogenannten Schutzhaft Sadismus und Profitgier in der deutschen Gesellschaft entfesselte. Zumindest auf diese Auszeichnung kann sich der neue Festivalleiter stützen.

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