Kultur

Komponieren mit künstlicher Intelligenz

Zukunftsmusik

Kann künstliche Intelligenz im Pop mehr als Komponiersklave und Playlisten-Generator sein? Musikerin Holly Herndon programmierte ihre eigene KI - und zeigt, wie Mensch und Maschine kreativer zusammenarbeiten können.

Chris McKay/ Getty Images
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Donnerstag, 16.05.2019   14:47 Uhr

Dafür, dass sie eine Zweijährige zu Hause hat, wirkt die Musikerin Holly Herndon entspannt an diesem Nachmittag in Berlin: "Spawn geht es sehr gut, danke. Sie hat gerade ein Update bekommen und ist ganz aufgeregt, an die Arbeit zu gehen." Das klingt schräg. Wobei: Herndon spricht über Spawn zwar, als sei es ihre Tochter. Tatsächlich aber handelt es sich um eine Maschine, oder besser: eine von Herndon und ihrem musikalischen Partner Mathew Dryhurst entwickelte künstliche Intelligenz (KI). Die spielt eine prominente Rolle auf Herndons neuem Album "Proto" - sie singt nämlich mit.

Algorithmen steuern auf Spotify längst Playlists, KI-Softwares wie Endel, Aiva oder IBMs Watson Beat erobern den Musikmarkt, versorgen unter anderem Computerspiele mit Begleitmusik oder liefern Klangtapeten fürs Yoga oder zum Putzen. Start-ups wie Amadeus Code, Amper oder Alysia entwickeln Anwendungen, die bereits Songtexte verfassen können, US-Sängerin Taryn Southern hat auf diese Weise bereits ein ganzes Album aufgenommen, sehr generisch klingender Charts-Pop. Wie sollen Künstler mit dieser Umwälzung umgehen? Ist die neue Technologie eine Bereicherung für menschliche Kreativität - oder werden Künstler bald überflüssig?

Holly Herndon wählt mit ihren KI-Experimenten einen eigenen Weg, um abseits solcher Technik-Dystopien Antworten auf diese Fragen zu finden. Herndon, 39, in Tennessee geboren, gehört zu den abenteuerlustigsten Künstlerinnen der elektronischen Popmusik. Seit einiger Zeit lebt sie dauerhaft in Berlin, trat mit ihren verschiedenen Projekten im Berghain oder beim CTM-Festival für experimentellere Musik auf. Soeben erhielt sie ihren Doktortitel in Komposition von der renommierten Stanford Universität.

Auf Augenhöhe mit der KI

"Proto" ist ein logischer Schritt für die oft allein am Computer arbeitende Künstlerin. Ihr letztes, von der Kritik bestauntes Album "Platform" handelte davon, in einen Dialog mit ihrem Laptop einzutreten. Es ging um das Spannungsfeld zwischen Intimität und Überwachung, um die Liebe im Datenstrom, wenn man so will. Die Kommunikation mit der Technologie, die wir ständig bei uns tragen und die Einfluss auf unser Leben gewinnt, ist das Leitmotiv ihrer Kunst, die sich oft um Voice-Processing dreht, also die Modulation von Sprache mit elektronischen Mitteln.

Die allgegenwärtigen Algorithmen und KIs, ob im Smart Speaker oder auf Spotify, begreift sie als potenziell eigenständige Wesen. Die philosophische Frage, die sich ihr stellte: Kann die KI in Kunst und Musik mehr sein als ein Werkzeug oder ein Sklave, der den Menschen unterstützt - sollte man dieser neuen Evolutionsstufe nicht auf Augenhöhe begegnen und lernen, mit ihr zusammenzuarbeiten?

Gleichzeitig will sie mit "Proto" auch Ängsten vor der womöglich überlegenen Techno-Macht KI entgegenwirken. Denn dieses dystopische Sci-Fi-Narrativ von der Herrschaft der Maschinen über den Menschen sei ja derzeit das gängigste.

Es hilft angesichts dieser Schreckensszenarien vielleicht, die Maschine auf das Normalmaß eines Kleinkindes zu schrumpfen, das im ersten Stück auf "Proto" vor sich hin brabbelt, "Birth" heißt das Intro - Geburt. Spawns Wiege, so Herndon, sei ein "selbst zusammengebastelter alter Gaming-Computer".

