Kultur

K-Pop-Stars Blackpink in Berlin

Hammer, diese Herzchen

Ist das die Zukunft der Popmusik? Die supererfolgreiche Girlgroup Blackpink aus Südkorea hat in Berlin ihr erstes Deutschland-Konzert gegeben. Es war in mehrfacher Hinsicht spektakulär.

Rich Fury/ Getty Images
Von
Samstag, 25.05.2019   15:03 Uhr

Zu einer Begegnung mit der Zukunft kommerzieller Popmusik kam es am Freitagabend in der Berliner Max-Schmeling-Halle beim ersten Deutschlandkonzert der südkoreanischen Girlgroup Blackpink. Zum wohl ersten Mal durfte man erleben, wie rund 10.000 vorrangig weibliche Zuschauer im Teenageralter, die zuvor bis zu 150 Euro für ein Ticket bezahlt hatten, frenetisch einen mehrminütigen Werbeclip für den Tournee-Sponsor, eine asiatische Automobilmarke, beklatschten und bekreischten. Der Film, in dem die vier jungen Frauen von Blackpink auch mitspielten, lief in der zweiten Konzerthälfte, als die eigentlichen Stars des Abends gerade eine Verschnaufpause einlegten.

Blackpink besteht aus den Sängerinnen Jisoo und Rosé sowie den Rapperinnen Lisa und Jennie, die inzwischen bereits eine erfolgreiche Solokarriere gestartet hat. Nur Jisoo ist gebürtige Südkoreanerin; Lisa stammt aus Thailand, die anderen beiden wuchsen in Neuseeland und Australien auf, alle vier sprechen gut Englisch und kommunizieren zwischen ihren Songs liebreizend mit ihren Fans.

Dass es davon auch so viele außerhalb Asiens gibt, vor allem auch in den USA, ist ein von mächtigen K-Pop-Talentschmieden wie YG Entertainment forcierter Trend, der sich in den vergangenen Jahren verstetigt hat. Noch reichen die Erfolge von Blackpink nicht an die Rekordzahlen der K-Pop-Boygroup BTS heran, die kürzlich in Berlin mit ihren Konzerten gleich zweimal die Arena am Ostbahnhof füllten.

Das Programm wird mit Pausen und Wiederholungen gestreckt

Doch die Girlgroup verfügt knappe drei Jahre nach ihrer Gründung über mehr als 20 Millionen Abonnements auf YouTube, allein das Video zu ihrem bisher größten Hit "Ddu-Du Ddu-Du" wurde über 800 Millionen Mal aufgerufen. In den US-Billboard-Charts sind Blackpink bereits die erfolgreichste weibliche Band aus Südkorea aller Zeiten - dabei hat sie auf dem internationalen Markt nicht einmal ein ganzes Album veröffentlicht, nur einzelne Songs und EPs.

Das Programm des Konzerts ist daher mit diversen Pausen und Wiederholungen gestreckt. Gleich zweimal - als Video- und als Live-Performance - wird die aktuelle Single "Kill This Love" aufgeführt, eine großartige, mit Fanfaren und Marsch-Rhythmen ausgestattete Pop-Nummer mit Trap-Rap-Einlage und einem griffigen Chorus. Andere, von YG-Hausproduzent Teddy Park hervorragend auf den aktuellen Massengeschmack abgestimmte Konglomerate aus EDM-Beats, Poprock-Refrains und R&B-Schmelz, tragen expressive Titel wie "Boombayah" oder "Kick It".

Die mitgebrachte Liveband darf sich in Umbau- und Umkleide-Pausen ausgiebig durch Bass-, Gitarren und Synthie-Soli gniedeln, alle vier Blackpinks haben zudem Einzelauftritte: Rosé singt den Beatles-Evergreen "Let It Be" zu Piano-Begleitung. Jisoo schmettert Zedds Pop-Hymne "Clarity", während sie auf einem Haufen riesiger blauer Christbaumkugeln thront. Jennie hat ihren Solohit "Solo" dabei, nur Lisa darf lediglich tanzen. Die Video-Visuals zeigen Urgewalten und Vulkanwolken, auf der Bühne werden Feuerwerke und Pyro-Fontänen gezündet, es knallt die Konfettikanone und es faucht der Kunsteis-Nebel, als würden nicht vier zierliche Sängerinnen, sondern Urgewalten zelebriert. Es ist laut, es dröhnt und kreischt. Es ist toll.

