Kultur

Unternehmer-Satire in der ARD

Big Manni macht Big Money. Oder auch nicht

Ein Weltmarktführer im Einseifen: Als "Big Manni" narrt Hans-Jochen Wagner Politik und Banken - eine Farce über den realen Unternehmer Manfred Schmider, der sich mehr als vier Milliarden Mark ergaunerte.

Benoit Linder/ SWR
Von
Dienstag, 30.04.2019   12:14 Uhr

Er sieht aus wie ein überdimensionaler Zahnstocher, hat aber Probleme mit den Zwischenräumen. Der FlowTex-Horizontalbohrer - ein Baggerarm mit Stahlspitze - soll dazu dienen, Leitungen und Rohre unterirdisch verlegen zu können, ohne dafür den Boden aufreißen zu müssen. Der Unternehmer Manfred Brenner (Hans-Jochen Wagner) nennt ihn Mitte der Neunzigerjahre "Mein Ticket ins 21. Jahrhundert." Am Ende ist er für Brenner aber doch nur ein Billett in den Bau.

Denn der, so könnte man ihn auch nennen, Flachbohrer kommt nie wirklich zum Einsatz. Die Zwischenräume zwischen Straßen und Erdreich sind nicht dafür gemacht, dass man ihn da blind reindreht. Das sagenhafte Gerät wird deshalb bei Präsentationen vor Kreditgebern und Investoren nur ganz, ganz sacht in den Boden geschraubt. Aber Schampus, Häppchen und Manfred "Big Manni" Brenners massiv zur Schau getragener Glaube an die Erfindung überzeugen die Anwesenden.

Erst kommen 20 Millionen Mark von der örtlichen Bank, dann schaltet sich die große Politik ein, später wird ein Konsortium gebildet, der Sultan von Brunei will auch dabei sein. Beinahe schon virusartig verbreitet sich die Begeisterung für das Bohrgerät, von dem es in Wirklichkeit nur zwei Exemplare gibt, die nicht funktionieren.

Großes westdeutsches Unternehmerkino

Klingt irre, war aber so. Oder so ähnlich. Das Unternehmen FlowTex, ansässig im badischen Ettlingen, gab es wirklich. Die Filmfigur Manfred Brenner ist an Manfred Schmider angelehnt, der für einen der größten Wirtschaftsskandale der Bundesrepublik verantwortlich ist: Insgesamt betrogen er und seine Helfer Banken und Leasingfirmen um gut vier Milliarden D-Mark. 2000 wurde er verhaftet, jahrelang saß er im Gefängnis.

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ARD-Film "Big Manni": Der Flachbohrer

Vorher hatte Schmider eine 55-Meter-Yacht, ein schlossartiges Anwesen auf dem Karlsruher Turmberg, einen eigenen Flughafen und einen Privatjet mit vergoldeten Wasserhähnen - großes altes westdeutsches Unternehmerkino.

Im Anschluss an die fiktionalisierte Satire "Big Manni" läuft am Mittwoch eine Dokumentation über Manfred Schmider (Autoren: Martina Treuter, Cordelia Marsch und Stefan Tiyavorabun), Realsatire sozusagen. Darin sieht man die vielen echten Politiker, die sich im Wohlstand des Wirtschaftsbetrügers sonnten. Der damalige baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel etwa setzte sich 1997 in einen Bagger, um symbolisch den ersten Handgriff für eine futuristische Firmenzentrale von FlowTex zu leisten. Teufels Vorgänger Lothar Späth hielt die Laudatio zum 50. Geburtstag von Schmider.

Ein Fall von Vetterleswirtschaft

Wie der Name des Unternehmers sind die der Politiker in der ARD-Satire verfremdet. Aber die Verweise in die Wirklichkeit, die die Drehbuchautoren Johannes W. Betz und Jürgen Rennecke gemeinsam mit Regisseur Niki Stein legen, sind teilweise sehr deutlich. Stein hat bereits den kontroversen "Tatort" über Stuttgart 21 gedreht, in dem er die Machenschaften um das Bauprojekt ins Visier genommen hat. Die Vetterleswirtschaft im Ländle ist für ihn vertrautes Terrain, gespielte Bodenhaftung und entfesseltes Blendertum gehen hier offenbar gut zusammen.

Für seinen Film konnte Stein auf Präsentationsmaterial der Firma FlowTex zurückgreifen, das ihm vom Insolvenzverwalter zur Verfügung gestellt wurde, darunter Fernsehspots im Breitwandformat, für den Schmiders Bohrer in Kolonnen durchs Ländle kutschiert werden. Eine Glamour-Parade des deutschen Mittelstands, Hollywood à la Ettlingen. Schmider war ein Illusionskünstler, der seinen Fans und Gläubigern versprach, württembergische Großmannsträume zu erfüllen sowie badisches und schwäbisches Ingenieurswesen in die Welt hinauszutragen. Weltmarktführer war in den Neunzigern noch ein Wort, das ohne Ironie benutzt wurde.

Im ARD-Film spielt Hans-Jochen Wagner den Firmenlenker als eine Art Weltmarktführer im Einseifen - als jemand, dem Ironie fremd ist. Zurzeit ist Wagner auch als heimatverwurzelter "Tatort"-Ermittler Friedemann Berg im äußersten Südwesten des Landes unterwegs, der Schauspieler ist selbst im Ländle gebürtig. Als Big Manni singsangt er sich im schönsten Alemannisch in seinen Unternehmerhimmel, dass man ihm einfach glauben möchte. Er selbst glaubt sich sowieso die ganze Zeit.

Big Manni, so wie ihn Wagner mit jeder Faser seines fulminant raumgreifend in Szene gesetzten Körpers darstellt, ist mit seinen Lügen identisch.

