Kultur

Comic über das Berlin der Goldenen Zwanziger

Im Strudel der Lust

Gute Nachrichten für "Babylon Berlin"-Fans: Jason Lutes Mega-Epos "Berlin" ist dem Serienhit mehr als ebenbürtig - wenn man auf die Krimizutaten verzichten kann.

Jason Lutes/ Carlsen
Von
Donnerstag, 21.02.2019   17:11 Uhr

Zum Autor

Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden. Auch sein zweiter Roman "Die Hungrigen und die Satten" schaffte es auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Bis zur dritten Staffel "Babylon Berlin" ist's ja noch lange hin: Mai 2019 soll sie abgedreht sein. Was soll man da machen, in der Zwischenzeit? Zu Weihnachten habe ich noch "Berlin 1931" empfohlen, was zugegebenerweise nicht ganz dieselbe Kerbe trifft. Aber jetzt ist mir was in die Hände gefallen, also - ich bin ganz baff: Es heißt, noch kürzer: "Berlin". Und ist fast stärker als die TV-Serie. Dabei mag ich nicht mal den Stil.

Autor Jason Lutes zeichnet schwarz-weiß, sehr ligne claire, man denkt an Charles Burns, und das hat dann gerade in den Bewegungen immer auch was Hölzernes. Wenn man beispielsweise in "Der nasse Fisch" reinguckt, Arne Jyschs Comicversion von Volker Kutschers Bestseller, dann findet man dort ruckzuck die eleganteren Actionszenen, die moderneren Bildaufteilungen.

Preisabfragezeitpunkt:
09.09.2019, 13:53 Uhr
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Arne Jysch, Volker Kutscher
Der nasse Fisch (erweiterte Neuausgabe)

Verlag:
Carlsen
Seiten:
224
Preis:
EUR 20,00

Bei Lutes hingegen stauben immer diese komischen Hergé-artigen, altbackenen Kringel hinter rennenden Personen oder fahrenden Autos her, mit denen ich mich noch nie anfreunden konnte. Schlechte Voraussetzungen also, und trotzdem hat mich Lutes überzeugt, mehr noch als der auch recht ordentliche Jysch. Warum?

Vielleicht, weil ich irgendwann gemerkt habe, dass ich den Gereon Rath eigentlich nicht brauche. Weil ich die erste "Babylon"-Staffel stärker fand als die zweite. Da wohnt Charlotte noch in erbärmlichsten Verhältnissen, arbeitet tagsüber im Polizeidienst und schmuggelt sich abends in dieses erstaunliche Nachtleben, in dem alles, aber auch alles nicht nur möglich ist, sondern auch ausprobiert wird. Man stelle sich vor: Die Freizügigkeit des Internets, aber analog - die Leute damals haben das wirklich gemacht, nicht nur angeklickt. Eine Stadt, über die eine zügellose Neuzeit hereinbricht, eine schwindelerregende Flut an Möglichkeiten, Millionen Menschen zwischen Herausforderung und Überforderung.

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Berlin 1929 im Comic: Schillernd, anziehend, abstoßend

Und genau das, diese schillernde, anziehend-abstoßende Charlotte-Welt schildert Jason Lutes, über 500 Seiten lang. Kein Wunder, dass er damit weit vor Volker Kutscher angefangen hat (Kutscher, der für die Gesamtausgabe ein bewunderndes Vorwort geschrieben hat, macht auch kein Geheimnis draus).

Seit 1996 hat Lutes das Epos heftchenweise herausgegeben. (Lesen Sie hier ein Interview mit ihm aus dem Jahre 2004.) Seine Erzählung erstreckt sich über die Jahre von 1928 bis 1933, aber anders als Kutscher wählt er eine geradezu "Lindenstraßen"-artige Bandbreite von Personen. Sicher, er lässt am Anfang schnell die Kunststudentin Marthe Müller dem Journalisten Kurt Severing begegnen. Aber er verlässt beide auch immer wieder so leicht, dass man beide erst nach und nach als Hauptcharaktere identifiziert. In schneller Folge kommt die Proletarierfamilie von Gudrun und Otto hinzu, die jüdische Familie Schwartz, der Obdachlose Pavel, die Lesbe Anna, der alte Polizist Lemke und, und, und.

