Kultur

Madonna beim ESC

Die größte Zeremonienmeisterin der Gay Culture

Madonna wurde für ihren Auftritt beim Eurovision Song Contest verspottet. Doch dort geht es nicht um Gesangstalente, sondern um ein Lebensgefühl, um Toleranz. Das zelebrierte sie beim queeren Superbowl perfekt.

Orit Pnini/ KAN/ AFP
Ein Gastbeitrag von Johannes Kram
Montag, 20.05.2019   19:25 Uhr

Vorab: Sie hat beim diesjährigen Eurovision Song Contest wirklich schlecht gesungen. Das kann, das muss man natürlich kritisieren. Niemand hat sie gezwungen und sie hat gutes Geld dafür bekommen. Doch wer die Güte eines Madonna-Auftritts allein daran misst, ob diese live gut singen kann, hat keine Ahnung, wer Madonna ist.

"Alle haben besser gesungen als Madonna", sagte die deutsche Punktevergeberin Barbara Schöneberger. Auch der NDR-Kommentator Peter Urban deutete in einem Radio-Interview an, man hätte sich den Auftritt ja gleich sparen können, wo doch sogar die weit abgeschlagenen deutschen Teilnehmerinnen besser bei Stimme gewesen seien.

Doch ganz abgesehen davon, dass es ganz handfeste Gründe dafür gibt, warum Madonna ausgerechnet bei diesem Auftritt Probleme mit der Stimme hatte (der Tenor Björn Casapietra erklärt auf Ruhrbarone.de, warum sie keine Töne "vergeigt" habe), zu Madonnas Kunst gehörte es nie, eine große Sängerin zu sein. Genau wie die Attraktivität des ESC entgegen Urbans Vermutung so gut wie nichts damit zu tun hat, dass hier großartige Stimmen gegeneinander antreten, geht niemand auf ein Madonna-Konzert, um eine solche zu hören. Und nochmal: Natürlich wäre es trotzdem gut gewesen, sie hätte es beim ESC gut hinbekommen!

Worum es an dem Abend eigentlich ging: Madonna ist neben ihrer singulären Bedeutung für die Pop-Geschichte vor allem eine Art queere Supergottheit. Da das auch für den ESC gilt, sollte durch ihre Performance zelebriert werden, was eigentlich gar nicht geht: zwei der großen queeren musikalischen Weltreligionen in einer heiligen Messe vereint. Und das ausgerechnet im Jahr 50 nach dem Stonewall-Aufstand, dem Beginn der modernen Homosexuellenbewegung. Dieses Jubiläumsjahr hatte Madonna in der Silvesternacht am Ort des Geschehens eingeläutet, in der New Yorker Bar Stonewall Inn mit einem Überraschungsauftritt vor nur 150 Menschen, bei dem sie "Like a Prayer" sang.

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ESC: Die queere Supergottheit

Vor wenigen Wochen wurde Madonna in New York noch mit dem Advocate for Change Award der Gay & Lesbian Alliance Against Defamation (GLAAD) ausgezeichnet. In der Laudatio hieß es, die Sängerin "war und ist die größte Verbündete der LGBTQ-Community und wird es auch immer sein". Madonnas Songs sind auch heute noch ein gemeinsamer Nenner aller Gay-Clubs der Welt, viele Jahre waren sie der einzige.

Mit ihrer Musik und allem, was sie an Riten, Mystik und Selbstbeschwörungen darum gebaut hat, ist sie die größte Zeremonienmeisterin der Gay Culture. Und ausgerechnet ihr 30 Jahre altes "Like a Prayer", das sie im Stonewall Inn vor dem kleinstmöglichen Publikum performt hatte, sang sie dann beim ESC vor dem größtmöglichen. Der Song, der gerade für marginalisierte sexuelle Minderheiten Gospel und emanzipatorisches Glaubensbekenntnis zugleich ist, weil er die religiös erzeugte sexuelle Scham zerstört und in selbstbewusste Lust umwandelte.

Als Mensch zu erkennen gegeben

All das ist eine Wahnsinnsgeschichte in diesem historischen Jahr, jedoch nicht für den NDR, der das Spektakel für die ARD überträgt. Dieser versucht seit Langem, den traditionellen queeren und vor allem schwulen Kontext des ESC unkenntlich zu machen. Schon Peter Urbans Off-Kommentar zur Ankündigung von Conchita Wurst 2014 klang eher wie eine Entschuldigung vor dem Fernsehzuschauer. Als der Sender dann auch noch damit klarkommen musste, dass eine offen schwule Dragqueen mit Bart den Wettbewerb gewann und mit einer politischen Botschaft verband, ließ man den wichtigsten Satz des Abends ("We are unstoppable") lieber unübersetzt und unkommentiert.

Für den Contest, dessen schwuler Hintergrund sich nach Worten des Kulturwissenschaftlers Johannes Arens einst auch durch die "Geschichten von Triumph und Scheitern" auszeichnete, ist der Madonna-Auftritt jedoch gerade durch den verkorksten Gesang ein Riesengewinn. Denn ja, sie hat es vermasselt.

Doch andererseits: Dass sich die Göttin ausgerechnet beim queeren Superbowl als Mensch zu erkennen gibt, hat seine Wirkung nicht verfehlt und dem mittlerweile perfekt durchchoreografierten Eurovision Songcontest wieder die Fallhöhe gegeben, die einst seinen Reiz und sein Drama ausmachte.

