Kultur

Filmfestival von Toronto

So süße Nazis

Das Filmfest von Toronto lässt Matt Damon gegen Christian Bale antreten und bringt Jennifer Lopez in Oscar-Stellung. Der Abräumer ist allerdings die Hitler-Satire "Jojo Rabbit".

20th Century Fox
Von
Montag, 16.09.2019   13:26 Uhr

Etwas vollmundig mag das Versprechen auf den Plakaten von "Jojo Rabbit" schon klingen, eine "Anti-Hass-Satire" zu sein. Doch was sich der jüdisch-maori-stämmige Regisseur Taika Waititi zwischen seinen Marvel-Ausflügen (nach "Thor: Tag der Entscheidung" wird er auch den vierten "Thor"-Film inszenieren) für seine "Dritte-Reich"-Fabel ausgedacht hat, könnte glatt als Programm für weite Teile des Filmfestivals von Toronto durchgehen. Die nordamerikanischen Produktionen, deren Premieren im Mittelpunkt des größten Festivals des Kontinents stehen, verbinden Tränen, Vergebung und den Kampf gegen Hass.

"Jojo Rabbit" (deutscher Kinostart: 23. Januar 2020) blickt mit kindlicher Perspektive auf das Ende des Zweiten Weltkrieges in Deutschland. Sein Protagonist Jojo (Roman Griffin Davis) ist zehn, übereifriges Mitglied der Hitler-Jugend und hat keinen Geringeren zum imaginären Freund als Adolf Hitler (von Waititi selbst gespielt). Slapstick-Einlagen wechseln sich mit dramatischen Verstrickungen ab: Der stramm faschistische Junge findet nämlich heraus, dass seine Mutter (Scarlett Johansson) in ihrem Haus ein jüdisches Mädchen versteckt hält.

Nicht ganz zufällig weckt "Jojo Rabbit" bittersüße Erinnerungen an das Holocaust-Märchen "Das Leben ist schön" von Roberto Benigni, das vor über zwanzig Jahren zum Überraschungshit wurde. Waititi ist zweifelsohne der mutigere und eigenwilligere Regisseur. Der Balanceakt seines Films ist umso heikler, weil er sich vorgenommen hat, das Nazikind sympathisch zu zeigen, ihn gar als Antihelden zu inszenieren, ohne den Faschismus satisfaktionsfähig erscheinen zu lassen.

Sony Pictures

Tom Hanks in "A Beautiful Day in the Neighborhood"

Das "Anti-Hass"-Programm dekliniert sich allerdings soweit, dass fast alle Nazis süß, skurril oder liebenswert sind - verirrte Menschen, die nur den Falschen Glauben schenkten. Das kam jedoch an: Am Sonntag gewann "Jojo Rabbit" den Publikumspreis - zurzeit der beste Indikator für das Oscar-Potenzial eines Films.

Der große, vielleicht zu große Drang nach Versöhnung, der sich in "Jojo Rabbit" äußert, zieht sich auch durch einen der meisterwarteten Filme aus den USA: "A Beautiful Day in the Neighborhood" (Kinostart: 13. Februar 2020) von Marielle Heller. Tom Hanks spielt darin den Fernsehstar Fred Rogers, der eine in den USA beliebte Kindersendung moderierte, mit einer genial doppelbödigen Nettigkeit, hinter der sich noch mehr Nettigkeit verbirgt.

Hellers Aufmerksamkeit gilt allerdings mehr noch dem Berufszyniker, durch dessen Blick wir Rogers erst richtig kennenlernen. Matthew Rhys verkörpert Lloyd Vogel, einen blasierten, überarbeiteten und halbdeprimierten Journalisten, der ein Porträt über Rogers schreiben soll und sich dabei schließlich selbst findet. Inspiriert ist das Ganze von "Esquire"-Reporter Tom Junod und dessen Rogers-Porträt "Can you say...hero?".

Das Überraschende an Hellers Adaption: Der Regisseurin von "Can You Ever Forgive Me?" gelingt es, mit der Vorhersehbarkeit der Geschichte zu spielen und eine schöne Spannung herzustellen zwischen der Skepsis des einen Mannes und der Lebensfreude des anderen. In kleinen Schritten, langsamen Veränderungen der Atmosphäre, der Blicke und Gesten finden die beiden Männer zu Verständnis und Offenheit, ohne dass einer von ihnen bloßgestellt würde. Nicht zuletzt der schicke, romantisierende Retro-Look von "A Beautiful Day..." setzt ein Zeichen für ein früheres, vermeintlich einfacheres Amerika, das wieder herbeigesehnt wird.

