Kultur

Film-Highlight in Venedig

Der Pate von Portugal

Zum Ende ein epischer Löwen-Kandidat: Regisseur Tiago Guedes zeigt in Venedig den Niedergang einer portugiesischen Macho-Dynastie. Und wer muss es ausbaden? Die Kinder, wie so oft in den Filmen dieses Festivals.

"A herdade"

Aus Venedig berichtet
Donnerstag, 05.09.2019   19:19 Uhr

Ein einzelner, verwachsener Baum in einer Graslandschaft, eine schwarze Limousine, zwei Männer im Gegenlicht: Gleich zu Beginn seines knapp dreistündigen Wettbewerbsfilms "A herdade" ("The Domain") macht der portugiesische Regisseur Tiago Guedes unmissverständlich klar, dass es darum gehen wird, akribisch arrangierte Tableaus wirken zu lassen.

Die Kamera zieht auf und zeigt einen weiteren Baum, an dem eine Leiche hängt, am Baum lehnt eine Leiter, es war also Suizid. Aus der Limousine wird ein kleiner Junge, Joao, herbeigerufen, sein Vater, ein vom Leben zerfurchter, unerbittlicher Mann, will, dass er seinen Bruder, den Schwächling, betrachtet. Der Junge rennt weg. Er setzt mit einem kleinen Floß zu einem Eiland im naheliegenden Fluss über, versteckt sich in den Ruinen einer kleinen Burg.

Erst jetzt wird deutlich, dass es kein Western ist, den Guedes, ein in Portugal gefeierter Theater- und TV-Regisseur, gedreht hat, sondern sich nur der Topoi dieses Genres bedient, um eine epische, über Jahrzehnte gestreckte Familiengeschichte über den Verfall von politischen Ideologien und patriarchalischen Herrschaftsstrukturen zu erzählen. "A herdade" ist ein später Höhepunkt im Wettbewerb des Filmfestivals in Venedig.

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Regisseur Tiago Guedes nit den Schauspielern Sandra Faleiro und Albano Jéronimo

1973 treffen wir den kleinen Joao wieder, er hat seine Seele fest in jener Festung im Fluss verschlossen und führt den geerbten Großgrundbesitz nahe Lissabon mit ebenso pseudo-feudaler Hand weiter wie sein Vater vor ihm. Doch die Zeiten ändern sich: Portugal, in den letzten Zügen des faschistischen Salazar-Regimes, führt einen spätkolonialen Krieg in Angola und verlangt, dass sich Joao Fernandes als einer der einflussreichsten Großbürger und Landeigner patriotisch zeigt - als der Agrar-Oligarch keine Anstalten macht, sich für Politik zu interessieren, auch mit repressiven Maßnahmen.

Albano Jéronimo, einer der bekanntesten Schauspieler in seiner Heimat, spielt diesen Fernando als Paten von Portugal, dessen Blick vernichten kann, wenn um ihn herum nicht alles so geschieht, wie er es will. Das gilt für seine Kinder, wenn sie greinen, ebenso wie für seine verzagte Ehefrau und seinen Vorarbeiter, dessen Ehefrau er sich kurzerhand als Kurtisane nimmt. "Komm mit", sagt er schlicht zu ihr, als er eines nachts Lust verspürt. Sie gehorcht. Natürlich, so war es immer. In Jéronimos konzentrierter Mimik blitzt manchmal Brandos Arroganz hervor, manchmal die brutale Verschlossenheit Alain Delons. Für Nicht-Portugiesen ist der Mann eine Entdeckung.

Toxische Hinterlassenschaften

Den Niedergang der Nationalisten sitzt er ebenso aus wie die Nelkenrevolution der Kommunisten und die Rückkehr zur parlamentarischen Demokratie. Die zweite Hälfte des Films spielt 1991, und eigentlich ist, bis auf graue Strähnen in Joaos Pomadenfrisur, alles beim Alten. Doch Miguel, sein verhasster, verzärtelter Sohn, ist ein Junkie, und die Liebe zwischen Tochter Teresa und dem Sohn des Vorarbeiters ist genetisch keine so gute Idee, schließlich haben beide denselben Vater.