Must-have jedes echten Fans für dieses Spektakel ist ein eigens für Blackpink designtes Gimmick: eine Art Hämmerchen mit einem schwarzen Schaft, an dessen oberen Ende an beiden Seiten pinke Gummiherzchen befestigt sind. Die verstrahlen nicht nur ein sanftes Leuchten, sondern quieken auch, wenn man mit diesem Herzhammer im Takt der Musik gegen die Wand oder seinen Nebenmann haut. (Für letzteres ist er natürlich nicht gedacht).

Fotostrecke

Blackpink-Konzert: Urgewalten aus der Talentschmiede

So war also schon allein das Erscheinungsbild des Zuschauerraums bei diesem Konzert etwas Besonderes, denn vor der Bühne glimmten nicht wie sonst Hunderte Handy-Lichter, sondern ein Meer pinker Herzchen am Stiel, die ruckartig im Rhythmus zuckten. Das Handwerkernde, was diese Hämmerchen ja auch symbolisieren, passt perfekt zu Blackpink, die sich knappe zwei Stunden lang beflissen durch ihr Tanz- und Gesangsprogramm arbeiteten.

Um Kunst, Entgrenzung oder gar Exzess scheint es bei dieser hypermodernen Version von Popmusik nicht mehr zu gehen, es sei denn, man betrachtet die Perfektionierung von reiner Performanz als künstlerische Leistung. Das entspräche zumindest dem durchökonomisierten Zeitgeist im Spätkapitalismus.

Davon sind natürlich vor allem junge Millennials durchdrungen, die zu diesem neoliberalen Spirit keine Alternative kennen und ihn daher umarmen: Das ganze Leben ist eine Castingshow, und wer sich mit harter Arbeit an sich selbst sowie Demut vor Business-Autoritäten durchsetzt, darf sich gewinnbringend zu Markte tragen. Anders gesagt: Wer die eigene Produkthaftigkeit verinnerlicht hat, kann reinen Herzens das perfekte, aber auch perfideste Produkt bejubeln und umarmen, das Popkultur gerade zu bieten hat.

Denn jegliche, an westlichen Vorbildern wie TLC, den Spice Girls oder Destiny's Child geschulte Gesten von Girl Power oder toughe Textzeilen, die Selbstbestimmung verheißen ("In my hands is a fat check/ If you're curious, do a fact check"), sind hier nur kalkulierte Posen und folgen der "girl crush" genannten Vermarktungsstrategie von YG Entertainment. Wenn die Mädchen zum Beispiel im Autowerbefilm die glänzenden Karossen mit seifigen Schwämmen und Hochdruckreinigern bezärteln, dann tragen sie dabei nicht nass-transparente T-Shirts und Hotpants, sondern hochgeschlossene Overalls und Blaumänner - und entziehen sich dadurch dem tradierten male gaze. Das kommt gut an beim jungen westlichen Publikum, das solche Sexismen gerade zu überwinden sucht.

Durch kernige Klamotten im Hip-Hop-Stil und kühle Sexyness soll das Bild von souveränen jungen Frauen suggeriert werden: Vier talentierte Freundinnen treten hier auf, die ihren Erfolg genießen und feiern. Und sich dabei so freundlich und unschuldig geben, dass sich keiner der begleitenden Elternteile um die Moral des Nachwuchses sorgen muss. "Berlin, we are having the time of our lives", ruft die engelhafte Rosé am Ende des Konzerts ins dauerentzückte Publikum.

Den "Blinks" genannten Fans scheint gleichgültig zu sein, dass Anwärterinnen auf einen Platz in einer K-Pop-Band in den weltweit verstreuten Audition-Zentren ein brutales Casting durchlaufen müssen. Dass sie wie einst in der Hollywood-Traumfabrik der Fünfzigerjahre, mit Schönheits-OPs und Diätplänen nach den Vorstellungen der vorrangig männlichen Studio-Chefs geformt und bis zur Grenze physischer und psychischer Belastbarkeit zu Entertainment-Maschinen gedrillt werden. Mit Girl Power im Sinne von Feminismus, Befreiung und Selbstermächtigung hat das nichts zu tun, lediglich mit Leistung, Leistung, Leistung. Aber diese mit Glamour übertünchte Tristesse kennen die meisten Blackpink-Anhängerinnen ja schon aus dauerpopulären TV-Shows wie "GNTM" und "DSDS". Die Härte ist normal.

