Kultur

Amazon-Serie "The Boys"

Die Anti-Avengers

Was tun, wenn man selbst keine Superhelden im Lizenz-Programm hat? Man adaptiert einen Comic, der mit dem ganzen Super-Brimborium brutal aufräumt: "The Boys" ist ein Glücksfall für Amazons Seriensparte.

Amazon
Von
Mittwoch, 31.07.2019   20:52 Uhr

Ein nüchterner 18+-Disclaimer warnt den Streaming-Zuschauer vor jeder Folge, dass die Inhalte, die jetzt gleich zu sehen sein werden, nichts für zarte Gemüter sind. Wer die Comicvorlage von "The Boys" kennt, die der britische Autor Garth Ennis (u.a. "Preacher") 2006 zusammen mit dem Zeichner Darick Robertson veröffentlichte, kann da nur milde lächeln.

Denn klar ist: So mutig und explizit sich die Serienproduzenten und Amazon-Entscheider sich auch zeigen mögen, an den oft verstörenden Sex-, Gore- und Zynismusgehalt der Ur-Boys ist im Fernsehen nicht heranzukommen. Ennis und Robertson zogen damals mit ihrer Heftreihe vom Superheldenverlag DC zum kleineren Pulp-Verleger Dynamite um, der weniger Skrupel hatte, die illustrierten Abgründe unzensiert zu zeigen. "The Boys" wurde zum Indie-Hit und brachte es auf über 70 Hefte.

Dennoch gelingt dem popkulturell bewanderten Produzententeam Evan Goldberg und Seth Rogen nach "Future Man" ein weiteres, hinreißend anarchisches Serienprojekt für Amazons Originals-Sparte - und sichert dem Streamingdienst einen schmuddelig-alternativen Superheldencontent, mit dem sich gegen die beherrschende Marktmacht von Disney/Marvel zumindest unterhaltsam anstinken lässt. Eine zweite Staffel ist bereits geordert.

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"The Boys": Versaute Superhelden

Die Prämisse von "The Boys" wirkt, als wäre sie geradewegs aus den Seiten von Alan Moores Comic-Klassiker "Watchmen" gerissen worden (demnächst als Serie bei HBO): "Who watches the Watchmen?" fragen sich darin besorgte Demonstranten, die ob der unkontrollierbaren Allmacht der Superhelden skeptisch geworden sind: Setzen die ihre übermenschlichen Kräfte wirklich nur für das Gute ein?

Natürlich nicht. Das erfährt der nerdige Elektronikverkäufer Hughie Campbell (Jack Quaid) schmerzhaft, als ihm seine Freundin Robin auf offener Straße aus den Händen gerissen wird - und zwar buchstäblich, von einem rücksichtslos mit Superspeed dahinrasenden Superhelden namens A-Train.

Die Szene ist ein Schock, nicht nur für den unvorbereiteten Zuschauer, der eine Wolke aus Blut, Knochen und Fleisch in Zeitlupe zu Boden regnen sieht, sondern auch für Hughie, dessen Glauben an die moralische Integrität der sogenannten Supes (sprich: Soup) nachhaltig erschüttert wird.

The Seven - ein depravierter Heldenhaufen

Der für die Helden zuständige Technologie- und Entertainmentkonzern Vought (ein Narr, wer hier nicht Disney liest), ist schnell mit knebelnden NDA-Verträgen und Entschädigungssummen zur Stelle, um den Vorfall unter Verschluss zu halten. Vought besitzt und vermarktet Hunderte von Superhelden in den USA und zögert nicht, lokale Politiker mit perfiden Methoden zu erpressen, wenn ein Senator keine Millionensumme locker machen will, um einen bestimmten Helden für seinen Staat zu mieten.

Als sinistre Konzernmutter, die beständig Milch aus ihren Brüsten abpumpt, tritt Madelyn Stillwell auf (Elisabeth Shue). Ihr Vorzeigeteam sind "The Seven", eine Heldengruppe wie die Justice League bei DC oder Marvels Avengers; angeführt werden sie von dem Superman-/Captain-America-Verschnitt The Homelander (Antony Starr), dessen zuversichtliches Strahlelächeln jedoch dazu neigt, in schizoide Grimassen abzurutschen, wenn gerade keine Kameras auf ihn gerichtet sind.

Zu seiner ultrapopulären Riege von Instagram-, TV- und Comic-Stars gehört auch Hughies Nemesis A-Train - und die naive Landei-Blondine Starlight (Erin Moriarty), deren heroisches Ideal gleich am ersten Tag als neues Seven-Mitglied erschüttert wird, als sie einem Superkollegen zwecks Initiation einen blasen muss. Ausgerechnet diesem depravierten Haufen will Vought die nationale Verteidigung in die Hände legen - und lobbyiert dafür mit allen verfügbaren Mitteln in der Politik.

Aber es gibt Widerstand gegen diesen amoralisch-kapitalistischen Komplex. Und zwar in Gestalt eines bärtigen Türstehertypen mit Ledermantel und locker sitzender Brechstange in der Faust: Butcher nennt er sich, Schlachter, und rekrutiert ausgerechnet den schmächtigen Hughie für seinen Anti-Superhelden-Trupp, weil er in dessen Trauma großes Wutpotential erkennt, um die Supes in ihre Schranken zu verweisen. Karl Urban ("Star Trek", "Thor: Ragnarok") spielt diesen Brutalo mit niederträchtiger Verve und verschlagenen Blicken.

