Kultur

AfD und deutscher Film

Gegen die Kultur-Abwicklung

Alles wie immer, wenn heute der Hessische Filmpreis verliehen wird? Hoffentlich nicht! Nach dem Rücktritt des HessenFilm-Chefs muss die Abwehr rechter Attacken auf die Kulturproduktion erst richtig beginnen.

Universal Pictures

Film "Ich war noch niemals in New York": Viel Repräsentations- und Erbauungskino, wenig Kunst

Ein Gastbeitrag von Lars Henrik Gass und Rüdiger Suchsland
Freitag, 18.10.2019   13:52 Uhr

Im Februar gab der Berliner Filmverleiher Torsten Frehse in der "tageszeitung" ein denkwürdiges Interview: Er sei sicher, "dass wir in fünf Jahren bei Filmfestivals und Filmmärkten mit rechtsradikalen Verleihern am Nebentisch sitzen werden müssen". Rechtsradikale seien derzeit "die größte Zielgruppe, die noch nicht bearbeitet ist". Frehse berichtet von Anschlägen auf Jugendzentren im Osten, die antifaschistische Filme zeigen, und von einer beängstigenden Distanz der etablierten Politik. Gemeinsame Strategien zum Umgang mit solchen Herausforderungen hätten längst entwickelt werden müssen.

Auch ein gutes halbes Jahr später ist von solchen Strategien nichts zu erkennen. In der deutschen Filmszene überwiegen bequeme Ignoranz, gepflegte Ratlosigkeit oder andere Formen des distanzierten Abwartens gegenüber der kulturelle Offensive der Ultrarechten. Diese versuchen über ihren parlamentarischen Arm, die AfD, Kunstfreiheit einzuschränken und die Deutungshoheit über Kultur zu erlangen, um die gesellschaftlichen Diskurse durch gezieltes Agenda-Setting und Verunsicherung etablierter Kulturträger systematisch zu verändern.

Zu den Autoren

Lars Henrik Gass, Autor und Kurator, leitet seit 1997 die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen. Rüdiger Suchsland ist freier Autor, Kritiker und Filmemacher. Gemeinsam haben sie die Erklärung vom 15. September initiiert, in der der Rücktritt von Hans Joachim Mendig gefordert wurde.

Marc Jongen etwa, ehemaliger Sloterdijk-Assistent und heute kulturpolitischer Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion, sagt, er wolle eine "Entsiffung des Kulturbetriebs". Längst hat der Marsch in die Institutionen begonnen: Inzwischen sucht die AfD auch den Zugriff auf die Filmproduktion. Sie sitzt bereits in mehreren Rundfunkräten von Fernsehsendern, die in der Filmförderung eine entscheidende Stimme haben.

Es stellt sich daher verschärft die Frage, wie eine offene Gesellschaft mit dieser Herausforderung umgehen soll. Der Fall des hessischen Filmfunktionärs Hans Joachim Mendig ist insofern in vielfacher Hinsicht ein Lehrstück.

Der Anfang von Dolchstoßlegenden

Dass der Mann nach einem öffentlich gewordenen, vorgeblich "privaten" Treffen mit dem AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen von seinem Posten als Geschäftsführer der Hessischen Filmförderung musste, war schnell klar angesichts von über 600 Unterschriften, die in der Erklärung vom 15. September Mendigs Rücktritt forderten.

Von Anfang an hatte sich Mendig in einen performativen Widerspruch verstrickt: Sein Treffen sei privat gewesen, ließ er verlauten, obwohl es öffentlich im sozialen Netzwerk der AfD verbreitet und dort als "angeregter und konstruktiver politischer Meinungsaustausch" bezeichnet wurde. Und obwohl er von verschiedenen Seiten um eine Erklärung gebeten wurde, schwieg Mendig beharrlich, ließ zugleich aber behaupten, hier werde Meinungsfreiheit eingeschränkt. Nicht ohne Echo: Die "FAZ" sprang Mendig in einem Kommentar bei, bezeichnete ihn als "Opfer" politischer "Instrumentalisierung" und schrieb von "alten Rechnungen" des politischen Gegners. So entstehen Dolchstoßlegenden.

