Kultur

Spätes Sommerkino

Hellwach und verträumt zugleich

Erotische Kapitalströme an der Côte d'Azur: Rebecca Zlotowski gelingt mit "Ein leichtes Mädchen" ein ausnehmend kluger Sommerfilm, in dem sie ein ehemaliges Escort-Girl irgendwie auch sich selbst spielen lässt.

Foto: Alamode
Von Esther Buss
Mittwoch, 11.09.2019   06:59 Uhr

Sofia am Strand. Sie genießt die Sonne, das Meer und ihren prallen Körper, an ihrer Bikinihose klimpert ein Goldkettchen mit Erdbeeren. Der Film genießt mit - und er lässt sich von der Aura der jungen Frau gerne anfixen, die gleichermaßen sensuell wie entrückt wirkt. Die Schaulust, der sich "Ein leichtes Mädchen" offen hingibt, hat bei aller Emphase etwas Feines. Ihr Antrieb sind Bewunderung, Staunen - und Interesse.

Denn erzählt wird Rebecca Zlotowskis Film aus der Perspektive ihrer jüngeren Cousine Naïma (Mina Farid): Gerade 16 geworden, mit der Schule fertig und im Unterschied zu der erfahrenen Sofia (Zahia Dehar) noch ein waschechter Teenager, der lästige Fragen nach Berufswahl und Zukunft mit einem kindlichen Achselzucken beantwortet.

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"Ein leichtes Mädchen": Gucken und genießen

Sofia, die zu Beginn der Sommerferien plötzlich auftaucht, nimmt Naïma wie eine Schwester an die Hand. Ihre Anwesenheit, die den aufgekratzten Charme ihres schwulen Freundes Dodo vorübergehend in den Schatten stellt, scheint ihre begrenzte Welt unmittelbar zu vergrößern. Spürbar ist das selbst noch, wenn die beiden Cousinen in der kleinen Hochhauswohnung in Cannes, in der Naïma mit ihrer Mutter lebt, auf dem schmalen Balkon mit den zerschlissenen Markisen sitzen.

Bei Badeausflügen und Klubbesuchen zieht Sofias artifizielle Schönheit und Laszivität alle Blicke auf sich - so auch die von Andres (Nuno Lopez). Der brasilianische Multimillionär und Kunstsammler ist mit seinem Mitarbeiter Philippe (Benôit Magimel) auf der "Winning Streak" (Glücksträhne) unterwegs. Abends liegt die Luxusjacht am Hafen von Cannes direkt an der Promenade: Das Deck eine Bühne mit Abendprogramm fürs Eis schlotzende Fußvolk. Sofia, die eine professionelle Routine darin hat, die Zeichen des Tauschs auszusenden, wird bald auf die andere Seite geladen. Naïma erhält so Einlass in eine Welt, die ihr allenfalls vom unteren Rand der Dienstleistungsetagen bekannt ist.

Sie suche nicht nach Liebe und Gefühlen, erklärt Sofia ihrer Cousine einmal. Was sie dagegen reizten seien Abenteuer und Empfindungen ("sensations"). Auch das Kino von Rebecca Zlotowski, seit ihrem Debüt "Belle épine" (2010) eine der interessantesten Filmemacherinnen Frankreichs, ist eines der Empfindungen, Atmosphären und Wahrnehmungsintensitäten, weniger eines der Erzählung und psychologischen Figurengestaltung. Dabei war die atmosphärische Aufladung nie so leicht und fluffig gestrickt wie in "Ein einfaches Mädchen".

Eine Gegenerzählung zum Boulevard

Im Gewand eines Rohmerschen Sommerfilms (die Anfangsszene ist eine direkte Anspielung an "Die Sammlerin") betrachtet der Film auf erfrischend unprogrammatische Weise das komplexe Geflecht sexueller, ökonomischer und kultureller Machtverhältnisse. Dabei gelingt ihm das Kunststück, gleichzeitig hellwach und verträumt zu sein.


"Ein leichtes Mädchen"
Originaltitel:
"Une fille facile"
F 2019
Regie: Rebecca Zlotowski
Drehbuch: Rebecca Zlotowski, Teddy Lussi-Modeste
Darsteller: Mina Farid, Zahia Dehar, Benoît Magimel, Nuno Lopes, Clotilde Courau
Produktion: Les Films Velvet, France 3 Cinéma
Verleih: Alamode
Länge: 92 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 12. September 2019


Die "Winning Streak" wird im Film zum Schauplatz unterschiedlicher Begehrensströme und Abstoßungsbewegungen. Naïmas von Neugierde, Faszination und Lust geleiteter Blick auf das Wohlstandsmilieu und auf Sofias Körpereinsatz weckt auch in ihr schwer zu benennende Empfindungen. Ihre teilnehmende Beobachtung trifft dabei auf die abschätzigen Blicke der Jachtangestellten. In ihrer beigefarbenen Arbeitskleidung zum unauffälligen Interieur degradiert, müssen sie den Angehörigen ihrer eigenen Klasse plötzlich Champagner einschenken und die Schuhe hinterhertragen.

Doch auch der Sammlerin Sofia verlangt die vorübergehende Teilhabe an den Kapitalströmen einiges ab. Zwar entwaffnet sie die Verachtung, die ihr von Männern wie Frauen entgegenschlägt, meist durch Nichtannahme oder überraschendes Wissen (sie hat ihre Marguerite Duras gelesen). Doch es gibt auch Momente, in denen ihr gleichgültiges "et alors" verstummt.