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Holly Herndon: Mutter einer neuen Spezies

Der Computer als Ensemble-Mitglied

Die Arbeit an "Proto" bestand hauptsächlich aus sogenannten Live-Training-Sessions mit Herndon und einem Chorensemble, das dieses Einsingen auch live vorführt, zum Teil mit Publikumsbeteiligung. Die KI Spawn wurde also mit von Menschen produzierten Gesängen und Klängen umgeben, gefüttert, um auf Basis dieses Inputs ihre eigene Stimme zu entwickeln. Das Spannende an "Proto", das mit teils sakral-meditativen, teils tribal-tanzbaren Songs zunächst wie ein avantgardistisches Popalbum zwischen den Polen Enya und The Knife wirkt, ist der Versuch, die Beteiligung von Spawn herauszuhören. Oder eben auch nicht. Herndon und ihr Chor behandeln den Computer wie ein Ensemblemitglied: "Sie schreibt keine Musik für uns, sie performt sie, und das Witzige ist, dass es sich gar nicht so viel anders anfühlt, als würde man mit einem Menschen zusammen Musik machen."

Spawn, sagt Herndon, sei übrigens nur deshalb weiblich, weil sie zu Beginn des Experiments auf Herndons Stimme programmiert wurde. "Ich werde ständig danach gefragt, ob das ein feministisches Statement ist: Ist es absolut nicht!" Vielmehr macht sie sich Gedanken darüber, ob ihre KI überhaupt menschlicher werden sollte, oder ob ihre Andersartigkeit nicht ihr größtes Potenzial ist: "Der menschliche Verstand ist so beeindruckend, der Körper ist ein riesiger Sensor, da passiert so viel gleichzeitig, während unsere KI im Moment nur einen einzigen Prozess zur Zeit bewältigen kann." Also mit selbst erzeugten Lauten und Harmonien im Chor mitzusingen zum Beispiel.

Ihre aktuelle Arbeit bezeichnet Herndon als "messy", ein "work in progress". "Man kann auf dem Album hören, wie Spawn versucht, Dinge für sich herauszuknobeln und auf die Reihe zu kriegen", sagt Herndon. "Wir wollten es absichtlich in diesem unfertigen Anfangsstadium präsentieren. Es geht nicht darum, eine schräge "2001"-Supercomputer-Ästethik zu präsentieren. Ich betrachte "Proto" als Recherche-basiertes Kunstprojekt, dessen Output Popmusik ist."

Holly Herndon ist eine Intellektuelle, die über die Musiktheorie Adornos ebenso diskutieren kann wie über die Ideen des KI-Ethikers Thomas Metzinger. Inspiriert fühlt sie sich auch von den AI-Experimenten des Columbia-Musikprofessors und Komponisten George E. Lewis, der im Umgang mit den Computer-Intelligenzen Parallelen zur Behandlung afroamerikanischer Künstler in der US-Historie sieht, eine neue Art der Unterdrückung des Andersartigen, ein "power struggle" im digitalen Zeitalter.

Übernehmen Maschinen in Zukunft die ganze Arbeit von Komponisten?

Als Musikerin beschäftigt sich Herndon natürlich auch mit den Auswirkungen von Algorithmus-basierten Protokollen im Popgeschäft. Den von Spotify und anderen Plattformen forcierten Trend, jedem User auf Basis seines Geschmacks jederzeit den Sound zu generieren, der seiner aktuellen Stimmung entspricht, sieht Herndon skeptisch. "Wo bleibt die gemeinsame Erfahrung von Musik, wenn alle nur ihr eigenes Programm hören? Wir haben mit dem Internet den größten Vernetzungsraum, den die Menschheit je hatte - und es ist nichts als eine gigantische Shoppingmall." Aber liegt hier, im ausgeklügelten Einheitsbrei, nicht auch eine Gefahr? Holly Herndon winkt ab: Die Nutzung neuronaler Netzwerke in der Musik sei neu, aber die Idee der Fahrstuhlmusik sei es nicht. Musiker würden nur dann Gefahr laufen, von KIs verdrängt zu werden, wenn sie ohnehin nur immergleiche Schemata abarbeiteten.