Lars Reimann/ imago images

Filmförderer Hans-Joachim Mendig: Performativer Widerspruch

Bei den Parteifreunden der AfD im Ausland - in Brasilien, Italien, Österreich, Polen, Ungarn usw. - kann man schon faktisch nachvollziehen, wie Ultrarechte an der Macht mit freier Meinungsäußerung in der Kultur verfahren. Genau dagegen haben sich Hunderte von Filmschaffenden mit ihrer Unterschrift ausgesprochen: gegen die Normalisierung einer Partei, die freier Kulturproduktion entgegensteht und deren Ausübung gefährdet.

Teurer, aber nicht besser

Doch erst die kultur- und im engeren Sinne filmpolitische Entwicklung der letzten rund 25 Jahre hat ein System produziert, das Persönlichkeiten wie Mendig in Leitungspositionen spülen konnte: Durchregierer, Sanierer und Technokraten, die Filmförderung allein als Mittel zum Zweck ansehen und an besseren Filmen gar nicht interessiert sind.

Fast alle Mittel der Länder für Filme, Festivals sowie auf Film bezogene Ausbildung und Publikationen sind mittlerweile in privatrechtlich angelegte Strukturen überführt. Von Schleswig-Holstein bis Bayern entscheiden nun GmbHs, die von quotengetriebenen Fernsehsendern dominiert werden, wer wo was drehen kann. (Nicht zufällig war Mendig ehemals Programmverantwortlicher beim Hessischen Rundfunk.)

Diese regionale Struktur führt nicht zuletzt zu einem für alle Filmemacher lästigen "Fördertourismus" - den Zwang also, einen Film in mehreren Bundesländern zu produzieren, um das dort erhaltene Geld auch direkt wieder als "Regionaleffekt" in den Standort zurückfließen zu lassen. Die deutschen Filme werden damit teurer, aber nicht besser.

Dennoch gehört es zum Jargon dieses Systems, dass kultureller Wert und Wirtschaftlichkeit "zwei Seiten einer Medaille" darstellten. Weder vom einen noch vom anderen ist in der Praxis viel übrig geblieben: In der stark verengten Vorstellung der Förderer hat Film entweder "reine" Unterhaltung oder eine Illustration bedeutender Inhalte zu sein.

Auf Kosten von Geschmack und Kunst

Das Ergebnis sind knallig-banale Boulevardstoffe wie "Ich war noch niemals in New York", der recht unverblümt an die Revuefilme der Ufa anknüpft, die Darstellung "großer" Historie oder die Verfilmung "wichtiger" Bücher von "Deutschstunde" bis "Schachnovelle", um dadurch eine Art gesellschaftliche Sinnstiftung zu leisten - auf Kosten von Geschmack und Kunst.

Dieses erbauliche Staatskino und die Abwicklung echter Filmkultur liegt auf Linie mit AfD-Positionen, wie sie in Marc Jongens Bilanz des Deutschen Filmförderfonds (DFFF) für das Jahr 2017 Ausdruck finden: "So manche geförderte Filmproduktion krankt an einer Überdosis politisch korrekter Gesellschaftskritik, um die das Publikum lieber einen Bogen macht." Deshalb sei "eine ideologische Entschlackungskur vonnöten". Das kulturpolitische Projekt der Ultrarechten lautet Kultur-Abwicklung.

Der Fall Mendig symbolisiert dabei nicht nur das Einsickern rechter Diskurse in den bürgerlichen Mainstream, sondern zeigt symptomatisch, wie schwer sich kulturelle Institutionen tun, eine Antwort auf Ultrarechte zu finden - wenn sie, wie die Deutsche Filmakademie, nach allen Seiten offen sein und niemanden verprellen wollen. Doch in der jetzigen Situation eines unverhohlenen Angriffs auf die offene Gesellschaft und ihre Kultur der Vielfalt ist eine größere Klarheit gegen rechts geboten.

Der Sog der Solidaritätskette

Mit der Erklärung vom 15. September wurde die im deutschen Film grassierende Angstkultur gegenüber den Filmförderern nun einmalig überwunden - immerhin wurde ein amtierender Förderchef direkt angegriffen und die Zusammenarbeit aufgekündigt. Es entstand ein breites Bündnis unterschiedlicher Persönlichkeiten wie Iris Berben, Dominik Graf, Nicolette Krebitz und Christian Petzold.