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Filmfestival von Toronto: Die Highlights

Demgegenüber wirkt das Familiendrama "Waves" von Trey Edward Shults ("It Comes at Night") betont hip. Was gut dazu passt, dass er von der ebenso hippen Produktionsfirma A24 verantwortet wird, die als Verleih Hits wie "Moonlight" und "The Florida Project" herausgebracht hat. Stilistisch gehört "Waves" zu den auffälligeren, ausgetüftelten Werken in Toronto, vor allem wegen dessen Arbeit mit verfremdenden Farben und Lichtern, die stellenweise alles andere überstrahlen.

Den Abstieg einer afroamerikanischen Vorzeigefamilie baut Schults als einen Erinnerungsreigen, der zunächst detailversessen und komisch, später zunehmend melodramatisch und metaphorisch daherkommt. Ankerpunkt ist ein Verbrechen und die Frage nach Vergebung für den Täter. Dass viele Tränen fließen, gehört hier genauso wie bei "A Beautiful Day ..." zum Programm. Eine unerschrockene Emotionalisierung, die man sogar beim großen Actionkracher "Ford v Ferrari" (Deutscher Titel: "Le Mans 66", Start: 14. November) mit Matt Damon und Christian Bale wiederfindet. Ein Film, der nicht nur ganz klassisch Testosteron, Kampflust und Männerfreundschaft zelebriert, sondern auch mit Wehmut die gute alte Zeit des amerikanischen Pioniergeists in Erinnerung ruft.

Dabei ist das Filmfestival von Toronto um nichts bemühter als um Diversität und Perspektivwechsel. Seit zwei Jahren wird vor allen öffentlichen Vorführungen auf die indigenen Völker hingewiesen, auf deren Land das Festival stattfindet. 2019 wurde nun erstmals auch die Anzahl an Filmen von indigenen Filmschaffenden gezählt, es sind beeindruckende 13 Titel. Was die Beteiligung von Regisseurinnen angeht, steht Toronto an der Spitze einer Bewegung, die versucht, die Repräsentanz weiblichen Filmschaffens zu verbessern - mit 36 Prozent weiblicher Regie im Durchschnitt aller Langfilme, 50 Prozent der Gala-Premieren und 54 Prozent der Discovery-Titel.

ddp images/ Capital Pictures

Jennifer Lopez (links) und Constance Wu in "Hustlers"

Es sind allerdings nicht immer die Filme, die sich Erzählungen aus weiblicher Perspektive auf die Fahnen schreiben, die damit tatsächlich punkten. Das Jennifer Lopez-Vehikel "Hustlers" von Lorene Scafaria inszeniert eine Geschichte von Aufstieg und Fall zweier Stripperinnen, will dabei von weiblicher Selbstbestimmung erzählen, aber von einer prüden protestantischen Moral nicht zu sehr abrücken.

Der Clou ist der wahre Fall, auf dem der Film basiert, bei dem Stripperinnen Wall-Street-Banker bestohlen haben. Bei "Hustlers" wirkt es für einen kurzen Moment wie die Lösung überhaupt: Von schmierigen Männern Geld nehmen, ihnen dafür aber keine sexuelle Befriedigung liefern. Doch so konsequent ist der Film nicht. An den Grundfesten des Patriarchats, den strukturellen Diskriminierungen und dem Kapitalismus rüttelt er nicht. Das ist dann doch etwas wenig, egal ob Jennifer Lopez damit auf den Weg zum Oscar gebracht ist oder nicht.

Spannender und gewagter zugleich nimmt sich das Debüt "Black Conflux" der Kanadierin Nicole Dorsey aus. Sie erzählt ein Vergewaltigungsdrama, bei dem die Vergewaltigung ausbleibt. In zwei parallelen Strängen zeigt sie das Leben eines jungen Mädchens, das zum Opfer werden könnte, und den Alltag eines vereinsamten, sozial und psychologisch angeschlagenen Mannes, der sich prädestiniert für die Täterrolle.

Wie Dorsey das zusammenführt, mit welcher Aufmerksamkeit und Zurückhaltung sie Erwartungen unterläuft, ist bemerkenswert. Wie ein leises Echo der Anti-Hass-Programmatik von "Jojo Rabbit" stehen auch hier Verständnis und Versöhnung im Vordergrund. Toronto zeigt: Es ist etwas in Bewegung auf dem nordamerikanischen Kontinent.

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