Kultur

"Joker"-Premiere in Venedig

Gar nicht komisch, dieser Clown

Gesellschaftskritische "Taxi Driver"-Hommage mit einem sensationellen Joaquin Phoenix in der Hauptrolle: Beim Filmfestival in Venedig feierte "Joker" Premiere, die düstere Origin-Story des Batman-Gegenspielers.

Warner Bros

Joaquin Phoenix als "Joker": Komödie und Tragödie in einer Clownsfigur verdichtet

Aus Venedig berichtet
Samstag, 31.08.2019   22:02 Uhr

Ein Superheldenfilm im Wettbewerb eines großen Filmfestivals? Lachhaft, oder? Oder eben auch nicht. Mit Spannung wurde bei der Kino-Biennale in Venedig die Premiere von Todd Phillips' Comicadaption "Joker" erwartet. Der Film erzählt die sogenannte Origin-Story des notorischen Gegenspielers von Superdetektiv Batman, ein irrer, weiß geschminkter Horrorclown, der kichernd Anarchie stiftet, wo immer er auftaucht: Wie wurde dieser Typ zu einer grotesken Komikerkarikatur? Und welche Gesellschaft ließ es zu, dass es so weit mit ihm kommen konnte?

Diese Fragen verhandelt "Joker" auf spektakuläre Weise. Aber eben nicht spektakulär im Sinne von CGI-Schauwerten und rasant-bunten Materialschlachten, wie sie zumeist im Blockbusterkino des Superheldengenres vorherrschen. Schon früh kündigten Warner Bros. und DC Comics an, dass "Joker" abseits des Kino-Universums um Batman und die Justice League existieren würde, ein für sich stehender Film, der sich nicht in bestehende Handlungsstränge einfügt. Das ließ dem durch die "Hangover"-Trilogie bekannt gewordenen Regisseur Todd Phillips, der das Drehbuch zusammen mit Scott Silver ("The Fighter") schrieb, die Freiheit, eine meisterliche, sehr düstere und sozialkritische Charakterstudie zu inszenieren.

Ein echter Joker kam mit Hauptdarsteller Joaquin Phoenix dazu, der schon lange mit der Idee gespielt hatte, eine Comicfigur zu verkörpern, sich aber nicht für mehrere Filme binden wollte. Als "Joker"-Darsteller ist der Charakterdarsteller und Method Actor (unter anderem "The Master", "You Were Never Really Here") eine Sensation: Er schafft es, sogar die zur Ikone geronnene Darstellung des Batman-Bösewichts durch Heath Ledger in Christopher Nolans "The Dark Knight" verblassen zu lassen.

Warner Bros.

"Joker"-Hauptdarsteller Phoenix: Auf den Spuren von "Taxi Driver" Travis Bickle

Ohnehin vergisst man bis ganz kurz vor Schluss, dass man einen Comicfilm schaut. Das Skript basiert zwar angeblich lose auf dem Batman-Klassiker "The Killing Joke" von Alan Moore, aber die eigentliche DNA dieses Jokers ist Martin Scorseses Kino der Siebzigerjahre und frühen Achtziger. "The King of Comedy" und vor allem "Taxi Driver" dienen als Blaupause für eine Hommage, die ihre Vorbilder jedoch nie aufdringlich zitiert, sondern in einem ruhigen Fluss konzentrierter Szenen und Bilder liebevoll zelebriert.

"Joker" spielt im Jahre 1981, an einer Kino-Marquee werden der politische Thriller "Blow Out" und die Comedy-Farce "Zorro: The Gay Blade" annonciert. Es ist also der Beginn der Reagan-Jahre mit ihren kapitalistischen Härten und Welfare-Kürzungen, symbolisiert durch den Großindustriellen Bürgermeisterkandidaten Thomas Wayne. Kenner wissen: Das ist Batmans Vater, aber er wird hier nicht als Wohltäter und Mäzen verklärt wie oft in den Comics, sondern als skrupelloser und empathieloser Tycoon, in dem sich auch Trump widerspiegelt. Während die Börse boomt, geht es der fiktiven Gotham City, die natürlich New York ist, so schlecht wie nie: Der Müll liegt auf den Straßen, die Nachrichten berichten über eine Plage von "Superratten", auf den Straßen regieren Rücksichtslosigkeit und Gewalt.

Kein Geld für Psychotherapie

"Haben Sie auch das Gefühl, dass es immer verrückter wird da draußen", fragt denn auch Arthur Fleck seine desinteressierte Sozialarbeiterin, bei der er eine Art Psychotherapie absolviert - bis ihr die öffentlichen Mittel gestrichen werden und damit auch Flecks Medikamente nicht nachgefüllt werden. Der sensible Außenseiter lebt bei seiner Mutter in einem schäbigen Apartment und arbeitet als Partyclown. Gleich in der ersten Szene wird er von Straßenkids zusammengeschlagen, später noch einmal von übergriffigen Yuppie-Bankern. Es ist der Punkt, an dem er mit Gewalt aufbegehrt.

Fleck träumt eigentlich von einer Karriere als Stand-up-Komiker, sein großes Vorbild ist der TV-Talkshow-Host Murray Franklin (Robert De Niro), in dem er eine Art Vaterfigur sieht. Seit seiner Kindheit leidet Fleck daran, dass er selbst in unpassendsten Situationen anfängt, laut zu lachen, auch dann, wenn eigentlich alles nur zum Heulen ist. Seine würgenden Versuche, das unkontrollierbare Gelächter im eigenen Halse zu ersticken, sind herzzerbrechend.

