Kultur

Abgehört - neue Musik

Existenzialisten im Morgenmantel

Die große Radikale des Pop resigniert: Man sollte sich nicht zu früh freuen über die Gefälligkeit des neuen Albums von M.I.A.! Außerdem: Die meisterlich-souveräne Brüchigkeit der Rockband Wilco.

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Dienstag, 06.09.2016   15:10 Uhr

M.I.A. - "AIM"
(Interscope/Universal, ab 9. September)

Der vielleicht überraschendste Song auf dem neuen und vermeintlich letzten Album der aus Sri Lanka stammenden Polit-Popsängerin M.I.A. ist eine Ballade. Vier Alben lang feuerte Mathangi "Maya" Arulpragasam verbal und musikalisch aus allen verfügbaren Rohren, lärmte, groovte, zeterte und wütete bis an die Schmerz- und Kakophonie-Grenze (zuletzt mit ihren kontroversen Anmerkungen zu "Black Lives Matter") - jetzt aber zeigt sie sich auf einmal aufgeräumter, lässt Räume für Verletzlichkeit, wenn nicht Resignation: "I'm gonna be your foreign friend all the way to the end", singt das ehemalige Flüchtlingskind, das in London aufwuchs, zum melancholischen R&B-Flow von "Foreign Friend".

Nach knapp zehn Jahren, in denen sich Arulpragasam gerne und oft zur Exotin und Außenseiterin stilisierte, schwingt hier die bittere Erkenntnis mit, dass M.I.A. zwar für ihre Radikalität und globale Vorreiterrolle gefeiert und bewundert wurde, ihr Einfluss auf Pop-Kultur und -Geschäft jedoch begrenzt blieb.

Auch wenn junge, selbstbestimmte und -organisierte Künstlerinnen von Grimes bis Fatima Al Qadiri sicherlich einen gehörigen Schub Selbstvertrauen durch M.I.A.s Vorbild erhalten haben - mit ihrer politischen Radikalität blieb sie weitgehend allein. Und so bleibt die Frage, ob sich Zustände der Welt durch politisch explizite Tanzmusik und provokante Videoclips verändern lassen, auch weiterhin offen. M.I.A. selbst gab sich in einem Interview zu ihrer im letzten Jahr veröffentlichten Single "Borders" skeptisch: "The world I talked about 10 years ago is still the same. That's why it's hard for me to say it again on a new LP."

"Borders", ein zugleich empathisches und anklagendes Statement zur aktuellen Flüchtlingskrise, eröffnet nun dennoch "AIM", ein immer noch furioses, aus westlicher und orientalischer Stilistik gegossenes Amalgam, das eben nach wie vor niemand in ähnlicher Intensität herstellen kann.

Umso auffälliger, dass die restlichen, später entstandenen Tracks auf "AIM" zwar ebenfalls durch neue musikalische Zurückhaltung glänzen und dadurch fokussierter wirken, aber in Wahrheit nur selten an dieses letzte große Statement (das zugehörige Video kommentierten wie hier) heranreichen. Zwar pumpen im von Skrillex co-produzierten "Go Off" die Subbässe und zaubert Diplo im wunderbaren Spaghetti-Western "Bird Song" ein elektronisches Zwitschern herbei, doch scheint sich Arulpragasam mit ihrer moralischen Bestandsaufnahme ein wenig selbst im Weg zu stehen. "Lara croft is soft when it comes to my stuff/ She's made up I'm real that's enough", patzt sie zwar mit all ihrer gewohnten Popkultur-Affinität in "Freedun" (auf dem auch Boyband-Survivor Zayn Malik mitsingen darf), doch "real" zu sein, reicht allein dann eben doch nicht aus.

Entsprechend früh kommt mit "Finally" ein Stück, das eigentlich den Abschluss dieser als Abschiedsalbum angekündigten Platte bilden müsste: "Finally what haters say about me don't worry me/ I keep it moving forward to what's ahead of me", singt sie darin mit fröhlicher Klarheit. Sie sei ein Freak und "free", "I'm someone's shot of whiskey/ Not everyone's tea".

So wird "AIM", das vielleicht poppigste, gefälligste M.I.A.-Album, zum Reifezeugnis einer Künstlerin, die mit gewissen Realitäten ihren Frieden gemacht hat. Für uns als Zuhörer ist das weniger stressig als früher, aber zugleich auch ein großer Verlust: Wenn Maya Arulpragasam aufhört, uns anzustacheln und herauszufordern, wer übernimmt dann die wichtige Rolle unserer fremden Freundin? (7.8) Andreas Borcholte

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Andreas Borcholtes Playlist KW 36

Wilco - "Schmilco"
(Anti/Epitaph, ab 9. September)

Freie Tage, das sage ich als jemand, der gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt ist, können einen ganz schön aus der Bahn werfen. Da steht man dann morgens in aller Herrgottsfrühe, obwohl man eigentlich ausschlafen könnte, in der Küche, die Haare noch unordentlich, den Morgenrock noch nicht zugebunden… und rührt gedankenverloren im Kaffee herum. Man muss ja nicht ins Büro. Der Tag breitet sich gähnend und konturlos vor einem aus. Was für ein Luxus, sich in diese Leere fallen lassen zu dürfen. Was für ein Horror.

Ungefähr diese zwiespältige Haltung verkörperte Harry Nilsson 1971 auf dem Cover seines mit Anyway-Attitüde betitelten Album "Nilsson Schmilsson" (das mit dem späteren Über-Hit "Without You"). Der Rückgriff in den Plattenkoffer ist obligatorisch, wenn Wilco, die vielleicht letzte Konsens-Rockband der Welt, ihre neue Platte nun in ähnlich selbstironischer Geste "Schmilco" nennen.