Die Erklärung vom 15. September hat sich vom Agenda-Setting der AfD abgesetzt, zugleich aber dafür gesorgt, dass alles weitergehen kann wie gehabt - in einem System, in dem übermäßiges Verständnis von Film und Kino eher schädlich ist, anstandsloses Mitschwimmen im Strom der Filmförderverwaltung dagegen notwendig.

Die Einmütigkeit im Fall Mendig war mithin billig erkauft, denn im Sog der Solidaritätskette wollte keiner auf der falschen Seite stehen. Die Mobilisierung gibt dennoch Anlass zur Hoffnung. Zugleich aber hat sie vom eigentlichen Problem, das behoben werden müsste, abgelenkt.

Denn den Angriff der AfD auf die Kultur der offenen Gesellschaft wird man im Bereich Film nur abwehren können, wenn der Begriff von Kino und filmischer Qualität wieder künstlerisch erweitert wird. Film darf von Filmförderung und politischen Entscheidungsträgern weder auf Standortmarketing noch auf eine "nationale Aufgabe" oder Repräsentationskino reduziert werden. Es ist nicht damit getan, einen Funktionär abzusetzen, der offensichtlich kommunikativ überfordert war. Eine neue, andere Agenda der Filmförderung ist notwendig.

Klartext zum Filmpreis?

Dabei sollen und müssen die Bundesländer ihre Kulturhoheit gegenüber dem Bund ausüben, damit zum Beispiel aus den weit über elf Millionen Euro, die allein das Land Hessen für die Filmförderung einsetzt, auch bessere, mutigere und vielleicht am Ende sogar erfolgreichere Filme entstehen.

Zweck von Filmförderung sollte es sein, künstlerische Qualität gegenüber dem Markt zu behaupten. Sie sollte insbesondere dabei helfen, Filme entstehen lassen, die ihrer künstlerischen Anliegen wegen sich gar nicht als wirtschaftlich erweisen können - und diese Filme auch einem Publikum zugänglich zu machen und durch Bildung zu vermitteln.

Die nächste Gelegenheit für politische Entscheidungsträger, Klartext zu sprechen und Weichen für die Zukunft zu stellen, ist jedenfalls die Verleihung der Hessischen Film- und Kinopreise am 18. Oktober.