"Was ist das hier: die Pornoversion von "The Matrix"?", fragt Hughie irritiert, sieht sich jedoch alsbald mit kniffligen Fragen konfrontiert: Wie verträgt sich seine zarte Romanze mit - ausgerechnet - Starlight mit seinem neuen Job? Und wie soll man eigentlich einen Superhelden mit unzerstörbarer Haut ermorden? Die Lösung für letzteres Problem hat etwas mit dem Begriff Arschbombe zu tun.

Nicht alles sitzt perfekt bei dieser Überführung der "Boys" ins Massenstreaming, schon gar nicht der aus dem Comic importierte Cockney-Akzent des Neuseeländers Karl Urban. Aber situativ bedingte Gags und überraschend derbe Sprüche werden ebenso oft und effektvoll eingestreut wie die immer wieder explodierende Gewalt. Was an Sex fehlt, fangen die Jungdarsteller Quaid und Moriarty mit einer entwaffnenden Herzigkeit auf, die der harten Vorlage hin und wieder abging.

Zeichner Darick Robertson modellierte seinen Hughie einst übrigens an dem damals noch unbekannten britischen Comedy-Schauspieler Simon Pegg. In der Serie spielt der Hollywoodstar ("Star Trek", "Mission: Impossible") nun eine Minirolle als Hughies Vater - ein sicher kostspieliger Insiderwitz, der jedoch verrät, wie viel Hingabe und Sorgfalt die Produzenten ihren "Boys" gewidmet haben.

insgesamt 14 Beiträge
aysnvaust 31.07.2019
1. Bin selber gerade am binge-watchen...
...(wie es so schön auf Neudeutsch heisst) dieser Serie, und kann sagen: die Zusammenfassung hier trifft es ganz gut. Wer "Happy" mochte, und natürlich die bereits erwähnten "Watchmen" (Kinoversion), dem [...]
...(wie es so schön auf Neudeutsch heisst) dieser Serie, und kann sagen: die Zusammenfassung hier trifft es ganz gut. Wer "Happy" mochte, und natürlich die bereits erwähnten "Watchmen" (Kinoversion), dem wird auch "The Boys" zusagen.
ersatzaccount 31.07.2019
2.
Must see TV für jeden Fan des Genres.
Must see TV für jeden Fan des Genres.
a.vollmer 31.07.2019
3. More Gore!
Anschauen, lachen, lachen, bis es im Hals stecken bleibt. Und wem es nicht gefällt, aber dafür andere Eskapisten-Bespaßer wie Batman oder Iron Man, der sollte mal in sich und zum Psychiater gehen und seine Prepper-Kollektion [...]
Anschauen, lachen, lachen, bis es im Hals stecken bleibt. Und wem es nicht gefällt, aber dafür andere Eskapisten-Bespaßer wie Batman oder Iron Man, der sollte mal in sich und zum Psychiater gehen und seine Prepper-Kollektion auf eBay verkaufen.
arr68 31.07.2019
4. von einem Spoiler Hinweis hat SPON auch noch nie was gehört!
Auch die erste Folge wartet mit Überraschungen auf, die bis zum Ende Auswirkungen haben. Da so vieles zu verraten ist gelinde gesagt ätzend.
Auch die erste Folge wartet mit Überraschungen auf, die bis zum Ende Auswirkungen haben. Da so vieles zu verraten ist gelinde gesagt ätzend.
yippieh 31.07.2019
5. Happy
@1 Ja DANKE für die Erwähnung! Happy war so crazy, hardcore, lustig und dann immer wieder flauschig mit tollen CGI Sequenzen, dass ich mich nach Absetzung bzw Ausbleiben einer 3.Staffel nun halt auf The Boys freue. Da war ich [...]
@1 Ja DANKE für die Erwähnung! Happy war so crazy, hardcore, lustig und dann immer wieder flauschig mit tollen CGI Sequenzen, dass ich mich nach Absetzung bzw Ausbleiben einer 3.Staffel nun halt auf The Boys freue. Da war ich anfangs leicht irritiert aber habe es dann auch genossen und weggesuchtet. Lese in Foren, auch von !Happy"fans, es kommt recht gut an. Mal schauen wie lang die Nacht jetzt wieder wird ;) Grad gestern Nacht, vor Start der 2.Staffel, endlich in einem Rutsch "Mindhunter" nachgeholt. Binge-watching ist echt gruselig gefährlich gut oder wie meine Lieblings-Spiegel-Kolumnistin Frau Rützel so schön vor 4 Tagen zur letzten Staffel von OITNB schrieb: "Zusammen mit "House of Cards" brachte OITNB seinen Zuschauern die neue Kulturtechnik des Bingewatchings bei, bei dem man sich anfangs fühlte wie ein Kind, dem man den gesamten Erdbeereis-Vorrat für die Sommerferien auf einmal anvertraut hatte." Ja, so ist das wohl. Egal ob Amazon oder Netflix oder...bei anderen, wenn Ray Donovan z.B. weitergeht und ich dann erstmal warte, um die neue Staffel in 2 Teile aufzuteilen.

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