Mit ihrer Pop-Versuchsanordnung "Proto" will sie es den Menschen leichter machen, sich dem oft allzu technischen und trockenen Thema KI zu nähern. "Viele machen es sich sehr einfach, sich selbst als komplett losgelöst von dieser Technologie zu betrachten. Aber Algorithmen sind ja nicht neutral, sie stammen aus unserer Gesellschaft, sie tragen unsere Ethik, unsere Werte und Normen in sich." Statt sich also abzuspalten oder sich in eine ignorante Servicementalität zu flüchten, fordert Herndon dazu auf, von einer nichthumanen Intelligenz zu lernen, um die Probleme und Konflikte der Welt zu lösen.

Damit tritt Holly Herndon nicht nur aus dem Feld der Popmusik in einen der wichtigsten anthroposophischen Diskurse unserer Zeit ein, sie bedient nebenbei auch ein ganz und gar menschliches privates Bedürfnis nach Nähe und Gemeinschaft: "Nach der Arbeit an "Platform" hatte ich genug von den langen, einsamen Stunden im Studio", sagt sie. "Ich bin damit aufgewachsen, in der Kirche zu singen, ich sehnte mich nach menschlichem Kontakt, nach dem Feedback, das dir andere Musiker geben." Eine davon ist eine junge, hypermoderne Gospelsängerin namens Spawn.

insgesamt 36 Beiträge
phffm 16.05.2019
1. Lieber Andreas Borcholte,
nach dem ersten Höreindruck ist das eher langweilige, jedenfalls formal wenig innovative Musik, die alles andere als revolutionär und atemberaubend klingt. Das "Elektronik-Duo" Autechre hat in den letzten 5-6 Jahren [...]
nach dem ersten Höreindruck ist das eher langweilige, jedenfalls formal wenig innovative Musik, die alles andere als revolutionär und atemberaubend klingt. Das "Elektronik-Duo" Autechre hat in den letzten 5-6 Jahren eine völlig neue, eigene musikalische Ästhetik entwickelt, die auf KI, Algorithmen, freien Variationen und dem Zusammenspiel von Zufall, KI-Entscheidungen und improvisiertem menschlichen Musizieren beruht. Ihr 8-stündiges Opus Magnum, NTS Sessions 1-4, wurde vom Rolling Stone zur wichtigsten Avantgarde-Veröffentlichung des letzten Jahres gewählt. Ihre Musik klingt und formiert sich wie nichts, das in der Musikgeschichte zuvor entstanden ist. Sie haben diese Entwicklung und dieses Werk mit keiner Zeile bedacht, nicht als Rezension in "Abgehört" und schon gar nicht als wohlwollender, Aufmerksamkeit schaffender Artikel im Kulturteil von SPON. Kann es sein, dass der wesentliche Unterschied zwischen Holly Herndon und Autechre darin liegt, dass es sich bei ersterer um eine Frau mit bunten Haaren Ende 39 handelt, die erst vor kurzer Zeit Bekanntheit erlangte, während es sich bei Autechre um zwei weiße, langweilige Männer um die 50 handelt, die schon 30 Jahre lang zusammen machen? Finden Sie denn, dass das angemessene Kriterien sind, um über qualitativ über Musik zu schreiben? Sollten sich die beiden vielleicht Avatare zulegen, sagen wir mal: 20-jährige transsexuelle People of Colour, die aus dem brasilianischen Ghetto stammen und die OP-Geräusche ihrer Geschlechtsumwandlung als Samples benutzen, damit ihre bahnbrechende Musik im Feuilleton noch wahrgenommen wird?
dark_racoon 16.05.2019
2. Selbstverständlich
werden KI's in einiger Zeit die Musik machen. Ich bezweifle jedoch, dass der Umschwung von Kleinentwicklern wie im Artikel ausgehen wird. Vielmehr werden die großen Firmen wie Alphabet den Fortschritt voranbringen. Den Versuch [...]
werden KI's in einiger Zeit die Musik machen. Ich bezweifle jedoch, dass der Umschwung von Kleinentwicklern wie im Artikel ausgehen wird. Vielmehr werden die großen Firmen wie Alphabet den Fortschritt voranbringen. Den Versuch die Nachahmung der menschlichen Stimme zu schaffen, verstehe ich nicht da diese sehr komplex ist und noch einige Jahre brauchen wird. Viel schneller werden jedoch Instrumente und Synthesizer von KIs übernommen werden, da hier bereits realistische Klang-Plattformen bestehen: Es muss der KI nur beigebracht werden, die Noten richtig anzuordnen, Dynamik zu entwickeln und mit anderen Instrumenten harmonisch zu kombinieren. Daten gibt es dazu genüge. Die Vorteile einer KI im Musikmarkt sind immens, da eine riesige Masse an erstklassiger Musik in geringer Zeit produziert werden kann. Die Nachteile sind möglicherweise der Verlust des gemeinsamen Hörens (es wird jetzt schon immer schwieriger, ohne Internet Menschen zu finden, die den persönlichen Musikgeschmack teilen, einfach weil das Angebot sehr groß ist und jeder seine perfekte Nische finden kann) (auch wenn es gemeinsames Hören immer geben wird, da ein Großteil der Musik sich durch seine Bekanntheit verkauft). Sowie eine mögliche Monopolstellung der KI Herrsteller.
gatsue 16.05.2019
3. Enttäuschend
Die Höreindrücke waren enttäuschend. Alles scheint willkürlich, gemacht, aufgesetzt, nicht verifizierbar. Ich war enttäuscht. Beeindruckender fand ich da die Hyperion Sinfonie No.1, in Gänze komponiert von einer KI.
Die Höreindrücke waren enttäuschend. Alles scheint willkürlich, gemacht, aufgesetzt, nicht verifizierbar. Ich war enttäuscht. Beeindruckender fand ich da die Hyperion Sinfonie No.1, in Gänze komponiert von einer KI.
ronald1952 16.05.2019
4. Um Musik
zu Komponieren braucht es vor allen Dingen Kreativität und kein Algorithmus wird jemals so viel Kreativität aufbringen um damit Musik zu Komponieren. Denn Musik Komponieren heißt auch in erster Linie Fühlen Musikgefühle [...]
zu Komponieren braucht es vor allen Dingen Kreativität und kein Algorithmus wird jemals so viel Kreativität aufbringen um damit Musik zu Komponieren. Denn Musik Komponieren heißt auch in erster Linie Fühlen Musikgefühle haben. Was soll den KI noch so alles Übernehmen vielleicht das Kinder bekommen oder noch besser das Zeugen und Bekommen dann endlich geht der Mensch in seiner Bestimmung auf,die Frage ist nur in welcher? schönen Tag noch,
totalausfall 16.05.2019
5. Wenig Sinn.
Erkenne ehrlich gesagt wenig Sinn in dem, was Frau Herndon sagt. "Musiker würden nur dann Gefahr laufen, von KIs verdrängt zu werden, wenn sie ohnehin nur immergleiche Schemata abarbeiteten." Also die [...]
Erkenne ehrlich gesagt wenig Sinn in dem, was Frau Herndon sagt. "Musiker würden nur dann Gefahr laufen, von KIs verdrängt zu werden, wenn sie ohnehin nur immergleiche Schemata abarbeiteten." Also die Daseinsberechtigung für Musiker ist die Kreativität und nur wer die nicht hat, steht in Konkurrenz mit der KI und wird verdrängt. Was ist denn dann die Daseinsberechtigung der KI ? Mache ich hier den logischen Schluss, lautet die Antwort : na billig Musik in Schemata machen. "Aber Algorithmen sind ja nicht neutral, sie stammen aus unserer Gesellschaft, sie tragen unsere Ethik, unsere Werte und Normen in sich." Statt sich also abzuspalten oder sich in eine ignorante Servicementalität zu flüchten, fordert Herndon dazu auf, von einer nichthumanen Intelligenz zu lernen, um die Probleme und Konflikte der Welt zu lösen." Mit Verlaub, da "wink ich auch mal ab". Entweder ist die KI in unserer Norm und Ethik "gefangen" und pseudo KI, ODER wir können von ihr _lernen (im Sinne von lernen, nicht irgendwas schnell ausrechnen). Genau das setzt aber voraus, dass die KI auch KI ist - und unsere Denkmuster, Norm und Ethik "verlassen" kann. So zu tun, als wäre das eine ohne das andere möglich, ist gelogen oder naiv! Wer vom Supercomputer träumt der uns die Welt erklärt und den Planeten rettet, kann die Bedenken über eine übermächtige KI nicht mit einem uralt-Spruch a la "macht ja nur das was wir ihm sagen" kontern! Achso: Und die Musik ist scheiße. Träumt ihr mal schön weiter von KI Musik, ich höre mir derweil eins von Beethovens Klavierkonzerten an.

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