Kultur

Elton-John-Darsteller Egerton

"Wie ein Pfau beim Radschlagen"

In "Rocketman" spielt Newcomer Taron Egerton den Superstar Elton John - samt extravaganten Kostümen, Drogenexzessen und schwulem Sex. Warum alles zum Film gehört, erklärt der Waliser im Interview.

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Donnerstag, 30.05.2019   20:26 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Herr Egerton, "Rocketman" geht auf eine Initiative von Elton Johns Lebenspartner David Furnish zurück, Elton John selber fungiert als ausführender Produzent. Handelt es sich bei dem Film um ein Prestigeprojekt?

Egerton: Elton hat es verdient, dass man sein Leben feiert. Aber Sie haben den Film doch schon gesehen. Da gibt es eine Szene, in der ich als Elton meinen Texter Bernie Taupin runtermache und ihm sage, ich könne es mir nicht leisten, den ganzen Tag auf 'nem Scheißbleistift rumzukauen. Ich würde sagen, dass das keine besonders schmeichelhafte Darstellung von Elton ist, sondern einen ziemlich hässlichen Moment in seinem Leben einfängt. Wenn Sie das eitel nennen wollen, bitteschön. Aber ich würde Sie herausfordern, das Elton direkt ins Gesicht zu sagen.

SPIEGEL ONLINE: "Rocketman" steht in einer Reihe von Filmen, die die Rockstars der Siebziger und Achtziger feiern, zuletzt "Bohemian Rhapsody". Was ist anders an Ihrem Film?

Egerton: Wir kennen natürlich die ganzen Vorläufer, und in seiner DNA ist unser Film eine Feier von Eltons Leben. Außerdem handelt es sich um ein kommerzielles Unterfangen, das versuchen wir auch gar nicht herunterzuspielen. Was wir aber anders machen, ist, dass wir die ganze Bandbreite von Eltons Verhalten zeigen. Wir sehen, wie er sich sehr schlecht benimmt, zeigen aber auch seine liebenswürdigen und verletzlichen Seiten. Das kommt Elton schon sehr nah: So ist das Leben, das er gelebt hat. Gerade zum Höhepunkt seiner Suchtkrankheiten muss er zum Teil sehr schwierig gewesen sein. Wir kennen alle die Geschichten seiner divenhaften Wutausbrüche.

SPIEGEL ONLINE: Eigentlich muss man an Elton John als Filmfigur kaum mehr etwas dramatisieren, er ist bereits überaus dramatisch.

Egerton: Das finde ich auch großartig an ihm, das ist Teil seiner Marke. Und die Leute sehen sich das gern an! Bei der Premiere sind die Leute echt mitgegangen, als er zum ersten Mal einen Wutanfall hat. Das erwartet man schon richtiggehend von ihm.

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"Rocketman": Brich ihm bloß nicht das Herz!

SPIEGEL ONLINE: Nutzt man damit nicht gleichzeitig auch seine Schwächen und Krisen zu Unterhaltungszwecken aus?

Egerton: Nein, der Film handelt von den Gefahren, die mit Ruhm und Exzess einhergehen. Ich finde, wir zeigen ein abschreckendes Beispiel davon, was passiert, wenn man zu viel Spaß hat. Wir verherrlichen definitiv nicht Drogen oder Alkohol.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Karriere als Schauspieler war schon vor "Rocketman" eng mit der Musik von Elton John verbunden. Bei der Aufnahmeprüfung zur Schauspielschule haben Sie "Your Song" gesungen, im Animationsfilm "Sing" von 2016 bieten Sie "I'm Still Standing" dar. Woher kommt diese Nähe zu Elton Johns Musik?

Egerton: Es gab einfach eine Phase in meinem Leben, in der ich wie jeder Jugendliche Musik für mich entdeckt und wie wild alles aus der Vergangenheit aufgesogen habe. Ich habe ewig viele Videos der klassischen Rockstars angeschaut, von David Bowie, den Beatles und eben Elton John. Mein Lieblingsalbum ist "Captain Fantastic and the Brown Dirt Cowboy" von 1974. In den Siebzigern gab es eine Zeit, in der er aus allen Rohren gefeuert hat, komplett im Genie-Modus. Die Musik aus dieser Zeit zu hören, finde ich sehr inspirierend.

SPIEGEL ONLINE: Zu Elton Johns Bühnenpersönlichkeit gehören auch die extravaganten Kostüme. Gibt es eines, in dem Sie sich besonders wie er gefühlt haben?

