Kultur

Nate Parker in Venedig

Rohes Reality-Kino

Die Einladung des der Vergewaltigung beschuldigten US-Regisseurs Nate Parker sorgte für eine Kontroverse vor dem Festival in Venedig. Sein neuer Film "American Skin" macht die Debatte nicht einfacher.

Filmfest Venedig

Szene aus "American Skin": Täuscht vor, eine aus Schnipseln montierte Studentenarbeit zu sein

Aus Venedig berichtet
Montag, 02.09.2019   20:05 Uhr

Nur zwei Regisseurinnen im Wettbewerb, dafür aber zwei Männer im Programm, die wegen Vergewaltigung angeklagt wurden - das wurde im Vorwege des Filmfestivals von Venedig vielfach als Provokation empfunden, als ignorante, wenn nicht trotzige Geste gegen den #MeToo-Zeitgeist und die dringend nötigen Bestrebungen, im von Männern dominierten Filmbetrieb für mehr Geschlechterparität zu sorgen.

Der große Eklat blieb dann jedoch aus, sowohl nach der Premiere von Roman Polanskis Wettbewerbsfilm "J'accuse" am vergangenen Freitag , als auch am Sonntag, als der afroamerikanische US-Filmemacher und Schauspieler Nate Parker, 39, seine zweite Regiearbeit "American Skin" in der Extra-Reihe "Sconfini" vorstellte.

Parker hatte 2016 sein Sklavendrama "The Birth Of A Nation" veröffentlicht, das er selbst geschrieben und produziert hatte, er spielte außerdem die Hauptrolle. Der Film bekam viel Aufsehen und galt als potentieller Oscarkandidat. Da er auch eine Vergewaltigungsszene enthielt, wurden frühere Anschuldigungen gegen den damals noch unbekannten Parker in der Öffentlichkeit diskutiert: Er soll 1999 zusammen mit seinem Freund Jean Celestin eine Studentin auf dem Campus der Penn State University vergewaltigt haben. Celestin wurde verurteilt, Parker jedoch 2001 freigesprochen. Das Opfer nahm sich 2012 das Leben.

Der Regisseur erklärte seinerzeit, er sei damals zu Unrecht angeklagt worden und das Gericht habe ihn rehabilitiert. Dennoch ließ die Geschichte viele Fragen über Parkers Rolle in dem Vergewaltigungsfall offen. "Birth Of A Nation" hatte daraufhin nur wenig Resonanz an der Kinokasse und konnte keine großen Preise gewinnen, Parker galt als Persona non grata in Hollywood, wenn nicht als erledigt.

Venedig ermöglichte ihm nun jedoch ein vorerst kleines Comeback. Was die Debatte darüber, ob Künstler, denen Missbrauch und Vergewaltigung vorgeworfen wurde, an derart exponierter Stelle ihre Werke vorführen dürfen, nicht leichter macht. Ebensowenig wie die Frage, ob Kunst und Künstler unabhängig voneinander betrachtet werden können, dürfen oder sollen. Zynischerweise könnte man sagen, es wäre einfacher, wenn Parkers neuer Film mies oder irrelevant wäre - man müsste sich schlicht nicht weiter mit ihm beschäftigen. Doch "American Skin" ist ein guter und interessanter Film, der trotz aller Vorbehalte gegen Parker gezeigt und gesehen werden sollte.

Vom Festival ein wenig versteckt?

Bei der Premiere am Abend gab es laut Medienberichten minutenlange Standing Ovations für "American Skin". Parker und US-Regisseur Spike Lee ("Do The Right Thing"), der den Film unterstützt und ihm im Vorspann per "Presented by" sein Gütesiegel verlieh, hatten sich zuvor der Presse und dem Publikum gestellt. Parker gab sich den Berichten zufolge demütig und entschuldigte sich für seine unsensiblen Aussagen von vor drei Jahren, sie seien im vorherrschenden Klima "tone-deaf" gewesen.

Anders als die Wettbewerbspremieren finden die Sconfini-Galas in einem kleineren, weniger festlichen Saal statt. Die einzige reine Pressevorführung war am Samstagnachmittag, einem mit Programmhighlights wie "Joker" vollgestopften Tag des Festivals, in eines der winzigsten Kinos gelegt worden; bis auf eine kurze, zugangsbeschränkte Pressekonferenz gaben weder Parker noch Lee längere Interviews. Man könnte auf die Idee kommen, "American Skin" würde vom Festival und seinen Kritikern ein wenig versteckt.

