Kultur

Netflix-Doku über Brasilien

Die gekaufte Demokratie

Mit Jair Bolsonaro ist in Brasilien ein Präsident an der Macht, der die Besitzlosen verhöhnt. Eine Netflix-Doku porträtiert das kaputte politische System des Landes und zeigt, dass der Streamingdienst weltweit zum liberalen Sprachrohr wird.

REUTERS
Von
Freitag, 21.06.2019   16:39 Uhr

Es ist ein langes, qualvolles, brutales Sterben, das die Regisseurin Petra Costa beschreibt. Ihr Film über die Demokratie Brasiliens beginnt wie ein Requiem; in elegischen Kamerafahrten durchmisst sie die Präsidentenresidenz Palácio da Alvorada in Brasilia, während sie aus dem Off von einem Land erzählt, "in dem mehr Sklaven starben als geboren worden sind", von einem Land, das einst nach einem Holz benannt wurde, das es inzwischen kaum noch gibt. "Am Ende starb der Baum aus. Nur der Name ist geblieben."

Dieses Land in ewiger Agonie, das Costa in ihrer zweistündigen Netflix-Dokumentation beschreibt, wird nun regiert von Jair Bolsonaro, einem homophoben, misogynen, den Regenwald abholzenden Rechtsradikalen, der die Landbesitzer bewaffnen will, damit diese auf die Landlosen schießen können. Auf "diese Penner", wie er für einen älteren Fernsehbeitrag, den die Regisseurin in ihren Film eingebaut hat, in die Kamera krakeelte. Wer nichts hat, der ist auch nichts in Bolsonaros Demokratie.

Besitz und Nicht-Besitz, dazwischen verläuft nach Costas Deutung der große gesellschaftliche Graben, der durch die fragile Demokratie in Brasilien in den 34 Jahren seit dem Ende der Militärdiktatur nie überwunden werden konnte.

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Netflix-Film: Kurzer Frühling der Demokratie

Costas Film, der den Weg zu dem durch Reichtum vorangetriebenen Rechtspopulismus Bolsonaro'scher Prägung beschreibt, kehrt immer wieder zu diesem Antagonismus zurück. Auch weil die Filmemacherin selbst mit ihm aufgewachsen ist: Ihr Großvater war Bauunternehmer, der Geschäfte mit den Machthabern der Militärdiktatur machte, ihre Eltern waren Guerillas, die im Untergrund für den Umsturz kämpften und nach der Inhaftierung im gleichen Gefängnis saßen wie Dilma Rousseff, die spätere Präsidentin Brasiliens.

Der Vielfrontenkrieg der Politik

Costa versucht erst gar nicht ihre Subjektivität zu verschleiern. Wir sehen, wie die Regisseurin, die ziemlich genau so alt ist wie die Demokratie in Brasilien selbst, für Luiz Inácio Lula da Silva, den charismatischen Führer der Arbeiterpartei (PT), auf die Straße geht. Wir sehen, wie sie mit ihrer alten Mutter die inzwischen durch ein Impeachment-Verfahren entmachtete Rousseff besucht. Die vielfach gefolterte Ex-Revolutionärin Rousseff erzählt dabei, dass sie sich nie wieder so frei fühlte, wie im Untergrund. Der Kampf hatte damals klare Fronten, in der Politik tobte ein unübersichtlicher Vielfronten-Krieg. Und in dem haben sich Rousseff und Lula nach Meinung von Costa aufgerieben.

Das ist das Bemerkenswerte an der Doku: Sie skizziert zwar die vielen unsauberen Angriffe von rechts auf die beiden Staatschefs, etwa, dass Lula von dem ehemaligen Ermittlungsrichter und heutigen Justizminister Sérgio Moro vor zwei Jahren ohne stichhaltige Beweise zu einer langen Haftstrafe verurteilt wurde. Sie zeigt aber auch, wie sich Lulas Arbeiterpartei, die PT, als Partei der Besitzlosen fatal mit den Besitzenden zu arrangieren versuchte. Davon zeugen die aufgedeckten Korruptionsmachenschaften um den staatlichen Öl-Konzern Petrobras, bei denen viel Geld in die Kassen der PT floss.

Der PT-Politiker Gilberto Carvalho beschreibt den Korruptionsvirus innerhalb der eigenen Partei so: "Als wir stärker wurden und an die Macht kamen, haben wir etwas Wichtiges vergessen, nämlich: ein Fuß drinnen, ein Fuß draußen. Ein Fuß draußen heißt, die sozialen Kämpfe im Blick zu behalten, in dem Wissen, dass man im Kapitalismus nur zu seinem Recht kommt, wenn man dafür kämpft. Ein Fuß drinnen heißt, die Institutionen von innen zu verändern. Doch als wir im Kongress waren, haben wir das vergessen. Wir bildeten uns ein, die großen Fische seien unsere Freunde, und dass Wahlkampffinanzierung ganz normal ist."

Große Fische, kleine Politiker

Die großen Fische bleiben es, die in Brasilien die Politik machen. Politiker kommen und gehen, die Unternehmer im Hintergrund bleiben. Eine ewige Wiederkehr der gleichen Reichen, die Costa detailliert nachzeichnet.

Dass dieses hochverdichtete Porträt einer gekauften, ausgehöhlten, letztlich leblosen Demokratie von Netflix produziert wurde, passt zur größeren Strategie des Streamingdienstes. Parallel zur weltweiten Expansion entwickelt sich das Unternehmen zu einem Sprachrohr der liberalen Welt, das gerade auch in Ländern mit schwachen Demokratien, aber soliden Mittelschichten Gehör bekommen und Gewinn machen soll. Im Interview mit dem SPIEGEL wies der Serienschöpfer Hugo Blick ("Black Earth Rising") kürzlich darauf hin, dass Netflix zum Beispiel auch eine wichtige Rolle beim weiteren Demokratisierungsprozess afrikanischer Staaten spielen könnte. Aufklärung als Geschäftsmodell.

