Kultur

Pop-Poetin Kate Tempest

"Als Musiker gehört man zu einer Risikogruppe"

Kate Tempest ist Englands wortmächtigste Poetin und ein Popstar. Hier spricht sie über Hoffnung in frustrierenden Zeiten, psychische Belastungen und ihre Entscheidung, sich einem Israel-Boykott anzuschließen.

Votos-Roland Owsn/ imago images
Ein Interview von
Sonntag, 16.06.2019   18:54 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Frau Tempest, eine zentrale Parole auf Ihrem neuen Album "The Book of Traps and Lessons" lautet "Hold your own" - behaupte dich. Auch Ihr letzter Gedichtband trug diesen Titel. Welche Bedeutung hat dieser Satz für Sie?

Tempest: Für mich ist es eine Ermahnung, mich selbst zu respektieren, damit ich mir selbst die gleiche Zärtlichkeit und Zuwendung zukommen lasse, die ich auch meinem Freunden, Partnern oder Geschwistern gebe. Das, sage ich Ihnen, ist das Härteste, was es gibt auf der Welt.

SPIEGEL ONLINE: Produzent Ihres neuen Albums ist Rick Rubin. Er ist berühmt dafür, Künstler wie Johnny Cash oder Neil Diamond an die Essenz ihrer Kunst heranzuführen. Hat das bei Ihnen auch funktioniert?

Zur Person

Tempest: Rick Rubin hat es darauf angelegt, mir alle Mechanismen zu nehmen, mit denen ich mich bisher sicher fühlte: Flow, Techniken, komplizierte Erzählstrukturen… - alles, was ich mir als Schutz antrainiert hatte, wollte er aus dem Weg schaffen, um meine verletzlichsten Empfindungen, die zugleich ja auch meine stärksten sind, in den Vordergrund zu holen. Ja, dabei hat er mir sehr geholfen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Auftritte wirken wie feierliche Andachten, manchmal erinnern Sie an eine Predigerin. "Create God" fordern Sie an einer Stelle. Waren Sie immer schon spirituell veranlagt?

Tempest: Na klar, forever, Mann! Wie soll ich das beschreiben? Als Künstler kreativ zu arbeiten, ist ja per se eine spirituelle Praxis: Du hast Zugang zu etwas Göttlichem, das zu dir spricht. Wenn du Musik machst, begibst du dich an einen anderen, erhabenen Ort. Dann wiederum gehst du als Künstler auf Tour, du trinkst viel Alkohol, du schläfst nicht, das Leben ist generell stressig. Das trägt dich immer weiter von diesem Ort weg. Als ich am Ende der letzten Tournee angekommen war, ging es mir nicht gut, ich war nicht okay.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Tempest: Es ist gut, dass wir darüber sprechen. Die psychischen und mentalen Probleme von Künstlern sollten viel mehr thematisiert werden. Es ist hart, Mann, es ist wirklich hart. Als Musiker gehört man zu einer Risikogruppe. Wenn du auf der Bühne bist… - zu jeder Zeit kann praktisch alles schiefgehen! Also bist du danach so dermaßen auf Adrenalin, dass du dich betrinken musst. Du musst die ganze Nacht aufbleiben, wo sollst du sonst hin mit diesen ganzen Gefühlen? Gleichzeitig leidet dein Privatleben, weil du die ganze Zeit nicht zu Hause bist. Meine Ehe ging in die Brüche, während ich auf Tournee war. Als Folge davon befinde ich mich jetzt in einem Prozess der Re-Fokussierung. Auf die Kommunikation mit meiner tieferen Existenz.

SPIEGEL ONLINE: Ein Gespräch mit Gott?

Tempest: Nennen wir es eine Stimme. Wenn sich in mir die Poesie Bahn bricht, in diesem rohen Ausbruch kreativer Energie, dann ist das wie eine Verbindung zu einem höheren Ich. Dieser Stimme forsche ich nach in meinem eigenen, vielleicht sogar im gemeinschaftlichen Unterbewusstsein. Das ist die Reise, auf der ich mich befinde.

SPIEGEL ONLINE: Sie fordern in Ihren Gedichten mehr Liebe, mehr Empathie, weniger Konsum und Ignoranz. Woher nehmen Sie die Hoffnung in diesen doch eher frustrierenden Zeiten?

Fotostrecke

Kate Tempest: Poesie und Predigt

Tempest: Ich sehe dieses Album als Erforschung, wie wir schädliches Verhalten überwinden können, zerstörerische Muster, in die wir immer wieder verfallen. Ich formuliere eine Frage auf dem Album: Wie kannst du erwarten, dass sich die Ausbeuterei und die Gewalt des Systems ändert, wenn du in deinen eigenen Beziehungen ausbeuterisch bist und dich gewalttätig gegenüber deinen Liebsten und dir selbst verhältst? Was ich mit meiner Musik anbieten kann, ist die Möglichkeit, diese Verbindung herzustellen. Darin sehe ich auch meine Verantwortung als Künstlerin.

SPIEGEL ONLINE: Also eine Art Erweckungsmoment?

