Kultur

Jugend-Drama "Roads"

Europäische Giganten

Kann man Europas Flüchtlingskrise als Buddy-Movie erzählen? Nach "Victoria" zeigt sich Regisseur Sebastian Schipper erneut als Filmemacher ohne Angst vor Experimenten. Nicht nur das macht "Roads" sehenswert.

Von
Freitag, 31.05.2019   20:43 Uhr

Ohne Knallcharge geht's nicht. In jedem Film von Sebastian Schipper gibt es eine irrwitzige, altvordere Type, die dazu dient, einmal kurz die Spannung zu lösen, alles wieder locker zu machen, aufkommender Melancholie ein bisschen Quatsch entgegenzusetzen.

In "Absolute Giganten", Schippers gerade 20 Jahre alt gewordenem Debütfilm, ist es Jochen Nickel als stoischer Tischfußballrocker Snake, in "Victoria" gab André Hennicke eine verkokste Gangsterkarikatur ("Die Bitch bleibt hier!"). Und in "Roads", dem fünften Film des 51-jährigen Filmemachers, darf nun Moritz Bleibtreu als Pausenclown auftreten. Er spielt den kauderwelschenden Alt-Hippie Luttger, der sich zunächst als Helfer in der Not gibt, sich dann aber als äußerst unzuverlässig entlarvt.

Diese kaputten Figuren mögen vordergründig für comic relief sorgen. In Wahrheit stehen sie aber für eine Erwachsenengeneration, die den zumeist jugendlichen Protagonisten in Schipper-Filmen keine große Hilfe sind, geschweige denn Vorbilder: Die Kids, ob sie nun nachts durch Hamburg, Berlin oder halb Europa driften, suchen ihren eigenen Weg. Sie begeben sich auf eine Reise, deren Ziel oft auch nach Ende des Films verschwommen bleibt. Es gibt vage Hoffnungen und sentimentale Momente, viel Adrenalin und unbeschwerte Kicks. Aber keine einfachen Lösungen.

Fotostrecke

"Roads": Happiness ist ein altes Wohnmobil

Genauso ist es auch in "Roads". Der soeben 18 Jahre alt gewordene Londoner Gyllen (Fionn Whitehead, "Dunkirk") hat Stress mit seiner Mutter und deren Freund. Also entwendet er frustriert das geliebte Vintagewohnmobil des verhassten Stiefpapas - und will auf eigene Faust los, nach Frankreich, zu seinem leiblichen Vater. Problem: Gyllen hat, wie viele westliche Großstadtkinder, keinen Führerschein. Wie soll er den Camper also aus dem marokkanischen Familien-Urlaubsort aufs europäische Festland kriegen?

Zu Hilfe kommt ihm William (Stéphane Bak), ebenfalls 18, der sich aus dem Kongo nach Marokko durchgeschlagen hat. Auch er will nach Nordfrankreich, nach Calais, wo er seinen verschollenen Bruder in einem der Flüchtlingscamps vermutet. Er kann zwar fahren, aber er hat keinen Pass. Die erste Begegnung der beiden schilderte Sebastian Schipper in einem Interview so: "Zwei Aliens stehen sich gegenüber."

Reise in die Kälte

Ursprünglich hatte Schipper einen launigen Sommerfilm im Kopf, ein romantisches Abenteuer unter Freunden, die zum ersten Mal ohne Eltern Urlaub machen, quer durch Europa mit dem Interrailticket, oder, wie der damals führerscheinlose Schipper, mit einem Kumpel im klapprigen Lada an die Côte d'Azur.

Bei der Abenteuergeschichte ist es geblieben. Aber Schipper und sein Drehbuchpartner Oliver Ziegenbalg ("25 km/h") erhöhten den Schwierigkeitsgrad, indem sie den einen Jungen aus Afrika, den anderen aus England kommen ließen. Durch Zufall zusammengeschweißt, nehmen sie den Zuschauer mit auf einen Trip, der von Freundschaft und Familie handelt, aber eben auch von der Flüchtlingskrise.


"Roads"
D/F 2018
Regie: Sebastian Schipper
Drehbuch: Sebastian Schipper, Oliver Ziegenbalg
Cast: Fionn Whitehead, Stéphane Bak, Moritz Bleibtreu, Ben Chaplin, Marie Burchard
Produktion: Missing Link Films, ARD Degeto, Arte, Kazak Productions, Komplizen Film, Radical Media, Studiocanal Film, WDR
Länge: 99 Minuten
FSK: ab 6 Jahren
Start: 30. Mai 2019


Formal ist "Roads" viel konventioneller als der radikale One-Take "Victoria", aber sein Versuch einer dramaturgischen Verschränkung von Buddy-Movie und Reality-Drama ist kaum weniger mutig. Nicht alles funktioniert bei diesem Experiment. Einige Plot-Wendungen wirken konstruiert, das Erzähltempo cruist manchmal so gemächlich wie das Oldie-Campermobil, in dem viel zu viel gekifft wird. Die Musik von The Notwist klingelt und klimpert zu gediegen, man fängt an, sich ein bisschen zu langweilen.

Doch Schipper beweist einmal mehr eine sichere Hand bei der Wahl seiner jungen Hauptdarsteller: Ihnen glaubt man die Überwindung des Fremdelns, ihre allmählich entstehende Freundschaft und die Lust am Nervenkitzel, als es zuerst mit dem Wohnmobil, später mit dem Motorrad vom sonnigen Süden in den kühlen, zunehmend feindseligen Norden des Kontinents geht. Man kommt diesen Figuren sehr nah, ihre gegenseitige Empathie wirkt echt und wärmend.

Ihre Reise führt allerdings in die Kälte. Gyllens ersehnte Begegnung mit seinem echten Vater verläuft desaströs, sein schmuckes Designerhaus verheißt keinen sicheren Hafen. An einem Frittenstand in Frankreich machen die beiden Jungs bittere Bekanntschaft mit europäischem Rassismus. Und als sie in den (inzwischen aufgelösten) Feldlagern von Calais mit Hilfe humanitärer Helfer endlich Williams Bruder auf die Spur kommen, schälen sich die hungrigen Flüchtlinge wie Zombies aus tiefschwarzer Nacht.

Im Video: Der Trailer zu "Roads"

An diesem Punkt hat der Film Gangart und Stil gewechselt: Er erzählt jetzt keine Story mehr, er zeigt, fast dokumentarisch anmutend, nur noch eindrückliche Bilder aus einer komplizierten Gegenwart. In ihnen lösen sich nicht nur Genreregeln auf. Es zerfallen auch gefühlte Gewissheiten darüber, welcher dieser beiden Jungs eigentlich der Entwurzeltere ist.

Wie so oft in Sebastian Schippers Kino bietet inmitten all dieser Flüchtigkeiten nur die Freundschaft eine Unterkunft. So provisorisch sie auch sein mag.

insgesamt 1 Beitrag
Tyler85 01.06.2019
1. Schon wieder?
Noch ein Film aus deutschen Landen über "Flüchtlinge"? Gäääähn...
Noch ein Film aus deutschen Landen über "Flüchtlinge"? Gäääähn...
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP