Kultur

Filmfestival in Venedig

Mama macht das schon

Zum Start des Filmfestivals in Venedig lässt sich Hirokazu Kore-eda seinen Eröffnungsfilm von zwei großen französischen Damen kapern. Und Nina Hoss brilliert als Pferde- und Dämonenbändigerin.

L. Champoussin/ 3B/ Bunbuku/ MiM

Catherine Deneuve und Juliette Binoche in "La vérité": Regie übernommen

Aus Venedig berichtet
Mittwoch, 28.08.2019   20:17 Uhr

Es ist heiß am Lido, feucht und heiß. Das ist nichts Ungewöhnliches im Spätsommer, aber die Hitze drückt in diesem Jahr besonders. Irgendwann wird sich der Druck wohl mit einem Gewitter entladen, dessen Regenguss manche Straßen der italienischen Lagunenstadt vorübergehend überschwemmen wird - als wäre "acqua alta", Hochwasser.

Das Gewitter liegt beim Filmfestival in Venedig immer in der Luft, und in diesem Jahr scheint die Spannung höher denn je. Nicht nur, was das Wetter betrifft. Sondern auch, wenn es um das Programm der 76. Mostra Internazionale am Lido geht. Kann Venedig seinen Lauf als Oscar-Startrampe auch in diesem Jahr fortsetzen? Wird es Proteste gegen den neuen Film von Roman Polanski geben? Wird es Joaquin Phoenix gelingen, das nicht zuletzt durch Heath Ledger zur Ikone geronnene Bild des Batman-Gegenspielers "Joker" neu zu definieren? Wird sich rächen, dass Festival-Chef Alberto Barbera nur zwei Filme von Frauen in den Wettbewerb eingeladen hat?

Verblüffend und beeindruckend

Am Mittwochvormittag war von kontroverser Hektik allerdings noch nicht viel zu spüren - nun, es ist auch einfach schon morgens um acht zu heiß dafür. Der gemächlich und gefällig inszenierte Eröffnungsfilm passte da ganz gut, um das Kritiker-Publikum sanft ins Festival gleiten zu lassen. "La vérité" ist der erste fremdsprachige Film des japanischen Regisseurs Hirokazu Kore-eda, er wurde 2018 in Paris auf Französisch und Englisch gedreht.

Nicht nur deswegen wurde "La vérité" (Die Wahrheit) mit Neugier erwartet, sondern auch, weil Kore-eda zur A-Liga der Arthouse-Filmemacher gehört, seit er mit seinem Familiendrama "Shoplifters" im vergangenen Jahr die Goldene Palme in Cannes gewann. Kann er sein Kino in einen internationalen, westlich geprägten Kontext übertragen? Würde er seinen hochkarätigen Hauptdarstellerinnen Catherine Deneuve und Juliette Binoche neue Facetten entlocken können?

Ja und nein. Verblüffend und beeindruckend ist, wie stilsicher sich Kore-eda die Rhythmik und Manierismen des französischen Autorenfilms aneignet, allerdings könnte man es auch schade finden, dass dadurch nicht viel von seiner Handschrift erkennbar bleibt. Abgesehen natürlich vom tiefen, sensiblen Eindringen in komplizierte Familienkonstellationen, das "Shoplifters" zu einem Ereignis machte, aber auch seine frühen Filme wie "Still Walking" oder "Like Father, Like Son" prägte.

Erzählt wird die Geschichte einer Kinolegende (Deneuve), die gerade ihre Memoiren geschrieben hat, aber darin, eitel wie sie ist, viele Wahrheiten ausgelassen oder geschönt hat. Es sei ja schließlich ihre Geschichte, da könne sie doch erzählen, was sie wolle. Zu Beginn des Films speist sie einen Journalisten, der - zugegeben - sehr dämliche Fragen stellt, mit blasierten Antwort-Wölkchen ab.

Als jedoch ihre entfremdete Tochter Lumir (Binoche), eine erfolgreiche Drehbuchautorin, mit ihrer kleinen Tochter und ihrem US-amerikanischen Ehemann (Ethan Hawke) zu Besuch kommt, wird sie mit den hinter Glorie und Grandezza versteckten Tragödien konfrontiert: dem Verlust der eigenen Mutter, der Eifersucht auf die talentiertere, tödlich verunglückte Schwester - und mit ihrer Entscheidung, alles für die Schauspielerei zu opfern, auch ihre Zeit mit Lumir.

Für die ewig würdevoll-brüchige Catherine Deneuve ist diese Rolle eine Parade, in der Leinwand-Charakter und reale Person miteinander verschmelzen. Es ist manchmal, als würde man der echten Deneuve bei der Spiegelung ihrer Kunst und Lebensdramen zusehen. Die verstorbene Schwester, die in dieser dysfunktionalen Filmfamilie immer noch dauerpräsent ist, lässt etwa an Deneuves reale ältere Schwester Francoise Dorléac denken, die 1967 bei einem Autounfall starb.

