Kultur

Kinofilm "Maria Stuart, Königin von Schottland"

Lieben, töten, Thron verteidigen

Feministisches Update für "Maria Stuart, Königin von Schottland". Regiedebütantin Josie Rourke und "House of Cards"-Schöpfer Beau Willimon erzählen den Streit um den englischen Thron neu. Unser Film der Woche

Foto: Universal Pictures
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Freitag, 18.01.2019   17:33 Uhr

Seit Kindesalter im französischen Exil, mit 16 Jahren verheiratet, mit 17 Jahren verwitwet. Sollten diese Erfahrungen auf Maria Stuart lasten, so lässt sich die junge Regentin dies nicht anmerken. Gerade sind ihre Schultern, aufrecht ihr Blick. Und würde sie nicht in der Nacht mit dem Boot an Schottlands Küste landen, dann würde sie sicherlich auch mit viel festerem Tritt Fuß auf das Land setzen, über das sie künftig herrschen will. Bis auf Weiteres bleiben ihr aber nur vorsichtige Schritte auf schlammigem Grund.

Selbstbild und Schicksal - sie decken sich nicht nur in den ersten Momenten von Maria Regentschaft über Schottland nicht. Sie werden ihr gesamtes Leben nicht zusammen passen. Am Ende senkt sich das Henkersbeil über der Frau, die den englischen und den schottischen Thron für sich beanspruchte.

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"Maria Stuart, Königin von Schottland": Es kann nur eine geben

Viele Bücher, Theaterstücke und Filme haben aus diesem dramatischen Stoff geschöpft. Eine weitere Adaption muss sich deshalb einigem Legitimationsdruck erwehren. Doch "Maria Stuart, Königin von Schottland" schlägt sich gekonnt. Nicht nur arbeitet Regisseurin Josie Rourke heraus, was für sie am Leben von "Mary Queen of Scots" so universell war, dass es uns 422 Jahre nach dessen Ende interessieren sollte. Sie fügt der Geschichte auch Details und Befindlichkeiten hinzu, die für neue Resonanzen sorgen.

Wichtige Vorarbeit hat Drehbuchautor Beau Willimon geleistet. Wie vom Schöpfer von "House of Cards" zu erwarten war, zeichnet seine Version des Kampfes von Maria Stuart mit Königin Elizabeth I. um die Vorherrschaft im noch nicht vereinigten Königreich ein extrem genauer Blick auf Machtspiele aus.

Einfluss bis in Marys Bett

Diesmal schaut er allerdings durch eine feministische Linse. Statt als Konkurrentinnen erscheinen Mary (Saoirse Ronan, "Brooklyn") und ihre Tante zweiten Grades Elizabeth (Margot Robbie, "I, Tonya") als Vertreterinnen verschiedener Regierungsphilosophien, die weniger von persönlicher Ränke als von machtpolitischen Überzeugungen geleitet sind.

Geprägt von ihren Jahren am französischen Hof will sich Mary ihre Lebenslust in Schottland nicht austreiben lassen. Sie will weiterhin tanzen, feiern, mit ihren Zofen und ihrem Privatsekretär die Vertraulichkeit echter Freundschaften genießen. Warum sich das nicht mit dem Anspruch auf den Thron Schottlands und den von England verbinden lassen sollte, kann und will sie nicht verstehen.


"Maria Stuart, Königin von Schottland"
Originaltitel: "Mary Queen of Scots"

UK 2018
Regie: Josie Rourke
Buch: Beau Willimon nach dem Sachbuch von John Guy
Mit: Saoirse Ronan, Margot Robbie, James Ardle, Joe Alwyn, Jack Lowden, David Tennant
Produktion: Focus Features, Perfect World Pictures, Working Title
Verleih: Universal
Länge: 124 Minuten
Start: 17. Januar 2019


Die neun Jahre ältere Elizabeth hat bereits eine Erklärung gefunden: Weil Männer und Frauen mit unterschiedlich Maß gemessen werden. Sie hat deshalb beschlossen, niemals zu heiraten. Was nicht heißt, dass sie mit Robert Dudley (Joe Alwyn) nicht doch einen engen und wohl auch intimen Vertrauten an ihrer Seite hat. Doch ein offizieller Status bleibt dem Jugendfreund verwehrt. Mehr noch: Als Elizabeth zu Ohren kommt, dass Mary auf der Suche nach einem neuen Ehemann ist, schickt sie kaltschnäuzig Dudley in den Norden - auf dass er ihren Einfluss bis in Marys Bett erweitert.

