Kultur

Wilco-Frontmann Jeff Tweedy

"Den Kram im Kopf rauslassen"

Mit seiner Autobiografie und einem neuen Wilco-Album lässt sich Musiklegende Jeff Tweedy in die Seele schauen. Ein Gespräch über Komfortzonen und Geschichten von Hunden, die ihn zum Weinen bringen.

imago images / ZUMA Press

Jeff Tweedy

Ein Interview von
Sonntag, 29.09.2019   13:28 Uhr

Zur Person

SPIEGEL: Jeff Tweedy, es heißt, Sie würden jeden Tag mindestens einen neuen Song schreiben. Wovon handelt der heutige?

Tweedy: Äh, also - der Tag ist ja noch nicht vorbei. Vielleicht schreibe ich vor dem Konzert heute Abend noch ein wenig, sonst bevor ich schlafen gehe. Ich mache mich nicht fertig, wenn ich mal einen Tag aussetze, aber ich fühle mich einfach besser. Es ist wie Zähneputzen: Wenn ich es nicht tue, fühlt es sich an, als hätte ich etwas vergessen.

SPIEGEL: Sie vergleichen Songwriting also mit Körperhygiene. Mentales Zähneputzen?

Tweedy: Ja, das ist psychologische Hygiene: den Kram im Kopf rauslassen, ihn nicht beurteilen. Wenn ich nach Hause komme, höre ich in meinem Studio immer die Aufnahmen an, die ich mit dem Telefon gemacht habe. An viele davon kann ich mich dann gar nicht erinnern. Das ist ein großer Luxus: mit Material zu arbeiten, das ohne großes Zutun des eigenen Egos entstanden ist, und darauf zu reagieren, als wäre es die Musik eines anderen. Ich wurde süchtig danach. Und da ich schon davon rede: Ich bin suchtkrank. Ich habe zwar seit 15 Jahren keine Opioide genommen, aber ich werde immer suchtkrank bleiben. Die Entscheidung, jeden Tag einen Song zu schreiben, ist für mich bestimmt ein Ventil, um eine etwas harmlosere Sucht zu pflegen.

SPIEGEL: In "One and a Half Stars", einem neuen Song Ihrer Band Wilco, singen Sie: "I can't escape my domain." Was ist das: Ihre Domäne? Und warum können Sie ihr nicht entkommen?

Tweedy: In dem Song geht es irgendwie um meinen Vater und darum, dass ich seine soziale Phobie anerkenne. Eine solche Phobie macht es nötig, dass man sein eigenes Reich hat, in dem man für sich sein kann. Ich war auch immer so. Vielleicht nicht ganz ideal für die Menschen um mich herum, aber für mich ist es psychologisch notwendig, meine eigene Wohlfühlzone zu haben. Der Song wünscht sich, dass das nicht so wäre, zugleich akzeptiert er das aber auch. Es ist ja nicht unüblich, so zu empfinden. Viele Menschen wollen einfach nur einen Ort zum Sitzen, ihren eigenen Sessel.

SPIEGEL: Sehen Sie diesen Sessel auch metaphorisch: ihre Domäne als Musiker und Künstler?

Tweedy: Ich behaupte nicht, einen Bereich exklusiv für mich allein zu haben. Es gibt auch bestimmte Arten von Musik, von denen ich beeinflusst bin, die ich mir aber besser nicht aneignen sollte. Weil es eben nicht meine Musik ist und weil es keinen Sinn ergeben würde. Aber ich lasse mich davon inspirieren.

SPIEGEL: Früher haben Sie begeistert John Cage und Krautrock gehört. Was beeinflusst Sie heute?

Tweedy: Hip-Hop. Dieses Immer-nach-vorne-Denken, die Aufgeregtheit, die Respektlosigkeit für Altlasten und Traditionen, die diese Musik meist hat - das ist wirklich inspirierend. Aber wenn ich bestimmte Produktionstechniken oder so was davon übernehmen würde, wäre das erniedrigend. Für alle Beteiligten.

SPIEGEL: An wen denken Sie da konkret?

