Kultur

Anne-Frank-Übersetzerin

"Ich mochte ihre Ehrlichkeit"

Zum 90. Geburtstag der im KZ ermordeten Anne Frank erscheint die 73. Übersetzung ihres Tagebuchs - auf Maori. Hier erklärt die neuseeländische Übersetzerin, wie es dazu kam und warum sie sich mit Anne so stark identifiziert.

Anne Frank Fonds Basel

Cover von der Maori-Übersetzung: "Es hat mich sehr bewegt."

Ein Interview von Anke Richter, Christchurch
Mittwoch, 12.06.2019   13:57 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Frau Mason, wie entstand die Idee einer Übersetzung von Anne Franks Tagebuch auf Maori?

Mason: Das lief über Boyd Klap an, einen holländischen Einwanderer und Geschäftsmann. Er war 2017 in Parihaka (einem Friedenszentrum der Maori, die Red.), um Unterstützung für eine Anne-Frank-Ausstellung zu bekommen, und eine Frau fragte ihn, ob es das Buch auf Maori gäbe. Das war der Katalysator, und schließlich hat man mich gefragt.

SPIEGEL ONLINE: Weil Sie die wichtigste Maori-Übersetzerin im Lande sind?

Mason: Nun ja, ich habe schon alles Mögliche übersetzt: Schulbücher, wissenschaftliche Lexika, Regierungstexte. Aber auch etwa "Romeo und Julia".

SPIEGEL ONLINE : Kannten Sie Anne Franks Buch?

Mason: Nein, ich las es zum ersten Mal für die Übersetzung. Als ich jung war, habe ich nie etwas über Anne Frank gehört, schon gar nicht in der Schule. Wir haben "Janet and John" gelesen, Kindergeschichten. Das waren die Fünfzigerjahre!

SPIEGEL ONLINE : Wussten Sie denn damals etwas über das Dritte Reich?

Mason: Nicht als Jugendliche. Ich habe an meinem 15. Geburtstag mit der Schule aufgehört. Dann fuhr ich Telegramme aus, machte später einen Telegrafie-Kurs und arbeitete bei der Post. Ich hatte eine Vorstellung vom Ersten und Zweiten Weltkrieg, da wir viele Männer aus unseren Stämmen verloren haben, die für England an die Front gingen. Vom Holocaust habe ich erst als Erwachsene erfahren.

Foto: DPA

SPIEGEL ONLINE : Gefiel Ihnen das Tagebuch?

Mason: Es hat mich sehr bewegt. Ich liebe dieses Mädchen einfach, daher habe ich zugesagt. Mit diesem 14-jährigen Mädchen konnte ich mich sofort identifizieren.

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SPIEGEL ONLINE: Was mögen Sie so sehr an Anne Frank?

Mason: Ich mochte ihre Ehrlichkeit. Auch wenn sie ihren Eltern gegenüber vieles nicht aussprach, so hat sie doch alles aufgeschrieben, was sie gefühlt und gedacht hat. Ich finde das fantastisch. Ehrlichkeit zählt für uns Maori sehr. Es gibt ein Sprichwort: "Kore i hunaia te whakaaro" - was man fühlt und denkt, wird nicht versteckt.

SPIEGEL ONLINE: Gab es Wörter in dem Text, die sich nicht übersetzen lassen?

Mason: Nazi ist auch auf Maori "Nazi". Und es war schwer, für "Flirt" die richtige Bezeichnung zu finden, weil man damals davon eine ganz andere Vorstellung hatte als heutzutage. Ich musste mich beraten lassen, wie ich die Bedeutung einfange, ohne zu weit zu gehen. Flirten ist so ein altmodischer Begriff, er bedeutet ja nicht Anmache.

SPIEGEL ONLINE: Wie muss man sich Ihre eigene Jugend vorstellen?

Mason: Ich hatte eine glückliche Kindheit. Wir waren arm, wohnten alle in einer Hütte in einem reinen Maori-Dorf in der Wildnis und sprachen kein Englisch. Das Wasser kam von draußen aus der Quelle, unsere Nahrung vom Land und aus dem Fluss. Als ich neun war, zogen wir nach Whakatane um, eine Kleinstadt. Ab dann habe ich oft gelitten.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Mason: Wir Kinder sollten Englisch lernen und durften in der Schule nicht unsere Sprache sprechen. Wir wurden gemobbt, und es gab Schläge vom Lehrer mit dem Gurt. Damals dachte man halt noch, dass es gut ist für all die Maori-Kinder, wenn sie durch Disziplin Englisch lernen und damit in der Welt besser zurechtkommen. Aber es hat viele von uns auch tief beschädigt.

SPIEGEL ONLINE: Sie auch?

Mason: Ich dachte immer, etwas stimmt nicht mit mir. Der Ausweg war, nichts zu sagen. Stumm zu bleiben. Diese ständige Scham und Furcht, etwas Falsches zu sagen, sich nicht ausdrücken zu können, die bin ich tief im Inneren nie ganz losgeworden. Ich bin jetzt 68, aber diese Angst habe ich immer noch. Maori ist meine erste Sprache, in der fühle ich mich am sichersten.

SPIEGEL ONLINE: Ist es eine Ironie der Geschichte, dass die Frau, die einst ihre Sprache nicht sprechen durfte, jetzt eines der wichtigsten Bücher der Welt eben in diese Sprache übersetzt?

Mason: Ja, das ist es. Aber wir kämpfen noch immer darum, unsere Sprache wiederzubeleben. Obwohl sie auch offizielle Landessprache ist und an Schulen gelehrt wird, kann sie sich nur verbreiten, wenn mehr Leute sie auch zu Hause sprechen und damit an die nächste Generation weitergeben.

SPIEGEL ONLINE: Sie stehen kurz vor der Pensionierung. Was kommt als Nächstes?

Mason: Ich habe mir ein kleines Haus im Uruwera-Nationalpark gekauft, meiner Stammesheimat. Ich ziehe also zurück nach Hause und werde ein ruhigeres Leben führen, vor allem im Garten arbeiten. Ich liebe es, Gemüse zu pflanzen, so wie früher bei uns: Süßkartoffeln, Kohl, Knoblauch. Und am 15. August beginnt die Whitebait-Saison, da gehe ich fischen in meinen Flüssen.

SPIEGEL ONLINE: Heute geht es aber erst mal nach Wellington?

Mason: Im Nationalmuseum Te Papa wird das Anne-Frank-Buch vorgestellt, da kommt auch der deutsche Botschafter. Es wird ein Haka aufgeführt, und zwei Rabbi werden einen karakia - also ein Gebet - sprechen. Eins auf Englisch, eins auf Hebräisch.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie lesen aus dem Tagebuch auf Maori vor?

Mason: Nein, das macht ein netter Junge, den ich dafür ausgesucht habe. Ich glaube, Anne hätte das gut gefallen.

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