Er wird allerdings diese Woche auch beim Filmfestival in Toronto dem nordamerikanischen Fachpublikum gezeigt - und dort wahrscheinlich Wellen schlagen. Zum einen, weil Nate Parker eine so kontroverse Figur ist, zum anderen, weil sein Film über Polizeigewalt gegen Afroamerikaner ein vor allem in den USA wichtiges Thema eindringlich verhandelt.

Parker spielt erneut selbst die Hauptrolle des Irakkrieg-Veteranen, der zusammen mit einem Trupp alter Kameraden ein ganzes Polizeirevier in Geiselhaft nimmt. Er will dem jungen Polizisten, der ein Jahr zuvor bei einer Fahrzeugkontrolle seinen 14-jährigen Sohn erschossen hat, noch einmal den Prozess zu machen. Der Beamte war zuvor vor Gericht freigesprochen worden.

Parkers Lincoln "Linc" Jefferson (man beachte die ikonischen Namen) bekommt Besuch von dem Studenten Jordin, der eine Dokumentation über den Fall drehen will. In Rückblenden erfährt man in verwackelten Bildern einer Überwachungskamera, wie der schwarze Vater und Sohn servil die demütigende Prozedur der Straßenkontrolle in einem weißen Wohnviertel über sich ergehen lassen: allein die Würdelosigkeit dieser Szenerie ist empörend. Doch alle Vorsicht, alle zuvorkommende Freundlichkeit nützt nichts: Die Autoversicherung ist abgelaufen, die Beamten sind alarmiert. Teenager Kajani greift im Dunkeln nach seinem Telefon. Der Polizist auf seiner Seite des Wagens vermutet eine Waffe, greift selbst zur Pistole, es wird hektisch und unübersichtlich, tödliche Schüsse fallen.

Nicht elegant, nicht subtil - aber aufrüttelnd

Als Linc schließlich den jungen Studenten und sein Team kapert, um seine Geiselnahme filmen zu lassen, denkt man, Regisseur Parker würde ein haarsträubend unglaubwürdiges, polarisierendes und brutales Selbstjustizdrama entfesseln. Doch in der zweiten Hälfte wird der Film zu einem manchmal zwar arg didaktischen, letztlich aber packenden Kammerspiel, das die komplizierten Vorurteile und gesellschaftlichen Fallstricke, die zu racial profiling, institutionellem Rassismus und Polizeigewalt führen, überraschend ausgewogen diskutiert.

Es geht um Rap-Musik, ihre Klischees und wer sie eigentlich fetischisiert und konsumiert, es geht um Menschen, die sich selbst nicht für Rassisten halten, aber sich dann doch rhetorisch verheddern, es geht um Bildungsmisere und die drückende Last der Sklavereihistorie - und es geht um das Dilemma der Polizei, für Sicherheit nur sorgen zu können, wenn nach Hautfarbe kontrolliert wird.

Argumentiert wird im Inneren des Reviers wie bei einem Gerichtsprozess, auf der einen Seite die aus Weißen, Latinos und Schwarzen (die meisten aus dem Knast) rekrutierten Geschworenen, auf der anderen Seite der Todesschütze und einige seiner Kollegen als Verteidiger. Bleibt die Frage, ob der selbsternannte Richter Linc in der Lage ist, die Konsequenz aus dem Urteil zu ziehen, bei Frei- wie auch bei Schuldspruch.

"American Skin" ist, wie zuvor schon "Birth Of A Nation", kein sehr elegantes oder subtiles Kino. Es setzt oft recht plump emotionale und dramaturgische Druckpunkte, um beim Zuschauer eine Reaktion zu provozieren. Vielleicht weiß Nate Parker das auch selbst: Sein ohne viel Budget inszenierter Film täuscht vor, eben jene aus Found-Footage und Videoschnipseln zusammenmontierte Studentenarbeit zu sein - ein rohes, aufklärerisch motiviertes Amateurwerk also, das - bis zu seinem sehr bitteren Ende - eher gesellschaftlich aufrütteln soll, statt ästhetisch zu begeistern.

Aber das heißt ja nicht, dass dieses von Parker leidenschaftlich inszenierte Reality-Kino keine Dringlichkeit besitzt.

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