Tweedy: Ich mag viele Indie-Rap-Künstler und experimentelle Hip-Hop-Acts, das Trio Clipping zum Beispiel. Ich habe mich auch mit Jpegmafia angefreundet. Andere Freunde von mir sind Schriftsteller. Von solchen Leuten bin ich inspiriert, ohne sie imitieren zu wollen. Sie zeigen mir einfach, wo die Latte hängt, und ich denke: "In die Richtung sollte ich auch zielen. Über diese Latte will ich springen!"

SPIEGEL: Man könnte behaupten, dass auch Sie für viele andere Songwriter die Latte ziemlich hoch gehängt haben.

Tweedy: Scheinbar soll das der Fall sein. Zumindest haben mir das Freunde, die selbst kreativ sind, schon gesagt. Ich halte das für ein nette Art, einen kleinen Wettkampf auszutragen. Ein gesundes Geben und Nehmen, ohne dass es nur darum geht: Ich schlage dich, ich werde gewinnen.

Preisabfragezeitpunkt:
09.12.2019, 06:13 Uhr
Ohne Gewähr

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Ode to Joy

Label:
DBPM RECORDS
Preis:
10,99 €

SPIEGEL: Das neue Album von Wilco heißt "Ode to Joy": Ode an die Freude. Wollen Sie sich mit dieser Referenz an die EU-Hymne über Ihre Fans in Großbritannien lustig machen?

Tweedy: Nein, das ist nur ein zusätzlicher Bonus. Mir ist der politische Kontext erst aufgefallen, nachdem wir uns schon auf den Titel geeinigt hatten. Ich dachte dann darüber nach und fand es großartig. Meiner Meinung nach sind wir auf der richtigen Seite der Geschichte, wenn wir uns für mehr Zusammenhalt starkmachen, mehr Miteinander und Toleranz weltweit. Gegen Spaltung und Nationalstolz.

SPIEGEL: Meinen Sie: wir, die Menschheit?

Tweedy: Nein, wir die Band. Wenn die Leute erkennen, dass wir mit Wilco auf dieser Seite stehen, sehe ich das nicht als Problem. Das ist etwas Gutes!

SPIEGEL: Spiegelt der Albumtitel auch Ihren aktuellen Gemütszustand wieder?

Tweedy: In den letzten zehn Jahren dachte ich oft: "Ich war noch nie so glücklich." Dabei stimmt das gar nicht. Als Kind war ich bestimmt öfter glücklich. Aber ich habe es mein Leben lang nie darauf angelegt, dieses Glück zu zeigen. Es ist schwieriger und wichtiger für mich geworden, mir einfach klarzumachen, dass ich manchmal diesen Gedanken habe: "Wow, ich bin glücklich!" Früher war ich schon im selben Moment voller Angst, dass das gleich wieder verschwinden und etwas Schreckliches passieren würde. Tut es dann ja auch. Aber was soll's? Das kann man nicht selbst bestimmen. Aber man kann sich darauf vorbereiten. Viele Leute scheinen zu denken, dass sie beschließen können, glücklich zu sein, die ganze Zeit. Das ist aber unmöglich.

SPIEGEL: In Ihrer Autobiografie erklären Sie, Ihren Gefühlen gegenüber oft ambivalent zu sein. Dass viele Leute diese Uneindeutigkeit nicht aushalten können, macht Sie irre.

Preisabfragezeitpunkt:
09.12.2019, 06:02 Uhr
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Tweedy, Jeff
Let's Go (So We Can Get Back): Aufnehmen und Abstürzen mit Wilco etc.

Verlag:
Kiepenheuer&Witsch
Seiten:
304
Preis:
22,00 €

Tweedy: Ich glaube, die Ambivalenz, mit der viele zu kämpfen haben, ist nicht so sehr auf Emotionen bezogen, sondern auf Fakten. Etwas nicht zu wissen, macht einen verrückt. Wohin gehen wir, wenn wir sterben? Was ist richtig, was falsch? Die Leute klammern sich an Dogmen, Religionen und politische Ideologien, um diese Unklarheit in ihrem Leben auszumerzen. Die Angst, etwas nicht zu wissen, kann sehr leicht ausgeschlachtet werden. Je gesünder man ist, umso gelassener geht man damit um, nichts zu wissen. Gar nichts. Nur zu wissen, was man nicht weiß.

