Kultur

Irischer Thriller

Gestrandet im Backstop-Niemandsland

Banden treiben ihr Unwesen, ein Polizist wird tot aufgefunden: Autor Anthony J. Quinn lässt seinen äußerst düsteren Roman "Gestrandet" im Grenzgebiet zwischen der Republik Irland und Nordirland spielen.

Peter Morrison/ AP

Das irisch-irische Grenzgebiet haben sich längst Schmugglerbanden erobert

Von
Freitag, 22.11.2019   18:27 Uhr

Ein klammer, nebliger Morgen am Lough Neagh, Nordirland, unweit der Grenze zur Republik Irland. Inspector Celcius Daly wird gerufen, nachdem ein Fischer einen Toten gefunden hat. Es handelt sich um Brian Carey, einen Polizisten von der anderen Seite der Grenze, und die Spur führt in den kleinen Ort Dreesh, wo Carey gegen einen Schmugglerring ermittelte.

Der Nebel, durch den Daly zu Beginn des Romans stolpert, wird zur zentralen Metapher von "Gestrandet". Je länger Dalys Untersuchung dauert, desto undurchsichtiger wird der Fall. Der irische Schriftsteller Anthony J. Quinn lässt seinen Polizisten in seinem fünften Fall (dem ersten ins Deutsche übersetzten) in eine mystisch aufgeladene Atmosphäre eintauchen. Daly reiht sich ein in die Reihe der großen einsamen Polizisten der Literaturgeschichte. Sein Leben ist ihm nach dem Tod seines Vaters und dem Scheitern seiner Ehe entglitten, im Job ist er ein Ausgestoßener, seit er gegen einen Vorgesetzten ermittelte, der sich daraufhin umbrachte: "Er fragte sich, ob er zum Workaholic wurde, um der Tatsache nicht ins Auge blicken zu müssen, dass sein Leben überhaupt kein Ziel mehr hatte."

In dem von Schlafmangel zermürbten, von Schuldgefühlen geplagten und von den Gespenstern der Vergangenheit verfolgten Inspector Celcius Daly spiegelt sich die Realität der zerrissenen Insel Irland, die sich immer noch fest im Griff ihrer blutigen jüngeren Geschichte befindet und deren fragiler Frieden durch den nahenden Brexit erneut gefährdet ist.

Eileen Quinn/ Polar

Autor Anthony J. Quinn

Die Romane der Daly-Serie spielen im Grenzland zwischen Nordirland und der Republik Irland, das seit dem Brexit-Votum 2016 eine zentrale Rolle bei den Austrittsverhandlungen spielt. Über Strategien wie den Backstop und die sogenannte "harte Grenze" samt der Befürchtungen, die alten Konflikte könnten wieder aufbrechen, war auch hierzulande viel zu lesen. Weniger bekannt ist, dass Gangster das Grenzgebiet fest in der Hand haben. "Bandit Country" wird die Gegend genannt, und vor allem mit dem Schmuggel von Benzin und Heizöl lässt sich ein Vermögen machen.

Rund ein Dutzend Banden sollen im "Bandit Country" operieren, heißt es, in "Gestrandet" geht es um eine Gang, die aus dem fiktiven Ort Dreesh heraus operiert. Geführt wird die Organisation von Tom Morgan, einem früheren IRA-Mitglied. Dessen ehemalige Kommandanten, "diese einst großspurigen, gewalttätigen Monster", die seit dem Karfreitagsabkommen von 1998 den "Morast hinter sich gelassen hatten, um Posten in den allerhöchsten politischen Zirkeln einzunehmen", halten heute noch ihre schützenden Hände über Morgan.

Die ohnehin explosive Gemengelage im Grenzgebiet, wo sich die Gangster schon längst auf alle Eventualitäten des Brexits eingestellt haben, wird dadurch befeuert, dass die Gegend sich von den katastrophalen Folgen der Immobilienkrise nie erholt hat. Eindrucksvoll demonstriert Quinn, wie sich ganze Gemeinden korrumpieren lassen, wie die Bewohner hier mit ihrem auf Pump erworbenen Wohlstand auch ihre Moral und Selbstachtung verloren haben. Dreesh wirkt wie eine Geisterstadt, bevölkert von lebenden Toten: "Dieses Dorf ist eine einzige Ödnis. Ein Bankrott folgte dem nächsten, alle wurden mitgerissen. Die einzige Arbeit, die übrig blieb, war das Ausheben von Gräbern für die Selbstmordopfer."