Auf diese Weise kommt die Satire einer gefährlichen Grunddynamik im Bereich der Wirtschaftskriminalität auf die Spur: Big Manni steht für einen kriminellen Unternehmertyp, der sich so lange von der Politik einbläuen lässt, dass er Arbeitsplätze schafft, bis er seinen Betrug am Ende für einen Akt der Wohltätigkeit hält.


"Big Manni", Mittwoch, 20.15 Uhr, Das Erste. Im Anschluss läuft eine Dokumentation zum Thema.

insgesamt 11 Beiträge
issernichsüss 30.04.2019
1. Ja der Big Manni, der durfte hier in Karlsruhe alles!
Auf dem Karlsruher Turmberg, einem Naherholungsgebiet für die Karlsruher Bevölkerung, da wo er seine übergroße prachtvolle Villa mit etlichen Nebengebäuden auf teuerstem Baugrund hatte, da musste man ihm schon zugestehen, [...]
Auf dem Karlsruher Turmberg, einem Naherholungsgebiet für die Karlsruher Bevölkerung, da wo er seine übergroße prachtvolle Villa mit etlichen Nebengebäuden auf teuerstem Baugrund hatte, da musste man ihm schon zugestehen, dass er dort natürlich mit seinem Privathubschrauber einfliegen durfte. Auch wenn die Flow-Tex-Firmenzentrale nur 10 Km Luftweg entfernt war. Aber es war ja auch nur ein Naturschutzgebiet und wenn man die ehemaligen Stadtregenten dazu gefragt hätte, sicherlich von untergeordneter Bedeutung. Man wollte ja schließlich beim nächsten opulenten Geburtstagsfest dieses Sonnenkönigs auch wieder dabei sein! ;-)
rainer_d 30.04.2019
2.
In der Rückschau haben dann viele gemeint, das ganze Theater (die pompös inszenierten Feiern) hätte etwas fast klischeehaft-mafiöses an sich gehabt. Ist ihnen damals aber nicht aufgefallen oder hat sie nicht gestört...
Zitat von issernichsüssAuf dem Karlsruher Turmberg, einem Naherholungsgebiet für die Karlsruher Bevölkerung, da wo er seine übergroße prachtvolle Villa mit etlichen Nebengebäuden auf teuerstem Baugrund hatte, da musste man ihm schon zugestehen, dass er dort natürlich mit seinem Privathubschrauber einfliegen durfte. Auch wenn die Flow-Tex-Firmenzentrale nur 10 Km Luftweg entfernt war. Aber es war ja auch nur ein Naturschutzgebiet und wenn man die ehemaligen Stadtregenten dazu gefragt hätte, sicherlich von untergeordneter Bedeutung. Man wollte ja schließlich beim nächsten opulenten Geburtstagsfest dieses Sonnenkönigs auch wieder dabei sein! ;-)
In der Rückschau haben dann viele gemeint, das ganze Theater (die pompös inszenierten Feiern) hätte etwas fast klischeehaft-mafiöses an sich gehabt. Ist ihnen damals aber nicht aufgefallen oder hat sie nicht gestört...
alice-b 30.04.2019
3. Ich
habe den Film bereits im Stream gesehen. Musste gleich denken Schneider 2.0. die Banken und die Politik hatten nichts dazu gelernt. Hauptsache man sieht was man sehen möchte. Von der Sonnen anderer sich sonnen. Jehöher die [...]
habe den Film bereits im Stream gesehen. Musste gleich denken Schneider 2.0. die Banken und die Politik hatten nichts dazu gelernt. Hauptsache man sieht was man sehen möchte. Von der Sonnen anderer sich sonnen. Jehöher die Beträge um so leichter ist es.
mr future 30.04.2019
4. Es gibt Lokal-Lobby und Berlin-Lobby
"Big Manni steht für einen kriminellen Unternehmertyp, der sich so lange von der Politik einbläuen lässt, dass er Arbeitsplätze schafft, bis er seinen Betrug am Ende für einen Akt der Wohltätigkeit hält." Was [...]
"Big Manni steht für einen kriminellen Unternehmertyp, der sich so lange von der Politik einbläuen lässt, dass er Arbeitsplätze schafft, bis er seinen Betrug am Ende für einen Akt der Wohltätigkeit hält." Was Deutschland seitdem an Abzocke unter Politikschutz erlebt hat weil die Lobby aus Auto und Energie mit wirtschaftlicher Deutungshoheit arbeiten darf....man darf nur an den Verschleiss von Vorstandsvorsitzenden im VAG Konzern erinnern oder an die Verächtlichmachung der erneuerbaren Energie durch Energievorstände. Nur geht es jetzt ans Eingemachte...für das ganze Land und die Welt. Die Zeit der Possen ist vorbei. re future
carola_rinker 30.04.2019
5. Es gibt heute auch noch Big Mannis - mehr dazu in einem Interview
Ich beschäftigte mich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema Bilanzfälschung. Big Manni ist keineswegs alleine. Auch der Fall um Steinhoff zeigt, wie immer noch Manipulationen in erheblichem Ausmaße erfolgen. Mehr zum Thema [...]
Ich beschäftigte mich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema Bilanzfälschung. Big Manni ist keineswegs alleine. Auch der Fall um Steinhoff zeigt, wie immer noch Manipulationen in erheblichem Ausmaße erfolgen. Mehr zum Thema Bilanzfälschung in meinem Interview: https://www.finance-magazin.de/finance-tv/bilanztricks-unter-druck-druecken-die-bilanzpruefer-oft-ein-auge-zu-2035491/

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