Kultur

Highschool-Tragikomödie

Satan, dein Name ist Pubertät!

Sex, Pop, Spaß? Bloß nicht, das ist doch fürchterlich! In seinem prächtigen Highschool-Roman "Ich gegen Osborne" erzählt Joey Goebel von einem sarkastischen Außenseiter, der gegen die Welt zu Felde zieht.

DPA/ Wild Bunch

Szene aus dem Film "Spring Breakers": Hysterische Reaktionen

Von Thomas Andre
Mittwoch, 12.06.2013   13:13 Uhr

Die Dreieinigkeit aus Sex, Suff und Strand ist in Amerika ein Frühjahrsspektakel und besser bekannt unter der Bezeichnung Spring Break. Der dort auftretende junge Mensch ist ein wandelndes Klischee: Dauergeil und auf der Suche nach dem unendlichen Spaß versucht er, das hedonistische Prinzip der ewigen Party für einen glücklichen Moment im Alltag zu etablieren. Der 17-jährige James Weinbach hasst das Phänomen Spring Break, das auch Gegegenstand von Harmony Korines Film "Spring Breakers" ist. Er hasst allgemein ganz schön viel. Deswegen ist er so eine perfekte Hauptfigur für Joey Goebels Highschool-Roman "Ich gegen Osborne", einem Buch, das die alte Geschichte vom Außenseiter, der allein gegen die Welt zu Felde zieht, noch einmal erzählt.

In diesem vierten Roman des 1980 in Kentucky geborenen Amerikaners Goebel geschieht dies auf prächtige Weise. Sein Held ist die Nemesis der Coolen von der Schule, deren Weltbild allein um das angesagte Selbst und das Dazugehören in populäre Zusammenhänge kreist. Der Schüler James Weinbach, Sohn eines zu späten Elternfreuden gekommenen Ehepaares, trägt Anzug und Krawatte, und er schaut gerne alte Schwarzweißfilme. Er arbeitet heimlich an einem Roman, in dem er das von seiner übersexualisierten Videoclip-Generation bedrängte Ich zu Wort kommen läst. James fühlt sich nur in der Gegenwart Älterer wohl. James sagt: "Satan, dein Name ist Pubertät."

Und so einer muss natürlich auch einen Gegenspieler haben - "Hamilton Sweeney, eine zentrale Gestalt der Osborne-Hipsterelite, war der ungekrönte König aller Bumser."

James bezeichnet all das, woran seine konsumfixierten Mitschüler auf der Osborne Highschool glauben, als "Die Dumme Große Hurerei": die Oberfläche, die Show, die Popkultur, Fun, Coolness, Kapitalismus. Als dann auch noch seine einzige Verbündete sexuell erweckt vom Spring Break zurückkehrt, wechselt James die Rolle: Aus dem sarkastischen Sonderling wird der bestgehasste Partycrasher, der es mit einer kleinen Erpressung schafft, dass der Abschlussball abgesagt wird. Unter den anderen Schülern führt dies zu hysterischen Reaktionen, James steht am Pranger. Was seine grundsätzliche Unsicherheit nur weiter steigert: "Wenn ein Seufzer menschliche Form annehmen könnte, würde er wohl wie ich mit 17 aussehen."

Hollywood würde aus dem Stoff eine Komödie machen, aber Goebel, der besonders in Deutschland eine treue Lesegemeinde hat, ist es ganz ernst mit seinem Coming-of-age-Roman. "Ich gegen Osborne" erzählt von der Dramatik des Aufwachsens, indem ein einziger Schultag minutiös geschildert wird - konsequent nur aus der James-Perspektive. Die Handlung setzt auf dem Parkplatz ein, und nach einer Odyssee durch Unterrichtsstunden und Pausenrituale endet sie auch da. Was auf dieser großen Fahrt durch das Mysterium der Adoleszenz geschieht, läuft am Ende doch wieder auf eines der großen Themen von Leben und Literatur hinaus: dem Verhältnis des Einzelnen zu Welt.

In "Ich gegen Osborne" steuert dieses konsequent auf eine Pointe zu. Der sympathische, aber auch typisch jugendliche Held - altklug, hochmütig und in James' Fall besonders auch: ziemlich underfucked - realisiert gerade noch rechtzeitig, dass er sich genauso inszeniert wie seine sich über Outfit- und Partyfragen definierenden Mitschüler. In seiner Sturheit ist James Weinbach ein Bruder Holden Caulfields. Der Fänger im Roggen ist in der Version von 2013 übrigens vor allem auch ein Gegengift für Vampirsagas à la "Twilight": Dort war es unter anderem auch das Genre des Schulromans, das in ungeahnte Tiefen stürzte. Goebels tragikomisches Werk ist, anders als die dämliche Phantasterei der Meyer-Bestseller, ein Stück wahrhaftige Jugendliteratur, die auch Erwachsene anspricht.

insgesamt 2 Beiträge
heineborel 12.06.2013
1.
Habe die anderen Bücher von Goebel gelesen, war von "Vincent" und "Homeland" durchaus angetan. Er hat's halt immer mit Figuren, die gegen den Strom schwimmen.... Bin mal gespannt wie dieses Buch so ist!
Zitat von sysopDPA/ Wild BunchSex, Pop, Spaß? Bloß nicht, das ist doch fürchterlich! In seinem prächtigen Highschool-Roman "Ich gegen Osborne" erzählt Joey Goebel von einem sarkastischen Außenseiter, der gegen die Welt zu Felde zieht. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/joey-goebel-ich-gegen-osborne-a-905030.html
Habe die anderen Bücher von Goebel gelesen, war von "Vincent" und "Homeland" durchaus angetan. Er hat's halt immer mit Figuren, die gegen den Strom schwimmen.... Bin mal gespannt wie dieses Buch so ist!
Kunstbanause 13.06.2013
2. Tolles Buch
Ich habe dieses Buch ebenfalls für meine Seite booknerds besprechen dürfen und war begeistert (meine Rezension, falls Link erlaubt.) (http://www.booknerds.de/2013/03/joey-goebel-ich-gegen-osborne-buch) Die Bücher [...]
Ich habe dieses Buch ebenfalls für meine Seite booknerds besprechen dürfen und war begeistert (meine Rezension, falls Link erlaubt.) (http://www.booknerds.de/2013/03/joey-goebel-ich-gegen-osborne-buch) Die Bücher "Freaks", "Vincent" und "Heartland" (nicht Homeland ;)) sind in der Tat ebenfalls grandios - und das ist etwas, was diesen jungen Autor auszeichnet: Seine Vielseitigkeit.

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