Kultur

Meisterwerk "Porträt einer jungen Frau in Flammen"

Genießen Sie jedes Bild

Zwei Frauen, die von der Freiheit kosten: Mit ihrem neuen Film schreibt die Französin Céline Sciamma Film- und Kunstgeschichte neu - und schenkt dem Kino eines seiner schönsten Liebespaare.

Foto: Alamode
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Donnerstag, 31.10.2019   14:07 Uhr

Was wäre, wenn die Sache mit Orpheus und Eurydike ganz anders gelaufen ist, als wir immer gedacht haben? Wenn Orpheus diesen schicksalhaften Blick zurück, der seine Geliebte für immer in die Unterwelt bannt, nicht aus Sehnsucht wirft? Sondern aus Berechnung, damit ihre Geschichte hier am Übergang von Hades zur Oberwelt für immer endet? Weil die Erinnerung an eine große Liebe viel schöner ist als der Alltag, in dem sie gelebt werden muss?

Bei Wein und flackerndem Kerzenlicht kommen die Frauen in Céline Sciammas Film "Porträt einer jungen Frau in Flammen" auf solche Gedanken. Es ist das Jahr 1770, in einem Anwesen an der stürmischen Küste der Bretagne. Die Männer sind weg, ebenso die Gräfin, die ihre Tochter mit einem Adligen in Mailand verheiraten will. Nur diese Tochter, Héloïse (Adèle Haenel, lesen Sie hier ein Porträt über die Schauspielerin der Stunde in Frankreich) , ihre Porträtistin Marianne (Noémie Merlant) und Dienstmädchen Sophie (Luàna Bajrami) sind da, und ungestört von allen anderen können sich die drei jungen Frauen endlich solche Gedanken machen - freie, wilde, die Bekanntes mit verblüffendem Ergebnis neu denken.

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"Porträt einer jungen Frau in Flammen": Gemeinsam neue Bilder schaffen

In dieser Szene verbirgt sich auch die Grundanlage des Films, denn Regisseurin und Autorin Céline Sciamma hat sich mit ihm selbst einen Raum geschaffen, in dem sie neu denken kann. Und das Ergebnis ist grandios. Nichts weniger als ein Meisterwerk gelingt der Französin mit "Porträt einer jungen Frau in Flammen", ein Film ebenso klassisch wie neu.

Klassisch, weil die Liebenden des Films, Héloïse und Marianne, mit einer Selbstverständlichkeit in der Filmgeschichte Platz nehmen, wie es nur die ikonischsten Figuren vermögen, radikal und würdevoll zugleich. Und neu, weil es Bilder wie die in "Porträt" noch nicht gegeben hat. Bilder, erdacht von einer Frau (Sciamma), gefilmt von einer Frau (Claire Mathon), erfüllt von Frauen.

Anachronistisch sind diese Bilder trotzdem nicht, denn für alles, das gezeigt wird im Verlauf der zwei Filmstunden - von einer Abtreibung bis zu einem Opiumrausch -, gibt es historische Indizien und Belege, nur eben nicht die Art von Zeugnissen, mit denen sich Männer in die Geschichte einschreiben konnten. Es sei ihr verboten, an Aktkursen zum Studium des männlichen Körpers teilzunehmen, erzählt Marianne ihrem Modell Héloïse bei einer Sitzung beiläufig. "Warum?", fragt diese erstaunt zurück. "Damit wir die wichtigsten Motive in der Kunstgeschichte, die großen Heldenfiguren, nicht malen können."

Sciamma erzählt also von der Unmöglichkeit bestimmter Bilder - und schafft sie mit ihrem Film gleichzeitig selbst. Das sind vor allem Darstellungen von homosexueller Liebe, die Sciamma in ihren Filmen "Water Lilies" (Buch und Regie) und "Mit siebzehn" (Buch) zuvor so mitreißend für die Gegenwart entworfen hat. Von dieser Energie geht bei der Überführung ins period piece nichts verloren, sie wird nur noch eleganter, kunstvoller.


"Porträt einer jungen Frau in Flammen"
Originaltitel: "Portrait de jeune fille en feu"
F 2019

Buch und Regie: Céline Sciamma
Darstellerinnen: Adèle Haenel, Noémie Merlant, Luàna Bajrami, Valeria Golino
Produktion: Lilies Film et al.
Verleih: Alamode
Länge: 119 Minuten
Start: 31. Oktober 2019


Marianne soll Héloïse auf Wunsch von deren Mutter porträtieren, damit ein unbekannter adliger Heiratswilliger in Mailand entscheiden kann, ob Héloïse zur Ehefrau taugt. Diese ist sich des Anliegens der Mutter bewusst und verweigert, Modell zu sitzen. Marianne muss deshalb mit einer Täuschung arbeiten, als Konversationsdame wird sie in den Haushalt eingeschmuggelt und kann lediglich flüchtige Seitenblicke auf ihr Sujet werfen.

Das erste Porträt scheitert entsprechend, Mariannes Eindrücke waren zu oberflächlich - sehen bedeutet schließlich nicht gleich erkennen, darstellen nicht wahrhaftig repräsentieren. (Ein Merksatz für Festivalchefs wie Alberto Barbera von den Filmfestspielen von Venedig übrigens, der zuletzt meinte, dass es nicht unbedingt mehr Filme von Frauen bräuchte, weil sich doch Regisseure vermehrt der "weiblichen Lage" annähmen.)

Marianne setzt sich ein zweites Mal an die Staffel, diesmal aber mit Héloïses Unterstützung, denn die hat Gefallen am Bilderschaffen gefunden. Ein zweites Porträt entsteht, und ein drittes, das titelgebende "Porträt einer jungen Frau in Flammen", das als Vorlage einen Abend am Strand hat, bei dem Héloïse tatsächlich Feuer fängt. Einfach weil mit Marianne für kurze Zeit alles möglich ist.

Doch wenige Bilder vom Glück der beiden müssen reichen, macht Sciamma von vornherein klar. Sie spielt nicht mit der Tragik der unmöglichen Liebe, lässt ihre Figuren nicht gegen ein verzweifeltes "Was wäre wenn?" anrennen, sondern schenkt ihnen die Weisheit, Erlebtes sogleich als Erinnerung zu bewahren.

Im Video: Der Trailer zu "Porträt einer jungen Frau in Flammen"

Foto: Alamode

Ähnlich sollte man als Zuschauerin auch mit diesem Film verfahren und jedes Bild auskosten, um am Ende beglückt zurückschauen zu können. Womöglich hat es schon Orpheus so gemacht.

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