SPIEGEL: Das klingt sehr philosophisch.

Tweedy: Es ist auch ziemlich philosophisch!

SPIEGEL: Sie behaupten, Ihre geheime - oder vielleicht auch nicht so geheime - Superpower ist Ihre Verletzlichkeit.

Tweedy: Dass ich sie als Superpower bezeichnet habe, war als Scherz gemeint. Ich fand es nie mutig, mich verletzlich zu zeigen. Das ist mir irgendwie angeboren. Ich habe schon als Kind gemerkt, dass alle anderen nur Scheiße labern und genauso verletzlich sind. Dass sich alle die ganze Zeit abstrampeln, ihr Bestes zu geben - dabei ist das oft nicht besonders gut. Vielen wurde einfach kein Beispiel gegeben, was einen guten Vater ausmacht oder eine liebevolle Beziehung. Wie sollte man solche Dinge von allein erahnen?

SPIEGEL: Wann haben Sie zum letzten Mal geweint?

Tweedy: Oh, ich weine immer noch oft. Gestern habe ich einen Artikel über die Hunde von 9/11 gelesen: Rettungshunde, Suchhunde, Hunde, die einfach mitgenommen wurden, um mit den Feuerwehrmännern abzuhängen, die in den Trümmern nach Überlebenden suchten. Diese Hunde fanden Kadaver und Körperteile, sie hatten emotionale Reaktionen. Manche von ihnen haben aufgehört zu essen. Ich musste weinen, als ich das gelesen habe. Sie würden bestimmt auch weinen! Wir sind etwas abgestumpft angesichts all der sensationellen Bilder von der Zerstörung. Dieser Artikel hat das Leid wieder sehr real gemacht.

SPIEGEL: Sehen Sie Taubheit generell als ein Problem unserer Gesellschaft? Etwa wenn man an den flächendeckenden Missbrauch von Opioiden in den USA denkt, von dem auch Sie betroffen waren.

Tweedy: Wir leben in einer Gesellschaft, die ein bestimmtes Maß an Distanziertheit nötig macht. Der Kapitalismus erfordert das. Wir befinden uns erst am Anfang einer Ära, in der wir Zugang zum Leid auf dem gesamten Planeten haben, zu jeder erdenklichen schlimmen Sache, die jedem Einzelnen passieren kann, 24 Stunden am Tag. Der Mensch hat sich noch nicht so weit entwickelt, das zu verarbeiten. Wenn man einen schrecklichen Unfall hat oder ein Elternteil stirbt, erleidet man ein Trauma oder einen Schock: eine Reaktion unseres Körpers, um uns einen weiteren Tag durch das Leben zu bringen. Ich glaube, dass wir alle ständig kleine Schocks erleiden, tagtäglich.

SPIEGEL: Apropos Trauma: Wegen einer Hausstauballergie mussten Sie als Kind Ihren Teddybär Toby in ein Einweckglas sperren - eine herzzerreißende Passage in Ihrem Buch. Wie geht es Toby heute?

Tweedy: Er ist immer noch im Einweckglas und steht im Büro meiner Frau. Vielleicht hat sie ihn mal gelüftet. Aber ich kann ihn mir nicht ansehen, es ist einfach zu traurig.

insgesamt 1 Beitrag
toninotorino 30.09.2019
1.
Crazy aber gutes Interview mit Jeff Tweedy. Da sind schon ein paar gute Aussagen drinnen. Z. B. Distanziertheit/Kapitalismus. Sein Buch interessiert mich. Wilco ist eine der spannendsten Bands, die ich in den letzen Jahren gehört [...]
Crazy aber gutes Interview mit Jeff Tweedy. Da sind schon ein paar gute Aussagen drinnen. Z. B. Distanziertheit/Kapitalismus. Sein Buch interessiert mich. Wilco ist eine der spannendsten Bands, die ich in den letzen Jahren gehört habe.

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