Kultur

Kino-Thriller "The Walk"

Das Zittern des Seils

Mehr als 400 Meter ragten die Türme des World Trade Center in die Höhe. Philippe Petit spannte 1974 ein Seil dazwischen - und setzte zu einem spektakulären Spaziergang an. Eine Steilvorlage für Robert Zemeckis, der die Geschichte jetzt in 3D verfilmte.

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Donnerstag, 22.10.2015   16:15 Uhr

In der Tat, diese Geschichte ist schon erzählt worden. Im Sommer 1974 lief der französische Akrobat Philippe Petit in schwindelerregender Höhe auf einem Seil von einem Turm des World Trade Center zum anderen.

Den selbstverständlich vollkommen illegalen Coup aus dem Sommer 1974 rekonstruierte er in seinem Buch. Viel deutlicher zurück ins öffentliche Bewusstsein brachte ihn aber James Marshs Dokumentarfilm "Man on Wire", der 2009 den Oscar für den besten Dokumentarfilm gewann.

Einen detailversessenen Thriller ohne Bösewichte hatte Marsh montiert, randvoll mit Archivmaterial. Aber nur mit Standbildern der angeblich 44 Minuten, die Petit auf dem Seil verbrachte und während derer er achtmal hin- und hergelaufen sein soll, während an beiden Seilenden die verblüffte Polizei auf ihn wartete.

Dieser Mangel hat womöglich an Robert Zemeckis genagt.

In "The Walk" tut er nun etwas ganz Ähnliches wie 1994 in "Forrest Gump", in dem Tom Hanks John F. Kennedy die Hand zu schütteln schien: Die Fortschritte in der Spezialeffektetechnik nutzt er nicht etwa, um neue Welten zu schaffen oder in eine mythologisierte Vergangenheit zu entführen. Vielmehr stellt er auf höchstem technischen Niveau eine Ära wieder her, die noch ganz präsent scheint und dennoch - ein Aspekt, den Marsh vollständig ausblendete - in der Staubwolke des World Trade Center unwiederbringlich verloren ging.

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"The Walk": Spaziergang in den Wolken
Und Zemeckis macht aus einem Stoff, der locker eine Heldengeschichte hergegeben hätte, ein charmantes Schelmenstück, eine Komödie, die auf der Wirklichkeit tänzelt und manchmal sogar ganz von ihr abhebt.

Joseph Gordon-Levitt ("Inception", "Don Jon"), von Petit selbst in einem Crashkurs in der Balancekunst ausgebildet, begrüßt das Publikum vom Rand der großen Fackel, die die Freiheitsstatue in den Himmel reckt.

Vor Ikonen hat Zemeckis also genauso wenig Respekt wie Petit selbst, und Levitt spielt ihn weniger als den brennenden Besessenen, als der er auch bei Marsh manchmal erschien, sondern als Artisten in allen Lebenslagen. Er gleitet scheinbar widerstandslos durch die Szenen, ein ironisches Lächeln kann jeden Moment aufblitzen in seinem Gesicht, der ganze Körper dient ihm weniger der Nachahmung eines echten Menschen als der Formung einer expressiven Kunstfigur.

Eine Fantasie der Lebenskunst

Das Paris, in dem dieser junge Künstler zum Leben erwacht, ist denn auch eine schwarz-weiße Fantasie eines Savoir-vivre, durch die Levitt auf seinem Einrad schwebt, mehr Nouvelle Vague als echte französische Historie. Im Wartezimmer beim Zahnarzt stieß Petit nach eigenen Angaben auf einen Bericht vom Bau des World Trade Center, und von da an folgt Zemeckis recht genau der Schilderung der Ereignisse aus Petits Bericht "To Reach the Clouds".

Aber natürlich ist der leichtfüßige Krimiplot, das Aberzählen von Bauspionage, dem Anheuern französischer Freunde und dauerbekiffter New Yorker Komplizen, der Einschleusung als Mitarbeiter des World Trade Center, einer Nacht unter einer Plane, umkreist von Wachleuten, die genial schwachsinnige Idee, das Seil mithilfe von Pfeil und Bogen von einem Turm zum anderen zu befördern - natürlich ist all dies, bei aller inszenatorischen Souveränität, eher ein Vor- oder Zwischenspiel.

Die wahre Faszination von Zemeckis' Neubearbeitung liegt in der dreidimensionalen Verschmelzung vom Einzelnen und der Stadt, von Mensch und Architektur.

Da gibt es die verspielte gotische Fassade von Notre Dame mit Paris darunter, die den Seiltänzer umschließt, ein abenteuerliches Sammelsurium aus Zinnen, Bögen, Grotesken, und die etwas prosaischere Struktur der Zwillingstürme mit dem bunten Chaos der Metropole in weiter, bedrohlich weiter Entfernung.

