Kultur

Filmfestspiele von Venedig

Neuer "Joker" und Roman Polanski dabei

Die Filmfestspiele von Venedig haben ihr Programm verkündet: Unter anderem wird Brad Pitt zu den Sternen reisen und Joaquin Phoenix als Comic-Bösewicht Joker antreten. Regisseurinnen haben wieder das Nachsehen.

Warner Bros.

Joaquin Phoenix in "Joker"

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Donnerstag, 25.07.2019   15:14 Uhr

Alles ein bisschen anders - so präsentierten sich die Filmfestspiele von Venedig vorab: Statt eines US-Oscar-Anwärters war "La verité", der erste französischsprachige Film von Cannes-Gewinner Hirokazu Koreeda ("Shoplifters"), als Eröffnungsfilm gekürt worden. Und der Jury, die über den Goldenen Löwen entscheidet, wurde mit Lucrecia Martel eine der anerkanntesten Regisseurinnen der Welt als Präsidentin vorangestellt - als erst siebte Frau in der Geschichte des 76 Jahre alten Festivals.

Am Donnerstag wurde nun das komplette Programm verkündet - und das sieht doch wieder danach aus, als bliebe vieles beim Alten. Massenaffine und starlastige US-Produktionen wie "Joker" mit Joaquin Phoenix als Batman-Gegenspieler oder "Ad Astra" von James Gray mit Brad Pitt als Astronaut dominieren, ebenso treten die Netflix-Filme "Marriage Story" von Noah Baumbach mit Scarlett Johansson und "The Laundromat" von Steven Soderbergh mit Meryl Streep an.

Der Goldene-Löwen-Gewinner von 2014, Roy Andersson, ist mit "About Endlessness" zurück, ebenso kehren Olivier Assayas und Pablo Larraín an den Lido zurück. Nachdem seine Beziehungskomödie "Zwischen den Zeilen" 2018 von Cannes abgelehnt wurde und in Venedig Premiere feierte, scheint sich der Franzose Assayas an das italienische Festival zu binden: Mit "Wasp Network" zeigt er einen Thriller um fünf Kubaner, die in den USA unter dem Verdacht der Spionage inhaftiert wurden, und schließt damit an eigene Werke wie "Carlos - der Schakal" an.

Jungstars treffen auf Altgediente

Der Chilene Larraín präsentierte 2016 sein außergewöhnliches Biopic "Jackie", das Hauptdarstellerin Natalie Portman eine Oscarnominierung einbrachte, in Venedig. Sein neuer Film "Ema" ist nun wieder auf Spanisch gedreht und verspricht eine Adoptionsgeschichte, die sich zu einem Horrorthriller wandelt.

Vergleichsweise neu in der Reihe der prestigereichen Löwenanwärter ist der Kolumbianer Ciro Guerra, Co-Regisseur des gefeierten Drogenkartell-Epos "Birds of Passage". Er bringt "Waiting for the Barbarians" in den Wettbewerb, eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von J.M. Coetzee mit Robert Pattinson und Johnny Depp in den Hauptrollen.

Pattinson wird auch in der Historienproduktion "The King" des Australiers David Michôd zu sehen sein. Mit Thimothée Chalamet und Lily-Rose Depp ist der Film auch nicht arm an Jungstars, außerdem hat er mit Ben Mendelsohn einen der beliebtesten Nebendarsteller im Ensemble. Trotzdem wird "The King" außer Konkurrenz laufen - ebenso wie "Seberg" von Benedict Andrews. Kristen Stewart verkörpert darin Filmikone Jean Seberg, die vom FBI einst wegen ihres politischen Engagements drangsaliert wurde, und hat schon vorab für Spekulationen über eine Oscar-Nominierung gesorgt.

Neben anglophonem Starkino für die Awards Season hat Venedig allerdings auch ein starkes internationales Aufgebot: Aus China bringen Yonfan und Lou Ye Filme mit, Italien ist mit Mario Martone und Franco Maresco vertreten, außerdem präsentiert der Tscheche Vaclav Marhoul mit "The Painted Bird" seine Verfilmung von Jerzy Kosinskis Holocaustroman "Der bemalte Vogel" von 1965.

Und was ist mit #Metoo?

Die Dreyfus-Affäre, die 1894 Frankreich erschütterte, ist Thema in Roman Polanskis neuem Film "J'accuse". Louis Garrel wird als Alfred Dreyfus zu sehen sein, neben ihm spielen "The Artist"-Star Jean Dujardin und Polanskis Ehefrau Emmanuelle Seigner. Dass Polanski in den Wettbewerb eingeladen worden ist, dürfte branchenweit für einiges Kopfschütteln sorgen. Aufgrund neuer Vorwürfe von Übergriffen und sexuellem Missbrauch von minderjährigen Frauen ist Polanski zuletzt wieder zu einer umstrittenen Figur geworden. Von der Academy war der Oscar-Gewinner von 2003 zuletzt ausgeschlossen worden.

Ein Makel, das die Filmfestspiele von Venedig schon seit Jahren tragen, dürfte auch 2019 nicht verschwinden: Wieder sind Regisseurinnen im Wettbewerb stark unterrepräsentiert. Mit "The Perfect Candidate" von der saudi-arabischen Filmemacherin Haifaa Al-Mansour ("Das Mädchen Wadjda") sowie dem Debütfilm "Babyteeth" der Australierin Shannon Murphy sind nur zwei Filme von Frauen unter den 21 Kandidaten für die Hauptpreise.

In Venedig bedeutet das allerdings eine krasse Steigerung: Im vergangenen Jahr kam der Wettbewerb auf nur eine einzige Regisseurin - Jennifer Kent und ihren Rachenthriller "The Nightingale". Mit "Pelikanblut" der deutschen Regisseurin Katrin Gebbe eröffnet immerhin die Nebenreihe "Orrizonti" (Horizonte). Es ist Gebbes erster Kinofilm seit ihrem aufsehenerregenden Debüt "Tore tanzt" von 2013.

Die Filmfestspiele von Venedig laufen vom 28. August bis 7. September. Als Ehrenpreisträger für ihr Lebenswerk wurden bereits Pedro Almodóvar und Julie Andrews gekürt.

insgesamt 2 Beiträge
Nichol Jackson 25.07.2019
1. Immer wieder erstaunlich, wenn
SPON eine Frau zu einer "der anerkanntesten Regisseurinnen der Welt" macht, deren Name auch in ihrem Heimatland nahezu niemandem etwas sagt und deren Werke - zumeist Kurzfilme - dort wie international fast nur unter [...]
SPON eine Frau zu einer "der anerkanntesten Regisseurinnen der Welt" macht, deren Name auch in ihrem Heimatland nahezu niemandem etwas sagt und deren Werke - zumeist Kurzfilme - dort wie international fast nur unter Abwesenheit von Publikum aufgeführt werden. In dieser Echokammer selbsternannter Cineasten muss ein Steven Soderbergh natürlich "massenaffinen" Hollywood-Mist produzieren ...
wiispieler 25.07.2019
2.
Das dachte ich mir beim Lesen auch und habe diese sagenhafte Regisseurin erstmal gegooglet.
Das dachte ich mir beim Lesen auch und habe diese sagenhafte Regisseurin erstmal gegooglet.

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