Kultur

Abgehört - neue Musik

Der Lotus ist gelandet

Jazzfunk-Superheld Flying Lotus verteilt auf seinem neuen Album kosmische Power an illustre Gaststars, Tyler, the Creator versucht sich als Pharrell-Ersatz, Injury Reserve holen Hip-Hop nach Arizona.

Flying Lotus

Flying Lotus

Von , und
Dienstag, 21.05.2019   17:30 Uhr

Flying Lotus - "Flamagra"
(Brainfeeder/Warp/Rough Trade, ab 24. Mai)

Man stellt sich Steven Ellison alias Flying Lotus ja als abgeklärtes Universalgenie vor, das die visionäre Energie für sein Brainfeeder-Label mit kalifornischer Lässigkeit mal eben vor dem nachmittäglichen Surfgang im Pazifik aus den Tiefen des Kosmos saugt. Innerhalb der letzten zehn Jahre hat sich der Neffe von Jazz-Legende Alice Coltrane zu einem der innovativsten Musiker an der Schnittstelle zwischen Hip-Hop, Jazz und afroamerikanischem Pop entwickelt. Er beförderte die Karrieren von Thundercat, Kamasi Washington und Kendrick Lamar, der ihn für sein bahnbrechendes Album "To Pimp A Butterfly" buchte. Und auch die mutigen Funk- und Fusion-Experimente auf dem jüngsten, großartigen Solange-Album "When I Get Home" wären ohne Ellisons Pionierarbeit kaum vorstellbar.

Flying Lotus ist eine Art Superheld in diesem noch neuen Genre des Future-Americana, ein hypermoderner, an Computerspielen und asiatischer Manga-Kultur geschulter Nachfahre von Science-Fiction-Jazzern und Afrofuturisten wie Sun Ra. Live-Auftritte, bei denen Ellison mit 3-D-Installationen experimentiert, sind längst Happenings für urbane Hipster, von Coachella bis Glastonbury. Ein neues FlyLo-Album ist also ein Ereignis, das in den Mainstream-Pop abstrahlt - zumindest im angloamerikanischen Raum. Fünf Jahre brauchte der vielbeschäftigte Mittdreißiger, der nebenbei einen Horror-Kurzfilm drehte und sich als Produzent verdingte, um einen Nachfolger seines meisterlich idiosynkratischen Albums "You're Dead!" zu konzipieren. Im Pop-Kosmos ist das eine Ewigkeit, die selbst den so tiefenentspannt wirkenden Zen-Meister Flying Lotus nervös zu machen schien.

Andreas Borcholtes Playlist KW 21

SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

 1. Flying Lotus: Takashi

 2. Tyler, the Creator: Earfquake

 3. Haviah Mighty: Blame

 4. Injury Reserve: Gravy n’ Biscuits

 5. Mavis Staples: We Get By

 6. Lana Del Rey: Doin' Time

 7. Arlo Day: This Love

 8. Hatchie: Obsessed

 9. Black Midi: Talking Heads

10. The Cosmics: Eyes

Sehr schön illustriert diese sympathische Unsicherheit eine Episode über die Zusammenarbeit Ellisons mit einer anderen Genre-Innovatorin, der aktuell von der Kritik gefeierten Indie-Rapperin Tierra Whack. Zwei quälende Monate habe er darauf warten müssen, dass sie ihm Feedback zu einem Dateiordner voller Beats gab, den er ihr in der Hoffnung auf ein Feature geschickt hatte, erzählte er einem US-Magazin: "Vielleicht dachte sie ja, das ist alles Müll!". Am Ende wurde dann alles gut: Whack ist mit "Yellow Belly" auf dem neuen Album von Flying Lotus vertreten, sie rappt auf einem hinreißenden Rhythmus aus Klack-klack-klacks und Rattatatats über, äh, lose Schuhbänder. Es ist einer der besten Tracks auf "Flamagra".

Glück gehabt. Überhaupt sind es die Features, die das mit 68 Minuten strapaziös lange Album zum bisher zugänglichsten Flying-Lotus-Trip machen. Gastsänger Anderson.Paak klingt im Pop-tauglichen "More" sogar frischer als zuletzt auf zwei eigenen Alben, das ist aber auch kein Wunder, denn das Feature lag schon vor Jahren bei Ellison rum, als den neuen kalifornischen R&B-Star noch niemand kannte. Gastauftritte gibt es auch von P-Funk-Altmeister George Clinton, Little Dragon, Toro y Moi, Shabazz Palaces sowie Ellisons Haus-Bassisten und -Buddy Thundercat. Filmemacher David Lynch, kurios in diesem Setting, ist ebenfalls zu Gast, der Meister des L.A. Noir erzählt im Spoken-Word-Track "Fire Is Coming" eine Schauergeschichte. Es gibt politischen Rap mit himmlischen Kamasi-Chören ("Black Balloons Reprise" feat. Denzel Curry) ebenso wie eleganten Yacht-R&B ("The Climb") und, als spätes Highlight, die religiös-verspulte Jazz-Ballade "Land Of Honey" mit Solange. Gleich zwei der 27 (!) Tracks, "Find Your Own Way Home" und "Thank U Malcolm", widmet Ellison seinem verstorbenen Freund Mac Miller.

Wie "You're Dead!" ist also auch "Flamagra" ein musikalisches Aufbäumen gegen Schmerz und Verlust. Als übergreifende Idee, sagt Ellison, habe er das Bild einer ewigen Flamme auf einem Hügel gehabt, die nun auch auf der Plattenhülle von "Flamagra" abgebildet ist - wohl eine Art spirituelles Fanal für das leuchtende, heilende Feuer der Kreativität in dunkler Zeit. Das wirkt, bei allem Respekt, fast ein bisschen banal. Aber hey: whatever works!

Allzu lange denkt man über fehlende Sinnzusammenhänge nicht nach, denn abseits seiner neuen, kollaborativ unterstützten Pop-Sensibilität weiß Ellison, wenn er solo spielt, mit eklektizistischen Fingerübungen zu faszinieren. Seine verfeinerten Keyboard-Fähigkeiten demonstriert er im Instrumental "Takashi", das als karibisch schunkelnde Hommage an "Monkey Island" (oder Steely Dans "Haitian Divorce") beginnt - und als irrwitziges Orgel-vs-Spinett-Duell auf skelettierten House-Sounds endet. Es gibt, in der besinnlicheren zweiten Albumhälfte, eine erstaunlich geradlinige Postrock-Einlage, die auch bei Mogwai funktionieren würde ("Andromeda"), rückwärts abgespielten Lounge-Jazz ("Pygmy"), synthetischen Bigband-Swing ("Heroes In A Half Shell") und einen seltsamen, sehr rührenden Klezmer-Walzer ("Say Something"). Um in der Feuer-Metapher zu bleiben: (Immer noch) ganz schön heißer Scheiß. (9.0) Andreas Borcholte

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:32 Uhr
Ohne Gewähr

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Flamagra

Label:
Warp (Rough Trade)
Preis:
EUR 11,63

Tyler, the Creator - Igor
(Columbia/Sony, seit 17. Mai)

Nein, aus Tyler, The Creator wird kein großer Sänger mehr. Der 28-Jährige klingt ungefähr so als hätte jemand Prince zwei Drittel seines Lungenvolumens geraubt. Das war aber bisher kein Problem, schließlich war der Kopf hinter dem kalifornischen Rap-Kollektiv Odd Future bis dato hauptberuflich Rapper.

Sein sechstes Album soll nun aber "kein klassisches Rap-Album" mehr sein, wie er kürzlich betonte. Und "Igor" hält Wort. Gleich der erste der zwölf Songs, "Igor's Theme", bedient sich des ganz breiten Synthesizer-Pinsels, um Tylers Version von Siebziger-Jahre-Plastik-Soul vorzustellen.

Ganz unerwartet kommt das nicht. Regelmäßig betonte Tyler in den vergangenen Jahren, dass er mit Hip-Hop eigentlich gar nicht so viel anfangen könne. Stattdessen wolle er sich zukünftig an Isaac Hayes oder Barry White orientieren, um seiner immer an eine prall gefüllte Treuekarte des örtlichen Tabakladens erinnernde Stimme ein bisschen Soul abzuringen.

