Kultur

Pakistanischer Starautor Hanif

"Die Armee macht, was sie will"

Mohammed Hanif war einst Kampfpilot der pakistanischen Luftwaffe. Hier erklärt der Bestsellerautor, wie das Militär sein Land im Griff hat und warum es vom Konflikt mit Indien profitiert.

Getty Images

Autor Mohammed Hanif

Ein Interview von
Donnerstag, 28.02.2019   12:35 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie als ehemaliger Kampfpilot eigentlich so große Angst vorm Fliegen?

Hanif: (lacht) Wie kommen Sie darauf?

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem internationalen Bestseller "Eine Kiste explodierender Mangos" ist der Absturz einer Militärmaschine ein zentrales Motiv. Ebenso in Ihrem neuen Roman "Rote Vögel". Es scheint Sie umzutreiben.

Hanif: Ich habe Luftfahrttechnik studiert und war sieben Jahre lang in der pakistanischen Luftwaffe. Deshalb bin ich misstrauisch. Ich verstehe die Mathematik und die Physik hinter der Fliegerei. Aber das steht alles auf dem Papier. Was, wenn in der Praxis ein kleines, aber vielleicht wichtiges Teil nicht funktioniert? Ich würde nicht sagen, dass ich Angst habe vor dem Fliegen, aber das Thema fasziniert mich.

REUTERS

Jet der pakistanischen Luftwaffe

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie gerne beim Militär?

Hanif: Ich war, glaube ich, ein ziemlich schlechter Soldat. Ich habe die Pilotenausbildung absolviert, aber mir hat das nie gefallen. Man beginnt mit einer Propellermaschine, das finde ich noch gut, weil die Geschwindigkeit meiner Persönlichkeit entspricht. Man kann aus dem Fenster schauen, die Landschaft genießen und sehen, wo man entlangfliegt. Aber dann, der Umstieg in einen Jet: Man verpasst eine Kurve, und ehe man sich's versieht, ist man in einer anderen Stadt. Abgesehen davon fehlen mir die typischen Qualitäten, die ein Offizier braucht. Es macht mir keinen Spaß, Leute herumzukommandieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie gelten als scharfer Kritiker des Militärs. Was sagen Ihre früheren Kameraden? Werfen die Ihnen, dem Ex-Offizier, der nun ein linker Intellektueller ist, Verrat vor?

Hanif: Ich habe kaum Kontakt zu denen. Diejenigen, die noch im Dienst sind, sind heute Oberst oder Brigadegeneral. Kürzlich hat jemand Artikel von mir in einem Militärforum im Internet gepostet. Plötzlich fragte ein anderer: "Oh, ist das der Mohammed Hanif? Der mal einer von uns war?" Das wurde bejaht. Daraufhin bekam ich massenweise Beschimpfungen. Sogar von Leuten, die ich gut kenne. Wirklich bösartiges Zeug. Ich habe versucht, es zu ignorieren. Mein Glück ist, dass die meisten Soldaten kaum Bücher lesen. Ich glaube, die meisten wissen nicht, was ich schreibe.

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:33 Uhr
Ohne Gewähr

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Mohammed Hanif
Rote Vögel

Verlag:
HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH
Seiten:
320
Preis:
EUR 22,00
Übersetzt von:
Michael Schickenberg

SPIEGEL ONLINE: Seit einem Dreivierteljahr regiert in Pakistan der frühere Cricketstar und Lebemann Imran Khan. Viele sehen ihn als Marionette der Armee. Teilen Sie diese Kritik?

Hanif: Noch nie waren die Generäle in Pakistan so mächtig wie jetzt, trotz gewählter Regierung. Und das sage ich, obwohl ich in Zeiten von Militärdiktaturen und Kriegsrecht gelebt habe.

SPIEGEL ONLINE: Worin zeigt sich diese Macht?

Hanif: Die Zensur ist zum Beispiel schlimmer denn je. Viele Journalisten, die es gewagt haben, die Armee zu kritisieren, haben ihre Jobs verloren. Oder sie dürfen nur noch harmlose Kolumnen schreiben. Es wird gegen sie ermittelt, sie werden wegen Landesverrats angeklagt. All das dient dazu, uns einzuschüchtern. Die Selbstzensur ist inzwischen enorm. Kritik findet, wenn überhaupt, in abgeschwächter Form statt. Ich werfe das keinem Schreiber vor. Was soll man machen, wenn man eine Familie zu ernähren hat und derart bedroht wird?