In den sozialen Netzwerken wird sie dafür auch von vielen Schwulen leidenschaftlich verteidigt, wie bestraft. Und nicht wenige - so wirkt es - verzeihen ihr auch ihr öffentliches Altwerden nicht. Die Enttäuschung ist dabei verständlicherweise genau so groß wie die Solidarität.

Fast scheint es, als würde Madonna zum 50. Jahrestag der queeren Revolution nun die Unterstützung von der queeren Community zurückfordern, für die sie von dieser einmal heiliggesprochen wurde: "I close my eyes, oh God I think I'm falling /Out of the sky, I close my eyes - Heaven help me !"

insgesamt 60 Beiträge
GyrosPita 20.05.2019
1.
Kann mir vielleicht mal jemand den Unterschied zwischen "queer" und "schwul" erklären?
Kann mir vielleicht mal jemand den Unterschied zwischen "queer" und "schwul" erklären?
m82arcel 20.05.2019
2.
Ich mag Madonna nach diesem Auftritt nicht mehr oder weniger als vorher und sie ist sicher nicht zufällig schon so lange so dermaßen erfolgreich. Dennoch sehe ich keinen Grund, den Auftritt nun schön zu reden: der Auftritt war [...]
Ich mag Madonna nach diesem Auftritt nicht mehr oder weniger als vorher und sie ist sicher nicht zufällig schon so lange so dermaßen erfolgreich. Dennoch sehe ich keinen Grund, den Auftritt nun schön zu reden: der Auftritt war einfach eine Katastrophe. Das hat auch nichts mit dem Alter zu tun - sie ist nichtmal im Rentenalter. Da wird man von einem Superstar doch wohl bei der größten Musikshow der Welt mindestens einen soliden Auftritt erwarten können. Wenn sie das aus welchen Gründen der Welt nicht hinbekommt, hätte sie sich und uns den Auftritt ersparen sollen. Auch die Ausrede, sie habe sich damit als Mensch gezeigt, finde ich sehr fragwürdig. Sowohl optisch als auch im vorherigen Interview hat sie sich viel Mühe gegeben, eben nicht als (gewöhnlicher) Mensch zu wirken. Nun könnte man noch darüber fantasieren, dies sei ein gewollter, künstlerischer Kniff gewesen. Nur glaube ich das keine Sekunde. Sie war einfach noch nie die beste Sängerin und ist mit den Jahren einfach nicht besser geworden. Und damit war sie gerade in einer Sendung, in der es von Anfang bis Ende darum geht, Musik, Gesang und Show zu bewerten, einfach komplett deplatziert. Gesanglich würde sie nach diesem Auftritt eben nichtmal mehr für die Eröffnung eines Möbelhauses gebucht - da gibt es nichts zu beschönigen. Ihr Superstar-Image wird ihr aber wohl trotzdem bleiben.
Glashammer 20.05.2019
3. Auftritt schön reden ....
Wer Madonna ist muss man nicht erklären. Da brauch man doch bitte jetzt den Auftritt auch nicht schön reden und von weiß Gott wo her ausholen. Diesen Auftritt bzw Anlass hat sie mit Bravour verhauen - Fertig aus. Gerade sie [...]
Wer Madonna ist muss man nicht erklären. Da brauch man doch bitte jetzt den Auftritt auch nicht schön reden und von weiß Gott wo her ausholen. Diesen Auftritt bzw Anlass hat sie mit Bravour verhauen - Fertig aus. Gerade sie als Ober -Profi... weiß ganz genau wie und was ...
Tom steeger 20.05.2019
4. Ganz ehrlich ...
Da möchte man hinter viele Aussagen ein großes Fragezeichen machen! Madonna als einzige Schwulenikone? Homophobe ARD? Sind Sie sicher, dass Madonna selbst bei einigen Theorien nicht laut "What?!?" rufen würde? Den bunten, [...]
Da möchte man hinter viele Aussagen ein großes Fragezeichen machen! Madonna als einzige Schwulenikone? Homophobe ARD? Sind Sie sicher, dass Madonna selbst bei einigen Theorien nicht laut "What?!?" rufen würde? Den bunten, freien Paradiesvogel hätte Madonna geben können. Statt dessen sah man eine einäugige Krähe, die sich trotz geheimer Proben und achtunfuffzisch Billionen Euro Budget selbst zu ernst nimmt.
brooklyner 20.05.2019
5.
Also ich habe den ESC wie jedes Jahr mit einigen Freundinnen und meiner schwulen Kumpelgruppe gesehen. Madonnas Auftritt wurde von allen als unterirdisch bewertet. Der netteste Kommentar war noch, warum denn Hillary Clinton jetzt [...]
Also ich habe den ESC wie jedes Jahr mit einigen Freundinnen und meiner schwulen Kumpelgruppe gesehen. Madonnas Auftritt wurde von allen als unterirdisch bewertet. Der netteste Kommentar war noch, warum denn Hillary Clinton jetzt eine Augenklappe trägt. Es war dermassen jämmerlich, auch wenn die ESC Macher offenbar den Auftritt noch hektisch nachbearbeitet haben, weshalb viele, die nur die Wiederholung sahen, den Auftritt ganz ok fanden.

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