Bei der zeitlichen Platzierung der Brasilien-Dokumentation in diese Woche bewies das Netflix auch ein gutes Gespür: Gerade gibt es in Brasilien Proteste gegen Bolsonaros Rentenreform, im Menschenmeer wehen auch wieder die roten Flaggen der PT. Die Demokratie zuckt noch.


"Am Rande der Demokratie", abrufbar bei Netflix

insgesamt 25 Beiträge
albatross507 21.06.2019
1. Sichtweise
"Sie zeigt aber auch, wie sich Lulas Arbeiterpartei, die PT, als Partei der Besitzlosen fatal mit den Besitzenden zu arrangieren versuchte. Davon zeugen die aufgedeckten Korruptionsmachenschaften um den staatlichen [...]
"Sie zeigt aber auch, wie sich Lulas Arbeiterpartei, die PT, als Partei der Besitzlosen fatal mit den Besitzenden zu arrangieren versuchte. Davon zeugen die aufgedeckten Korruptionsmachenschaften um den staatlichen Öl-Konzern Petrobras, bei denen viel Geld in die Kassen der PT floss." Die PT haben massiv Steuergelder aus Staatskonzernen gestohlen sowie ihre Aemter zu Korruption in Miiliardenhöhe missbraucht. Trotzdem wird es so dargestellt, als seien sie die "Guten" und Vertreter der kleinen Leute, die im Eifer des Gefechts von den "Bösen" verführt wurden. Sie haben sich nicht nur mit den Besitzenden arrangiert, sondern sind auf Kosten aller anderen zu "Besitzenden" geworden. Soll in keiner Weise Bolsonaro verteidigen, erklärt aber gleichzeitig, warum er in Brasilien so beliebt ist (ja ist er, auch wenn es hier anders dargestellt wird).
otti_hamburg 22.06.2019
2. Die gekaufte Demokratie
Unter dem Titel ließe sich so ziemlich jede Demokratie momentan porträtieren. Mir ist keine Sendung auf Netflix bekannt, in der US-Bürger ähnlich explizit über ihr eigenes, korruptes politisches System aufgeklärt werden. [...]
Unter dem Titel ließe sich so ziemlich jede Demokratie momentan porträtieren. Mir ist keine Sendung auf Netflix bekannt, in der US-Bürger ähnlich explizit über ihr eigenes, korruptes politisches System aufgeklärt werden. "Inside Job" gibt es da z.B. nicht.
vliege 22.06.2019
3. Liberales Sprachrohr?
Da frage ich mich aus welchen "liberalen" Gründen Netflix eine türkische Serie ausstrahlt, die nichts anderes als nationalistische Propaganda darstellt. Die Serie, "Die Wölfe" handelt von einer [...]
Da frage ich mich aus welchen "liberalen" Gründen Netflix eine türkische Serie ausstrahlt, die nichts anderes als nationalistische Propaganda darstellt. Die Serie, "Die Wölfe" handelt von einer Spezialeinheit und bedient Klischees und Verfestigt vermeintliche Feindbilder. Die Einstellung der faschistischen "Grauen Wölfe" wird dort im Film heroisch Dargestellt. Kurden, Armenier, Christen, Krypto Griechen alles böse und Feinde der Türkei.
Brenz66 22.06.2019
4. Mittelschicht in Brasilien
Ist im meisten Fall Weiß und Rechtsorientiert. Die Mehrzahl der brasilianischen Gesellschaft such nach " Möglichkeiten" sich selbst zu bereichern, natürlich an den Staatsorganen vorbei. Ich sage immer: Die Politiker [...]
Ist im meisten Fall Weiß und Rechtsorientiert. Die Mehrzahl der brasilianischen Gesellschaft such nach " Möglichkeiten" sich selbst zu bereichern, natürlich an den Staatsorganen vorbei. Ich sage immer: Die Politiker eines Landes sind das Spiegelbild des wählenden Volkes und auch umgekehrt. Brasilien ist meines Erachtens noch ein Land mit " weißen Herrenmenschen" und armen Sklaven. Die Multinationalen Firmen sind in die Fußstapfen der portugiesischen Königsfamilie und Hochadel eingetreten
richyzig 22.06.2019
5. Linksradikal anstatt "liberal"
In diesem Falle ist diese Netflix Doku linksradikal anstatt "liberal". Hier werden 100% die Ansichten der sogenannten Arbeiterpartei wiedergegeben die in den letzten 10 Jahren das Land wirklich ruiniert haben und für den [...]
In diesem Falle ist diese Netflix Doku linksradikal anstatt "liberal". Hier werden 100% die Ansichten der sogenannten Arbeiterpartei wiedergegeben die in den letzten 10 Jahren das Land wirklich ruiniert haben und für den größten Korruptionsskandal gesorgt haben den Lateinamerika je gesehen hat. Gleichzeitig sind Millionen an Verbündete in Venezuela und Kuba geflossen. Jetzt spürt man in der stillen Mehrheit in Brasilien wieder Aufwind, Bolsonaro macht eine sehr pragmatische und mutige Politik. Der erste Präsident der sich an das schwierige und für Brasilien Überlebenswichtige Thema Rentenreform wagt. Mit seiner direkten Ansprache ans Volk jede Woche, ist seine Politik sehr transparent und er hat schon ganz viele bodenlose Löcher gestopft die die Vorgänger hinterlassen haben. Leider geben viele Medien nur Bolsonaros Aussagen aus der Vergangenheit wieder anstatt sich darauf zu konzentrieren was er gerade gutes für das Land tut.

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