Kultur

Dokumentarfilm "Erde"

Der Zerstörung entkommt auch der Mensch nicht

Wo hört die Gestaltung durch den Menschen auf, wo beginnt der Raubbau? An sieben Orten, an denen massiv in die Natur eingegriffen wurde, spürt Nikolaus Geyrhalter in unserem Film der Woche der Frage aller Fragen nach.

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Freitag, 05.07.2019   16:40 Uhr

Einer der Tricks von Nikolaus Geyrhalter ist es, in seinen Bildern unmittelbaren Kontext auszuklammern: Zu Beginn seines neuen Films "Erde" schiebt ein einsamer Bagger einen Haufen Erde einen Abhang schräg herunter. Das kann man erst einmal nicht verstehen, weshalb die Szene ein wenig lustig wirkt, aber auch ein wenig erhaben. Jemand scheint hier schließlich einen größeren Plan zu verfolgen.

Vollständig auf Kontext verzichtet Geyrhalter aber nicht, es ist nur ein viel größerer Bezugsrahmen, den er jenseits der einzelnen Einstellung aufspannt, oftmals sogar der größte. "Abendland" und "Homo Sapiens" heißen seine Filme, der aktuelle eben: "Erde". Da ist sie dann wieder, eine religiös aufgeladene Bedeutungsebene. Sie findet sich ebenfalls im Bildaufbau. In langen, statischen Einstellung aus leicht erhobener Perspektive schaut Geyrhalters Kamera auf das Geschehen, auf das Oktoberfest ("Abendland", 2011), das Grenzgebiet zu Tschernobyl ("Pripyat", 1999), eine entweihte und verfallene Kathedrale ("Homo sapiens", 2016).

Fotostrecke

"Erde" von Nikolaus Geyrhalter: Der lange Anfang vom Ende

Diesen allmächtigen Blick untergräbt Geyrhalter im eigenen Werk immer wieder, er hat tolle Interviewfilme gedreht, die maßgeblich vom Austausch mit klugen Protagonistinnen und Protagonisten leben. Seine wunderbare Langzeitbeobachtung "Über die Jahre" (2015) thematisierte die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit, "Die bauliche Maßnahme" (2018) den möglichen Bau eines Zauns am Brenner, der Geflüchtete fernhalten sollte.

In "Erde" führt Geyrhalter nun beides zusammen, die göttliche Draufsicht und den menschlichen Einblick. An sieben Orten, an denen Tage- oder Tiefbau betrieben wird, erkundet er, wie dort der Eingriff in die lokale Geologie vollzogen wird. Dazu gehören der Marmorabbau im italienischen Carrara, der Braunkohletagebau im ungarischen Gyöngyös, die Schleifung von Bergen im kalifornischen San Fernando Valley, die Lagerung von Atommüll im ehemaligen Salzbergwerk von Wolfenbüttel, der "Asse".

Die jeweiligen Vorgänge - und Geyrhalters opulente Bilder davon - schlicht als Raubbau an der Natur zu beschreiben, greift zu kurz, wie seine Interviews zeigen. In Gyöngös wurde 2017 beim Kohleabbau ein prähistorischer Sumpfzedernwald entdeckt, der Aufschluss über Flora und Fauna von vor sieben Millionen Jahren gibt. Ein Geologe, der in den spanischen Riotinto-Minen arbeitet, erzählt, dass der Erzabbau dort bereits von den Römern betrieben wurde. Eine Ingenieurskollegin schwärmt davon, wie unvorhersehbar der Erzabbau noch immer ist: "Wir können immer noch etwas besseres entdecken", Erz mit einer viel höheren Dichte.


"Erde"
Österreich 2019

Buch, Kamera und Regie: Nikolaus Geyrhalter
Produktion: NGF, ORF, ZDF, 3Sat
Verleih: Real Fiction
Länge: 115 Minuten
Start: 4. Juli 2019


Es ist die große Frage des Zeitalters des Menschen, die sich über die Episoden von "Erde" entfaltet und verkompliziert: Wo hört die Gestaltung der Erde durch den Menschen auf, und wo beginnt die Zerstörung?

Eine direkte Antwort bietet der Film nicht. Die Erschütterung eines ungarischen Baggerfahrers aus dem Kohleabbau darüber, wie verheerend sich seine Arbeit auf den Klimawandel auswirkt, steht neben der Lobeshymne einer österreichischen Ingenieurin auf die technischen Leistungen beim Bau des Brennerbasistunnels. Die klarsten Worte stammen von einer Museumsführerin aus Gyöngös, die die Bedeutung des Sumpfzedernwald-Funds erläutert. Sie erinnert daran, dass die Dinosaurier sehr viel länger auf der Erde gelebt haben, als es der Homo sapiens bislang getan hat und wohl auch tun wird.

In der Unbeantwortbarkeit der oben gestellten Frage besteht womöglich eine andere, entscheidendere Art von Antwort. Gerade weil wir nicht zwischen Gestaltung und Zerstörung unterscheiden können, werden wir der Zerstörung - der gewollten ebenso wie der ungewollten - nicht entkommen können. Man könnte das auch als die große Ironie des Anthropozäns beschreiben: Im Moment seiner größten Macht über die Erde kann der Mensch diese Macht nicht sichern.

Im Video: Der Trailer zu "Erde"

Ob wir im Vergleich zu den Dinosauriern eine gute Spezies seien, fragt Geyrhalter die Museumsführerin an einer Stelle. "Das kann man mit Sicherheit noch nicht sagen", antwortet sie, "aber ich denke, es ist unwahrscheinlich, dass wir auf dem richtigen Weg sind."

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