Auch Sänger und Songwriter Jeff Tweedy schien sich beim Verfassen dieses Song-Dutzends in einer bartstoppeligen Morgenmantel-Stimmung befunden zu haben. Gleich im ersten Stück, dem ganz behutsam heranwuselnden "Normal American Kids" befindet Tweedy, 49, dass er sich immer noch an sein adoleszentes Selbst erinnert fühlt, "long ago, before I could drive, before I could vote".

Die Normalen, das waren die anderen, er selbst eher der mit sich und dem Rest fremdelnde Teenager, der auch in den vermeintlich erwachseneren Jahren nie lange genug allein war, um das Eigenartige, Alienhafte der Kindheit wirklich auszukosten: "I never been alone long enough to know if I ever was a child", singt er im zweiten Song über beschwingter, nun schon lautstärkerer Country-Rhythmik, deren kristalline Klarheit mit der Betrübnis des Textes hinreißend kontrastiert. Zum Heulen, diese Tage, an denen man Zeit hat, sein Leben mal wieder als Ganzes zu betrachten - und feststellt, dass man tief innen drin immer noch genau die Rotznase ist, die immer nur wimmern oder wüten könnte. "Something like me you don't wanna be", heißt es im dritten Stück, bezeichnenderweise "Cry All Day" betitelt.

Die Band ist hier schon in voller Fahrt, aber immer noch verhalten, streng akustisch, der Sound in milder Herbstsonne tanzender Staubpartikel. Aber je mehr Zeit auf dem Album vergeht, je mehr sich der Erzähler mal sarkastisch, mal wehmütig zwischen Damals und Heute verliert, desto vertrackter, vielschichtiger und komplizierter werden die Arrangements.

Schon im widerborstigen "Common Sense" ist Schluss mit der vielleicht voreilig gefassten Meinung, hier handele es sich lediglich um ein leichtfertig hingeworfenes, soft-folkiges Gegenstück zum ruppigen "Star Wars"-Album aus dem letzten Jahr (die meisten Songs stammen allerdings aus den Aufnahme-Sessions von damals). Ruhiger ist "Schmilco", aber keineswegs weicher. Wie Erinnerungsfetzen wehen mal ein Funk-Bass herbei, mal bimmelt ein Glockenspiel gegen den Groove; all das mit einer Leichtigkeit, als müsste sich diese über zehn hervorragende Alben zusammengewachsene Band, in der Virtuosen wie Drummer Glenn Kotche und Gitarrist Nels Cline spielen, nichts mehr beweisen: Beatles, Kinks, Wave, Avant-Rock, Country, Folk… been there, done that.

Wie um das noch einmal mit größter Lässigkeit unter Beweis zu stellen, löst "Quarters" in der zweiten Albumhälfte kurzzeitig alles auf: Songstruktur ebenso wie Tempo-Konitnuität - ohne dabei das Narrativ zu verlieren. Danach, in "Locator", wird's doch plötzlich noch ein bisschen schrammeliger, ein kurzer Gang in die Garage, bevor es mit "Shrug And Destroy" zurück zum Sinnieren und Träumen aufs Sofa geht.

Zu den Reflexionen über das Kind im Manne kommt die rührende Hommage an die verstorbene Mutter ("Happiness") und ein zynisches Hadern mit dem eigenen Adult-Rock-Superstar-Status ("We Aren't The World (Safety Girl)"). "Schmilco" zeigt eine Band, die gelernt hat, mit ihrer eigenen Brüchigkeit meisterlich umzugehen. (9.0) Andreas Borcholte

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Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Abgehört im Radio

Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.
insgesamt 4 Beiträge
.patou 06.09.2016
1.
Zu den besprochenen Alben kann ich leider nichts beitragen, aber ich habe mit Freude festgestellt, dass der unbekannte Bon-Iver-Song in Herrn Borcholtes Playlist auf das baldige Erscheinen des neuen Albums hindeutet (dessen [...]
Zu den besprochenen Alben kann ich leider nichts beitragen, aber ich habe mit Freude festgestellt, dass der unbekannte Bon-Iver-Song in Herrn Borcholtes Playlist auf das baldige Erscheinen des neuen Albums hindeutet (dessen Songtitel eine gewisse Zahlen-Fixierung andeuten, wie meine Recherche ergab).
henr1 06.09.2016
2. ton ab?!
ich kann überhaupt nur dazu beitragen, dass ich hier gar nichts zu hören bekomme - ob Safari oder Firefox, moment, nein, auch Chrome, bei mir tut sich nichts. liegt das am neuen Layout? hatte vorhin schon grosse Probleme mit [...]
ich kann überhaupt nur dazu beitragen, dass ich hier gar nichts zu hören bekomme - ob Safari oder Firefox, moment, nein, auch Chrome, bei mir tut sich nichts. liegt das am neuen Layout? hatte vorhin schon grosse Probleme mit einer Bildstrecke. SpoN wird doch nicht Beta-Versionen rauslassen, was?
hofrichter 06.09.2016
3. Schade!
Wird "abgehört" nach "bento" ausgegliedert? Das Layout ist schlecht und die Musikschnipsel sind nicht zu hören. Da muss aber nachgearbeitet werden!
Wird "abgehört" nach "bento" ausgegliedert? Das Layout ist schlecht und die Musikschnipsel sind nicht zu hören. Da muss aber nachgearbeitet werden!
spon-facebook-10000188139 06.09.2016
4. kein ton
hiho, bisher habe ich 'abgehört' immer hören können, aber heute nicht! warum? es grüßt eine unglückliche leserin, die gerne zur hörerin geworden wäre... helena
hiho, bisher habe ich 'abgehört' immer hören können, aber heute nicht! warum? es grüßt eine unglückliche leserin, die gerne zur hörerin geworden wäre... helena
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