Das hört man auf "Igor" nun deutlich. Überraschender aber: Es funktioniert erstaunlich unfallfrei. Denn gerade Tylers gesangliches Unvermögen gibt dem irgendwo zwischen frühem Pharrell Williams und Schlaghosen samt Fünfzehn-Zentimeter-Kragen wandelnden Sound des Albums eine gewisse Dringlichkeit. Man kauft es Tyler ab, wenn er in "I Think" singt: "Feelings, that's what I'm pouring".

Auf ganzer Länge merkt man "Igor" allerdings an, dass sich hier jemand auf noch fremden Boden bewegt. Klar, Songs wie das schwelgerische "Puppy" (inklusive eines nicht weiter beworbenen Kanye-West-Features) oder das tatsächlich ziemlich Prince-hafte Endstück "Are We Still Friends?" sind angenehm gefühlige Überraschungen und Zeichen einer neuen künstlerischen Ernsthaftigkeit.

Am besten klingt Tyler aber weiterhin, wenn er die Rotzlöffel-Rapstimme zulässt, die ihn um 2010 zum Posterboy einer angepisst-nihilistischen Jugend hat werden lassen. Wohin das im Zusammenspiel mit dem neuen Sound führen kann, zeigt "A Boy Is A Gun", das klingt, als hätte Phil Spector einen Brian Wilson auf Hip-Hop-Exkurs produziert. Mehr davon hätte "Igor" gutgetan. (7.5) Dennis Pohl

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:33 Uhr
Ohne Gewähr

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IGOR [Explicit]

Label:
Columbia
Preis:
EUR 10,99

Injury Reserve - "Injury Reserve"
(Senaca Village/Loma Vista/Concord, seit 17. Mai)

Wer eine Trompete zertrümmern will, braucht zunächst einmal eine Trompete. Vielleicht begann die Karriere von Injury Reserve aus der Universitätsstadt Tempe in Arizona deshalb als Jazz-Rap-Trio. Ohne Berührungspunkte mit dem Geschehen in Hip-Hop-Hotspots wie Atlanta, Los Angeles, London oder Berlin (just kidding) entwickelte die Band in den letzten sechs Jahren einen quirligen, manchmal auch ins Verdudelte umkippenden Stil, von dem auf ihrem unbetitelten Debütalbum kaum noch etwas übrig ist. Injury Reserve sind für Spielchen nicht mehr zu haben.

Stattdessen beginnt ihre Platte mit vier aufsehenerregenden, kehlig gerappten und zielführend produzierten Brettern, aus denen nicht nur Verachtung für Instagram, die kultische Verehrung überteuerter Streetwear-Labels und die unzureichende Innenausstattung fabrikneuer Tesla-Autos spricht, sondern auch eine Absage an allzu akzentuiertes Muckertum. Haben Injury Reserve die Körper getauscht mit dem einstigen Horrorcore-Klassenclown Tyler, The Creator, der sich neuerdings als versierten Musiker und Space-Funk-Bewahrer inszeniert?

Abgehört im Radio

Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Wahrscheinlich hat die Band einfach nur viel Death Grips gehört in den letzten zwei Jahren. Deren ultragemeine Rapmusik für Menschen, die das Establishment ebenso gern anpinkeln wie Elektrozäune, hat ihre Spuren nicht nur im Sound neuer Hip-Hop-Stars und -Weirdos wie Brockhampton oder JPEG Mafia hinterlassen. Auch "Injury Reserve" steht im Zeichen einer Aggressivität, die sich auf regelrecht perverse Weise gegen ihre eigenen Schöpfer richtet. Wann immer sich die Band durch Raptext-Standards prahlt und prollt, scheint sie eigentlich sagen zu wollen: Die besten Prügelknaben sind natürlich immer noch wir selbst.

Für dieses Hip-Hop-Weltbild haben sie zunächst einmal die richtigen Leute dabei: Krawallschlägerinnen und -schläger wie Rico Nasty, Cakes Da Killa und den bereits erwähnten Irakkrieg-Veteranen JPEG Mafia, die ihre Gastgeber nicht aus den eigenen Tracks kegeln, sondern in ihrer Garstigkeit noch einmal befeuern. Wer neu ist auf dem Feld der grob geschliffenen Rapmusik, wird die atemlose Anfangsviertelstunde von "Injury Reserve" womöglich kaum aushalten können.

