Kultur

Abgehört - neue Musik

Mit dem Ferkel gegen Männerfantasien

Wie singt frau über lesbischen Sex, ohne dass die Männer geifern? Marika Hackman startet mit ihrem neuen Album einen Versuch. Außerdem: Das Afropop-Album des Sommers und Elektro-Nihilismus aus Chile.

Von , und
Dienstag, 06.08.2019   18:18 Uhr

Marika Hackman - "Any Human Friend"
(Caroline/Universal, ab 9. August)

Frauen können ja nicht von ihrem Sex miteinander erzählen, ohne dass er ihnen entfremdet wird - vom männlichen Blick: Lesbischer Sex wird im Pop allzu oft als Marketingtool genutzt, um Männer zu erregen.

Heterosexuelle Pop-Interpretinnen, wie einst das russische Pop-Duo "t.A.T.u." , küssten sich in Schuluniformen auf Bühnen und in Musikvideos; Katy Perry schaffte nach einigem kommerziellen Misserfolg ihren Durchbruch damit, dass sie singend erzählte eine Frau auf ihren "Cherry Chapstick" - also ihren erigierten Nippel geküsst zu haben. Und wann immer sich eine Künstlerin nackt auszog, um ihren Körper zu befreien, erscheint ihr Körper danach eher männlich begeifert. Die jüngste Pop-Erscheinung Billie Eilish verhüllt ihren Körper daher vorsätzlich in weiter Sportkleidung.

Die britische, lesbische Indie-Pop-Sängerin Marika Hackman ist mit ihrem dritten Album "Any Human Friend" nun angetreten, ein Album über weiblichen Sex zu schreiben, das dem männlichen Blick entkommt. Auf dem Coverfoto sieht man Hackman nur mit einer Unterhose bekleidet. Sie hat ihr Bild nicht retuschieren lassen, ihren Körper also nicht den Idealvorstellungen eines weiblichen Körpers in der patriarchalen Gesellschaft angepasst. Um möglichst menschlich und der männlichen Umdeutung ihres Körpers entgegen zu wirken, hält sie vorsichtshalber noch ein Ferkel auf dem Arm - eine Anspielung auf die Fotografien der Niederländerin Rineke Dijkstra, die Mütter kurz nach der Geburt bis auf die funktionale Unterhose nackt, zusammen mit ihren Kindern abbildet.

Denn Geburt und Stillen sind wahrscheinlich die einzigen Nischen, innerhalb derer weibliche Nacktheit nicht sexuell aufgeladen wird. Allerdings gehört der weibliche Körper bei Geburt und Stillen ja nun auch nicht der Frau selbst - sondern eben einem Baby. Dieser Spirale der scheinbar nicht entrinnbaren Widersprüche widmet sich Hackman auch textlich, wenn sie in "Hand Solo" davon singt, einerseits blind zu werden, weil sie sich selbst befriedigt - eine Anspielung auf das Ammenmärchen, zu viel Selbstliebe lösche das Augenlicht - und andererseits beklagt, dass sie trotz aller "Sünde" nach patriarchalen Gesetzen wohl für immer Jungfrau bleiben wird - weil sie kein Interesse an männlicher Penetration hat.

Die zweite thematische Klammer von "Any Human Friend" ist die der Selbstreflexion nach einer Trennung. "Wanderlust", der erste Song des Albums, symbolisiert Hackmans Vergangenheit: Musikalisch klingt er wie ein Überbleibsel des eher folkig-rockigen und von E-Gitarren betriebenen Vorgängers "I'm Not Your Man" (2017). Ein Synthesizer-Flirren zu Beginn des zweiten Songs "The One" ist das Portal, durch das der Hörer mit Hackman ihre klanglich diversifizierte Gegenwart betritt.

Inspiriert zum per Theremin verflirrten Singen über Sex hätten sie die Romane und Textcollagen der New Yorker Schriftstellerin Kathy Acker. Wie Acker bedient sich auch Hackman männlich konnotierten Vokabulars, wenn sie zum Beispiel von ihrem "Dick" - also ihrem Schwanz - singt, den alle haben wollen ("The One"). Das männliche Geschlechtsorgan wird also auch hier zum Symbol für Potenz und Verlangen, was ein bisschen schade ist.

