Kultur

Weltkriegsdrama "Sunset"

Der Untergang

Mit seinem Debüt, dem Auschwitz-Drama "Sauls Sohn", gewann László Nemes gleich den Oscar. Nun legt er "Sunset" nach, einen furiosen Bilderstrudel, in dem die k.u.k.-Monarchie untergeht - unser Film der Woche.

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Donnerstag, 13.06.2019   19:06 Uhr

Zwei Sekunden lang verhüllt ein schwarz gepunkteter Schleier das Gesicht der Hauptfigur von "Sunset", dann wird es freigelegt und nimmt für die folgenden 140 Minuten den Mittelpunkt des Bildes ein. An den Rändern kommt es alsbald zu Morden, zu Menschenhandel, sadistischen Ritualen, am Ende bricht ein Weltkrieg aus. Verdrängt das Gesicht in der Mitte diese Ereignisse, oder bringt es sie vielmehr zum Ausdruck, weil sie sich in dessen großen, entschlossenen und doch erstaunten Augen spiegeln?

Mit einer ähnlich mehrdeutigen Perspektivierung hat der Ungar László Nemes schon einmal triumphiert. In seinem Debütfilm "Sauls Sohn" von 2015 waren die Bilder fast ausschließlich vom Gesicht eines Auschwitz-Häftlings ausgefüllt, während im Hintergrund der Genozid mit zunehmender Hektik verrichtet wurde. Über 40 Preise gewann Nemes mit "Sauls Sohn", zuletzt den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Seitdem war die Spannung groß, was Nemes auf diesen unglaublichen Erfolg würde folgen lassen können.

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"Sunset": Wann kommt der Krieg?

Als "Sunset" schließlich 2018 in Venedig Weltpremiere feierte, waren die Reaktionen gemischt. Als zu vertraut wurde die Bildkomposition kritisiert, als zu langweilig im Vergleich zu Auschwitz das Setting im Budapest des Jahres 1913.

Schaut man "Sunset" jedoch weit weniger zielgerichtet, ohne die Erwartung, wie bei "Sauls Sohn" vom Spiel zwischen Bildmitte und Rand, zwischen Einzelschicksal und Völkermord emotional aufgerieben zu werden, dann entpuppt sich der Film nicht so sehr als stilistische Dopplung denn als extrem reizvolle Variation mit gänzlich anderer Wirkung.

Alle wissen mehr als sie

In "Sunset" treibt Nemes das Spiel mit dem Ausschnitt, dem bildlichen wie dem symbolischen, nämlich weiter und überträgt es auf zwei Ebenen. Ebenso ambivalent und fragmentarisch wie die Enthüllung des Gesichts seiner Hauptfigur gestaltet er auch die Enthüllung ihrer Identität. Sie sei Írisz Leiter, erklärt die junge Dame der Hutverkäuferin, die ihr in den ersten Sekunden die Kreation mit schwarzem Schleier auf das sorgsam hochgesteckte Haar gesetzt hatte. Die Verkäuferin erschrickt. Leiter, so wie der Name des edlen Hutsalons, in dem sie sich befinden? Ja, genau so.


"Sunset"
HUN/F 2018
Originaltitel:
"Napszállta"
Regie: László Nemes
Buch: László Nemes, Clara Royer, Matthieu Taponier
Darsteller: Juli Jakab, Vlad Ivanov, Evelin Dobos, Marcin Czarnik, Susanne Wuest
Produktion: Laokoon Filmgroup, Playtime
Verleih: MFA+
Länge: 140 Minuten
Start: 13. Juni 2019


Später muss sich Írisz nicht mehr vorstellen. Sie, die mit zwei Jahren verwaiste und im entfernten Triest aufwuchs, wird im fremden Budapest erkannt; erst vom neuen Salonbesitzer, der das Geschäft nach dem Tod von Írisz' Eltern übernahm, dann von einer trauernden Baronin mit Hang zu Masochismus und Wahnsinn, schließlich von Aufständischen, die es unter anderem auch auf den Salon abgesehen haben. Alle scheinen mehr über sie und ihre Familie zu wissen als Írisz selbst. Die einzige Gewissheit, über die sie verfügt, ist: Sie hat ein Recht darauf, alles zu erfahren. Also heuert sie als Hutmacherin im Salon an und begibt sich des Nachts auf Erkundungstouren in die dunkelsten Ecken der Stadt.

Die schwierige Balance aus Unwissen und Entschlossenheit, die Írisz auszeichnet, trifft Hauptdarstellerin Juli Jakab zu jeder Zeit. Ihre klaren, großen Augen halten dem bohrenden Blick von Mátyás Erdélys Kamera Stand, nicht mühelos, sondern mit der Anstrengung, die eine solche kraftzehrende Aufgabe eben abverlangt.

Hergerichtet und gefügig gemacht

Trotzdem stellt sich bei "Sunset" die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Ausschnitts wie auf Wiedervorlage, denn die Bild- und Erzählränder sind viel zu interessant, als dass sie den beständigen Fokus auf Írisz rechtfertigten. Besonders Budapest, "diese staubige Stadt", wie sie Kaiser Franz Josef bei einem Kurzauftritt im Film nennt, wirkt hier ungemein faszinierend. Einerseits endlich als Konkurrenz von Schwesterstadt Wien in ihrer Pracht und politischen Bedeutsamkeit ernst zu nehmen, andererseits schon wieder im Abstieg begriffen. Denn wo immer es Írisz auf ihren Erkundungstouren in eigener Sache hinverschlägt, trifft sie auf Verrohung und Gewalt - vor allem und immer wieder gegen Frauen, die von Männern nach Belieben hergerichtet und gefügig gemacht werden. Nicht zuletzt auch am Hof in Wien.

In solchen Momenten gewinnt "Sunset" an ominöser Wucht, wird das Rätselhafte zum Orakelhaften und der Filmtitel zur Prophezeiung: Österreich-Ungarn wird nicht nur untergehen, es muss auch untergehen, denn seine Verkommenheit ist absolut. Der Erste Weltkrieg erscheint so als Verheißung und Írisz als dessen eindringliche Vorbotin. Ihre Augen nehmen auf, was der Krieg später zerstören wird. Vielleicht ist sogar alles, was sie erblickt, dem Tode geweiht.

Als Allegorie verstanden funktioniert denn auch Írisz' Präsenz im Bild völlig anders. Sie verdrängt nichts aus der Mitte, sondern ist der Abgrund, in dem alles verschwinden wird.

Im Video: Der Trailer zu "Sunset"

In der letzten Einstellung hat die Kamera Írisz zum ersten Mal nicht sofort im Bild, sondern muss sie erst suchen. Sie findet sie an einem Ort der totalen Zerstörung. Írisz' Blick und der der Kamera treffen sich wieder, doch etwas ist anders. Umgeben vom Tod scheint Írisz zum ersten Mal zu lächeln.

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