Dariusz Wolski ("Prometheus") bewegt seine Kamera in langen Einstellungen durch diese Umgebung, als wolle er diese - überwiegend digitalen - Rekonstruktionen erkunden, ihre Weite und ihre Distanzen vermessen, in Perspektiven schwelgen. Dabei geraten seine Bilder selten schwelgerisch: Er veranstaltet kein Fest der Tricktechnik, sondern setzt diese behutsam ein, um in eine andere Ära zurückzuführen.

Dennoch hat "The Walk" atemberaubende Effekte vorzuweisen - der eindrücklichste davon ist ausgerechnet einer der kürzesten und gleichzeitig ein Resultat des Scheiterns: Da wankt Petit, noch im Zirkus bei seinem Mentor Papa Rudy (Ben Kingsley) auf dem Seil über der Arena, er wackelt, er schwankt, und als der Blick nach einem Schnitt vom Boden der Manege in die Höhe schnellt, da ist nicht auszumachen, ob es Petit ist oder nur sein Stab, der uns da rasend schnell entgegenfällt.

So ist der in 2D gedrehte, aber für 3D konzipierte "The Walk" nicht nur der Film, dem bisher die beste Konvertierung gelang - sondern er enthält nach den unzähligen Messern, Speeren, Pistolenkugeln und Porzellantellern, die im Eifer des Kinogefechts schon von der Leinwand in den Zuschauerraum gepfeffert wurden, auch einen der effektivsten Schreckmomente in der Geschichte dieser immer noch jungen Technik.

Im Video: Der Trailer zu "The Walk"

The Walk

USA 2015

Regie: Robert Zemeckis

Drehbuch: Robert Zemeckis, Christopher Browne

Darsteller: Joseph Gordon-Levitt, Ben Kingsley, Charlotte Le Bon, Clément Sibony, James Badge Dale, Ben Schwartz, Steve Valentine, Sergio Di Zio

Produktion: Columbia TriStar, Imagemovers, Sony Pictures Entertainment

Verleih: Sony Pictures Germany

Länge: 123 Minuten

FSK: ab 6 Jahren

Start: 22. Oktober 2015

insgesamt 4 Beiträge
siebke 22.10.2015
1. Muss ich sehen!
Habe heute gelesen, Tageszeitung, das aus meiner Heimatstadt,Aschaffenburg. Zwei Männer erst die Möglichkeit gaben dieses Projekt vor 40 Jahren zu ermöglichen. Der Jongleur und Artist Francis Brunn mit etwa 60 000 DM und [...]
Habe heute gelesen, Tageszeitung, das aus meiner Heimatstadt,Aschaffenburg. Zwei Männer erst die Möglichkeit gaben dieses Projekt vor 40 Jahren zu ermöglichen. Der Jongleur und Artist Francis Brunn mit etwa 60 000 DM und einen Herbert Schwind.
Dengar 22.10.2015
2. 1974
Im Sommer des Jahres waren meine Eltern auf einem Kurztrip in New York (ich meine, eine Neckermannreise). Mein Papa hat eine 3D-Postkarte mitgebracht von den Twintowers, die jahrzehntelang irgendwo vollstaubte. Nach 9/11 wurde die [...]
Im Sommer des Jahres waren meine Eltern auf einem Kurztrip in New York (ich meine, eine Neckermannreise). Mein Papa hat eine 3D-Postkarte mitgebracht von den Twintowers, die jahrzehntelang irgendwo vollstaubte. Nach 9/11 wurde die hervorgekramt und hängt heute prominent bei mir im Flur. Als Mahnmal.
inko 22.10.2015
3. Lohnt sich
Habe den Film letzte Woche im Imax in Moskau gesehen. Habe normalerweise keine Höhenangst oder ähnliches, aber bei diesem Film hat es mehr als nur gekrippelt. Obwohl der Verstand weiß, dass alles nur Fake ist
Habe den Film letzte Woche im Imax in Moskau gesehen. Habe normalerweise keine Höhenangst oder ähnliches, aber bei diesem Film hat es mehr als nur gekrippelt. Obwohl der Verstand weiß, dass alles nur Fake ist
naklar261 23.10.2015
4. schlechter film...vorhersehbar
gefaellt mir nicht der Film. es gibt kein happy end und filme ueber seile gibt es schon tausende. z.b the boondock saints...
gefaellt mir nicht der Film. es gibt kein happy end und filme ueber seile gibt es schon tausende. z.b the boondock saints...
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