Das mit Inzucht und Ordnung errichtete Macho-Reich fault schon lange von Innen, nun frisst sich die Verwesung durch nach außen. Guedes lässt allerdings vieles unausgesprochen, weil er viel lieber zeigt: Die Gesichter von Joao und seiner Frau, als sie Teresa und den unehelichen António in inniger Umarmung beobachten - quer über den Innenhof des Anwesens hinweg, erzählen die ganze verdorbene Geschichte ihrer Ehe mit brütender Intensität, ein "Spiel mir das Lied vom Tod" in der portugiesischen Pampa.

In die Gegenwart führt dieser ruhige und souverän inszenierte Film, der trotz seiner Länge nie sein Spannungsmoment verliert, nicht mehr. Aber es ist klar, dass diese Dynastie ebenso am Ende ist wie die politischen Ideen des 20. Jahrhunderts. Was die Zukunft bringen mag, müssen die von ihren Eltern gequälten und gebeutelten Kinder mit ihrem schweren Erbe schultern. Zehn Jahre nach seinem mehrfach preisgekrönten Film "Entre os dedos" ("Noise", u.a. Golden Globe) ist "A herdade" ein eindrucksvolles Comeback in die internationale Festival-Konkurrenz für den 1971 geborenen Guedes. Vielleicht hat sein stilles Epos sogar Chancen auf einen Preis am kommenden Samstag.

REUTERS

"The Painted Bird"

"A herdade" fügt sich nahtlos in eine Reihe weiterer Filme im Venedig-Programm, die ebenfalls von komplizierten, toxischen Hinterlassenschaften handeln. So viele verlorene Kinder, denen verpfuschte Brocken hingeworfen werden, gab es selten. Gleich das gesamte Leid der Welt muss der kleine, jüdische Junge in der ebenfalls rund dreistündigen Episoden-Qual "The Painted Bird" von Václav Marhoul schultern. In unbarmherzigen Schwarzweißbildern beginnt er eine stumme Odyssee der Schmerzen durch das vom Zweiten Weltkrieg geschundene Tschechien. Er wird von Deutschen und Russen misshandelt, von Frauen und Männern missbraucht, friert, hungert und blutet, bis sein Elend schließlich in Gewalt und Verbitterung mündet. Ein ästhetisch faszinierender, aber emotional vergewaltigender Film.

Presse

"Gloria Mundi"

"Gloria Mundi", der neue Film des altlinken französischen Arthouse-Veterans Robert Guédigiuain beginnt mit einer weitaus optimistischeren Geburt, die sogar mit einem "Ave Maria" begleitet wird. Doch die neu geborene Zukunftsgarantie gerät, kaum da sie das Licht der Welt erblickt hat, mitten hinein in die prekäre Situation einer Marseiller Familie aus der modernen Arbeiterklasse der Mini-Jobber, deren Solidarität in Existenz- und Geldsorgen zu zerbröseln droht. Kein Wunder, dass das Baby die ganze Zeit nur nach Liebe und Geborgenheit schreit.

Juan Pablo Montalva

"Ema"

Etwas älter ist der adoptierte Indio-Junge in Pablo Larraíns furiosem Film "Ema". Er guckt sich von seiner neuen Mutter, einer wilden und lebensdurstigen Tänzerin (Löwen-Anwärterin Mariana Di Girolamo), leider ausgerechnet deren Faible für Flammenwerfer-Performances ab - und stürzt das ohnehin fragile Familienkonstrukt zweier egoistischer Künstler in Chaos und entgrenzende Exzesse. Am Ende wartet - immerhin - eine verblüffend progressive Lösung für die Familienprobleme.

Presse

"Nevia"

Das ist mehr, als sich die 17-Jährige "Nevia" im gleichnamigen Regiedebüt von Nunzia De Stefano erhoffen kann: Sie sucht ihr Heil vor einer schwer dysfunktionalen Armenviertel-Mischpoke, die sich mit Prostitution und Hehlerei durchschlägt, zusammen mit ihrer kleinen Schwester letztlich in der Ersatzfamilie eines Zirkus - lieber mit Nomaden und Tieren leben, als mit der eigenen, kaltherzigen Sippe. Nur so zaubert dieses kleine, aber wirksame Sozialdrama in der Nebenreihe Orrizonti endlich auch ein schönes Lächeln auf das Gesicht seiner sehr guten jungen Hauptdarstellerin Virgina Apicella.

Vielleicht, glaubt man da für einen kurzen Moment im Kino, wird doch alles noch irgendwie gut.

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