Kultur

Ali Smiths Jahreszeitenquartett

Mit Wortspielen gegen die Brexit-Verzweiflung

Vier Bücher in vier Jahren, eines für jede Jahreszeit, jedes ein Versuch, das Unbegreifliche zu begreifen: "Herbst", der Auftakt zu Ali Smiths Romanquartett über den Brexit, erscheint endlich auf Deutsch.

Luchterhand

Viermal für den Booker-Preis nominiert: Schriftstellerin Ali Smith

Von
Samstag, 26.10.2019   18:40 Uhr

"Was liest du gerade?", fragt der 81-jährige Daniel stets zur Begrüßung, wenn ihn seine 12-jährige Nachbarin Elisabeth besuchen kommt. Er erkundigt sich damit nicht direkt nach einem Buchtitel, sondern mehr nach dem Gemütszustand seines jungen Gastes. Was das Mädchen gerade beschäftigt, womit es seine Zeit verbringt. Das lässt sich nur, darin sind sich Daniel und Elisabeth einig, in den meisten Fällen am besten anhand eines Buchs erklären.

Was liest du gerade? Wer den Zauber dieser so verstandenen Frage nicht spürt, für den werden weite Teile von Ali Smiths Werk verschlossen bleiben. Smiths Bücher sind für Menschen, die sich in Büchern und über Bücher ausdrücken. Für die die Vertiefung in ein Kunstwerk nicht die Abkehr von der Realität, sondern vielmehr deren Erschließung bedeutet.

Smiths "Jahreszeitenquartett" ist daher einerseits eines der ambitioniertesten Literaturprojekte der Gegenwart, andererseits nur die konsequente Weiterführung ihres Schreibansatzes: Als im Sommer 2016 das Vereinigte Königreich für den Austritt aus der EU stimmte, war die gebürtige Schottin Smith, die seit vielen Jahren in Cambridge lebt, so schockiert, dass sie sich sofort ans Schreiben machte. Vier Bücher in vier Jahren, eines für jede Jahreszeit, und jedes für sich genommen ein Versuch, das Unbegreifliche zu begreifen.

Preisabfragezeitpunkt:
10.12.2019, 02:02 Uhr
Ohne Gewähr

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Smith, Ali
Herbst: Roman

Verlag:
Luchterhand Literaturverlag
Seiten:
272
Preis:
22,00 €
Übersetzt von:
Silvia Morawetz

Mit "Herbst" kommt nun drei Jahre nach der Erstveröffentlichung in Großbritannien der erste Band des Quartetts auf Deutsch heraus. Auf Englisch sind bereits "Winter" und "Spring" erschienen, zurzeit schreibt Smith an "Summer", dem letzten Teil, der im Sommer 2020 erscheinen soll.

Das verzögerte Erscheinen, sicher teils durch die Mühlen des Übersetzens bedingt, hat "Herbst" einiges an Dringlichkeit genommen. Die einmalige Situation, dass inmitten der anfänglichen Post-Referendums-Wirren, in den ersten Monaten von Theresa Mays Amtszeit, ein Buch erschien, das sich genau dieser Wirren annahm und damit eine völlig neue Art von literarischer Zeitgenossenschaft erfahrbar machte - sie ist zumindest im Fall von "Herbst" unwiederbringlich vorbei.

Grenzen verschwinden

Smiths Anlage des Jahreszeitenquartetts ist jedoch viel komplexer, als dass sich sein Reiz in der zeitlichen Unmittelbarkeit erschöpfte. Die Bestandsaufnahme hat sich zur Chronik gewandelt - einer Chronik der Gefühle, die die wohl folgenreichste Entscheidung in der britischen Politik in diesem Jahrhundert aufgewühlt hat. "Im ganzen Land fanden die Leute, es sei das Falsche. Im ganzen Land fanden die Leute, es sei das Richtige. Im ganzen Land fanden die Leute, sie hätten eigentlich gewonnen. Im ganzen Land fanden die Leute, sie hätten eigentlich verloren", schreibt Smith in "Herbst".