insgesamt 19 Beiträge
mallekalle 18.10.2019
1.
Es ist schon erstaunlich heutzutage. Die Autoren beklagen hier Entwicklungen der letzten 25 Jahre. Und weil die Steuergeldverteilung nicht mehr ganz so entspannt abläuft, auch noch von GmbHs organisiert ( wer hat die wohl [...]
Es ist schon erstaunlich heutzutage. Die Autoren beklagen hier Entwicklungen der letzten 25 Jahre. Und weil die Steuergeldverteilung nicht mehr ganz so entspannt abläuft, auch noch von GmbHs organisiert ( wer hat die wohl erschaffen?) machen die Autoren das an einem Mann fest, der mit der AfD ein Gespräch hatte. Dann wird gleich noch von Ultrarechten geschrieben, fertig ist der objektive Journalismus! Und es wird noch gefeiert. Und weiter gefordert. Ganz großes Kino!
browserhead 18.10.2019
2. Wehret den Anfängen! Aber, welchen denn?
Die Aufmachung des Artikel suggeriert, die AfD stünde mit eigenen Filmprojekten schon im Kinofoyer. Doch dann ist es nur die Prophezeiung eines Berliner Verleihers, dessen Unternehmen sich treffenderweise "Neue [...]
Die Aufmachung des Artikel suggeriert, die AfD stünde mit eigenen Filmprojekten schon im Kinofoyer. Doch dann ist es nur die Prophezeiung eines Berliner Verleihers, dessen Unternehmen sich treffenderweise "Neue Visionen" nennt. Weiterer Beleg für die "Vision" ist dann das Treffen von H.J. Mendig mit AfD-Vertretern, über dessen Sinn man noch mehr spekulieren kann als über sein Ergebnis - außer dem Abschied Mendigs. Wo steht denn nun die AfD-affine "Abwicklung der Kultur" - gar der "versifften Kultur - an? Von Rechtsrock-Festivals habe ich gehört, von Rechtsfilmfestivals oder einem Preis für Rechte Lyrik oder Völkische Skulptur noch nicht. Von der angeblichen Gefahr des Films ist es für die Autoren nur ein Katzensprung zur Misere des Films, weil der politisch belanglos und/oder konsensorientiert ist. Solche Pauschalitäten werden an aktuellen Filmen wie "Ich war noch niemals in New York" und "Die Deutschstunde" festgemacht. Aber sind das denn jetzt Filme, die uns die AfD bescheren will? Zumindest "Die Deutschstunde" mit Sicherheit nicht! Ganz nebenbei heißt es dann, dass politischer Mainstream das Publikum vergrault. Ach? Das heißt bei "progressiven" Pamphleten, rennen die Leute den Kinos die Türen ein? Kein Zweifel, die föderative Förderstruktur, die ohnehin längst von den TV-Sendern eigennützig usurpiert wurde, bringt überwiegend aalglatte Fernsehware (kurzzeitig) ins Kino ehe die Streifen dann als "Kinofilm" das TV-Programm veredeln sollen. Das Abklappern von Regionaleffekten macht die Produktion sicher nicht einfacher. Aber eine Zentralisierung der Förderung auf Berlin wäre politisch noch dominanter und würde ggfs. einer starken Bundes-AfD über Gremien-Teilhabe in die Karten spielen. Das Fördersystem in Deutschland mit den vielen Beteiligungen des Öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist übrigens grade ein Dorn im rechten Auge. Die AfD wird wissen warum, aber eine eigene rechte Filmlobby sehe ich jedenfalls nicht. Dass politisch engagierter, radikaler Film eine Versicherung gegen Kultur-Abwicklung ist aber auch nicht.
stiller_genießer 18.10.2019
3. Zuschauer?
Was heißt das nun für mich als Kinogänger? Der Mendig ist weg und endlich kommen wieder interessante deutsche Filme ins Kino. Oder: Hauptsache die Fördertöpfe sind für eine kleine Clique gut zugänglich. Das Interesse des [...]
Was heißt das nun für mich als Kinogänger? Der Mendig ist weg und endlich kommen wieder interessante deutsche Filme ins Kino. Oder: Hauptsache die Fördertöpfe sind für eine kleine Clique gut zugänglich. Das Interesse des Zuschauers (und Steuerzahlers) ist weiterhin nachrangig?
compositeur 18.10.2019
4. Die Kunstfreiheit ist ein Grundrecht...
unserer Verfassung, Art. 5 Absatz 3 Satz 1 GG genaugeneommen, Punkt. Der Zuschauer als Steuerzahler hat also, jenseits seiner "Macht" als Konsument, überhaupt nichts mitzureden. Und das ist elementar und richtig so.
unserer Verfassung, Art. 5 Absatz 3 Satz 1 GG genaugeneommen, Punkt. Der Zuschauer als Steuerzahler hat also, jenseits seiner "Macht" als Konsument, überhaupt nichts mitzureden. Und das ist elementar und richtig so.
Pampuschka 18.10.2019
5. Abwehr statt eigener Kreativität.
"Abwehr rechter Attacken auf die Kulturproduktion" Wenn das eurer wichtigste Problem ist, ist es mit Eurer "linken" Schaffenskraft aber nicht weit her. Und wer "Kulturproduktion" sagt, weiss [...]
"Abwehr rechter Attacken auf die Kulturproduktion" Wenn das eurer wichtigste Problem ist, ist es mit Eurer "linken" Schaffenskraft aber nicht weit her. Und wer "Kulturproduktion" sagt, weiss nicht, wovon er spricht. So in der Art: "Ich habe eine kleine Versfabrik". Wie schon Reich-Ranicki sagte: Es gibt nur Kunst, wenn sie gut ist. Keine rechte oder keine linke Kunst. Das sind Bezeichnungen für Sitzordnungen. Politische Machwerke sind nur Agitation.

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