SPIEGEL ONLINE: Trifft das auch auf Sie zu?

Hanif: Für die "New York Times" schreibe ich einmal im Monat eine Kolumne über politische Vorgänge in Pakistan. Es kommt vor, dass in der Pakistan-Ausgabe an dieser Stelle einfach ein weißer Fleck erscheint. Ist das nicht bescheuert? Die Leute lesen das dann erst recht, und zwar online. Das ist eine altmodische, geradezu lächerliche Form der Zensur. Aber das Militär zeigt damit: Wir haben die Macht, das zu tun! Es ist eine Frage der Zeit, dass sie auch die Artikel online blockieren.

AP

Imran Khan

SPIEGEL ONLINE: Erleben Sie diese Art von Druck auch bei Ihrer Arbeit als Romanschriftsteller?

Hanif: Da diese Leute kaum Romane lesen, zum Glück nicht. Aber natürlich gibt es Restriktionen. "Eine Kiste explodierender Mangos" ist vor zehn Jahren erschienen. Ich habe ihn auf Englisch geschrieben. Vor drei Jahren wurde er auf Urdu übersetzt. Ein großer pakistanischer Verlag wollte ihn veröffentlichen. Seither liegt er dort herum.

SPIEGEL ONLINE: Es ist eine bitterböse Satire auf den Militärdiktator Zia ul-Haq, der das Land in den Achtzigerjahren stark islamisiert hat.

Hanif: Genau. Ich bin also zum Verleger gegangen und habe ihn gefragt: Was ist das Problem? Seine bizarre Antwort: Sie sind doch ein intelligenter Mann, warum entscheiden Sie nicht selbst, was man alles rausstreichen sollte? Es war also eine offene Einladung zur Selbstzensur. Ich sagte ihm, das Buch sei nun seit Jahren auf Englisch erhältlich, es werde in Pakistan an Universitäten und Schulen behandelt, und es habe noch nie ein Problem gegeben. Er sagte mir: "Ja, aber wissen Sie, so, wie manche einen Witz erst mit Verzögerung kapieren, kann es sein, dass dieses Buch erst auf Urdu seine Wirkung in Pakistan entfaltet." Jetzt ist ein anderer Verleger dran, ich hoffe, es kommt irgendwann raus.

SPIEGEL ONLINE: Islamische Extremisten haben in Pakistan nach wie vor großen Einfluss auf die Politik. Tut Imran Khan etwas dagegen?

Hanif: Er sagt, was die Leute hören wollen. Und er weiß, dass er mit antiwestlichen Meinungen weit kommt. Und mit dem Plan, einen islamischen Wohlfahrtsstaat zu formen, der so sein soll wie Medina zu Zeiten des Propheten Mohammed. Khan war ein Sportstar, man kann nicht erwarten, dass aus ihm ein Intellektueller wird. Er ist mit den übelsten Mullahs aufgetreten und hat das Blasphemiegesetz verteidigt. Tut er etwas gegen Islamisten? Ich würde sagen: nein.

Kurzkritik zu "Rote Vögel"

"Rote Vögel" heißt der dritte Roman von Mohammed Hanif, der am 5. März 2019 erscheint. Ein amerikanischer Kampfpilot stürzt irgendwo über einer Wüste ab - und wird ausgerechnet von einem Teenager in ein Camp gerettet, das er eigentlich bombardieren sollte. Der Teenager wiederum sieht die Chance seines Lebens, trotz einer Entwicklungshelferin, die unbedingt seine Seele erforschen will. Es ist ein komischer, bissiger Roman über Krieg, Familie und wie der Westen mit dem Rest der Welt umgeht - mit jenem schwarzen Humor, mit dem Hanif in "Eine Kiste explodierender Mangos" weltberühmt geworden ist.

SPIEGEL ONLINE: Die Eskalation im Kaschmir zeigt es: Die Beziehungen zum Erzfeind Indien werden immer schlechter.

