Kultur

Scheidungsdrama "Marriage Story"

Überleben Sie das mal

Unser Film der Woche "Marriage Story" lässt Adam Driver und Scarlett Johansson durch die Hölle des US-Scheidungsrechts gehen. Eine schmerzhafte, aber auch erlösende Filmerfahrung.

Netflix/ INTERTOPICS/LMKMEDIA Ltd./ ddp images
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Donnerstag, 21.11.2019   18:52 Uhr

Drei Mantras durchziehen "Marriage Story". Das erste ist: "Der Platz! In Los Angeles gibt es so viel Platz!" Der New Yorker Theaterregisseur Charlie (Adam Driver) kriegt das zu hören, sobald das Gespräch darauf kommt, dass seine Noch-Ehefrau, die Schauspielerin Nicole (Scarlett Johansson), ohne ihn nach Los Angeles ziehen wird. "Der Platz!"

Von diesem Platz wird man erst etwas in der allerletzten Einstellung sehen. Dann, wenn sich Charlie endlich mit dem abgefunden hat, was der Film von vornherein klar macht: Nicole wird nicht nach New York zurückkehren, sie wird sich von Charlie scheiden lassen.

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"Marriage Story": Szenen einer Scheidung

"Es wird vorbei gehen" ist das zweite Mantra von "Marriage Story". Charlies Anwalt Bert (Alan Alda) sagt es, nachdem Charlie ihm seine Lage geschildert hat. Der Schmerz, die Enttäuschung, die Wut, die eine Scheidung bringt: Es wird vorbei gehen. "Sie sind der Erste, der mich wie ein Mensch behandelt", sagt Charlie, als ihn Bert mit diesen einfachen Worten zu trösten versucht.

Doch sich gegenseitig wie einen Menschen zu behandeln, darum geht es in einem Scheidungsprozess nicht. Vielleicht weiß Nicole das schon, als sie Star-Anwältin Nora (Laura Dern) anheuert. Nora macht sich sofort daran herauszufinden, wie Nicole das alleinige Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn erhalten könnte und wie sie womöglich auch noch an das komplette Geld aus Charlies "Genius Grant", seinem hochdotierten Künstlerstipendium, kommt.

Eine Abrechnung über Bande?

Charlie wird die Brutalität des Verfahrens erst klar, als alles, was er zur Rettung seiner Familie tut, gegen ihn ausgelegt wird. Dass er Sohn Henry mit Nicole nach Los Angeles ziehen lässt, während sie dort die Pilotfolge einer neuen Fernsehserie dreht, dass er sich für die Zeit eine Wohnung in LA nimmt: Es wird nun als Beleg dafür genommen, dass auch Charlie anerkennt, dass LA der eigentliche Wohnsitz der Familie ist. Kurz muss Charlie angesichts dieser Perfidie schlucken, dann zieht auch er mit den Vorwürfen nach, dem Denunzieren und dem Aufrechnen.

Noah Baumbach, Autor und Regisseur von "Marriage Story", hat schon einmal einen autobiografisch geprägten Film über die Folgen einer Scheidung gemacht. In "Der Tintenfisch und der Wal" von 2005 blickte er aus der Perspektive eines Sohns im Teenager-Alter (Jesse Eisenberg als Baumbachs Alter Ego) auf die Zerfleischung eines Ehepaars. Der Film, Baumbachs Durchbruch als Regisseur, war voll grimmigem Humor und Parteilichkeit, denn so armselig wie Jeff Daniels als nachlässiger Vater und mittelmäßiger Literaturdozent hat sich selten ein Mann durch seine Midlife-Crisis manövriert.


"Marriage Story"
USA 2019

Buch und Regie: Noah Baumbach
Darsteller: Adam Driver, Scarlett Johansson, Laura Dern, Alan Alda, Ray Liotta, Merritt Wever
Produktion: Heyday, Netflix
Länge: 136 Minuten
Kinostart: 21. November 2019, ab 6. Dezember dann auf Netflix


"Marriage Story" speist sich in Details nun maßgeblich aus Baumbachs eigener Scheidung von Jennifer Jason Leigh. Die Schauspielerin, mit der er einen Sohn hat, stammt wie Filmfigur Nicole aus LA, feierte ihren Durchbruch mit einer Highschool-Komödie ("Fast Times at Richmond High") und reichte schließlich von LA aus die Scheidung von Baumbach ein.

Eine Abrechnung über Bande ist "Marriage Story" dennoch nicht geworden, denn der Film macht klar, warum sich Nicole von Charlie entfremdet hat. Wie er Versprechungen gemacht, dass sie öfter ihre Familie in LA besuchen würden und sie nicht eingehalten hat; wie er ihr das Regieführen in Aussicht gestellt hat und sie dann doch nur weiter im Ensemble hat spielen lassen.

Der Oscar-Moment

Für diese Scheidung gibt es Gründe und nicht alle haben etwas mit Gefühlen zu tun, das ist das überaus Moderne an "Marriage Story". Ansonsten kommt der Film nämlich bürgerlich gediegen wie die Trennungsklassiker "Szenen einer Ehe" oder "Kramer gegen Kramer" daher. Das Modernste an "Marriage Story" ist aber, wie er die Monstrosität vorführt, zu der das amerikanische Scheidungsrecht verkommen ist. Halbwegs unversehrt aus einer Scheidung hervorzugehen, scheint hier nicht nur unmöglich zu sein - es scheint sogar aktiv verhindert zu werden. Wie es Charlie und Nicole trotzdem schaffen, diesen Prozess zu durchstehen, ist die unglaublich schmerzhafte, aber auch erlösende Erfahrung des Films.

Im Video: Der Trailer zu "Marriage Story"

Foto: Netflix

"Being Alive", am Leben sein, ist denn auch das dritte Mantra von "Marriage Story". Adam Driver singt es in Form des gleichnamigen Stephen-Sondheim-Songs aus dem Musical "Company". Es ist Drivers großer Schauspieler-Moment. Der, der ihm die Oscar-Nominierung sichern dürfte, und der, der die Sympathien des Films letztlich doch offen legt. Denn zuvor hat schon Nicole ein Lied aus "Company" gesungen, die hübsch-alberne Nummer "You Could Drive a Person Crazy", mit ihrer Familie zusammen und vor einem Publikum.

Charlie hat dagegen den großen dramatischen Einzelauftritt, der ihn zum einsamen Genie stilisiert. Der Schmerz, die Enttäuschung, die Wut, sie werden damit nicht aufgewogen. Aber am Ende, so legt es Baumbach mit Drivers Auftritt nahe, kann immer noch große Kunst dabei herauskommen. Große Kunst wie "Marriage Story".

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