Sie konstatiert die politische Spaltung und setzt ihr zugleich eine - doppelte - literarische Zusammenführung entgegen. In "Herbst" sind es Daniel und Elisabeth, deren Leben sie zwei Mal kreuzen lässt. Einmal als Rentner Daniel neben Schülerin Elisabeth wohnt und sie zum Lesen ermutigt. Ein zweites Mal, zwanzig Jahre später, als Daniel im Sterben liegt und ihm Elisabeth, mittlerweile prekär an einer Londoner Uni beschäftigt, am Krankenbett vorliest.

Mit hinein flicht Smith gleichzeitig die Motivik aus Shakespeares "Der Sturm" und die Lebensgeschichte von Malerin Pauline Boty, die erst jetzt, rund fünf Jahrzehnte nach ihrem frühen Krebstod mit 28 Jahren, als eine der wichtigsten Pop-Art-Künstlerinnen anerkannt wird. Auch in "Winter" und "Spring" kommt jeweils eine zeitgenössische Künstlerin vor (Barbara Hepsworth bzw. Tacita Dean) und bildet ein Shakespeare-Stück ("Cymbeline", "Perikles") den Resonanzraum der Geschichte. Einen direkten Grund, das zu machen, gibt es nicht - außer dass Smith es eben kann: So zu schreiben, dass das unbedingt zusammengehört.

Grenzziehungen sind der 57-Jährigen zuwider, wahrscheinlich hat der anstehende Brexit sie auch deshalb so empört. In ihren Werken lässt Smith seit jeher Grenzen einfach verschwinden: In "Boy Meets Girl" (2007) die zwischen den Geschlechtern, in "Beides sein" (2014) die zwischen den Zeiten und in jedem ihrer Bücher die zwischen den Worten.

Humor schummelt sich durch

Dauernd kippen Worte bei Smith von einer Bedeutung in die andere, wird "England's green and pleasant land" zu "England's green unpleasant land", bezeichnet ein Name wie Art einen Menschen und meint zugleich Kunst, und führt ein Songtitel wie "Ballad of the Silver Birch" in die reine Klangassoziation: "High church. Lurch. Besmirch. Soul Search." (James Wood hat im "New Yorker" einen ganzen Aufsatz über Smiths Wortwitz geschrieben.)

Silvia Morawetz' Übersetzung ins Deutsche kann dem nicht bis in die letzte Nuance gerecht werden. Der Effekt der Wortspielerei ist dennoch auch in der deutschen Ausgabe derselbe: Die Durchlässigkeit der Sprache sorgt für eine Durchlässigkeit des Textes insgesamt. Wie Löcher in einem Zaun, durch die sich Humor in abgetrennte Gebiete schummeln kann, funktionieren Smiths Kalauer. So lässt sie nicht zuletzt auch die Grenze zwischen E- und U-Kultur verschwinden.

An genau diesem Umstand könnte es allerdings liegen, dass Smith in Deutschland bislang so viel weniger gelesen wird als in den USA oder Großbritannien. Für eine Literatur, die ihre stilistischen und politischen Ambitionen so unaufgeregt verfolgt, scheint es hierzulande noch keine richtige Handhabe zu geben.

Ali Smith: "Autumn"

Das zeigt sich nicht zuletzt an der geistlosen Umschlaggestaltung der deutschen Ausgabe. Eine lachsfarbene Wolkenwischerei soll offenbar jahreszeitliche Einmummel-Stimmung verbreiten. Die englischen Originalbände zieren dagegen iPad-Zeichnungen von David Hockney. Schnell entstandene, extrem kontrastreiche Kunstwerke, die in ihrer Spontaneität fast noch mehr das Genie ihres Schöpfers verdeutlichen als dessen elaborierte Werke - schöner könnte man Smiths Projekt des Jahreszeitenquartetts kaum fassen.

Was liest du? Vertrauen Sie den Menschen, die sagen: Ali Smith. Es können keine schlechten sein.

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