Kultur

Dokumentarfilm

"Ich komm aus Kreuzberg, du Muschi"

Die Pubertätsstudie "Prinzessinnenbad" porträtiert drei 15-jährige Mädchen aus Kreuzberg. Es geht um Jungs, Sex, Drogen, Freundschaft - um die Suche nach Halt in einem Leben mit wenig Orientierung.

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Sonntag, 11.02.2007   12:50 Uhr

Berlin - Wer mit Tanutscha telefonieren will, sollte sich keine Illusionen machen. Denn Tanutscha fragt Sachen wie: "Hast du dieses Mädchen entjungfert?" oder: "Soll ich dich einschätzen? Du bist Deutscher, aus Marzahn oder ein Türke, aber ein dreckiger Türke, der sich nicht unter den Achseln rasiert und nur einmal die Woche duscht. Der in den Puff geht oder nach Reinickendorf zu so ner Super-Ossischlampe." Und wie ist sie selbst? "Ich bin so, wie ich bin", sagt Tanutscha, guckt aus dem Fenster, wirft die Haare zurück, zieht an ihrer Zigarette. Schnitt, nächste Szene: Tanutscha und ihre Freundin beim Schminken.

Tanutscha ist 15, brünett, schmolllippig und telefoniert mit Fremden. "Echte" Männer haben sie in ihrem Leben bisher immer enttäuscht.

Tanutscha lebt in Berlin-Kreuzberg. Genau wie ihre gleichaltrigen Freundinnen Klara, ehemals chronische Schulschwänzerin mit geschätzten 31 Beziehungen, und Mina, die seit zehn Monaten mit ihrem fünf Jahre älteren Freund zusammen ist. Die Regisseurin Bettina Blümner hat einen 90-minütigen Dokumentarfilm über die drei Kreuzberger Mädchen gedreht - zwei Sommer lang. Entstanden ist "Prinzessinnenbad", eine Pubertäts-Studie, koproduziert vom Rundfunk Berlin Brandenburg und von Arte, die in der Reihe "Perspektive Deutsches Kino" auf der Berlinale läuft.

"Kein Heroin und nicht schwanger werden"

Alles beginnt im Kreuzberger "Prinzenbad", szenischer Anker und Namensgeber des Films und schon Schauplatz von "Herrn Lehmann". Die drei "Prinzessinnen" checken die Lage von der Liegewiese aus: Klara raucht, Mina rasiert sich die Beine, Tanutscha tuscht sich die Wimpern. Weiter geht es mit Mütter-Töchter-Gesprächen an den heimischen Küchentischen, beim Biertrinken im Park, in Cafés und Bars und in Klaras "Schwänzerschule". So nennt die 15-Jährige das "Move-Schulverweigerungsprojekt", in das das Jugendamt sie verfrachtet hat. Die Kamera zeigt Tanutscha, Klara und Mina bei ihren Streifzügen durch die Stadt. Ihr Soundtrack: türkische Popmusik, deutscher HipHop.

Aber was aussieht wie eine schöne, wilde Jugend, ist oft einfach ziemlich düstere Realität. In "Prinzessinnenbad" geht es um Drogen (Klara: "Hab zwei Pillen genommen und dann denkst du, du bist die Schönste"), den Umgang mit zerrütteten Familien ("Wer wünscht sich nicht, seine Eltern zusammen am Frühstückstisch zu sehen?"), Scheitern in der Schule, frühen Sex, Liebeskummer und Freundschaften. Und es geht um Zärtlichkeit und Halt, den die drei Mädchen oft nur beieinander finden. Denn Mina, Klara und Tanutscha sind jetzt aus dem "Gröbsten raus", wie ihre Mütter glauben. Klaras Mutter hat ihre Erziehung auf zwei Regeln eingedampft: "Kein Heroin, nicht schwanger werden".

"Prinzessinnenbad" ist ein zurückhaltender Film - und gerade deshalb engagiert. Die Filmemacher stellen den Mädchen nichts; die Dialoge mit ihren Freunden, den türkischen Jungs (Klara: "Deutsche Männer sind geizig, türkische Typen find' ich einfach geil") entspinnen sich ohne Eingriff von außen. Nachteil des diskreten Verfahrens: Die Mädchen werden nicht aus der Reserve gelockt.

Stattdessen das Selbstgespräch einer Freundinnenclique, die den Dialog mit pädagogischen, sozialen und kulturellen Instanzen um so dringender bräuchte. Wenn die Mutter keine Grenzen setzt, sucht sie sich Klara eben woanders - nur um gleich darauf wieder rebellieren zu können. Deutsche Männer seien nichts für sie, sie wolle Türken, weil die ihren Frauen verbieten in die Disco zu gehen. "Ich mach's dann ja trotzdem", sagt Klara. Tanutscha unterdessen trainiert sich in Telefonflirts. Einer der um sie buhlenden Anonymen fragt: "Bist du aus Reinickendorf?" Natürlich nicht: "Ich bin aus Kreuzberg, du Muschi", sagt Tanutscha.

Am Ende ist Winter im "Prinzessinnenbad". Mina ist 16 geworden und zählt die Tage bis George, ihr Freund, aus Südamerika zurückkommt. Und Klara lernt am Ende einen 24-jährigen Türken kennen, der sie "seinen kleinen blonden Engel nennt" und den sie sogar auch mal zurückruft. Jungs hinterherrennen, das würde sie sonst nie machen. Sie ist ja eine Prinzessin - ohne Königreich und mit wenig Perspektiven.

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