Kultur

Politskandale im Film

Schwarzbrot und Budenzauber

Lassen sich politische Skandale, die im Kleingedruckten stecken, als Film erzählen? Netflix' "Die Geldwäscherei" über die Panama Papers und Amazons "Der Report" über die CIA-Foltermethoden versuchen es - mit unterschiedlichem Erfolg.

Netflix
Von
Donnerstag, 07.11.2019   21:13 Uhr

Stars! Auf jeden Fall Stars! Meryl Streep und Gary Oldman und Adam Driver und Antonio Banderas und Annette Bening. Wenn es etwas deprimierendes an den Filmen über aktuelle politische Skandale gibt, die Amazon und Netflix gerade an den Start bringen, dann ist es der Glaube an Stars. Dass nur sie uns die Geschichten hinter den Panama Papers beziehungsweise dem Feinstein-Report, mit dem die Foltermethoden der CIA unter US-Präsident George W. Bush aufgedeckt wurden, schmackhaft machen können.

Steven Soderbergh fährt in "Die Geldwäscherei" (seit 18. Oktober auf Netflix) Meryl Streep, Gary Oldman und Antonio Banderas auf, um noch einmal Interesse für und vor allem Empörung über die weitläufigen Geschäfte mit Briefkastenfirmen in der Karibik zu generieren, die mit den Panama Papers aufgedeckt wurden.

"The Report" (Kinostart 7. November, ab 29. November dann bei Amazon Prime) von Scott Z. Burns setzt auf Adam Driver, damit der die jahrelange Aktenwälzerei, die schließlich zum Feinstein-Report geführt hat, mit seinem Charisma zum Kinoerlebnis auflädt. (Annette Bening als Senatorin Dianne Feinstein gibt es als seidenschaltragendes Bonusmaterial)

"Nur wegen des Geldes"

Kurioserweise hat Burns für beide Filme die Drehbücher verfasst und Soderbergh das Spektakulärere überlassen. "Die Geldwäscherei" braust als hochtourige Farce von Florida aus, wo Meryl Streeps Figur Ellen in einen tragischen Versicherungsfall verwickelt wir, über China und Mexiko bis in die Karibik, wo sich Oldman und Banderas als Jürgen Mossack und Ramón Fonseca vergnügen - das Anwaltsgespann, das von Panama City aus die Gründung von über 300.000 Briefkastenfirmen beaufsichtigt hat.

Mossack Fonseca sind in "Die Geldwäscherei" mittelbar auch schuld daran, dass Ellen kein Geld ausgezahlt bekommt. Die Verschachtelung von Firmenstrukturen führt zur Auflösung von Verantwortlichkeiten, sodass das Unternehmen, das Ellen kompensieren sollte, Pleite geht - obwohl es immer rechtzeitig seine Policen bezahlt hat.

Im Video: Der Trailer zu "Die Geldwäsche"

Foto: Netflix

Wie das sein kann, inszeniert Soderbergh als Schmierentheater: In Seidenbademantel und mit Cocktail-Gläsern in der Hand führen Oldman und Banderas durch die Absurditäten des internationalen Steuerrechts. "Haben wir schon erwähnt, dass wir alles nur des Geldes wegen machen?", fragt Oldman/Mossack zwischendurch.

Das erinnert in seiner druckvollen Süffisanz und ehrbaren Mission natürlich an "The Big Short", Adam McKays Überraschungserfolg von 2015 über die Hintergründe der Finanzkrise. Der Film war damals ein grimmiger Teilsieg im Kampf gegen den Finanzkapitalismus: Immerhin hatte das Kino der Krise eine extrem unterhaltsame Komödie mit Ryan Gosling und Christian Bale abgerungen.

Den Drive von "The Big Short" konnte aber schon McKay selbst mit "Vice" (2018) nicht wiederholen. Mit "Die Geldwäscherei" bekommt der Aufwand dieser Inszenierungsmasche (Einspieler! Animationen! Noch mehr Stars in Nebenrollen!) nun etwas Abgeschmacktes. Braucht es wirklich so viel Firlefanz und Budenzauber, um letztlich doch nur ein rechtschaffenes Plädoyer für mehr Steuergerechtigkeit abzuliefern?

Eine amerikanische Ikone

Womöglich hat Scott Z. Burns doch gut daran getan, "The Report" zu seiner zweiten Spielfilm-Regiearbeit zu machen. Das ruhige Polit-Drama vertraut viel stärker seinem Stoff, und dieses Vertrauen überträgt sich auch auf das Publikum: Es wird schon alles seinen Sinn haben, wenn sich Adam Driver als Senatsmitarbeiter Dan Jones über Jahre hinweg tagtäglich in einem Kellerbüro einschließen lässt, um dort alles Material, das es zu den "enhanced interrogation techniques" des CIA gibt, auszuwerten.

Dan Jones hat tatsächlich über Jahre hinweg im Auftrag von Dianne Feinstein, Vorsitzende des Geheimdienstausschusses des US-Senats von 2009 bis 2015, einen Report erstellt. Er erschien am 13. Dezember 2012 und legte genauestes Zeugnisse über die Verbrechen des CIA in ihren Geheimgefängnissen ab - das Waterboarding, den Schlafentzug, die direkten körperlichen Misshandlungen, den Psychoterror. Danach wurde durch den Einsatz von Feinstein und Senator John McCain ein gesetzliches Verbot dieser "Verhörtechniken" erlassen.

Im Video: Der Trailer zu "The Report"

Foto: DCM

Obwohl "The Report" damit im Gegensatz zu "Die Geldwäsche" in einer konkreten politischen Maßnahme endet, wirkt der Film dennoch länger in der Gegenwart nach. Denn eine der CIA-Oberen, die damals Folter gut hieß, ist nun die CIA-Oberste: Gina Haspel. Ihr Name fällt im Film aus rechtliche Gründen nicht, doch Maura Tierny sieht ihr ähnlich genug, dass keine Missverständnisse aufkommen können.

Dass jemand wie sie weiter Karriere machen konnte, betont "The Report", liegt maßgeblich auch an der Kompromissbereitschaft von Barack Obama. Im Namen von Versöhnung und Überparteilichkeit verhinderte er eine nachhaltige Aufklärung des Skandals.

Am Ende von "Die Geldwäscherei" stilisiert sich Meryl Streep durch allerhand Kostümierung zur Freiheitsstatue, der wohl ältesten amerikanischen Ikone. Am Ende von "The Report" ist eine der jüngeren amerikanischen Ikonen beschädigt: Obama.

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