In "Send My Love" klagt sich Hackman aus Sicht ihrer Exfreundin selbst an: "You're selfish and you're sore/ Are you coming home to play the whore?" Dass sie eine Narzisstin ist, die es nötig hat, sich darzustellen, diese Selbstkritik klingt in mehreren Songs durch: "You're such an attention whore". Weiblicher Sex, der eine Bühne für sich beansprucht, kommt hier also nicht ohne selbstreflexives Hadern aus. Musikalisch allerdings hört man keine Zweifel: "Any Human Friend" ist federleicht gesungen und so quecksilbrig produziert, dass einem die Realität beim Hören schon bald vor den Augen verschwimmt - und man sich danach sehnt, seinen Körper zum Klingen zu bringen wie ein Theremin. (7.0) Julia Friese

Preisabfragezeitpunkt:
05.08.2019, 12:39 Uhr
Ohne Gewähr

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Marika Hackman
Any Human Friend

Label:
Caroline (Universal Music)
Preis:
EUR 12,19

Burna Boy - "African Giant"
( Bad Habit/On A Spaceship/Atlantic/Warner, seit 26. Juli)

Eines kann man Damini Ogulu alias Burna Boy sicher nicht vorwerfen: dass er sich die Dinge einfach macht. Als Teenager wurde der Nigerianer, der damals in London lebte, von der britischen Polizei im Zusammenhang mit einem "gang related crime" verhaftet und zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Eine der Auflagen: Keine unerlaubte Ausreise aus dem UK. Ogulu reiste aber trotzdem nach Nigeria, um dort eine Karriere als Musiker zu starten - und bekam prompt kein Visum mehr, als er wieder nach England einreisen wollte. Fünf Jahre dauerte dieser "Bann", der inzwischen zum Bad-Boy- und Rebellenimage von Burna Boy gehört. Gelohnt hat sich der ganze Trouble allemal, denn zurzeit seiner Rückkehr galt der damals 24-Jährige als bereits als Geheimtipp und Szene-Star einer größer und populärer werdenden Afro-Fusion-Bewegung. "African Giant", sein erstes reguläres Album nach dem Neustart ("Outside" aus dem letzten Jahr bezeichnet er selbst als "Mixtape") soll nun den Durchbruch in den Pop-Mainstream bringen.

Und dafür bringt das rund einstündige Album alle notwendigen Elemente mit: Sanfte, mit Dancehall, Reggaeton und Afrobeat zu einem tropischen Groove verblendete Rhythmen erwecken den Eindruck eines leichtherzig und souverän aus dem Dashiki geschüttelten Soundtracks für den beginnenden Spätsommer. Anders als sein ebenfalls aus Nigeria stammender Kollege und Pop-Konkurrent Wizkid macht Burna Boy jedoch nicht den Fehler, seine Musik zu sehr den gültigen US-Schablonen anzupassen: Ausflüge ins populäre Trap- oder Cloudrap-Genre (Ausnahme ist der Hit "Killin Dem") spart er sich weitgehend zugunsten einer in jedem Track verankerten Heritage-Pflege: King Sunny Ade, Buju Banton und Fela Kuti (sein Großvater war Kutis Manager) sind die afrikanischen Giganten, die unverkennbar über diesem internationalisierten Sound schweben. "Spiritual" zitiert die Rede, die Ogulus Mutter im Juni stellvertretend bei der Verleihung des BET-Awards für den "besten internationalen Act" hielt: "The message from Burna, I believe, would be that every black person should please remember that you were Africans before you became anything else."

Andreas Borcholtes Playlist KW 32

SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

 1. Moodymann:: I'll Provide

 2. Burna Boy: Anybody

 3. Haim: Summer Girl

 4. Charlotte Lawrence: Why Do You Love Me

 5. Marika Hackman: All Night

 6. Faber: Das Boot ist voll

 7. Stella Sommer & Sophia Kennedy: Man weiß es nicht genau

 8. Sofia Portanet: Das Kind

 9. Richard Dawson: Jogging

10. Paul Revere & The Raiders: Hungry

Feature-Gäste aus UK und USA, darunter die Rap-Superstars Future und YG und Sängerin Jorja Smith, sind hier also tatsächlich nur Akzente, die Burna Boy in seinen zumeist in Yoruba oder einem afrikanisch-englisch gemischten Slang gesungenen Sound einpflegt, sie stehen gleichberechtigt neben Gastauftritten von Damian Marley, Angelique Kidjo, Nigerias Zlatan und M.anifest aus Ghana. In dessen Beitrag, "Another Story", addiert Burna Boy gleich nach der entspannten Autotune-Hymne "African Giant", die das Album eröffnet, reichlich Saures in seinen süßen Longdrink - indem er die finster-kapitalistische Geschichte zwischen Nigeria und Großbritannien im Wochenschau-Duktus rezitieren lässt. Auf Englisch, damit die Message auch ankommt.

"Dangote", einer der besten Tracks, erzählt über majestätischen Bläsern vom resignativen Zwang, sich selbst bereichern zu müssen, solange Nigeria von mächtigen und raffgierigen Industriellen wie Aliko Dangote kontrolliert wird. "Anybody" (mit verführerischen Saxofon), "Different", "On The Low" oder das Schlussstück "Wetin Man Go Do" erzählen von Burna Boys Aufwachsen zwischen den Kulturen und der Suche nach seinem Platz. Dabei ist immer auch Raum für luftigen Sexyness-Nonsens wie "Gum Body". Klingt alles ganz einfach und unbeschwert. Leichtgängiger Charts-Pop halt. Aber die ernsthafte, identitätspolitisch wache und politisch konzentrierte Baseline, an der sich "African Giant" immer wieder auslotet und zu imposanter Größe aufrichtet, lässt dieses Album zu einem der interessantesten des laufenden Jahres werden. (8.2) Andreas Borcholte

Preisabfragezeitpunkt:
05.08.2019, 12:53 Uhr
Ohne Gewähr

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Burna Boy
African Giant [Explicit]

Label:
Bad Habit/On A Spaceship/Atlantic
Preis:
EUR 10,99
MP3-Download

Föllakzoid - "I"
(Sacred Bones/Cargo, seit 1. August)

Im Grunde machen Föllakzoid auf ihrem vierten Album wenig Neues. Seit ihrem Debüt vor gut zehn Jahren war die Band aus der chilenischen Hauptstadt Santiago stets damit beschäftigt, ihren ohnehin schon kargen Krautrock-Entwurf mit jedem Release weiter zu entkernen. Dabei klang das Duo aus Diego Lorca und Domingo García-Huidobro wie die musikalische Entsprechung eines Malers, der sich mit den Jahren von figürlichem Realismus abwendet und immer mehr der Abstraktion verschreibt.

Mit "I" scheint diese Entwicklung nun an einem vorläufigen Endpunkt angekommen zu sein. Oder um im Bild zu bleiben: Föllakzoid sind bei Malewitschs schwarzem Quadrat gelandet. Die vier Songs auf dem genau eine Stunde dauernden Album sind beinahe sklavisch an einen monotonen Bass-Drum-Beat gekettet, ihre minimalistischen musikalischen Motive fortlaufend von einem undurchdringlichen Drone vernebelt. Und wenn es mal Stimmfetzen zu hören gibt, wirken die wie eine verblasste Erinnerung an menschlichen Ausdruck. "I" klingt, als hätte jemand die Signale eines einsamen Mars-Rovers in Musik übersetzt.

Das liegt vor allem an der Art, wie Lorca und García-Huidobro dieses Album aufgenommen haben. Nicht als Band etwa, die gemeinsam etwas zusammen erarbeitet, sondern in einer losen Jam-Session, die über drei Monate die Klänge und Möglichkeiten von über 60 Instrumenten auslotete. Die Ergebnisse wurden an den Frankfurter Musiker und Produzenten Uwe Schmidt alias Atom Heart™ gekabelt, der das Kauderwelsch zu mehr oder weniger schlüssigen Song verklebte.

Abgehört im Radio

Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Angesichts dieser Herangehensweise und des fast schon nihilistischen Klang-Stoizismus ist es erstaunlich, wie immersiv und intensiv "I" als Album wirkt. Es sei von der Natur Chiles inspiriert, ließen Föllakzoid im Vorfeld wissen. Davon hört man beim besten Willen nicht viel, wenn man nicht gerade an ein menschenfeindliches Anden-Hochplateau denkt.