Berliner Blutmai

Dennoch führt der Reigen nicht dazu, dass man den Faden verliert: Die Szenen funktionieren meist, ohne dass man die Protagonisten kennt, weshalb die Figuren wie beiläufig eingeführt werden können. Dazwischen gibt's historische Begebenheiten (jawohl, auch hier den Berliner Blutmai) und Personen, Künstler und Politiker.

privat/ Carlsen

Jason Lutes

Erfreulicherweise lässt Lutes die echten Ereignisse meist geschmeidig und elegant einfließen. Wie etwa bei dem heruntergekommenen Nazi, der seine Miete nicht zahlt. Die Vermieterin, selbst nicht gerade reich, lässt kommunistische Kontakte spielen, um die Miete einzutreiben - allerdings wird der Mann daraufhin erschossen. Später erlebt man Joseph Goebbels, der ein Begräbnis nutzt, um den Verstorbenen zum Märtyrer zu machen: Der Tote heißt Horst Wessel. Erst beim Googlen hab ich gemerkt: Wessel war ebenjener erschossene Mietpreller.

Armut, Jazz, Hitler, von nichts rührt Lutes zu viel in seinen Bilderbogen, alles ist drin und vermischt sich in seinen Händen zu einer strudelartigen Komposition, in der die von ihrer Offenheit berauschte Gesellschaft allmählich im Chaos versinkt. Die Menschen wissen nicht, was sie zu verlieren haben, sie suchen die Sicherheit der Vergangenheit und wählen dafür die der Zukunft in den beiden Utopien, die damals noch nicht durch die Praxis widerlegt sind - Faschismus und Kommunismus. Wie die Vernunft zwischen diesen beiden Fronten zermürbt und zerrieben wird, chancenlos und ohne Rückhalt in Staat und Gesellschaft, kann und konnte man schon oft lesen - aber Jason Lutes macht es spürbar.

Preisabfragezeitpunkt:
09.09.2019, 13:56 Uhr
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Jason Lutes
Berlin: Berlin Gesamtausgabe

Verlag:
Carlsen
Seiten:
608
Preis:
EUR 46,00

Verblüffend ist, wie europäisch das Werk des Amerikaners geraten ist. Lutes erzählt geduldig, dabei rauher, kantiger als man es vom US-Comic kennt. Das ist kein "Stauffenberg" mit Tom Cruise, auch nicht wie "Schindlers Liste", eher wie ein Western nach einem Hartwaschgang von Sergio Leone. Die deutsche Übersetzung hat dabei den zusätzlichen Vorteil, mit ihrem stellenweise eingefügten Berliner Dialekt noch authentischer, dabei aber weicher und derber zugleich wirken zu können.

Tja. Ich hab den kantigen Zwei-Kilo-Wälzer nicht an einem Tag geschafft, aber doch in dreien, er war so schwer aus der Hand zu legen wie eine Tüte Kartoffelchips. Wenn Sie's nicht stört, dass Sie grob wissen, wie die Geschichte ausgeht, wenn Sie die Kutscher'sche Krimi-Würzung nicht unbedingt benötigen - zugreifen!

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insgesamt 1 Beitrag
gewappnetTS 22.02.2019
1. Ein Meisterwerk
Meines Erachtens spielen "Babylon Berlin" / "Der nasse Fisch" und diese epische Graphic Novel in anderen Ligen. Während ersteres eher der Trivialliteratur zuzuordnen ist - und dabei ausgesprochen gut ist - [...]
Meines Erachtens spielen "Babylon Berlin" / "Der nasse Fisch" und diese epische Graphic Novel in anderen Ligen. Während ersteres eher der Trivialliteratur zuzuordnen ist - und dabei ausgesprochen gut ist - stellt "Berlin" ein anspruchsvolles Meisterwerk dar, was in jeder Hinsicht zeigt, was in diesem Medium möglich ist. Es war nur schade, dass man als Käufer der Einzelbände 20 Jahre warten musste, bis man das komplette Werk zu lesen bekam.
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