Kultur

Abgehört - neue Musik

Tagträume im Tresen-Mief

Die aus Köln stammende Pop-Prinzessin Kim Petras macht globalen Star-Appeal geltend, Die Kerzen aus Ludwigslust fahren erst mal nach Berlin. Außerdem: The Black Keys, Mark Ronson und ein kluges Techno-Album.

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Dienstag, 02.07.2019   17:49 Uhr

Kim Petras - "Clarity"
(BunHead, seit 28. Juni)

Und wieder einmal merken die Deutschen viel zu spät, dass sie einen neuen Popstar haben. Am vergangenen Wochenende wurde das Debüt-Album der jungen Kölner Sängerin Kim Petras am New Yorker Times Square auf großformatigen Videoleinwänden beworben, die amerikanischen Pop- und LBGT-Szene fieberte bereits seit Monaten auf die Veröffentlichung von "Clarity" hin, im Wochenabstand brachte Petras, deren Musik völlig unabhängig über ihr eigenes Label erscheint, neun Tracks des Albums in den Umlauf, sie wurden millionenfach gestreamt.

In den US-Medien wird bereits seit 2017, als Petras im Video zu ihrer Single "I Don't Want It All" einen Cameo-Gastauftritt von Paris Hilton platzierte, neugierig über die jetzt 26-Jährige berichtet. Inzwischen arbeitete die Deutsche mit innovativen Künstler*innen wie Sophie oder Charli XCX zusammen und ging mit dem queeren Pop-Sänger Troye Sivan auf Tournee. Zum Erscheinen von "Clarity" gab es große Geschichten in "Billboard" und "Variety" - es ist eine Karriere, die sich vom Social-Media-Phänomen vehement zum Mainstram-Happening wandelt. Nur hierzulande bekommt man davon noch wenig mit.

Jedenfalls gibt es einen auffälligen Kontrast zwischen der medialen Aufregung in Petras' Wahlheimat USA und den zwei, drei Handvoll eingeschworenen Fans, die im vergangenen Mai beim Konzert ihres Idols im Berliner Lido zwar für gute Stimmung sorgten, ansonsten aber nicht über die Leere des Saals hinwegtäuschen konnten. Aber das scheint, ebenso wie die damals noch spürbare Unsicherheit der Künstlerin auf der Bühne, lange her. "Clarity" wurde von Lukasz "Dr. Luke" Gottwald produziert, dem Mann hinter zahlreichen Pop-Hits von Katy Perry, Miley Cyrus und Pink, der zuletzt in die Schlagzeilen geriet, als die Sängerin Kesha ihn beschuldigte, sie sexuell attackiert zu haben. Petras kennt die Vorwürfe, die Gottwald zurückweist, und veröffentlichte ein Statement, in dem sie klarstellte, dass sie durch ihre andauernde positive Zusammenarbeit mit Dr. Luke die schlechten Erfahrungen von anderen nicht negieren wolle. Es existierten halt mehrere Perspektiven.

Andreas Borcholtes Playlist KW 27

SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

 1. Die Kerzen: Al Pacino

 2. Kim Petras: Icy

 3. Joy Crookes: Since I Left You (Demo)

 4. Hans Unstern: Haare zu Gold

 5. Thom Yorke: Traffic

 6. Kummer: 9010

 7. Nella: Voy

 8. Shawn Mendes & Camila Cabello: Senorita

 9. Laid Back: Deep Inside Your Mind

10. The Black Keys: Tell Me Lies

Alles eine Frage der Betrachtung, das ist ein guter Schlüssel zur Karriere von Kim Petras, der es auf bewundernswerte Weise gelungen ist, sich von einem Image zu befreien, ohne ihre Vergangenheit zu verdrängen oder eben zu negieren: Sie tritt ganz selbstverständlich beim Sydney Gay & Lesbian Mardi Gras auf, will aber nicht auf die Rolle der Transgender-Ikone reduziert werden. Deutschen Fernsehzuschauern könnte Petras noch durch mehrere "Stern TV"-Auftritte und eine Dokumentation auf Vox aus den Nullerjahren bekannt sein, sie war im Alter von 16 Jahren die weltweit jüngste Person, die sich jemals einer geschlechtsangleichenden Operation unterzogen hat. Mit 19 ging sie nach Los Angeles, um an ihren Fähigkeiten als Songwriterin und Musikerin zu feilen.

"Clarity" enthält nun die bisher massentauglichsten Arbeiten ihrer Karriere, wobei Petras stets die erste ist, die betont, dass es sich nur um eine weitere Wegmarke ihres Aufstiegs zum global gültigen Popstar handelt. Ihre Vorbilder sind Britney Spears und Christina Aguilera, die Teenie-Idole von vor 20 Jahren - und so klingt auch ihr von Gottwald kompetent, aufgeräumt und effizient produzierter Sound: so sahnig und nostalgisch verzuckert wie eine Süßigkeit, die man nach langer Zeit mal wieder probiert. Am auffälligsten ist das in einem der besten Tracks des Albums: "Icy" gleitet auf einem domestizierten, melancholischen The-Weeknd-Groove dahin und ruft im Anlauf zum Refrain die Harmonien des Eighties-Klassikers "In The Air Tonight" in Erinnerung. Pures Charts-Gold.

Durch den identitätspolitisch selbstvergessenen Blue-eyed-R&B von "Got My Number" oder "Personal Hell" weht tatsächlich ein kräftiger Britney-Spirit; "Sweet Spot" wäre auf einem der Nullerjahre-Alben von Madonna und Kylie nicht weiter aufgefallen, und die zentrale Ballade "Broken" erzählt über elastischen Beats von einer gescheiterten Liebe und dem Aufrichten zu neuer moralischer Stärke und Klarheit danach. Das alles ist fast ein bisschen zu makellos. Und textlich wie musikalisch allzu brav. Man vermisst wagemutigere Statements, wie sie Petras-Kolleginnen wie Charli XCX oder Tove Lo in ihre Pop-Hymnen streuen - und die düstere Elektro-Campyness von früheren Songs wie "Turn Off The Light" oder "Tell Me It's A Nightmare". Aber dass Kim Petras zurzeit keinen Albtraum, sondern die Erfüllung ihres Prinzessinnen-Traums erleben darf, ist natürlich toll. (6.9) Andreas Borcholte

Preisabfragezeitpunkt:
01.07.2019, 16:50 Uhr
Ohne Gewähr

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Clarity [Explicit]

Label:
BunHead
Preis:
EUR 9,99

The Black Keys - "Let's Rock"
(Easy Eye Sound/Nonesuch/Warner, seit 28. Juni)

Ein Hund, der gegen einen Stromkasten pinkelt. Ein Musiker, der von seiner Stromgitarre durchbohrt wird. Und dann noch ein Blitzeinschlag, gleich neben dem Turnschuh desselben Musikers: Das sind nur drei exemplarische Hochspannungsunfälle, die die elektrisch hochinteressierte Hardrock-Band AC/DC auf den Covers ihrer Alben verewigt hat. Für einen elektrischen Stuhl hat es erstaunlicherweise nie gereicht. Vielleicht, weil das Bild bereits popkulturell besetzt war, durch Andy Warhol und die Pseudohinrichtungen, mit denen Anfang der Siebzigerjahre jedes Konzert von Alice Cooper zu Ende ging. Vielleicht auch, weil Metallica mit dem Artwork zu "Ride The Lightning" einfach schneller waren.

The Black Keys wissen all das, denn sie wissen alles, was jemals passiert ist in der Geschichte des Rock'n'Roll. Sie wissen aber auch, dass die meisten Leute nicht alles wissen, und darin liegt seit jeher das Erfolgsgeheimnis der Band, ihr Grammy-Ticket und Schlüssel zu den Mehrzweckhallen der Welt. Originell waren die Gitarrenriffs und Schlagzeugwirbel von Dan Auerbach und Patrick Carney nie, aber immer gut in der Aneignung und Weiterverarbeitung von rockmusikalisch bedeutsamen Melodien, Themen und Symbolbildern.

Ein solches Symbolbild ist natürlich auch der elektrische Stuhl, der einem vom Cover ihres neuen Albums entgegen strahlt. "Let's Rock" heißt dieses Album tatsächlich, und es handelt von den üblichen Stromschlägen, die in der Mythologie des Rock'n'Roll für dessen Protagonisten vorgesehen sind: Liebe, Lust, Betrug und Befreiung im Allgemeinen, Frauen, Gitarren, Waffen und der Teufel im Speziellen. Auf Keyboards und ihren langjährigen Produzenten Danger Mouse haben The Black Keys diesmal verzichtet. Von der inzwischen etwas schalen Romantik ihres Genres konnten sie sich nicht trennen.

Das zu Ende gehende Jahrzehnt zerfällt für die Band in zwei Teile. Erst zogen The Black Keys von Akron in Ohio nach Nashville in Tennessee, wo sie vom spät geborenen Garagen-Blues-Duo zur spät berufenen Popband aufstiegen. Dann legten sie eine fünfjährige Pause ein. "Let's Rock" beendet diese Pause als Standortbestimmung im Rahmen der eigenen Bandgeschichte. Die Songs klingen nach Ohio-Black-Keys, sie haben schnelle Kicks und einfache Thrills im Sinn. Ihre seltsam saubere Produktion blinzelt jedoch immer wieder zum Trophäenschrank der Tennessee-Black-Keys hinüber.

Daraus hätten sich neue Verhältnisse auf dem Scrabble-Brett der Band ergeben können, eine Version der Black Keys, die nicht nur AC/DC, ZZ Top und CCR verinnerlicht hat, sondern auch T. Rex und deren leicht entflammbaren Glamrock. Stattdessen haben Auerbach und Carney ihre Ultrakompaktplatte gemacht. Es gibt keine Schnörkel und Schlenker in den Songs, nur kurze, zweckmäßig ausgebaute Wege zwischen Strophen, Refrains, Bridges und Soli. "Let's Rock" hält damit, was sein Titel verspricht. Die Angst aber vor unbeschreiblichem Elend und unsichtbaren Sumpfungeheuern, die jeden aufrechten Bluesmusiker aus den Südstaaten antreibt - die haben The Black Keys längst abgestreift. Ein Hund der gegen einen Stromkasten pinkelt: Das ist diesmal schon das wildeste der Gefühle. (5.4) Daniel Gerhardt

Preisabfragezeitpunkt:
01.07.2019, 16:46 Uhr
Ohne Gewähr

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Let's Rock

Label:
Nonesuch
Preis:
EUR 12,27

Die Kerzen - "True Love"
(Staatsakt, ab 5. Juli)

Schade, dass diese Band ihre beste Bühnenansage schon bald nicht mehr bringen kann, wie noch vor einigen Monaten bei einem denkwürdigen Konzert im Berliner Monarch: "Hallo, wir sind Die Kerzen aus Ludwigslust". Was für ein großartiger Satz. Bis auf ein Bandmitglied leben jedoch alle Kerzen schon längst in der Hauptstadt. In die mecklenburgische Diaspora fahren sie nur noch, um die Familie zu besuchen und in ihrem eigenen Studio Musik aufzunehmen. Dort wird dann versucht, das Provinzielle, die ganze dörfliche Tristesse, mit ultra-mondäner, leichtfüßig-beschwingter Soul-Musik auszutreiben. Die Kerzen ermächtigen sich jenes New-Romantic-Sounds, der über nervöse Bassläufe und kristalline Synthie- und Gitarrenakkorde perlt und den geschmackvolleren Pop der Achtzigerjahre definierte: Prefab Sprout, China Crisis, XTC, Aztec Camera sind die Vorbilder, denen Fizzy Blizz, Jelly Del Monaco, Super Luci und Die Katze hier nacheifern - und dazu deutsche Texte singen.

Klingt erstmal kurios, wie eine weitere Übung in Diskurspop-Ironie, für die das Label Staatsakt bekannt und berüchtigt ist. Aber Die Kerzen meinen es ernst, und das ist toll: Ihr bis zum Kitsch ausgekosteter Schmelz, die euphorische Melancholie des im Hintergrund verhallenden Gesangs - alles echt. Ein bisschen Dorfdisko steckt allerdings schon noch in den Songs, was ihren Charme nur noch verstärkt. Zwar spricht der schüchterne Protagonist von "Saigon" sein Girl im Berliner Techno-Tempel Berghain an, aber dass der DJ dort angeblich "zum Tanz aufrief" wie der Plattenaufleger beim Schützenfest in der Schorfheide, ist so entwaffnend niedlich formuliert, dass man schmunzeln muss.