Dabei ist "I", dieses im besten Sinne blutleere Stück Musik, nicht einfach nur radikal entkernt. Es lässt vielmehr hinter jedem verschütteten, ins Vakuum gezogenen Ton Raum für Assoziationen. Ob die nun apokalyptisch, ausgezehrt oder hoffnungsfroh sind? Antworten sind im Lieferumfang nicht enthalten. Die muss man schon selbst finden. Wie bei Malewitsch sozusagen. (8.5) Dennis Pohl

Preisabfragezeitpunkt:
05.08.2019, 12:48 Uhr
Ohne Gewähr

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Föllazkoid
I

Label:
Sacred Bones / Cargo
Preis:
EUR 11,48

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

insgesamt 7 Beiträge
Papazaca 06.08.2019
1. Drei Schuss, zwei Treffer
Mit Marika Hackmann kann ich nicht viel anfangen, unabhängig von sexuellen Präferenzen. Ich finde es einfach langweilig. Burna boy finde ich voller Energie, ist auch tanzbar. Das Video zeigt auch einen Kühlschrank voller Bier. [...]
Mit Marika Hackmann kann ich nicht viel anfangen, unabhängig von sexuellen Präferenzen. Ich finde es einfach langweilig. Burna boy finde ich voller Energie, ist auch tanzbar. Das Video zeigt auch einen Kühlschrank voller Bier. Warum fällt mir das so auf? Hmmm... Und natürlich gibt es viele Tänzerinnen, aber keine Musikerinnen. Afrika ist leider immer noch eine Männerwelt. Dann kommt die chilenische Gruppe mit dem unaussprechlichen Namen: Musik, die aus Modulationen besteht, Sehr interessant. Die beiden Alben, die mich Interessieren, werde ich mir noch genauer anhören, aber es sieht so aus, als wenn ich die zwei kaufen werde.
dgdfdfgdfg 06.08.2019
2. Patriarchat, die Wurzel allen Übels
Ich finde es äußerst angebracht, auch in einer Musikrezension möglichst häufig auf das Patriarchat zu sprechen zu kommen, denn es kann ja nur das Patriarchat gewesen sein, welche die Künstlerin dazu gezwungen hat, sich [...]
Ich finde es äußerst angebracht, auch in einer Musikrezension möglichst häufig auf das Patriarchat zu sprechen zu kommen, denn es kann ja nur das Patriarchat gewesen sein, welche die Künstlerin dazu gezwungen hat, sich halbnackt auf dem Albumcover zu präsentieren, ebenso wie das Patriarchat Schuld daran sein muss, dass die dazugehörige Musik mit unmotiviert klingendem Gesang und Billig-Synthesizern leider vollkommen belanglos und austauschbar ist. Hauptsache, das Patriarchat wird möglichst häufig für sämtliche realen oder eingebildeten Mißstände der Gegenwart zur Rechenschaft gezogen.
TikTrikTrak 06.08.2019
3. Klar
Frauen geniessen, Männer geifern. Natürlich. Weibliche Sexualität ist rein, männliche Sexualität ist dreckig. Willkommen in der Prüderie des Neobiedermeier, versteckt hinter einer trügerischen Fassade des weiblichen [...]
Frauen geniessen, Männer geifern. Natürlich. Weibliche Sexualität ist rein, männliche Sexualität ist dreckig. Willkommen in der Prüderie des Neobiedermeier, versteckt hinter einer trügerischen Fassade des weiblichen Gleichberechtigungskampfes. Ich empfinde Ihren Text als hochgradig diskriminierend. Für beide Geschlechter!
andre_36 06.08.2019
4.
Finde ich richtig gut! Es wird ja viel zu wenig über sexuelle Befindlichkeiten und die allumfassende zerstörerische Wirkung der patriarchalischen Unterdrückung berichtet. Daher freue ich mich, darüber in der lauschigen Kultur [...]
Finde ich richtig gut! Es wird ja viel zu wenig über sexuelle Befindlichkeiten und die allumfassende zerstörerische Wirkung der patriarchalischen Unterdrückung berichtet. Daher freue ich mich, darüber in der lauschigen Kultur Ecke des SpOn mehr zu erfahren. Leider ist dabei die eigentliche Musik-Rezension, gerade in bezüglich der Künstlerin Marika Hackmann, unter den Tisch gefallen. Na, dann hole ich das eben nach; Belanglos, uninspiriert, gammliger Retro-Charme, unauthentisch.
e_pericoloso_sporgersi 06.08.2019
5.
Nigerianischer Afropop/Funk... mit Autotune zugekleistert? Himmel hilf...
Nigerianischer Afropop/Funk... mit Autotune zugekleistert? Himmel hilf...
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