Macht hat, wer libidinöse Bestrebungen zu lenken versteht - sowohl die eigenen als auch die anderer. Mit dieser Interpretation schließt "Maria Stuart" königliche Machtspiele mit modernen sexual politics kurz. Es ist aber nicht die einzige Ebene, auf der der Geschichtsrevisionismus des Films ansetzt.

Unter den Rock geschlüpft

So sticht Jack Lowden als Marys potenzieller Ehemann Lord Darnley heraus. Während Saoirse Ronan zeitlos anmutig daher kommt, knipst er den zeitgenössisch-berechnenden Charme eines Boyband-Mitglieds an. Und spätestens wenn er beim Date mit der Königin kurzerhand unter ihren Rock schlüpft, um sich durch Cunnilingus für die Ehe zu empfehlen, ist klar: Lowdens Lord bespaßt nicht nur die Königin, sondern auch des Kinopublikum.

Die Präsenz von nicht-weißen Darstellerinnen und Darstellern im Ensemble folgt dagegen einer anderen Logik. Hier knüpft Regiedebütantin Rourke, die bislang am Donmar Warehouse Theater in London inszeniert hat, an Filme wie Andrea Arnolds "Wuthering Heights" oder Amma Asantes "Belle" an, die ebenfalls an einer genaueren Repräsentation von People of Colour in historischen Stoffen gearbeitet haben. Ein altes Geschichtsbild wird weniger aktualisiert als angemessen verkompliziert.

Im Video: Der Trailer zu "Maria Stuart, Königin von Schottland"

Mithilfe beider Strategien fügt sich ein Film zusammen, der nicht annimmt, relevant zu sein, nur weil er sich eines bewährten Dramas bedient. Sondern der sich bemüht, die eingeforderte Aufmerksamkeit durch Umsicht und Originalität zu rechtfertigen. Das kann man bemüht finden, es ändert jedoch nichts am Eindruck: Selten hat sich ein Kostümfilm so ernsthaft damit auseinandergesetzt, was er einem zeitgenössischen Publikum, zumal einem nicht rein weißen, genau erzählen will.

insgesamt 3 Beiträge
Uschi99 18.01.2019
1. "Diesmal schaut er allerdings durch eine feministische Linse"
Echt? Feministisch? Ich fand das Frauenbild nicht feministisch sondern erschreckend. Frauen die allzuleicht durch Sex und schöne Worte zu manipulieren sind. Und natürlich ist Mutterschaft das einzige was eine Frau anstreben [...]
Echt? Feministisch? Ich fand das Frauenbild nicht feministisch sondern erschreckend. Frauen die allzuleicht durch Sex und schöne Worte zu manipulieren sind. Und natürlich ist Mutterschaft das einzige was eine Frau anstreben sollte. Und so sentimental wie es in diesem Film dargestellt wurde konnten sich anscheinend weder der Drehbuchautor noch die Regieseurin vorstellen das es womöglich kein Verlust sein könnte als Frau nicht die Mutterschaft über alles zu stellen. Nein , ein feminischtischer Film ist es nicht. Im Gegenteil , ich habe einige altbackenen Vorstellung über das FRAUsein gefunden die ich lieber nicht gesehen hätte. Wären es Männer gewesen, wären sie tatkräftig und unsentimental dargestellt worden. Aber es sind Frauen und daher Gefühsbetont, stets leidend an ihren machtvollen Entscheidungen.
calinda.b 18.01.2019
2. Guter Zeitpunkt
...um die Schotten daran zu erinnern, dass sie nicht freiwillig zu Großbritannien gestoßen sind.
...um die Schotten daran zu erinnern, dass sie nicht freiwillig zu Großbritannien gestoßen sind.
heinz.murken 19.01.2019
3. Der Schöpfer von "House of Cards"
war ja wohl der Autor der Trilogie "The House of Cards". Und selbiger kam aus einem Team der Downing Street. So gut die amerikanische Serie auch ist, sie übertrifft nicht die ursprüngliche britische Version der BBC (gibt es [...]
war ja wohl der Autor der Trilogie "The House of Cards". Und selbiger kam aus einem Team der Downing Street. So gut die amerikanische Serie auch ist, sie übertrifft nicht die ursprüngliche britische Version der BBC (gibt es u.a. bei iTunes). Jeder "Schöpfer" einer TV Serie kann grundsätzlich nur so gut wie der Autor der Vorlage sein (seltene Ausnahmen bestätigen die Regel)
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