Joaquin Phoenix gelingt es, das ganze Elend der conditio humana in dieser sich quälenden Grimasse zu verdichten: Hysterisches Lachen und haltloses Schluchzen über den Irrsinn der Welt liegen in seinem Gesicht übereinander wie die Theatermasken Tragödie und Komödie. In manchen Szenen tänzelt dieser "Joker" so würdevoll und behände wie in einem makabren Mörderballett, in anderen schrumpelt er zu einem von Einsamkeit und Schicksal gramgebeugten Loser mit erloschenem Blick zusammen. Es ist brillant und besorgniserregend zugleich.

Niko Tavernise/ Warner Bros. Pictures/ AP

"Immer verrückter da draußen": Phoenix als Joker

Zu viel vom Plot des Films sei hier nicht verraten, nur so viel: Am Ende hat Fleck in Murrays Talkshow seinen großen Auftritt in vollem Joker-Ornat mit blutrotem Grinsemund, während draußen ein wütender Mob mit Clownsmasken beginnt, die Stadt zu plündern und anzuzünden - aus Protest gegen die Verhöhnung und Marginalisierung der Armen durch Politiker-Magnaten wie Wayne. In einer Einstellung sieht die weiße Plastikmaske fast aus wie die Guy-Fawkes-Verkleidung der Anonymous-Demonstranten. Ein Narr, wer hier nicht die Parallelen zu ökonomischen und sozialen Spaltung unserer Gegenwart zieht.

insgesamt 9 Beiträge
Herr Knigge 01.09.2019
1. Klingt vielversprechend!
Auf so eine Umsetzung habe ich gehofft, bin gespannt!The dark knight hat damals ja schon deutlich in die sozialkritische Kerbe geschlagen - gut und böse waren nicht mehr klar zu trennen. Wenn dies nun fortgeführt wird - sauber!
Auf so eine Umsetzung habe ich gehofft, bin gespannt!The dark knight hat damals ja schon deutlich in die sozialkritische Kerbe geschlagen - gut und böse waren nicht mehr klar zu trennen. Wenn dies nun fortgeführt wird - sauber!
rumburg 01.09.2019
2. Trailer ist super
Der Trailer ist schon Kult
Der Trailer ist schon Kult
Martin Winter 01.09.2019
3. Beleidigung für den Charakter des Joker
Dieser Film ist das Paradebeispiel von des Königs neue Kleider, man muss den Kritikern nur ein Cliché Bezüglich Tragik nach dem anderen Zusammenreihen (Missbrauch, Angelogen, soziale und mediale Ungerechtigkeit, Mobbing etc.) [...]
Dieser Film ist das Paradebeispiel von des Königs neue Kleider, man muss den Kritikern nur ein Cliché Bezüglich Tragik nach dem anderen Zusammenreihen (Missbrauch, Angelogen, soziale und mediale Ungerechtigkeit, Mobbing etc.) und schon Essen einem die Kritiker aus der Hand. Um diesen Witz zu erhöhen sollte jemand mal auf Youtube nachschauen wie produziert man eine Oscar-bait Movie. Das Problem ist, dass dieser Film auf den Mythos des Characters von Joker spuckt. Der gleiche Grund weshalb die Darstellung des Killing Joke von Joker auch abscheulich ist und genau so von vielen Kritikern in den Himmel gelobt wird. Aus Joker wird ein weinlicher "Uh die Welt behandelt mich schlecht, jetzt räche ich mich." gemacht. Aber wieso wird dies denn von den Kritikern so in den Himmel gelobt. Weil deren beschränktes Denken von Dingen nur etwas damit anfangen kann, dass es vermenschlicht gemacht wird. Die Vorstellung, dass Joker die Welt brennen sehen will nicht aus einer Tragik heraus sondern weil er vielleicht einfach in seiner Kindheit mal die Entscheidung getroffen hat, dass es keine feste Variable gibt und somit eigentlich jegliche Planung, jeglicher Wunsch bedeutungslos ist und versuchen die Welt danach zu Ordnen einfach nur einen Witz und somit die Welt versucht diese Wahrheit vorzuführen, dann nur so wird man komplett frei - diese komplett nihilistische Lebensansicht welche speziell als Antagonist zu Batman, welcher zwanghaft versucht Sinn in die Welt zu bringen trotz der Tragödie, ist so Reizvoll. Das würde sogar noch erhöht werden, wenn der Joker im Gegensatz zu Batman ein komplett normales Leben ohne Tragödie gehabt hätte. Die Ironie ist, dass jetzt Joker sogar noch zu einer Sozialkritik gemacht wird. Das heisst ein Massenmörder soll zu einem Vorbild gemacht werden, mit dem mann mitempfinden kann. Dies ist die wahre Ironie des ganzen Films.
Uschi99 01.09.2019
4. genau....
besser hätte ich es nicht sagen können. In den 70er Jahren habe ich die Comics verschlungen. Kaum eine Verfilmung hat mit diesen Comics etwas zu tun.
besser hätte ich es nicht sagen können. In den 70er Jahren habe ich die Comics verschlungen. Kaum eine Verfilmung hat mit diesen Comics etwas zu tun.
gehdoch 01.09.2019
5. Warum sollte ich mir das ansehen?
Ich gehe ins Kino oder schaue Filme, um mich zu unterhalten, und zwar möglichst gut. Einen Film ohne jeden Humor, bei dem es immer nur bergab geht, brauche ich nicht. Ich brauche auch keine Psychotatorte mit Kindesmissbrauch [...]
Ich gehe ins Kino oder schaue Filme, um mich zu unterhalten, und zwar möglichst gut. Einen Film ohne jeden Humor, bei dem es immer nur bergab geht, brauche ich nicht. Ich brauche auch keine Psychotatorte mit Kindesmissbrauch und kaputtem Elternhaus und u d und... Die Welt ist mir da echt genug. Aber jedem das Seine

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP