Kultur

Komödie über Erinnerungspolitik

Mit Rechten drehen

Eine kluge Sommerkomödie über das Gedenken an den Holocaust? Mit "Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen" gelingt dem rumänischen Regisseur Radu Jude das scheinbar Unmögliche.

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Samstag, 01.06.2019   11:51 Uhr

Während eines heißen Sommers in Bukarest begibt sich die junge Regisseurin Mariana Marin (Ioana Iacob) in einen persönlichen Drei-Fronten-Krieg. Mit Laien will sie Schlüsselszenen aus der rumänischen Geschichte während des Zweiten Weltkriegs nachstellen und so an die tragende Rolle erinnern, die das Land bei der Vernichtung der europäischen Juden gespielt hat.

Dieses Unterfangen gerät genauso anstrengend, wie es klingt. Radu Judes Spielfilm darüber ist hingegen das genaue Gegenteil: Eine leichtfüßige Komödie, deren Humor zu keiner Zeit auf Kosten ihrer Figuren oder ihrer geschichtspolitischen Haltung geht.

Was man über die rumänische Geschichte wissen muss, vermittelt der Film schön beiläufig, im Gespräch unter Freunden oder in Marianas Anweisungen an ihre Komparsen. Als die deutschen Streitkräfte 1941 über Rumänien nach Russland vorstießen, nutzte die dortige Militärdiktatur unter Ion Antonescu dies aus, um parallel die Vertreibung rumänischer und ukrainischer Juden in den Osten und damit in die Vernichtung zu vollziehen.

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"Mir ist es egal...": Dürfen wir das zeigen?

Ein Bericht von 2004, den die Internationale Kommission zur Erforschung des Rumänischen Holocaust unter Leitung von Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel erstellte, beziffert die Zahl der getöteten Juden zwischen 280.000 und 380.000, unter Roma soll es zu bis zu 25.000 Toten gekommen sein. "Für sie [die Juden] gibt es in Rumänien nichts mehr zu tun", soll Antonescu zu Beginn des Genozids gesagt haben, "und mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen."

Regisseur Jude hat den letzten Teil dieses Zitat zum Titel seines Films gemacht. Mariana, sein Alter Ego in diesem Film, benennt ihre Inszenierung anders: "Geburt einer Nation" - nach "The Birth of A Nation" von D.H. Griffith. Wer in der Filmgeschichte einigermaßen bewandert ist, weiß um den rassistischen Gehalt von Griffith' Werk und erkennt in der Assoziation damit eine heftige Kritik an der rumänischen Geschichte. Ohne diese Kenntnis verliert das Zitat jedoch jede Art von Schlagkraft, es verpufft.

Die hochgebildete Mariana unterschätzt diesen Effekt immer wieder, sie kann nicht begreifen, dass ihre Bilderwelt nicht die Bilderwelt der anderen ist und Bilder in Konkurrenz zueinander treten können. Steven Spielberg habe es doch auch geschafft, einen Film über einen Deutschen zu machen, der Juden gerettet hat, sagt ihr einmal der Abgeordnete der Stadtregierung Movila (Alexandru Dabija), da könne sie doch auch von den Rumänen erzählen, die sich geweigert haben, an den Massenerschießungen teilzunehmen.

Abgeschaut von Ceausescu

Movila, der immer häufiger zu den Freiluftproben von Marianas Stück kommt, ist die zweite Front, an der sie gegen Kritik an ihrer Arbeit kämpfen muss. Die erste sind die Laiendarsteller. Als Mariana eine alte Frau bittet, ihr vorzuspielen, wie sie um ihr Leben fleht, macht die ihre Sache außerordentlich gut. Mariana lobt sie, und die Frau antwortet glücklich: Das habe sie sich von Elena Ceausescu abgeschaut, der rumänischen Diktatorengattin, die vor laufender Kamera erschossen wurde.

Ein anderes Mal fragt ein älterer Komparse Mariana, ob bei der Deportation die Darsteller von Juden und Roma nicht getrennt werden könnten. Sein bester Freund sei zwar Zigeuner gewesen, aber eigentlich mische man sich nicht.


"Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen"
Originaltitel: "Imi este indiferent dace in istorie vom intra ca barbari"
ROM/D/BUL/F/CZ 2018
Buch und Regie: Radu Jude
Darsteller: Ioana Iacob, Alex Bogdan, Alexandru Dabija
Produktion: Endorfilm, HI Film Productions, Komplizen Film et al.
Verleih: Grandfilm
Länge: 140 Minuten
Start: 30. Mai 2019


Es sind also nicht nur Bilder, sondern auch Soundbites aus aktuellen Auseinandersetzungen ums Gedenken an den Holocaust, die um Mariana herumschwirren. Ein längeres Gespräch mit Movila greift von "Ist es mit dem Gedenken nicht langsam mal gut?" bis "Andere haben auch Massaker begangen, warum machst du nichts über die?" fast alle Argumente auf, mit denen Neu- und Altrechte die etablierte Erinnerungspolitik zu unterminieren versuchen.

Dank einer agilen Kamera und einer überaus eleganten Regie, die ihre Figuren selbst zwischen ausgedienten Panzern gewissermaßen tanzen lässt, fügen sich diese Szenen jedoch in einen Erzählfluss ein, wie man ihn aus französischen Sittenkomödien kennt. Keine ganz falsche Assoziation, denn zum Plot gehört auch noch eine Liebesgeschichte. Mariana hat eine Affäre mit einem verheirateten Piloten, von dem sie vielleicht ein Kind bekommt.

Jude kriegt das parallel erzählt, ohne damit Marianas intellektuellen Anspruch zu unterlaufen - im Gegensatz zu ihren Mitarbeitern und Komparsen, die es sich schon mal erlauben, die Deutungsmacht der jungen Frau an ihrem eigenen Set in Frage zu stellen. So fließen in diesen ohnehin schon reichen Film auch noch Beobachtungen mit ein, mit welchen besonderen Zumutungen Regisseurinnen zu kämpfen haben - Marianas dritte Front.

Meta, aber dringlich

So viel Gegenwart kannte man aus dem Kino von Radu Jude bislang nicht. Der 42-Jährige ist schon länger der Regisseur mit der größten Themen- und Stilbandbreite im neuen rumänischen Kino. Den Durchbruch schaffte er 2015 mit dem Schwarz-Weiß-Western "Aferim!", für den er auf der Berlinale mit dem Silbernen Bären für die beste Regie ausgezeichnet wurde. Darauf folgte 2017 das herausragende historische Künstlerporträt "Vernarbte Herzen" (Jury-Preis in Locarno).

Beide Filme waren trotz aller zeitgenössischen Sensibilität sehr genau in ihren zeithistorischen Kontexten verortet. In "Mir ist es egal..." gelingt Jude nun der Brückenschlag in die akute Gegenwart. Dass er diese in eine Meta-Erzählung von einer Inszenierung innerhalb eines Films verschachtelt, nimmt ihr nichts an ihrer Dringlichkeit.

Im Video: Der Trailer zu "Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen"

Denn Jude inszeniert nicht, um zu zeigen, dass hinter jedem Bild eine Agenda steckt und es deshalb kein wahres (Ab-)Bild von Geschichte geben kann. Er zeigt vielmehr, dass jedes Bild ein informiertes Gespräch über sich braucht, um richtig verstanden werden zu können. In "Mir ist es egal..." bringt Jude Bilder und die richtigen Gespräche mit Meisterhand zusammen.

insgesamt 2 Beiträge
hegoat 01.06.2019
1.
Klingt interessant (auch wenn es der Liebesgeschichte nicht gebraucht hätte), aber mir DEM schnarchigen Kinotrailer lockt man wirklich keinen Hund unterm Ofen hervor. Schade drum!
Klingt interessant (auch wenn es der Liebesgeschichte nicht gebraucht hätte), aber mir DEM schnarchigen Kinotrailer lockt man wirklich keinen Hund unterm Ofen hervor. Schade drum!
doc_snyeder 02.06.2019
2. Nicht D. H. Griffith
hat "The Birth of a Nation" gedreht, sondern D. W., also David Wark Griffith.
hat "The Birth of a Nation" gedreht, sondern D. W., also David Wark Griffith.
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