Im Song, es ist einer von vielen potentiellen Pop-Hits, geht es um grob zielgerichtetes Fernweh nach Asien, da schrumpfen dann Vietnam, Indonesien und Japan schnell in einen arg engen Vorstellungsraum verheißungsvoller Exotik - und die tief einatmende Weltläufigkeit der Musik reduziert sich trotz beflissen hineingetupfter Sprachkurs-Rudimente ("Desolé", "Karamba") auf Tagträume im Tresen-Mief. "Am Flughafen Berlin Tegel warte ich auf dich/ Der Kit-Kat schmilzt in meiner Hand", bringt Sänger Fizzy Blizz sympathisch auf den Punkt, wie einen das Profane des Alltags immer wieder vor dem Abheben bewahrt. Kosmopolitisch wird's halt, das gilt für Ludwigslust wie für die große Kleinstadt Berlin, doch nur im "Solarium", fasst der schöne letzte Song dieses bemerkenswerte Debüt zusammen. Weltruhm garantiert. (7.5) Andreas Borcholte

Preisabfragezeitpunkt:
01.07.2019, 16:53 Uhr
Ohne Gewähr

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True Love

Label:
Staatsakt (H'Art)
Preis:
EUR 15,49

Lena Andersson - "Söder Mälarstrand"
(Raster/Kompakt, seit 21. Juni)

Techno ist die geilste, leider aber auch die langweiligste Musik der Welt. Unfassbar, wie viel klanglich generischer, rhythmisch stumpfer Schrott selbst in berühmten Clubs manchmal auf den Floor gekippt wird. Man muss davon ausgehen, dass die Mehrheit des Publikums aus anderen Gründen vor Ort ist: Location, Abfahrt, Selfies. Die geilste Musik ist Techno aber dann, wenn unterschiedliche Dinge miteinander tanzen und sich gegenseitig verstärken wie Antibiotika und Alkohol: Überraschung und Wiederholung, Klangereignis und Groove, Hirn und Hintern halt.

Der irische DJ und Produzent Eomac, bürgerlich Ian McDonnell, und die japanische Produzentin Kyoka arbeiten beide an den Schnittstellen von Dancefloor und Kunstmusik, zwischen Field Recordings, elektroakustischer Tradition und Club. Eomac kratzt rhythmisch und hart perkussiv an den Grenzen der Tanztoleranz, während Kyoka gerne fein knistert und gefundene Geräusche sowie zerschnittene Stimmen zu Tracks montiert. Für ihr gemeinsames Album nennen sich die beiden Neuberliner*innen wie eine ehemalige schwedische Schlagersängerin: Lena Andersson, also aufgepasst beim Googeln.

Der Albumtitel "Söder Mälarstrand" deutet stärker auf die Kunst hin. Es ist eine Straße am Wasser in Stockholm, in der sich das "Elektronmusikstudion" EMS befindet, das einst für das schwedische Radio war, was das Studio für elektronische Musik in Köln mit Karlheinz Stockhausen für den Westdeutschen Rundfunk und die Avantgarde war. Im EMS sind sich Kyoka und Eomac während eines Stipendiums begegnet - bei einer Session auf einem alten Synthesizer von Don Buchla, der in den Sechzigerjahren modulare Systeme baute. Die Buchlas waren bewusst schwer zu kontrollieren, anders als die pflegeleichten, aber limitierten Synthies von Moog, die in der Popmusik Verwendung fanden. Buchla vs Moog: Ein Richtungsstreit der elektronischen Musik.

Abgehört im Radio

Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Das Album "Söder Mälarstrand" geht damit ungeheuer produktiv um. Wieviel soll der Improvisation der Künstler*innen und der Autonomie der Maschinen überlassen werden, wieviel Struktur ist dazu nötig? Mit dieser Unterscheidung kommt man kurzweilig durch die 12 Tracks in 60 Minuten. Auch im oft forschen Geboller und Gezische bleibt hörbar, dass Eomac und Kyoka vieles spontan entwickeln. Das atmet, schlägt, kommt runter. Und doch verrät die Musik auch das strenge Handwerk des Editierens, die Schönheit der Wiederholung und des klaren Schnitts.

In "Middle Of Everywhere", der geradezu rockenden Eröffnung, hört man ab der Hälfte den Faustbass von Mike Watt, der kalifornischen Hardcore-Legende (u.a. Minutemen). Tracks wie "Das Tier" würden in den kleineren Räumen von anspruchsvollen Clubs gut durchgehen. Und "Anarchy/ Joy" ist ein schönes Beispiel dafür, wie verspielt es in den melancholischen Weiten der analogen Elektronik zugehen kann, wenn man die Maschine zum Spiel überredet und Offenheit genießen kann. Wer eher so auf K.O.-Tropfen-Techno steht, kann dieses Album überspringen. (7.8) Tobi Müller

Preisabfragezeitpunkt:
01.07.2019, 16:54 Uhr
Ohne Gewähr

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Söder Mälarstrand

Label:
Raster-Music (Rough Trade)
Preis:
EUR 20,99

Mark Ronson - "Late Night Feelings"
(Columbia/Sony, seit 21. Juni)

Das Wirkprinzip von Mark Ronson ist deshalb so interessant, weil es gleichermaßen von Bescheidenheit und Sendungsbewusstsein zeugt. Bescheidenheit, weil Ronson nie selbst singt. Als Produzent ist er einer, der traditionell im Schatten arbeitet. In den letzten zwölf Jahren brachte er es auf eine beachtliche Kundenliste: Amy Winehouse, Paul McCartney, Adele, Miley Cyrus, Lady Gaga - ach, eigentlich die gesamte kontemporäre Pop-Welt. Und doch, da wären wir dann beim Sendungsbewusstsein, bringt der 43-Jährige alle paar Jahre ein eigenes Album heraus. Sie wirken wie rauschende Partys, auf denen das Essen ganz köstlich ist, die Drinks sowieso. Im Verlauf des Abends tauchen viele alte und neue Freunde auf, der Gastgeber hält sich vornehm im Hintergrund.

Aber dennoch finden sich auf diesen Alben die bemerkenswerten Songs. In der Vergangenheit waren es manchmal Coverversionen, etwa "Valerie" von den Zutons, das Ronson aus dem Indierock-Kontext in scharf angeblasenen Revue-Soul übersetzte. Mal waren es eigene Stücke wie "Uptown Funk" mit Bruno Mars. Derlei schneidige Sommermusik stellt er auf "Late Night Feelings" zwölf Tracks entgegen, die von seiner Scheidung von der Schauspielerin Joséphine de La Baume berichten - ein beliebtes Pop-Themenfeld. Große Pop-Alben wie Frank Sinatras "In The Wee Small Hours" oder Phil Collins' "Face Value" arbeiteten sich an Trennungen ab. Doch während sich die derart Leidenden zumeist direkt an ihre Hörer wendeten, greift Ronson erneut auf seine Idee der fein kuratierten und prominent besetzten Gästeliste zurück.

Man hat es also mit einer Second-Hand-Traurigkeit zu tun, dargeboten unter anderem von Lykke Li, Alicia Keys und Miley Cyrus. Einerseits nimmt das den Songs die Dringlichkeit. Verbunden mit Ronsons Vorliebe dafür, die Stücke maximal auszustaffieren, hier noch einmal den Bass slappen zu lassen, während von links ein kleiner Synthie heranhuscht, dort die Vocals ein bisschen zu verfremden, während rechts ein Finger schnippt, entsteht eine Art Sad Muzak Mix, der das Inhaltliche hintenanstellt. Das hat durchaus etwas für sich, wenn man Kunsthandwerk schätzt.

"Late Night Feelings" besitzt jedoch eine für Ronson-Verhältnisse erstaunliche Geschlossenheit. Die Hits sind hingegen nicht mehr so evident wie früher. Neben dem vorab ausgekoppelten Titeltrack mit Lykke Li und der ordentlich nervenden Rabummswestern-Nummer "Nothing Breaks Like A Heart" scheint nur selten Eigensinn durch. Der beste Song, "True Blue", von Angel Olsen gesungen, kommt spät und macht sich zunächst klein: Was anfangs nach einer leiernden Schallplatte klingt, erinnernd bald an besten Frühneunziger-Radiopop. "Fucking around, falling in love", singt Olsen, später: "I love the way you read my eyes", im Hintergrund dengeln Synthies und die Gitarre; sie schickt am Ende sogar (das ist auf diesem Album selten) ein Solo in die Nacht. Schön. (6.3) Jochen Overbeck

Preisabfragezeitpunkt:
01.07.2019, 16:52 Uhr
Ohne Gewähr

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Late Night Feelings

Label:
Smi Col (Sony Music)
Preis:
EUR 9,69

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

insgesamt 68 Beiträge
ambulans 02.07.2019
1. mei,
was soll man zu dieser auswahl nun sagen: im sommer ists immer heißer (drinnen wie draußen), "über allen wipfeln schwebt ruh, bald ..." (JWvG), oder was noch. nr 1 ist überflüssig und zickig, die bemühten [...]
was soll man zu dieser auswahl nun sagen: im sommer ists immer heißer (drinnen wie draußen), "über allen wipfeln schwebt ruh, bald ..." (JWvG), oder was noch. nr 1 ist überflüssig und zickig, die bemühten referenzen (sydney gay & lesbian mardi gras) sind geeignet, wahre nola-künstler wie dave bartholomew (+2019, RIP) zu beleidigen; nr 2 ist nun nicht der über-knaller, aber völlig korrekt; die rubber city rebels - auch akron/ohio - konnten sowas auch, allerdings - rockiger; nr 3 kann man ja durchaus ländliche diaspora oder dörfliche tristesse nennen, für mich ists schlichtweg deutsch-langweilig wie allzuviel anderes; dass die kerzen weg aus dem braunen umland gehen, kann ich aber gut verstehen; nr 4 - wenn dieses echo-verliebte, beliebige und ziellose "kunst" ist, liebe lena, stamme ich wohl wirklich aus dem letzten jahrtausend; nr 5 - songs sinds ja, weshalb von immer anderen performt, weiß wohl nur der gute mark allein. apropos: von laid back gibts ja den unsterblichen "baker man", geschrieben von midnight oils peter garrett ... mfg, dr. ambulans (alle kassen)
Hexavalentes Chrom 02.07.2019
2. Splendour
Ja, ja gewiss. No 1 aber schenkt uns in einer Art von Epiphanie ein Bad im metaphischen Splendour, der letzten Versuchung: Wer alles berührt hat, dem bleibt nur noch das Unberührte. Die eisige Kälte vollkommener Klarheit [...]
Zitat von ambulanswas soll man zu dieser auswahl nun sagen: im sommer ists immer heißer (drinnen wie draußen), "über allen wipfeln schwebt ruh, bald ..." (JWvG), oder was noch. nr 1 ist überflüssig und zickig, die bemühten referenzen (sydney gay & lesbian mardi gras) sind geeignet, wahre nola-künstler wie dave bartholomew (+2019, RIP) zu beleidigen; nr 2 ist nun nicht der über-knaller, aber völlig korrekt; die rubber city rebels - auch akron/ohio - konnten sowas auch, allerdings - rockiger; nr 3 kann man ja durchaus ländliche diaspora oder dörfliche tristesse nennen, für mich ists schlichtweg deutsch-langweilig wie allzuviel anderes; dass die kerzen weg aus dem braunen umland gehen, kann ich aber gut verstehen; nr 4 - wenn dieses echo-verliebte, beliebige und ziellose "kunst" ist, liebe lena, stamme ich wohl wirklich aus dem letzten jahrtausend; nr 5 - songs sinds ja, weshalb von immer anderen performt, weiß wohl nur der gute mark allein. apropos: von laid back gibts ja den unsterblichen "baker man", geschrieben von midnight oils peter garrett ... mfg, dr. ambulans (alle kassen)
Ja, ja gewiss. No 1 aber schenkt uns in einer Art von Epiphanie ein Bad im metaphischen Splendour, der letzten Versuchung: Wer alles berührt hat, dem bleibt nur noch das Unberührte. Die eisige Kälte vollkommener Klarheit und Unantastbarkeit. Keine Turandot, die nur den Preis in die Höhe treibt. Une élève du Corps de ballet divin. Madonna tippt dazu in ihre machine à écrire. Mit Netzhandschuhen über glitzerndem Vernis. Memoiren. Memoiren sind am Ende alles.
freddykruger 02.07.2019
3. @ambulans
Hallo Doc. In früheren Vinyl Zeiten hätte man Nr.1 als Rohstoffverschwendung bezeichnen. Wohlwollend könnte man auch sagen, gepflegte Langeweile. Unter all den hier vorgestellten Alben gehen die Black Keys noch einigermaßen. [...]
Hallo Doc. In früheren Vinyl Zeiten hätte man Nr.1 als Rohstoffverschwendung bezeichnen. Wohlwollend könnte man auch sagen, gepflegte Langeweile. Unter all den hier vorgestellten Alben gehen die Black Keys noch einigermaßen. Allerdimgs auch keine kick ass Musik. Mark Ronson geht ja nun garnicht. Was ich gehört habe ist unterirdisch. Nee, lieber Mick Ronson (R.I.P.) als Mark Ronson. Ich hoffe du hast mal wieder einen Tip für mich? freddykruger elm st AOK
.patou 02.07.2019
4.
Das neue Album der Black Keys haut mich auch nicht vom Hocker, aber ich schäme mich nach wie vor nicht dafür "Brothers" und "El Camino" zu lieben. Dass die Band jetzt diskreditiert wird als Mehrzweckhallen [...]
Das neue Album der Black Keys haut mich auch nicht vom Hocker, aber ich schäme mich nach wie vor nicht dafür "Brothers" und "El Camino" zu lieben. Dass die Band jetzt diskreditiert wird als Mehrzweckhallen füllende Epigonen, die Altbekanntes wiederaufbereiten für diejenigen, die die Originale nicht kennen, finde ich etwas fies. Zumal ich glaube mich zu erinnern, dass die genannten Alben auch in dieser Rubrik seinerzeit ziemlich abgefeiert wurden.
Papazaca 02.07.2019
5. Ein Kommentar, wie aus Marmor, Parfum + Fremdwörterduden
Unser werter Forist demonstriert wieder mal, das es so was wie den Renaissance-Mann 2.0 geben soll, bewaffnet mit Fremdwörterduden und rudimentären Französischkenntnissen. Das sein Epos in diesem Forum erscheint, ist reiner [...]
Zitat von Hexavalentes ChromJa, ja gewiss. No 1 aber schenkt uns in einer Art von Epiphanie ein Bad im metaphischen Splendour, der letzten Versuchung: Wer alles berührt hat, dem bleibt nur noch das Unberührte. Die eisige Kälte vollkommener Klarheit und Unantastbarkeit. Keine Turandot, die nur den Preis in die Höhe treibt. Une élève du Corps de ballet divin. Madonna tippt dazu in ihre machine à écrire. Mit Netzhandschuhen über glitzerndem Vernis. Memoiren. Memoiren sind am Ende alles.
Unser werter Forist demonstriert wieder mal, das es so was wie den Renaissance-Mann 2.0 geben soll, bewaffnet mit Fremdwörterduden und rudimentären Französischkenntnissen. Das sein Epos in diesem Forum erscheint, ist reiner Zufall, das gleiche würde er auch - unter anderem Vorzeichen - in der Rubrik Haus und Hund schreiben. Schön, wenn sich Sprache auf so unnachahmliche Weise verkitschen läßt. Vielleicht gefällt der Sprache dieses streng parfümierte Konzentrat ja auch nicht. Aber ihr geht es nicht besser als uns, wir nehmen es zur Kenntnis und wundern uns über" Netzhandschuhen über glitzernder Vernis." Ein kühles Bier wäre mir lieber. Ach ja, die Musik. Die wird kurz als Nr.1 erwähnt, auch Madonna taucht kurz auf. Alles nur Staffage für einen Sprachakrobaten namens Chrom. Wie poetisch!
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