Auch die Band selbst kann das angeschlagene Tempo nicht ganz durchhalten. Mit dem Song "Gravy N' Biscuits" verfallen Injury Reserve in eine altbackene Melodieseligkeit, die seit dem zwischenzeitlichen Ende der Jurassic 5 vergessen schien, bevor sich ein "Rap Song Tutorial" am ebenso durchgekauten Gimmick einer Bedienungsanleitung für Hip-Hop-Newbies versucht. Zum Ende der Platte spielen sogar die Trompeten wieder mit. Und Injury Reserve verschieben den ganz großen Rundumschlag auf ihr zweites Album. (7.0) Daniel Gerhardt

Preisabfragezeitpunkt:
06.06.2019, 13:31 Uhr
Ohne Gewähr

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Injury Reserve (Ltd.Vinyl) [Vinyl LP]

Label:
Caroline (Universal Music)
Preis:
EUR 21,99

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

insgesamt 16 Beiträge
mbargholz 22.05.2019
1. schon lange, lange langweilig
seit längerer Zeit beobachte bzw. höre ich die hier empfohlenen Musik-Tipps...Bisher hat mich wirklich NICHTS beindruckt.Wer gestaltet eigentlich mit seinem scheinbar nur subjektiven Geschmack diese Auswahl? Das Musikangebot [...]
seit längerer Zeit beobachte bzw. höre ich die hier empfohlenen Musik-Tipps...Bisher hat mich wirklich NICHTS beindruckt.Wer gestaltet eigentlich mit seinem scheinbar nur subjektiven Geschmack diese Auswahl? Das Musikangebot heute ist so reich an GUTEN Musikern, die Interessantes zu bieten haben, aber hier finde ich wirklich immer wieder nur langweilige Effekthascherei, musikalischen Datenmüll, Klangbrei.
ambulans 22.05.2019
2. na ja,
hip hop bommi pop (eisgekühlter bommerlunder, mt freddy love!) von den dead pants ist ja auch nicht schlecht - wenn mans noch kriegt ...
hip hop bommi pop (eisgekühlter bommerlunder, mt freddy love!) von den dead pants ist ja auch nicht schlecht - wenn mans noch kriegt ...
sekundo 22.05.2019
3. Wer ist denn
in Ihren Augen ein GUTER Musiker. Nennen Sie Beispiele?!?
Zitat von mbargholzseit längerer Zeit beobachte bzw. höre ich die hier empfohlenen Musik-Tipps...Bisher hat mich wirklich NICHTS beindruckt.Wer gestaltet eigentlich mit seinem scheinbar nur subjektiven Geschmack diese Auswahl? Das Musikangebot heute ist so reich an GUTEN Musikern, die Interessantes zu bieten haben, aber hier finde ich wirklich immer wieder nur langweilige Effekthascherei, musikalischen Datenmüll, Klangbrei.
in Ihren Augen ein GUTER Musiker. Nennen Sie Beispiele?!?
freddykruger 22.05.2019
4. @ambulans
Moin Doc. Ich trink kein Bommerlunder (Stirnrunzel). Hab mit hier ein paar Stücke angehört, aber nichts dabei was mich auch nur annähernd interessiert. Hör seit letzten Freitag sowieso nur noch The National. Schade das du [...]
Moin Doc. Ich trink kein Bommerlunder (Stirnrunzel). Hab mit hier ein paar Stücke angehört, aber nichts dabei was mich auch nur annähernd interessiert. Hör seit letzten Freitag sowieso nur noch The National. Schade das du keinen zugang zu ihnen gefunden hast. Sehr gutes Album. freddykruger elm st
toninotorino 22.05.2019
5. Zeitgemäße Pop-Musik
Was soll ich mich hinstellen und darüber die Nase rümpfen. Ich muss mir das nicht anhören - tue es aber doch. Es ist einfach deren Musik. Hab kein Problem damit. Aus manchen Clips höre ich Sachen heraus, die so uninteressant [...]
Was soll ich mich hinstellen und darüber die Nase rümpfen. Ich muss mir das nicht anhören - tue es aber doch. Es ist einfach deren Musik. Hab kein Problem damit. Aus manchen Clips höre ich Sachen heraus, die so uninteressant nicht sind. Als ich gestern ein Album namens "On The Road" hörte, hielt ein Spaziergänger an meinem Garten an. "Was´n das?"- "jaaahaha - gut nä? Traffic, Steve Winwood "
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