Gespielt wird Sofia von der französisch-algerischen Dessousdesignerin und Instagram-Celebrity Zahia Dehar, die in ihrer Zeit als Escort-Girl die weibliche Hauptrolle in einem Sex-Skandal spielte, in den zwei Fußballer der französischen Nationalmannschaft involviert waren. Wie in diesen Fällen so üblich, traf sie das moralische Urteil am heftigsten.

Im Video: Der Trailer zu "Ein leichtes Mädchen"

Foto: Alamode

"Ein leichtes Mädchen" ist insofern auch eine Gegenerzählung nicht nur zu den grellen Stories des Boulevards. Sie widerspricht auch jenen Teilen der aufgeklärten Gesellschaft, die Frauen wie Zahia und Sofia gerne von den Plätzen emanzipierter Weiblichkeit und Kultiviertheit verweisen. Zlotowski stellt sie ins warme, strahlende Sonnenlicht.

insgesamt 4 Beiträge
DerAndereZauberer 11.09.2019
1.
Na zum Glück gibt es den Trailer mit kurzer Zusammenfassung und Wertung. Aus dem leider wie so oft unübertrieben künstlichen Feuilleton-Text geht vor lauter Symbolik und Sprachverschachtelung weder hervor, worum es eigentlich [...]
Na zum Glück gibt es den Trailer mit kurzer Zusammenfassung und Wertung. Aus dem leider wie so oft unübertrieben künstlichen Feuilleton-Text geht vor lauter Symbolik und Sprachverschachtelung weder hervor, worum es eigentlich geht und ob der Film was taugt. Sicherlich gibt es total Film-Freaks, die sich über solche Texte freuen ... aber der normale Film-Konsument will doch rausfinden: "Ist das was für mich?"
j.c.nolte 11.09.2019
2. Stille Tage an der Côte d'Azur
Ja, ich zum Beispiel. Und der Rest wird ja im Video erklärt. Ich habe es ja nicht so mit Redudanzen. Das scheint ein sehr schöner Film zu sein, der mal ohne Mord und Todschlag oder expliziten Sexszenen auskommt. Solche [...]
Zitat von DerAndereZaubererNa zum Glück gibt es den Trailer mit kurzer Zusammenfassung und Wertung. Aus dem leider wie so oft unübertrieben künstlichen Feuilleton-Text geht vor lauter Symbolik und Sprachverschachtelung weder hervor, worum es eigentlich geht und ob der Film was taugt. Sicherlich gibt es total Film-Freaks, die sich über solche Texte freuen ... aber der normale Film-Konsument will doch rausfinden: "Ist das was für mich?"
Ja, ich zum Beispiel. Und der Rest wird ja im Video erklärt. Ich habe es ja nicht so mit Redudanzen. Das scheint ein sehr schöner Film zu sein, der mal ohne Mord und Todschlag oder expliziten Sexszenen auskommt. Solche Filme haben heute leider echten Seltenheitswert. Ich freue mich schon darauf, ihn mir anzusehen, war schon etwas länger nicht mehr im Kino. Und danke für die Filmbesprechung, die ist wirklich schön geschrieben.
CouscousGauthier 11.09.2019
3. Schliesse mich #1 an...
Auch ich konnte der Rezension nicht entnehmen, worum es in dem Film überhaupt geht. Stattdessen wird eine schwurbelige Wortwand aufgebaut, die höchstens einen diffusen und dabei subjektiven Einblick in die Gefühlswelt und [...]
Auch ich konnte der Rezension nicht entnehmen, worum es in dem Film überhaupt geht. Stattdessen wird eine schwurbelige Wortwand aufgebaut, die höchstens einen diffusen und dabei subjektiven Einblick in die Gefühlswelt und Motivation der Hauptdarstellerin und der Regisseurin geben kann. Schon die Verwendung von Wörtern wie "sensuell" und "artifiziell" (laut Duden bildungssprachlich, veraltet) spricht Bände.
j.c.nolte 11.09.2019
4. Sprachgewandt
Ja, und genau mit diesem Stilmittel zwischen den Zeilen hat mir die Autorin dieses Artikels einen guten Einblick gegeben, was mich mit und in dem Film erwartet. Ihr Hinweis auf 'veraltete' Wörter: Wo ist Ihr Problem? [...]
Zitat von CouscousGauthierAuch ich konnte der Rezension nicht entnehmen, worum es in dem Film überhaupt geht. Stattdessen wird eine schwurbelige Wortwand aufgebaut, die höchstens einen diffusen und dabei subjektiven Einblick in die Gefühlswelt und Motivation der Hauptdarstellerin und der Regisseurin geben kann. Schon die Verwendung von Wörtern wie "sensuell" und "artifiziell" (laut Duden bildungssprachlich, veraltet) spricht Bände.
Ja, und genau mit diesem Stilmittel zwischen den Zeilen hat mir die Autorin dieses Artikels einen guten Einblick gegeben, was mich mit und in dem Film erwartet. Ihr Hinweis auf 'veraltete' Wörter: Wo ist Ihr Problem? Beide habe ich lange nicht mehr gelesen und beide sind dennoch sehr schön, wie ich als Texter finde.
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