Zur Zugabe tragen die Pop-Mannequins von Blackpink dann Shirts, Sweater und Accessoires mit ihrem Bandlogo - als ganz verbindliche Empfehlung, auf dem Weg aus der Halle nochmal beim Merch-Dealer vorbeizuschauen. Vielleicht steht das K in K-Pop ja längst auch für Konsum.

insgesamt 16 Beiträge
regenboegenherz 25.05.2019
1. Möge die Liebe
in den Herzen der Menschen erwachen, auf dass sie erkennen, dass es hier nur um eins geht: Manipulation (Macht, Geld, Gier, ...) "Kill this love" - Never ever!!! Liebe IST
in den Herzen der Menschen erwachen, auf dass sie erkennen, dass es hier nur um eins geht: Manipulation (Macht, Geld, Gier, ...) "Kill this love" - Never ever!!! Liebe IST
juliuspeters 25.05.2019
2. kleiner Hinweis
"nach den Vorstellungen der vorrangig männlichen Studio-Chefs geformt " YG Entertainment ist ein börsennotiertes Unternehmen. Ebenso wie bei anderen Entertainment-Firmen in Korea treten die Chefs zwar noch in der [...]
"nach den Vorstellungen der vorrangig männlichen Studio-Chefs geformt " YG Entertainment ist ein börsennotiertes Unternehmen. Ebenso wie bei anderen Entertainment-Firmen in Korea treten die Chefs zwar noch in der Öffentlichkeit auf, das, was der Autor hier jedoch unterstellt, würde die Zielgruppe negieren, den Börsenwert in den Keller bringen und sofortige Maßnahmen auslösen.
ulcral 25.05.2019
3. Wir haben Pöbelschnellstepper überlebt!
Wer erinnert sich noch an die 90er mit der Masse Techno- bis Trance-Nummern mit präpubertären Mädchen-Tralala und Minnie Mouse-Stimmen? Wir sind ja eigentlich noch mittendrin im Autotune-Rapgenerve mit seinen deutschen [...]
Wer erinnert sich noch an die 90er mit der Masse Techno- bis Trance-Nummern mit präpubertären Mädchen-Tralala und Minnie Mouse-Stimmen? Wir sind ja eigentlich noch mittendrin im Autotune-Rapgenerve mit seinen deutschen Gangsterauswüchsen, denn einige haben es ja noch immer nicht gecheckt, dass neben Hipster-Optik und seiner Gammelvariante, mit dicker Hose Atitüde und halbnackten Mädchen vor dem 20 Meter langen Mischpult Posen nicht ausreicht, wenn die gefühlten 2 Prozent Talent über fünf Klicks am PC in Hörbare umgewandelt wurden. - Ich drifte etwas ab. Ob nun vermeintlich direkt aus dem deutschen Ghetto, oder aufwendig produziert mit Zweitverwertungsambitionen, welche die heutige Zeit erst möglich macht, die Leute von heute werden auch K-Pop überleben. Individualität? Wobei diese Herzchenhämmerchen durchaus eine ...
three-horses 25.05.2019
4. Das Wunder von Gestern.
So hopsende und "singende" Mädchen sind en Masse seit Jahren an allen Media Kanälen zu bewundern. Süd/Nord Korea, China. In Verbindung mit der Umgebung eine echte Kunst, oder auch billig auf der Bühne zum beschauen. [...]
So hopsende und "singende" Mädchen sind en Masse seit Jahren an allen Media Kanälen zu bewundern. Süd/Nord Korea, China. In Verbindung mit der Umgebung eine echte Kunst, oder auch billig auf der Bühne zum beschauen. Auch der Markt von Russia ist zu beachten. Oft brutal schön, wie aus der Zukunft die Clips.
mariomeyer 25.05.2019
5. Yo!
Jeder Mensch bekommt die Musik, die er verdient. Das gilt heute, angesichts der enormen Auswahl, wahrscheinlich noch mehr als früher. Heißt aber auch, dass das noch nie wirklich anders war. Darum kann ich der Borcholteschen [...]
Jeder Mensch bekommt die Musik, die er verdient. Das gilt heute, angesichts der enormen Auswahl, wahrscheinlich noch mehr als früher. Heißt aber auch, dass das noch nie wirklich anders war. Darum kann ich der Borcholteschen Breitseite wenig abgewinnen. Meist bedeutet die generelle Kritik am Musikgeschmack der Jüngeren nur eins: Man selbst ist alt geworden. Sehr, sehr alt. So liest sich das hier.

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