Moritz Schultheiß/ SWR

Nina Hoss und Katerina Lipovskain "Pelikanblut": Intensives Mutter-Tochter-Drama

Alberto Barbera hatte sich vor Festivalbeginn gegen den Vorwurf verteidigt, zu wenige Frauen in den Wettbewerb eingeladen zu haben. Er argumentierte, dass es sehr viele Geschichten über Frauenschicksale zu sehen gäbe, die ja nicht minder eindrücklich und stark sein müssten, nur weil sie von Männern gedreht wurden. Das stimmt natürlich. Aber man betrachtet dennoch nicht ohne Schmunzeln, wie sich Hirokazu Kore-eda von den beiden großen französischen Kinodamen Deneuve und Binoche seinen Film kapern lässt.

Ein Heimatwestern wird zum Horrorfilm

Er scheint das sogar selbst bemerkt zu haben: Der junge Regisseur des futuristischen Familiendramas, das Deneuve im Film gerade mit einer jüngeren Hauptdarstellerin und Konkurrentin dreht, raunt einmal verzweifelt seiner Assistentin zu: "Die improvisieren die ganze Zeit". Die nüchterne Antwort: "So lange es gut ist, lass es doch laufen". So übernehmen dann doch irgendwie die Frauen die Regie bei diesem etwas zu gediegenen Eröffnungsfilm.

Die Festival-Nebenreihe Orrizonti wurde dann tatsächlich von einer Regisseurin eröffnet: Die Deutsche Katrin Gebbe zeigte ihren zweiten Spielfilm "Pelikanblut". Wie in ihrem Debüt "Tore tanzt" (2013) geht es auch hier um eine Figur mit einem ausgeprägten Weltverbesserungs-, bzw. Märtyrerkomplex. Die alleinstehende Wiebke (Nina Hoss), die einen Reiterhof für die Ausbildung von Polizeipferden betreibt, adoptiert bereits ihr zweites osteuropäisches Waisenkind. Mit der schon etwas älteren Nikolina hat alles geklappt, das Mädchen ist gut in der Schule und hat ein sonniges Gemüt. Raya jedoch, die Wiebke auf ihre kleine Westernfarm holt, lächelt zwar süß, entpuppt sich jedoch als schwer traumatisierter, zu keinerlei Empathie fähiger Terrorzwerg.

Kinder lassen sich nicht dressieren wie Pferde, lernt die selbständige Cowboy-Frau, trotzdem geht sie an ihre psychischen und körperlichen Grenzen, um Raya noch zu einer liebenden Tochter zu machen - und ist damit als Mutterfigur das krasse Gegenteil von Catherine Deneuves egomanischer Aktrice. Manische Züge haben jedoch beide. Wie in "La vérité" sind die Männer (hier: der verliebte Bulle Benedikt (Murathan Muslu)) die feminin konnotierten Charaktere: Sie kochen, bieten emotionalen Support oder hüten die Kids, während die Frauen die Handlung vorantreiben.

Mit viel Gefühl für Atmosphäre und Suspense lässt Gebbe ihr Adoptivdrama vom zunächst etwas hölzernen Heimatwestern in einen Horrorfilm kippen - bis hin zu abgehackten, dann aufgespießten Pferdeköpfen und einem Exorzismus. Nina Hoss ist, mal wieder, brillant, und die Katerina Lipovska beeindruckt als dämonische Linda-Blair-Erbin. Warum zum Teufel hat es dieser vielschichtige und spannende Film nicht in den Wettbewerb geschafft?

insgesamt 1 Beitrag
Mondlandungsskeptiker 29.08.2019
1. Der eine Film von Frauen "gekapert",
der andere mit einer Regisseurin, dann ist ja alles gut in Venedig - wenn es nur nicht so schwül wäre! Wann gibt es eigentlich mal wieder Filmkritik bei SPON ohne Frauenquote und Quotenfilme? Früher war der Film einmal die 7. [...]
der andere mit einer Regisseurin, dann ist ja alles gut in Venedig - wenn es nur nicht so schwül wäre! Wann gibt es eigentlich mal wieder Filmkritik bei SPON ohne Frauenquote und Quotenfilme? Früher war der Film einmal die 7. Kunst - das war bevor man bei jedem Festival die Anzahl der Regisseurinnen abzählen musste und Filme erst annehmbar sind, wenn irgendjemand aus einer selbt-ernannten benachteiligten Gruppe in der Filmindustrie sie "gekapert" hat!

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