Preisabfragezeitpunkt:
08.12.2019, 15:07 Uhr
Ohne Gewähr

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Quinn, Anthony J.
Gestrandet

Verlag:
Polar Verlag
Seiten:
300
Preis:
20,00 €
Übersetzt von:
Robert Brack

Es ist ein extrem düsteres Szenario, das Quinn entwirft, ein kompliziertes Geflecht gegenseitiger Abhängigkeiten zwischen Politik, Polizei und organisiertem Verbrechen, bei dem immer unklarer wird, wer wen manipuliert und zu welchem Zweck. Korruption ist allgegenwärtig, Loyalität und Verrat werden zum Geschäftsmodell. Grenzenlos sind in diesem Niemandsland die Gier und die Bereitschaft, alles zu tun, um irgendwie ein Stück vom Kuchen abzubekommen.

Und Daly, dieser gebrochene Held, dieser Schattenmann, der in einer Schattenwelt ermittelt, verzweifelt zunehmend, weil die Wahrheit über den Tod des Kollegen so nahe zu liegen scheint, aber trotzdem ungreifbar bleibt. Warum ist Morgan, über dessen kriminelle Aktivitäten jeder hier Bescheid weiß, nicht längst verhaftet worden? Hat das etwas mit dem mysteriösen Detective Hunter zu tun, der alle Fäden in der Hand zu haben scheint, aber sich so rar macht wie Samuel Becketts Godot? Und welche Rolle spielt der Green and Blue Fishing Club, eine Organisation aus Polizisten von beiden Seite der Grenze, die neben ihrem Hobby, dem Angeln, auch handfeste finanzielle Interessen zu verfolgen scheinen?

Irland, die grüne Insel, das Sehnsuchtsland vieler vor allem deutscher Touristen - bei Quinn verwandelt es sich in ein Höllenloch, seine Farbpalette besteht aus Matschbraun und Schmutzigweiß mit gelegentlichen Einsprengseln von Blutrot. Mit "Gestrandet" ist Quinn ein Noir gelungen, wie er finsterer, komplexer und zeitgemäßer nicht sein kann.

insgesamt 2 Beiträge
alt-nassauer 22.11.2019
1. Ja das ist auch eine andere Seite der Grünen Insel...
Klar zeichnet der Roman sicher ein "düsteres" Bild als die Realität. Aber wenn man mal als Tourist, sich die Zeit nimmt dortige Medien (TV/Zeitungen) schaut und ließt. Der erfährt das diese scheinbare Heile Welt [...]
Klar zeichnet der Roman sicher ein "düsteres" Bild als die Realität. Aber wenn man mal als Tourist, sich die Zeit nimmt dortige Medien (TV/Zeitungen) schaut und ließt. Der erfährt das diese scheinbare Heile Welt mit Drogen, Waffen (früher - jetzt wieder neu) und sonstigen Bandenkriminalität (inklusive Auftragsmorde!) diese Insel schon mit harter Realität trifft. Wobei es sicher kaum einen Unterschied macht, ob Republik Irland oder das britische Nordirland. Das sind gewachsene Strukturen, erst einmal aus Zeiten des Terror´s und wohl weitergehend daraus die "neue" Bandenkriminalität. Damit auch seinen Claim klar abzustecken. Da schenken sich "Katholiken" und "Protestanten" sich nichts, wenn es um Einnahmequellen und Machtpositionen geht. Was mich vor Jahren erschreckt hat, wie Flächendeckend Dublin mit Videokameras überwacht wird. Im Handeln gegen den Drogenmissbrauchs (Konsum/dealen) inklusive der "illegalen" Medikamenten Beschaffung. Daher werden die Grenzen im doppelten Sinn schon überschritten. Fiktion trifft da bestimmt auf Realität. Auch wenn man es als Tourist so nicht wahr nimmt.
ambulans 23.11.2019
2. höchste zeit,
diesen klein-verlag auch einmal über den grünen klee (hach, dieses wortspiel) zu loben. wer z.b. ken bruens DS brant, gene kerrigan, ray banks und andere hochkaräter im angebot hat, kann einfach nicht schlecht sein ...
diesen klein-verlag auch einmal über den grünen klee (hach, dieses wortspiel) zu loben. wer z.b. ken bruens DS brant, gene kerrigan, ray banks und andere hochkaräter im angebot hat, kann einfach nicht schlecht sein ...
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