Kultur

Ronald Schill zieht blank

Gnadenlos

Für das RTL-Premiumformat "Adam sucht Eva" machen sich jetzt Promis - also Promi-Darsteller - nackig. Hier erklären wir, weshalb der ehemalige Richter Ronald Schill der perfekte Blankzieh-Balzbock für die Sendung ist.

RTL
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Samstag, 01.10.2016   15:23 Uhr

Ein zum Tanzshow-Trippler (nein, nicht Tripper) versofteter Fußballspieler, eine schon durchs Dschungelcamp getriebene Zwisted Sister, ein Professionsluder mit Läuterungsdrall - die Besetzungsliste für die letzte Staffel von "Promi Big Brother", die gerade bei Sat.1 zu Ende ging, war für ein Trash-TV-Format ungefähr so konventionell wie eine Vater-Mutter-Kind-Familienformation. Was fehlte, war ein wirklich störendes Element, ein Irritationskasperl, der die Aufstellung in dieser optimierten dysfunktionalen Familie umkegelt.

Ronald "Richter Gnadenlos" Schill, ehemals zweiter Bürgermeister und Innensenator von Hamburg, übernahm diese Rolle ja in der vergangenen "Big Brother"-Promi-Verknastung mit Bravour. Ihn wird man ab diesem Samstag in einem neuen Schundformat erleben dürfen, der neuen, jetzt mit Promis besetzten Staffel von "Adam sucht Eva", einer Verpaarungssendung, bei dem die Kandidaten sich gänzlich nackend entgegentreten. Schill hat sich ja bereits extrem nachdrücklich als Blankzieh-Balzbock angedient. Nun ist er also hosenlos dabei. Der Richter und sein Schlenker.

Betrachtet man Schills juristisch-politischen Hintergrund, wirkt diese Hinwendung zum Prolo-TV verstörend - tatsächlich aber ist Schill in vielerlei Hinsicht der perfekte moderne Trash-Kandidat. Und zwar aufgrund seiner Soft Skills. So ist er sehr catchphrase-freudig, wie er im "Big Brother"-Haus mühelos unter Beweis stellte. Zwar hat sich aus seinen Bonmots noch nicht der eine, massen- und twittertaugliche Schillismus herausgeschält - wie Thorsten Legats "Kasalla!" oder Brigitte Nielsens "Was geht los darein?"-, aber er hat durchaus das sprachschnitzerische Potenzial dazu.

Das richterliche Untenrum ist wohlbekannt

Beispielhaft sein Containerdialog mit Ex-"Bachelor" Paul Janke, von dem er wissen wollte, warum er eigentlich noch Single sei. Janke erklärte, er sei viel unterwegs, lerne eine Menge Frauen kennen, aber eben nur oberflächlich. Darauf Schill in einer Kaskade metaphorischer Anzüglichkeiten: "Wie tiefgehend oberflächlich? Jetzt wollen wir es wissen: Wie tief dringst du ein? Wie hältst du deine nächtlichen Bekanntschaften bei der Stange? Wann warst du zuletzt an der Scheide deines Lebens?"

Das sind freilich keine dichterfürstlichen Sprachbilder, aber doch bedeutend mehr, als der durchschnittliche Trasher zu formulieren weiß. Noch dazu ist Schill nicht bömmelscheu, ebenfalls ein Plus bei exhibitionistischen Formaten. Schon bei "Big Brother" war das richterliche Untenrum bei seinen Duschgängen ausführlich zu begutachten.

Auch wichtig: Schill hat reichlich Erzählkapital für die Nachmittagsleere im Nacktcamp. Schließlich sind TV-Knäste nichts anderes als die groteske zeitgenössische Variante von Giovanni Boccaccios Novellensammlung "Das Dekameron": Da verschanzten sich 1348 noch zehn Menschen in einem Landhaus in den Hügeln von Florenz, um der Pest zu entkommen, im Trash-TV sind es eben zerdellte Unterhaltungsarbeiter, die sich in eine stark vereinfachte Gesellschaftssystemminiatur einsperren lassen und dann reihum ihre Geschichten erzählen dürfen: tragische Pornosucht-Moritaten wie weiland Patrick Nuo, klamottige Hollywood-Anekdoten wie Brigitte Nielsen oder eben zotige Richtererotik à la Schill.

Er hat in seiner Schnurrenschatulle zum Beispiel die Geschichte, wie er als 13-Jähriger seinen Nachhilfelehrer auf dessen Wunsch hin mit einer Nilpferd-Peitsche vermöbeln musste. Genauer nachzulesen in seiner Autobiografie "Der Provokateur", die pünktlich zu seinem Auszug aus dem TV-Container erschien - souverän wusste er "Promi Big Brother" als "Promo Big Brother" zu nutzen.

Wichtigster Qualifikationspunkt aber: Schill hat Fallhöhe. Auch wenn er aktuell in Rio de Janeiro in der Favela Pavão-Pavãozinho haust, ist er in den Köpfen der Zuschauer doch immer noch der kettenhundscharfe Fatal-Jurist mit den knallharten Urteilen - und über so einen sitzt man mit Flipskrümelpanadenmund am liebsten zu Gericht. Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet? Upsi, zu spät.

"Dieses Experiment wird das Schlechteste von uns zum Vorschein bringen", sagte Ronald Schill einst vor seinem Einzug ins "Promi Big Brother"-Haus. Nun darf man sich in "Adam sucht Eva" auf die Kehrseite der Kanaille freuen.


"Adam sucht Eva - Promis im Paradies", Samstag, 22.15, RTL

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