Hanif: Womit wir wieder beim Militär wären. Es verfolgt in Pakistan seine ganz eigenen Interessen. Es verkauft seine Interessen als die Interessen des Landes. Und eine Feindschaft mit Indien ist in seinem Interesse. Die Verteidigungsausgaben steigen massiv an. Ich befürchte, wir stehen kurz vor einem Krieg. Früher kamen Politiker und Diplomaten aus den USA und aus Europa und versuchten zu vermitteln. In der heutigen Zeit interessiert diese Region keinen mehr. Die Armee bestimmt die Richtung und macht, was sie will. Jeden Tag verschwinden zum Beispiel Menschen. Früher waren es ausschließlich Leute, die für ein unabhängiges Belutschistan waren. Jetzt werden alle möglichen Menschen entführt und tauchen nie mehr oder als Leiche wieder auf. Ich habe den Eindruck, ein kritischer Post auf Facebook genügt.

SPIEGEL ONLINE: Warum nimmt die pakistanische Bevölkerung das hin? Warum begehrt niemand dagegen auf?

Hanif: In Pakistan funktionieren schon die grundsätzlichen Dinge des Lebens nicht: Strom, Gas, Bildung, Gesundheitsversorgung, all das steht nicht in ausreichender Menge zur Verfügung. Wie viele Kinder gehen in Pakistan nicht zur Schule? Es braucht nicht riesige Summen, um sauberes Trinkwasser zur Verfügung zu stellen. Investiert die Politik darin? Nein. Krankheiten wegen verschmutzten Wassers sind weitverbreitet in Pakistan. Der Alltag wird zum Elend. Allmählich merken die Menschen aber, dass es woanders in der Welt sehr viel besser zugeht. Dass das Licht angeht, wenn man den Schalter drückt. Dass man ein Ei in ein paar Minuten kochen kann und nicht in eineinhalb Stunden, wie ich neulich, weil das Gas nur spärlich aus der Leitung kam. Vielleicht werden die Menschen irgendwann aufbegehren. Aber genau aus diesem Grund wollen Politiker, Militärs und Geistliche nicht, dass die Menschen Bildung bekommen. Sie würden sonst Dinge verstehen, die sie nicht verstehen sollen.

insgesamt 2 Beiträge
lequick 28.02.2019
1.
Mutige Aussagen, dafür muss man Herrn Hanif Respekt zollen. Seine Bücher kenne ich nicht, aber er scheint sehr aufgeweckt zu sein. Bin gespannt ob das hier Konsequenzen für ihn hat. Ich hoffe nicht.
Mutige Aussagen, dafür muss man Herrn Hanif Respekt zollen. Seine Bücher kenne ich nicht, aber er scheint sehr aufgeweckt zu sein. Bin gespannt ob das hier Konsequenzen für ihn hat. Ich hoffe nicht.
KingTut 28.02.2019
2. Besorgniserregend
Es ist ein sehr besorgniserregender Zustand, dass in der Atommacht Pakistan nicht die Politik, sondern das Militär das Sagen hat, zumal, wie es im Artikel heißt, islamistische Kräfte immer stärkeren Einfluss im Militär haben. [...]
Es ist ein sehr besorgniserregender Zustand, dass in der Atommacht Pakistan nicht die Politik, sondern das Militär das Sagen hat, zumal, wie es im Artikel heißt, islamistische Kräfte immer stärkeren Einfluss im Militär haben. Wer kontrolliert eigentlich die Atomwaffen und wer entscheidet über ihren Einsatz? Ich habe schon vor ein paar Tagen die Befürchtung geäußert (in der Hoffnung, dass ich mich irre), dass dieser Konflikt zwischen Indien und Pakistan nicht gut ausgeht und womöglich auch Auswirkungen auf uns haben wird. Hanif erscheint mir hier als eine Stimme der Vernunft, die dort, wo es darauf ankäme, auf taube Ohren stößt. Der größte Stolperstein zur Lösung der innenpolitischen Probleme ist die hohe Geburtenrate: http://www.spiegel.de/politik/ausland/pakistan-die-bevoelkerung-waechst-rasant-a-1253753.html Am Ende des Jahrhunderts sollen in Pakistan eine Milliarde Menschen leben. Wie kann der Premier angesichts dieser Aussichten seinen Bürgern einen islamischen Wohlfahrtsstaat versprechen? Wie immer ein exzellenter Bericht, Herr Kazim. Danke.

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