Tempest: Ja, vielleicht. Eine der Bedingungen der Gesellschaft, in der wir momentan leben, ist Abstumpfung. Ohne sie würde das System nicht funktionieren. Wir begeben uns willentlich in die Betäubung hinein, weil wir glauben, nur so überleben zu können. Wir führen sie jeden Abend herbei, mit Alkohol oder mit Fernsehen. Musik hingegen offenbart einen Moment, in dem ich wieder zu mir selbst komme. Plötzlich fühle ich mich wieder unschuldig, wie ein Kind. Für mich funktioniert es, und das gibt mir Hoffnung. Ich glaube wirklich an die Menschen. Wir schaffen das schon.

SPIEGEL ONLINE: Na, Sie sind ja optimistisch.

Tempest: Wir haben uns zu gut damit eingerichtet, uns über unsere Gegner zu definieren: Ich glaube an dies, weil diese Person da drüben an jenes glaubt! Für mich liegt darin keine Erlösung. Auch ich habe meine politischen Haltungen. Zum Beispiel bin ich vor allen Dingen Antirassistin, das sage ich in aller Deutlichkeit auf dem Album, und da mache ich auch keine Kompromisse. Aber das heißt nicht, dass meine generelle Botschaft sich nicht an Menschen wendet, die andere Auffassungen haben. Ich will versuchen, offen zu sein. Offen und verletzlich. Und dann sehen wir mal, was passiert.

SPIEGEL ONLINE: Wie weit wir noch von diesem Moment der Empathie entfernt sind, haben Sie selbst erlebt. Vor zwei Jahren sagten Sie ein Konzert in Berlin ab, nachdem es hasserfüllte Kommentare und Boykottaufrufe gegen Ihren Auftritt gegeben hatte. Auslöser war Ihre Unterzeichnung einer Petition der BDS-nahen Gruppe Artists for Palestine, zu deren Zielen der kulturelle Boykott Israels gehört. Kompliziert, oder?

Tempest: Das Konzert abzusagen, war eine sehr schwierige Entscheidung. Aber wie ich es verstanden hatte, sollte der Auftritt an einem Ort stattfinden, wo auch Flüchtlinge und Migranten leben, richtig?

SPIEGEL ONLINE: Es war eine Veranstaltung der Berliner Volksbühne auf dem Gelände des Tempelhofer Flughafens, wo es auch Flüchtlingsunterkünfte gibt, ja.

Tempest: Ich wollte letztlich nicht die ganze Gewalt, die sich um mein Konzert herum gebildet hatte, an einen Ort bringen, wo Menschen Zuflucht suchen. Darum ging es mir in erster Linie.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind eine politische Künstlerin, aber als Privatperson beteiligen Sie sich wenig an Politik. Hier machten Sie eine Ausnahme. Haben Sie das zwischendurch bereut?

Tempest: Bei der Petition geht es ja unter anderem darum, keinen Einladungen nach Israel zu folgen. Der Witz ist: Ich wurde noch nie eingeladen, in Israel zu spielen, ich hätte also gar nicht unterschreiben müssen. Aber im Ernst, was kann ich Ihnen dazu sagen? Ich bin jüdisch, ich habe Familie in Israel und habe keinerlei anti-israelische Empfindungen. Aber dennoch glaube ich, dass das, was die israelische Regierung und die Armee dem palästinensischen Volk im Gazastreifen antut, furchtbar ist. Ich weiß, das ist ein kontroverses Thema, weil auch die Hamas daran nicht unschuldig ist. Aber ich habe sehr gründlich darüber nachgedacht und dann beschlossen, meinen Namen unter diesen kulturellen Boykott zu setzen, um das palästinensische Volk in seinem Kampf zu unterstützen. Und dabei bleibe ich auch.

SPIEGEL ONLINE: Aber verhindern Sie mit der Unterstützung eines Boykotts nicht genau das, was Sie auf Ihrem Album propagieren: Offenheit und Dialog? Schüren solche Aufrufe nicht eher Hass und Spaltung?

Preisabfragezeitpunkt:
12.06.2019, 17:05 Uhr
Ohne Gewähr

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Kate Tempest
The Book of Traps and Lessons

Label:
Caroline (Universal Music)
Preis:
EUR 9,99

Tempest: Sie finden den Boykott hasserfüllt? Okay, das verstehe ich. Wissen Sie, ich wurde damals von Leuten dazu eingeladen, diese Petition zu unterzeichnen, die ich sehr gut kenne. So, wie es mir zu jener Zeit dargelegt wurde, fühlte es sich richtig an. Ich glaube, es hat in England bei Weitem nicht die Signifikanz wie in Deutschland, einen Boykottaufruf gegen Israel zu unterzeichnen. Vielleicht war es daher in vielerlei Hinsicht naiv von mir, mich darauf einzulassen.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Tempest: Weil ich nicht habe kommen sehen, welche Implikationen sich vor allem in Deutschland daraus ergeben könnten. Darüber mache ich mir noch immer sehr viele Gedanken. Aber ich finde den Boykott nicht spaltend oder hasserfüllt. Es ist wirklich entsetzlich, was mit den Menschen in Gaza passiert. Ich will nicht als Rassistin dastehen, aber auch nicht als Heuchlerin. Und deswegen bleibe ich bei meiner Entscheidung. Ich werde jetzt keinen Rückzieher machen, nur weil es einen Backlash gab.

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