Egerton: Das orange Teufelskostüm, das ich in der Rahmenhandlung trage - das war meine Elton-Rüstung. Darin nimmt man so viel Raum ein und fühlt sich so gebieterisch, das macht einen sofort bereit für die Bühne. Man fühlt sich wie ein Pfau beim Radschlagen! Allerdings war das Kostüm mit lauter Swarovski-Kristallen besetzt, weshalb wir es nicht waschen konnten. Am Ende hat es wirklich gestunken.

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SPIEGEL ONLINE: Im Film erscheint es so, als habe Elton John nie an der Qualität seiner Musik gezweifelt.

Egerton: Ja, das sagt er auch so: Er hat sich nie Sorgen darum gemacht, wie seine Musik ankommt. Das spiegelt sich auch in seinem schöpferischen Prozess. All seine Hits hat er in unter einer Stunde geschrieben. Darin scheint mir auch der Schlüssel zu liegen, warum er so besonders ist: Ungehindert von Selbstzweifeln kann er sich sehr authentisch ausdrücken. Er zerbricht sich nicht endlos den Kopf, es kommt einfach direkt aus ihm heraus.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie als Schauspieler mit dieser Arbeitsweise etwas anfangen?

Egerton: Ich glaube, das kann man in allen Bereichen künstlerischen Ausdrucks erleben, sei es Bildhauerei oder Schriftstellerei. Wenn ein Kunstwerk gut wird, dann liegt es nicht zuletzt an der Unmittelbarkeit und Spontaneität des Entstehungsprozesses. Ich würde sagen, das meinen wir auch, wenn wir über Wahrheit oder Wahrhaftigkeit in der Kunst sprechen. Ich versuche, das auch in meinem Spiel zu erreichen. Ich will mich selbst und die anderen am Set überraschen. Wenn etwas aus dem Nichts entsteht, ist Schauspiel wirklich aufregend.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben bereits in Überraschungshits wie "Kingsman", aber auch Flops wie "Robin Hood" mitgespielt. Wie wichtig ist Ihnen der Erfolg beim Publikum?

Egerton: Bei "Rocketman" möchten wir ganz klar, dass die Leute für unseren Film ins Kino gehen und dass er Geld macht. Gleichzeitig versuchen wir den Spagat zwischen Kommerz und Arthouse-Anspruch. Wir bieten eine Offenherzigkeit und Unerschrockenheit bei der Darstellung von Eltons Sexualität und Drogenkonsum, die untypisch für Studio-Filme ist. Ich persönlich glaube ja, dass es den kommerziellen Appeal des Films stärkt, aber da gibt es verschiedene Denkschulen.

SPIEGEL ONLINE: Gleichzeitig bildet sich "Rocketman" nichts darauf ein, besonders gewagt in der Darstellung von schwulem Sex zu sein. Der Film versucht vielmehr, ein neue Normalität zu schaffen.

Im Video: Der Trailer zu "Rocketman"

Egerton: Ganz genau! Die Liebesszene [zwischen Elton John und seinem Manager John Reid, Anm.d.R.] hat schon so viel Aufmerksamkeit erregt. Wäre das eine heterosexuelle Liebesszene gewesen, würde niemand drüber reden. Das ist problematisch. Die Dinge können sich aber nur ändern, wenn du bis an die Grenzen gehst.

SPIEGEL ONLINE: Vorab war zu hören, dass von Studioseite immer wieder darauf gedrungen wurde, den Film familienfreundlicher zu gestalten. Was haben Sie bei den Dreharbeiten von solchen Auseinandersetzungen mitbekommen?

Egerton: Wir haben den Film genauso gedreht, wie er angelegt war. Klar bleiben bestimmte Sachen drin, während andere rausgeschnitten werden. Manche Szenen werden neu gedreht und verändern sich dadurch, das passiert aber bei jedem Film. Hier gab es keine größeren Eingriffe. Sorry, wenn ich mit keinem Skandal dienen kann.

insgesamt 1 Beitrag
Hexavalentes Chrom 01.06.2019
1. Es lebe die verrutschte Schönheit!
In einer extrem visuell veranlagten Szene haben es visuell eher eingeschränkte Männer wie Mercury, John und O'Dowd natürlich sehr schwer. Es ist wohl mehr als gesund, sich ein Alter Ego zuzulegen, dass alle Erniedrigungen [...]
In einer extrem visuell veranlagten Szene haben es visuell eher eingeschränkte Männer wie Mercury, John und O'Dowd natürlich sehr schwer. Es ist wohl mehr als gesund, sich ein Alter Ego zuzulegen, dass alle Erniedrigungen bündelt und zur Explosion bringt. Diese Stellvertreter haben uns mit einem Reichtum an Schöpferkraft/ Transformationsfähigkeit entlohnt, die ihresgleichen sucht. Fast alles Briten. Es lebe die verrutschte Schönheit!

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